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Liebe in der Digitalität: Von Skype-Trauungen und Zweitfrauenportalen

Die Liebe in der Digitalität nimmt für religiöse Menschen viele Formen an: Wie Partnersuche weltweit und digital funktioniert, erforscht die Ethnologin Mira Menzfeld.

Haben Sie je versucht, auf einem digitalen Schieberegler Ihre Glaubensintensität einzustellen? Wie würden Sie Ihre Gebetspraxis beschreiben, um möglichst sexy zu wirken? Wenn Sie sich darüber noch nie den Kopf zerbrochen haben, dann nutzen Sie vermutlich keine religionsspezifischen Dating-Portale.

Hunderttausende andere Menschen aber sind gerade in diesem Moment auf solchen Plattformen online – und versuchen, mit einer knackigen virtuellen Selbstpräsentation dem künftigen Ehepartner oder sogar den Schwiegereltern in spe zu gefallen.

Für manche ist ein bestimmtes Glaubensbekenntnis die Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt an einem ersten Kaffeetrinken mit einem potenziellen Gatten interessiert sind. Kompliziert wird diese Präferenz zum Beispiel dann, wenn man im Alltag nur selten jemandem begegnet, der ähnlich glaubt wie man selbst. Oder wenn die Männer in der eigenen Gemeinde alle entweder vorlaut oder monogam sind, während man selbst gern eine Zweitfrau in einer polygynen Lebensgemeinschaft wäre.

Letzteres Problem löste eine salafitische Schweizerin, indem sie ihr Jagdgebiet auf virtuelle Räume erweiterte: Sie meldete sich auf einer Plattform an, auf der junge Musliminnen, die gerne polygyn leben wollen, bereits verheiratete Männer kennenlernen und sich auch mit deren Erstfrauen austauschen und anfreunden können. Auf diesem Portal konnte sie entscheiden, ob sie sich komplett verhüllt oder sogar ohne Gesichtsbild zeigt, und die Gesichtsbedeckung war ihr kein Nachteil, sondern innerhalb der Community normal.

Niemand fand es außerdem komisch, dass sie in den WhatsApp-Chat mit ihrem Auserwählten zunächst auch einen Bekannten aus der Gemeinde einlud, der als eine Art Anstandsgarant fungierte. Und sie konnte sichergehen, dass viele Männer, die sie anschrieben – nach wenigen Monaten hatte sie über 2000 Kontaktanfragen aus aller Welt bekommen – eine ähnliche Vorstellung vom Eheleben hatten wie sie selbst.

Digitale Kennenlernräume für religiöse Menschen

Die meisten religionsspezifischen Dating-Seiten eint, dass sie zur Beschreibung persönlicher Glaubensverständnisse nachdrücklich einladen und zugleich potenzielle Partner*innen über dieses Merkmal vorfilterbar sowie gezielt auffindbar machen.

Die religiöse Selbsteinschätzung und -einordnung der Ehewilligen kann dabei spielerisch-visuell geschehen – beispielsweise mit den anfangs beschriebenen Schiebeskalen, die auf einen Blick sichtbar machen, als wie fromm sich der Profilinhaber erlebt – oder auch wortreich, in eigens dafür reservierten Profilbereichen wie „Wer ist Jesus Christus für Dich und was bedeutet er Dir?“

Virtuelle Steckbriefkategorien auf den teils halböffentlichen, teils geschlossenen Plattformen berücksichtigen weiterhin glaubenstypische Beziehungscharakteristika, die nicht-religionsspezifische Dating-Dienstleister eher selten mitdenken, wenn sie Menschen zueinander bringen möchten. So können beispielsweise Sunniten auf bestimmten Plattformen direkt anwählen, wie sie zur Mehrehe stehen, oder Jüdinnen dazu Stellung nehmen, wie wichtig ihnen eine wie handfeste Erfüllung heiratsbezogener Gattenpflichten des Nahrungs-, Kleidungs- und Zeitspendens ist.

Dating-Apps erweitern das Matchmaking-Repertoire

Aufgaben, die in manchen Gemeinschaften bis vor Kurzem Ehevermittlerinnen, religiöse Spezialist*innen oder Verwandte mit-übernahmen oder immer noch übernehmen – zum Beispiel die sorgfältige Vorauslese passender Heiratskandidaten und Schwiegertöchter –, werden neuerdings auch an Apps delegiert, oder ihrer wird sich ergänzt von elektronischen Interaktionsmedien angenommen.

