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Kopf hoch! – Die #LaTdH vom 31. Dezember

Wir wünschen einen Guten Rutsch und mahnen zum Jahreswechsel: Erhebt eure Häupter, es gibt eine Menge zu beobachten.

Die Festtage haben wenige (Kirchen-)Nachrichten gebracht. Dafür kann man auch mal dankbar sein. Oder an welches Jahr ohne größere Katastrophe kurz vor oder während Weihnachten erinnert ihr euch? Und dann gab es ja diese eine Predigt-Diskussion.

Debatte

Dem Chefredakteur der WELT Ulf Poschardt war die Predigt am Heiligen Abend zu links. Kopf hoch, Ulf!

Hier ist die Weihnachts-Predigt, über die sich Ulf Poschardt aufgeregt hat – Julia Wadhawan, Steffen Lüdke (bento.de)

Hier ist sie, die Predigt von Pfarrer Steffen Reiche, die wohl Stein des Anstoßes war. Es ist auch die erste Predigt, die das „Jugendportal“ des SPIEGEL bringt. Leider noch nicht einmal eine besonders gute. Das liegt mir persönlich allerdings nicht daran, dass sie zu „politisch“ ist oder – was mit „politisch“ inzwischen häufiger gemeint ist – zu „links“, zu „gutmenschelnd“, sondern daran, dass sie zu lang, zu ermüdend, zu überfrachtet und zu appellierend ist.

Leider ist die ernsthafte Debatte über Sinn und Unsinn von Weihnachtspredigten, über Moral, Ethik und die Unterschiede zwischen beiden usw. usf. fast ausschließlich auf Twitter gelaufen.

Gut daran: auf Twitter geben viele Leute ihren Senf dazu, die von der Institution Kirche kaum mehr erreicht werden – #digitale Kirche. So stammen viele der lustigen Tweets unter dem Hashtag #PoschardtEvangelium gar nicht aus der Kirchen-Twitter-Blase.

Blöd daran: Eine solche Diskussion ist wie ein Haschen nach Wind. Noch ehe sie Ergebnisse zeitigen kann, ist der Feed weitergezogen. Ein guter Vorsatz für 2018 im Angesicht von Facebook und des mit 280 Zeichen und „Threads“ verlängerten Twitter ist daher: Bloggt mehr!

„Kein Rabatt auf Menschenrechte“ – Uwe Rada (taz.de)

Als letztes zum Poschardt-Tweet: Das Interview, das Steffen Reiche der taz gegeben hat. Spätestens beim Lesen desselben wird klar: Hier haben wir es mit einem typischen Weihnachts-Aufreger zu tun (siehe mangelnde Nachrichtenlage).

Vielleicht darf ich trotz weihnachtlicher Friedenspflicht einmal festhalten: Niemand hat ein Recht darauf, dass ihm in der Kirche nach dem Mund geredet wird. Und: Ich wünschte mir viel mehr Predigten, die inhaltlich und sprachlich und theologisch herausfordern. Da dürfen gerne auch Sätze dabei sein, die interpretationsoffen sind.

Jesus geboren – Peter Breuer / Boris Rosenkranz (Übermedien)

Das Weihnachtsgeschehen mit Biss und Humor zu beschreiben, mag Kirchenleuten alljährlich schwer fallen. Kopf hoch! Zum Glück haben wir da im Netz genug Hilfsprediger_innen. Die Leute vom #PoschardtEvangelium und auch Boris Rosenkranz (@der_rosenkranz) und Peter Breuer (@peterbreuer) von Übermedien bedienen sich dabei eines Stilmittels, das auf den Kanzeln des Landes leider nicht zu Hause ist: Ironie. Wie wäre es z.B. mal mit einer „Hausgeburt im Shabby-Chic-Ambiente“?

Adventsgewinnspiel

Im Advent haben wir gemeinsam mit undarstellbar (@undarstellbar) ein Gewinnspiel für die Newsletter-Abonnenten der Links am Tag des Herrn veranstaltet. Danke an Jonathan Schöps (@jonathanschoeps) und an alle, die mitgemacht haben! Unser Leser Jannis Strecker darf sich über einen feinen Kunstdruck der Jahreslosung freuen. Herzlichen Glückwunsch! Allen anderen bleibt – Kopf hoch! – die formidable Möglichkeit im undarstellbar-Shop das aktuelle Jahreslosungsmotiv in vielerlei Formaten und Formen käuflich zu erwerben!

Randständiges

Mehrere Tote bei Angriff auf Kirche in Kairo – ZEITonline

Ganz ohne schlechte Nachrichten ist die „Zeit zwischen den Jahren“ nicht vorbei gegangen.

Im vergangenen Jahr waren in Ägypten lebende Christen, vor allem Kopten, vermehrt von islamistisch motivierten Angriffen bedroht. Vor wenigen Wochen stürmten Hunderte Menschen eine Kirche in der Stadt Atfih, zerstörten die Einrichtung und griffen die Gläubigen an. Die koptischen Christen sind die größte religiöse Minderheit in Ägypten. Sie machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus und sind seit Jahrzehnten Diskriminierung und religiös motivierter Gewalt ausgesetzt.

Der christliche Eurozentrismus verzerrt unsere religiöse Optik – Friedrich Wilhelm Graf (Neue Zürcher Zeitung)

Der neueste Einwurf vom emeritierten Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf. Diesmal geht es ihm um die verhängnisvolle Gleichsetzung von Christentum mit Europa. Das funktioniert natürlich auch anders herum.

