Kirche

Ling! Ling! Geht das Telefon

Das Telefon gibt in der Corona-Krise ein großes Comeback: Seelsorge, Verkündigung und Planung sind ohne die olle Strippe nicht zu denken – schließlich wollen wir in Kontakt miteinander bleiben.

In Gerhard Schönes Kinderlied „Ling! Ling! Geht das Telefon“ vom Album „Böses Baby Kitty Schmidt“ stellt Tobi am Ende den automatischen Anrufbeantworter an, um Ruhe vor den Anrufer*innen mit den lustigen Namen zu haben – „Mischka?“ – „Welcher Mischka?“ – „Misch kannste küssen wennde willst!“ (CD ist direkt beim Buschfunk-Verlag erhältlich).

Nicht nur Gerhard Schöne, der sonst für Konzerte mit Erwachsenen und Kindern durch die Lande tourt, bleibt dieser Tage Zuhause. Viele Menschen müssen wegen der Corona-Pandemie von daheim aus arbeiten. Da Besuche bei Familie und Freunden nur eingeschränkt möglich sind, liegen Videotelefonie und auch das gute alte Telefon im Trend.

So manche*r nutzt die Telefonfunktion ihres Smartphones dieser Tage zum ersten Mal intensiv. Wenn man sich schon nicht sehen kann, ist es doch schön, vertraute Stimmen zu hören. Sprachnachrichten via Messenger-Diensten waren noch vor kurzem ein neuer Trend, den Erwachsene von Jugendlichen gemoppst haben. Kulturkritiker beschwerten sich natürlich über den Niedergang der Schriftkultur.

Telefon zurück im Arbeitsalltag

Im Geschäftsleben, sogar in den Kirchen, war das Telefon bis zur Corona-Krise auf dem Rückzug. Telefonieren kostet Zeit, so das Mantra derjenigen, die auf Emails für Absprachen bestehen oder sich lieber in Messenger-Gruppen rumtreiben. Auch Presseanfragen werden mit Vorliebe schriftlich beantwortet, am Telefon könnte ja was „rausrutschen“. In der Krise wird klar: Miteinander sprechen ist schwer zu ersetzen.

Überall finden deshalb Telefonkonferenzen statt. Eine Kulturtechnik, die Jüngere mit Hollywood-Filmen aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Verbindung bringen. Doch tatsächlich lassen sich sich vielenorts leichter umsetzen als Videokonferenzen. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass es nach wie vor keine flächendeckenden Lösungen für solche Anwendungen in den Kirchen hierzulande gibt – Pilotprojekte wurden in den vergangenen Jahren gestartet, und die Corona-Krise gibt dieser Entwicklung einen gewaltigen Schub -, sondern auch mit datenschutzrechtlichen Bedenken.

In Zeiten, in denen sich Gemeindemitglieder nicht mehr regelmäßig zum Gottesdienst oder in Kreisen und Gruppen treffen, ist das Telefon auch im Kontakt zu den Menschen vor Ort wieder wichtiger geworden. Schließlich wissen fast alle, wie man so ein Telefon benutzt. Auch ältere Menschen, die von Isolation und der Pause des Gemeindelebens besonders getroffen sind.

Gemeinden organisieren Telefonandachten, die bei Anruf vorgelesen werden. Pfarrer*innen richten Telefonsprechzeiten ein. Viele sind ohnehin rund um die Uhr per Telefon zu erreichen. Ein Angebot, das sonst nur für Terminabsprachen oder Beschwerden genutzt wird. Nun rufen Menschen an, um sich für die Lesepredigt vom vergangenen Sonntag oder die schöne Karte zu bedanken. Ohne das Telefon könnten die Nachbarschaftshilfen nicht funktionieren, die viele Kirchgemeinden auf die Beine gestellt haben.

Einfach reden – Seelsorge per Telefon

Mehrere Kirchenkreise und Landeskirchen haben zusätzlich zu den Telefonnummern der Gemeinden und Pfarrer*innen während der Corona-Krise Telefonhotlines eingerichtet (z.B. für Berlin oder die Nordkirche). Und natürlich gibt es auch weiterhin die bewährte TelefonSeelsorge (0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123).

Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, da springt kein Anrufbeantworter an. Der Anruf ist immer kostenfrei und anonym. Anrufer*innen nennen ihren Namen nicht und die Rufnummer wird weder den Mitarbeiter*innen der TelefonSeelsorge angezeigt, noch erscheint sie auf der Telefonrechnung. „Alle Anrufer*innen können sicher sein, dass Ihre Sorgen und Probleme anonym und vertraulich behandelt werden“, die Mitarbeiter*innen der TelefonSeelsorge unterliegen der Schweigepflicht.

Die TelefonSeelsorge wird von evangelischen und katholischen Verbänden getragen, versteht sich aber als Angebot für alle Menschen unabhängig davon, ob sie einer Religion zugehören oder nicht. Die Telefonseelsorger*innen „kennen ‚das Normale‘ so gut“, fast Astrid Fischer die Stärke der TelefonSeelsorge zusammen. Für die in 105 unabhängigen Regionalstellen organiserte TelefonSeelsorge übernimmt sie die bundesweite Pressearbeit.

Das Angebot wird von Ehrenamtlichen gestemmt, die eine lange Telefonseelsorge-Ausbildung von 100 Stunden hinter sich haben. Am Hörer sitzen nicht Pfarrer*innen, sondern Telefonseelsorger*innen unterschiedlicher beruflicher Hintergründe mit viel Erfahrung. Für alle Mitarbeiter*innen ist mindestens einmal im Monat eine Supervision verpflichtend.

„Es gibt eigentlich immer Personalmangel, weil das ein intensives Ehrenamt ist“, so Fischer. Kurzfristige Helfer*innen aber sucht die TelefonSeelsorge in der Krise keine. Die Ausbildung braucht Zeit und stellt das hohe Beratungsniveau sicher. Wer sich für eine langfristige Mitarbeit interessiert, die kann sich ja auch noch in ein paar Wochen bei der TelefonSeelsorge in ihrer Region melden – und bitte nicht über die Seelsorge-Hotline!

Jeder braucht mal Hilfe

Anfang des Monats hat die TelefonSeelsorge eine neue digitale Hilfe gestartet: Die „KrisenKompass“-App für iOs und Android richtet sich an Menschen in der suizidalen Krise, Angehörige, Kollegen und Freunde, die sie unterstützen möchten und Angehörige, die eine Person durch Suizid verloren haben.

Das Angebot wurde zwar nicht anlässlich der Corona-Krise entwickelt, doch könnte nun sehr nützlich sein. Mediziner*innen und Sozialwissenschaftler*innen befürchten, dass gefährdete Menschen mit psychischen Vorerkrankungen oder Problemen durch die größere Isolation vereinsamen.

Die Telefonseelsorge ist für alle da, denn „jeder braucht mal Hilfe“. Das ist mehr als ein leicht dahin gesagter Slogan. Gerade das Aufeinanderhocken in den Wohnungen kann zu Konflikten in den Familien führen. Nicht jede*r wohnt in geräumigen Häusern oder Wohnungen, in denen man sich aus dem Weg gehen kann. Oder hat einen Garten, um frische Luft zu atmen und „mal rauszukommen“. Singles und Alleinstehenden fällt vielleicht die Decke auf den Kopf, wenn sie allein auf sich gestellt sind.

Die Mitarbeiter*innen der Telefonseelsorge stehen per Mail und Chat, für Termine vor Ort und 24/7 am Telefon zur Verfügung: 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123.