Es findet sich wohl keine Glaubensgruppe, die nicht auch über eine spezialisierte digitale Partnervermittlungsanwendung angesprochen würde: „Chringles“ ist beispielsweise auf Freikirchler*innen zugeschnitten. „JDate“ wirbt damit, dass Sie in der App nur Jüdinnen und Juden kennenlernen. „Singlesikhs“ vermittelt – wenig überraschend – Sikhs: Entsprechend der von einigen Nutzern gehegten Vorstellung, dass eine Trauung immer auch die Verbindung zweier Familien besiegelt und damit nicht nur Braut und Bräutigam etwas angeht, schreiben die Vorstellungstexte hier übrigens manchmal gleich die Eltern für ihre Kinder.

„Unsere Geschichte begann auf JDate“ (Bild: JDate-Werbung)

Einige Apps und Plattformen sind nicht nur konfessionell hochspezialisiert, sondern ermuntern zusätzlich ausschließlich Personen mit familiären Verbindungen zu einer ganz bestimmten Region oder Gruppe, sich von der zukünftigen Liebsten finden zu lassen. In bestimmten WhatsApp-Gruppen suchen beispielsweise nur tamilischstämmige Europäer*innen mit Eltern oder Großeltern aus genau definierten süd-indischen Herkunftsgegenden nach anderen jungen Menschen in der ganzen Welt, die mit ihnen Religion, Kastenzugehörigkeit, Traditionsverständnisse und Herkunftsregionen der Vorfahren teilen.

Was beim ersten Hinsehen restriktiv und exklusiv scheint, kann für die Nutzenden eine völlig andere Bedeutung haben: Waren vorherige Generationen noch darauf angewiesen, dass entweder spezialisierten Heiratsvermittlungspersonen oder einem nichtvirtuell gepflegten (und geographisch oft stark gebundenen) Bekanntennetzwerk ihrer Familie zufällig ein akzeptabler Partner auffiel, dürfen die Heiratswilligen über entsprechende Apps heute auf eine weltweite Auswahl und damit, mit Glück, einen passenderen Ehemann hoffen. Und wo früher vielleicht bloß drei Frauen zur Wahl standen und keine das Herz höherschlagen ließ, ermöglichen virtuelle Kennenlernwege heute, durch eine enorme Ausweitung des Suchradius, eine Gattin aufzutun, die nicht nur herkunftsbezogen und religiös harmoniert, sondern vielleicht auch das eigene Interesse an Heavy Metal teilt.

Trauungen per Zoom, Hochzeitspartys via Skype

Wer virtuell datet, der riskiert, dass die Angebetete am anderen Ende der Welt wohnt. Das ist, wenn es ans Heiraten geht, aber kein unlösbares Problem: Trauungen per Skype sind beispielsweise bei sunnitischen Tadschiken nicht mehr komplett ungewöhnlich, wenn der Verlobte weit entfernt Arbeit gefunden hat.

Wir haben es dabei mit einem bekannten Phänomen in neuen Kontexten zu tun: Historische Quasi-Vorgänger solcher Eheschließungen in absentia sind zum Beispiel die europäische Stellvertreterehe des 17. und 18. Jahrhunderts, aber auch die sogenannten Stahlhelmtrauungen des Zweiten Weltkriegs.

Virtuelle Trauungszeremonien, bei denen sich das Brautpaar zwar am selben Ort befindet, aber alle Verwandten und Trauzeugen über Videocall hinzubittet, haben hingegen meist andere Hintergründe: Viele Verlobte in aller Welt entscheiden sich aufgrund der pandemischen Lage in letzter Zeit verstärkt dafür; andere Paare eher deswegen, weil eine große Feier für sie augenblicklich finanziell schlecht stemmbar wäre. Soll etwa eine nikah nicht aufgeschoben werden, weil das Geld für einen rauschenden Empfang fehlt, bietet es sich an, Glückwünsche nur per Videokonferenz entgegenzunehmen – und etwa die Kosten für ein mehrtägiges Bankett zu sparen, indem den Gästen nur ein Leckereienkorb per Lieferdienst gebracht wird.

Podcastserie: Erleuchtung garantiert!

Im Podcast „Erleuchtung garantiert!“ der Theologischen Fakultät der Universität Zürich bespricht Dorothea Lüddekens (@dorothealuedde1) mit Kolleg:innen ihrer Fakultät Perspektiven aus der Wissenschaft, die sich mit Religion und Spiritualität in der Nähe und Ferne befassen. Die Sendungen beschäftigen sich z.B. mit Veganismus, der Impffrage, Triage und Genderperspektiven auf islamische Theologie. Zu finden ist der Podcast auf der Website der Fakultät, bei Spotify und Apple Podcasts.


Dieser Artikel erschien zunächst in der Augustausgabe von fakultativ – Theologisches und Religionswissenschaftliches aus Zürich“, dem Magazin der Theologischen Fakultät der UZH. Für die Veröffentlichung in der Eule wurden die Überschriften angepasst und kleinere Textveränderungen vorgenommen.

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