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Foto: Piffl Medien

Lazzaro weint

Ohne eine Spur von Kitsch zeigt der italienische Film „Glücklich wie Lazzaro“, wie Geschichte mithilfe von Heiligenlegenden remythologisiert wird und ist gleichzeitig ein Film über Politik, Ausbeutung, ökonomische Gewalt und Migration.

In die nächtliche Geräuschkulisse von Grillen und Fröschen mischt sich leise eine menschliche Stimme: „Lazarro bist du verzaubert?“ Lazzaro lauscht der Natur und guckt verträumt in den Himmel. Wenig später findet ein kleines Fest statt: Jung und Alt drängen sich zusammen in einem viel zu kleinen Raum, es wird gelacht, musiziert, gegessen und getrunken. Unter dem Applaus der Gemeinschaft tauscht ein Liebespaar einen scheuen Kuss aus. Mit diesen Bildern leitet Alice Rohrwacher ihren Film ein.

Inviolata (deutsch: unangetastet) heißt der Ort des Geschehens, an dem der Zuschauer sich in ein vormodernes Italien versetzt fühlt. Die Menschen in Inviolata arbeiten wie Leibeigene auf der Tabakplantage der Marchesa Alfonsina de Luna, die sie mit Hilfe ihres Schuldeneintreibers gnadenlos ausbeutet. „Ein demütiger Bauer, der Gott dient, ist besser als ein Wissenschaftler“, lehrt die Marchesa die Kinder. Die Landarbeiter fügen sich ohne Widerstand in ihr Schicksal, die Kinder spucken der Marchesa heimlich in den Kuchen oder klauen den Rückspiegel des Schuldeneintreibers. Inviolata ist eine Welt, in der es trotz feudaler Ausbeutung auch viele Momente des Glücks gibt.

Unvermittelter Einbruch der Moderne

Ein Glück, das aus Gemeinschaft entsteht und einem Verhältnis zur Natur entstammt, das bisweilen magisch erscheint: das Geräusch des Windes, der Ruf der Wölfe, eine Gegend unwirklich schön wie eine Mondlandschaft. Lazarro unterscheidet sich nicht wesentlich von den anderen, ist aber überall zur Stelle, wo eine helfende Hand gebraucht wird: „Lazzaro, trag die Großmutter!“ „Lazarro, sammel die Tabakblätter ein.“ „Lazarro! Lazzaro!“ Lazarus – wörtlich bedeutet der Name „Gott hat geholfen“. Von der „Lazarusschicht der Arbeiterklasse“ schreibt Karl Marx in seiner Verelendungstheorie und bezieht sich damit auf die Armut des biblischen Lazarus.

Die Regisseurin Alice Rohrwacher, Foto: Fabio Lovino

Regisseurin Alice Rohrwacher zeichnet im ersten Teil des Films das Bild eines archaischen, bäuerlichen Italiens nach, das noch in den 1980er-Jahren nicht viel anders ausgesehen hat als in Jahrhunderten davor. Hat sich der Zuschauer erstmal auf diese Zeitreise eingelassen, erlebt er das Erscheinen von Tancredi, dem Sohn der Marchesa, als unvermittelten Einbruch der Moderne.

Mit Walkman, Handy, modischer Kleidung und blondierten Haaren ist er irgendwo in der Popkultur der 80er- oder 90er-Jahre anzusiedeln. Er nennt Lazzaro einen Freund und Blutsbruder, nutzt ihn aber auch schamlos aus. Gespielt wird Tancredi von Luca Chikovani, der in Italien ein Youtube-Star ist. Den Darsteller des Lazzaro, Adriano Tardiolo, entdeckte die Regisseurin auf einem Schulhof. Er ist mit seinem zeitlosen, kindlich anmutenden Gesicht die Seele des Films.

Vieles an dem Film erinnert an Pasolini: Seine grandiose Fähigkeit, Gesichter und Gesten vor der Kamera zur Entfaltung zu bringen, seine Darstellungen des Subproletariats als Gegensatz zur bürgerlichen Verlogenheit, und wie Pasolini hat Rohrwacher kein Interesse daran, eine Heiligengeschichte nachzuerzählen, sondern an einer Remythologisierung von Geschichte.

Der erste Teil des Films endet mit Lazzaros tödlichem Sturz in einen tiefen Abgrund und der plötzlichen Befreiung der Bauern aus der Knechtschaft der Marchesa. „Die Zeit der Leibeigenschaft ist vorbei. Es gibt Löhne, Regeln, Schulen“, verkünden die Befreier. Befreit, aber ohne Landbesitz suchen die Menschen ihr Glück in der Stadt.