Christlicher Eurozentrismus zeigt sich im Mangel an Bereitschaft, die vielen aussereuropäischen Christentümer wahrzunehmen. Gewiss, christliche Tradition hat neben anderen Prägekräften wie der antiken griechischen Philosophie, dem altisraelitischen Prophetismus und dem Naturrechtsdenken der Stoa eine gemeineuropäische Kultur entscheidend mitbestimmt. Aber auch jenseits der umstrittenen Grenzen Europas hat christlicher Glaube das Selbstverständnis von Menschen fundamental geprägt.

Facebook zerstört die Demokratie – Interview mit Niall Ferguson (Die Zeit)

Wer aufmerksam liest, bemerkt die Anspielungen auf die Geschichte des Christentums und der Reformation genauso wie die eigentliche Krux der Fergusonschen Kritik: Facebook & Google mögen zwar ursächlich für die gefährliche Monopolisierung des Netzes sein, es sind aber die Nationalstaaten, die bei der Einhegung dieser Monopole versagen. Es gibt also mindestens noch einen Ausweg mehr, als Ferguson selbst annimmt: Mehr supranationale Regulierung, d.h. mehr Globalisierung des Rechts.

Außerdem: Kopf hoch! Niemand zwingt uns als Nutzer_innen der Sozialen Netzwerke jeden Scheiß mitzumachen. Eine emotionale und publizistische Emanzipation von Facebook & Twitter kann nur gut tun. Das gilt für die #digitaleKirche, für die öffentlich-rechtlichen Sender (die Unmengen „unserer“ Sendungen in Facebook und Youtube reinkippen) und für jede_n Schreibende_n ohnehin.

Postfaktisch. Postchristlich. Postepiskopal? – Franca Spies (y-nachten)

Der hauseigene Jahresrückblick hat auf y-nachten diesen Text von Franca Spies (@franca_ynachten) aus dem Februar noch einmal angespült. Dieser Artikel hat sich auch post-publicatio bewahrheitet. Nachdenkenswert.

Kehren wir zu unserem Präfix [post-] zurück. Eigentlich markiert es — eher wertfrei — das Übergegangensein einer Phase in die Nächste. Damit kann man, je nach Standpunkt, Positives oder Negatives verbinden. Postpubertär: großartig. Postkoital: sowieso. Postmodern: Ansichtssache. Postfeministisch: radikal. Nur durch diese kleine Vorsilbe wird das Verhältnis von vergangener und gegenwärtiger Situation nicht eindeutig als verneinendes, bejahendes oder transformierendes qualifiziert.

Untranslatable Words – The Book of Life (englisch)

Eine wunderbare Liste unübersetzbarer Wörter aus den Sprachen der Welt. U.a. dabei aus dem Deutschen Torschlusspanik und aus dem Portugiesischen Saudade:

3. Saudade (Portuguese): a bitter-sweet melancholic yearning for something beautiful that is now gone: perhaps a love affair, a childhood home, a flourishing business. There is pain yet also a pleasure that such loveliness once graced our lives.

Nicht jede Debatte bringt uns voran – Fabian Köhler (Deutschlandfunk Kultur)

Im Angesicht der BILD-Schlagzeilen dieser Woche und der aufschäumenden Diskussionen rund um Flüchtlinge in Silvesternächten, kann es nicht häufig genug gesagt werden: Kopf hoch, wir alle müssen aufpassen, wie sich unsere Diskurse, Diskussionen etc. verschieben. Vormals Selbstverständliches und hart erkämpfte Errungenschaften brauchen den Schutz einer wachen Öffentlichkeit. Und der Familiennachzug braucht endlich eine hörbare (politische) Lobby!

Fabian Köhler (@fabikde) dazu:

Dass wir es stattdessen nun als selbstverständlich erachten, darüber zu diskutieren, Ehepartnern, Eltern und Kindern ein Leben miteinander zu verwehren, ist kein Zeichen demokratischer Kultur – es ist ein Zeichen von deren Niedergang. Deshalb sollten wir wirklich einmal eine Debatte führen. Nicht darüber, was mit Flüchtlingen passieren soll. Sondern darüber, was eigentlich mit uns passiert ist.

Bibel

Jahreslosung 2018: Gottessehnsucht und Alltagspragmatismus: Über die Sehnsucht des Menschen und die Hoffnung des Glaubens – Tobias Faix (tobiasfaix.de)

Alle Jahre wieder lesenswert: Tobias Faix‘ (@tobiasfaix) Einlassungen zur Jahreslosung.

Aber es geht in diesem Text um noch mehr als um sauberes Trinkwasser, was nicht zynisch klingen soll, angesichts der beschriebenen Umstände, sondern eine weitere Dimension unseres Lebens ins Auge fasst: Meine Seele dürstet nach Leben. Nach Erfüllung, nach Sinn, nach gesehen und gebraucht werden. In einer Kultur, die schon alles hat, beschleicht viele das bittere Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, es sei denn, ich falle auf, mache mich einzigartig und unverzichtbar. […] Und dies sind keine postmodernen Luxusprobleme einer verwöhnten jungen Generation, sondern ist der Ausdruck einer Suche nach dem, was die innere Sehnsucht so sehr verspürt.

Predigt

Anstatt einer Predigt hier ein Song vom momentanen Lieblingsalbum „Sleep Well Beast“ von The National. Irgendwann hat man ja von Predigten auch genug.

Ein guter Satz

„Steht auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.“

– so oder so ähnlich bei Lukas 25, 28

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