Die Auferstehung des Lazzaro

Der zweite Teil des Films beginnt mit der wundersamen Wiederbelebung Lazzaros durch einen Wolf, der der Legende nach einen guten Menschen wittert. In der Stadt trifft Lazzaro zuerst Migranten aus aller Welt, die sich auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig unterbieten, dann auch Menschen aus Inviolata wieder. Die sind inzwischen um 20 Jahre gealtert, schlagen sich mit kleinen Betrügereien durch und führen eine Randexistenz auf einer Eisenbahnbrache.

Antonia, die Lazzaro in Inviolata von den Martyrien der heiligen Agatha erzählt hat, ist die Einzige die ihn sofort wiedererkennt und in dieser Wiederkehr ein Wunder sieht. Lazzaro weckt in den anderen die Erinnerung an die Vergangenheit und zeigt ihnen essbaren Pflanzen. Lazzaro trifft auch Tancredi wieder, den die Finanzkrise ruiniert hat. Aber während die anderen davon träumen, aufs Land zurückzukehren, beginnt Lazarro zu weinen, vielleicht, weil er ahnt, dass es ein Traum bleiben wird, vielleicht weil Tancredi ihn verraten hat. Am Ende kann weder Antonia, noch die Rückkehr des Wolfs Lazzaro vor einer Welt beschützen, deren oberstes Gebot heißt: Geh arbeiten!

Lazzaro (Adriano Tardiolo) und Antonia (Agnese Graziani), Foto: Piffl Medien

„Glücklich wie Lazzaro“ ist ein Film über Politik, Ausbeutung, ökonomische Gewalt und Migration. Seine Botschaft ist alles andere als optimistisch, denn die angebliche Befreiung wird im zweiten Teil des Films vollkommen ad absurdum geführt. Radikal in seiner Verweigerung von Hoffnung, aber ohne zu moralisieren oder zu deprimieren, vermittelt der Film eine bittere Wahrheit so sanft und subtil, wie man es selten im Kino sieht.

Das gelingt vor allem, weil der Zuschauer die Welt aus der Perspektive Lazzaros wahrnimmt. Es ist, als würde man durch ihn die Welt neu entdecken. Phantastisches wird in dem Film mit Realistischem verwoben, Vergangenes mit Gegenwärtigem, es wird an die Tradition des italienischen Kinos von Pasolini, Rosselini bis Fellini angeknüpft, in der Heiligenlegenden und Märchen einen festen Platz hatten.

Italienische Verzauberung

Das italienische Kino wiederum knüpft damit an religiöse Traditionen an, die bis heute fest in Italien verwurzelt und ein identitätsstiftendes Moment sind. Zu Ehren von Schutzheiligen werden vielerorts, besonders im Süden Italiens, noch tagelang Feste gefeiert. Als Matteo Salvini, der neue Innenminister Italiens von der Lega, vor wenigen Wochen Bari besuchte, klärte ihn der Ministerpräsident Apuliens, Michele Emiliano, über den Schutzheiligen seiner Stadt, San Nicola, auf: „Der wichtigste Schwarze Apuliens, der uns gelehrt hat, wie wir den Frieden bewahren in unseren Geschäftsangelegenheiten und unseren menschlichen Beziehungen.“

In seinem Buch „Die Entstehung des christlichen Europa“ schreibt Peter Brown, dass es die Sehnsucht nach einem menschlichen Gesicht war, die zur Verehrung von Heiligenbildern führte. „Glücklich wie Lazzaro“ ist ein Film, der nicht nur vom Verschwinden einer archaischen Welt, sondern auch von dieser Sehnsucht nach einem menschlichen Gesicht erzählt und damit einen menschheitsgeschichtlichen Bogen bis zur Ikonenmalerei byzantinischer Mönche schlägt.

Ein Film, der in Deutschland unmöglich erscheint, weil er an keine vergleichbar lebendigen Traditionen innerhalb oder außerhalb des Kinos anknüpfen könnte. Wer also auf speziell italienische Weise verzaubert werden möchte, muss sich „Glücklich wie Lazzaro“ ansehen.


Glücklich wie Lazzaro
Buch und Regie: Alice Rohrwacher
Darsteller: Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, Natalino Balasso, Gala Othero Winter, David Bennent & Nicoletta Braschi
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