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Foto: Rosie Sun (Unsplash)

Missbrauch in der Kirche: Einfach nur verjährt?

Immer wieder werden in den evangelischen Kirchen Missbrauchsverbrechen der Vergangenheit bekannt, so auch in Sachsen. Wie gehen wir damit um, auch und besonders wenn die Taten „längst verjährt“ sind? Eine persönliche Betrachtung:

Es blieb bisher merkwürdig ruhig in der sächsischen Landeskirche. Bevor Der Sonntag, unsere regionale Kirchenzeitung, im Advent 2021 eine entsprechende Meldung veröffentlichte, hatte die Chemnitzer Freie Presse Anfang Dezember ausführlich über Missbrauchsfälle im Rahmen der evangelischen Jugendarbeit in den 1960er- und 1970er-Jahren berichtet: „Der lange Schatten des Jugendwarts“ (€) benennt den 2013 verstorbenen ehemaligen Karl-Marx- Städter Jugendwart Kurt Ströer als Täter.

Offensichtlich war diese Nachricht ein großer Schock für viele, die Kurt Ströer kannten und in dankbarer Erinnerung haben. So gab es sofort Reaktionen, in denen seine vielen Verdienste benannt und gleichzeitig Zweifel an den Vorwürfen ausgesprochen wurden. Aber es gab auch innerkirchliche Stimmen, die verlauten ließen: „Das haben wir schon lange gewusst“.

Mittlerweile sind mehr als 20 Betroffene bekannt – und wieder war es die Freie Presse, die darüber am 14. März 2022 ausführlich berichtete. Seitens der Landeskirche wird auf die wissenschaftliche Aufarbeitung des Forschungsverbunds ForuM verwiesen, in die auch der Fall Kurt Ströer mit aufgenommen wurde. Ergebnisse sollen allerdings erst Ende 2023 vorliegen.

Die persönliche Verantwortung und Schuld des Täters steht allerdings außer Frage. Deshalb ist es schwer verständlich, wenn davon gesprochen wird, dass Ströers verdienstvoller Einsatz „ausgeblendet“ würde. Er dürfe nicht „in eine Ecke gestellt“ werden. Eine merkwürdige Ansicht zu strafrechtlich relevanten Handlungen. Nebenbei: Bei der innerkirchlichen Debatte um homosexuelle Mitarbeiter waren deren „Verdienste“ uninteressant. Ein Coming-Out reichte mancherorts für Diskriminierung und ein faktisches Arbeitsverbot.

Es ist anzuerkennen, dass die Landeskirche eine „transparente und umfassende Aufarbeitung“ verspricht, auch wenn diese weitgehend externalisiert geschehen soll. Und beispielsweise gibt es seit 2011 den Verhaltenskodex der Evangelischen Jugend in Sachsen, der auch der Sensibilisierung dient. So ließe sich leicht argumentieren, dass die jetzt bekannt gewordenen Taten schon 50, 60 Jahre her sind und mittlerweile ein anderes Bewusstsein herrscht. Unabhängig vom konkreten Fall stellt sich mir aber auch die Frage nach den zweifellos begünstigenden innerkirchlichen Rahmenbedingungen.

Biblische „Klarheit“ ließ keinen Pluralismus zu

Ich kenne die Jugendarbeit seit den 1980er-Jahren – sie hat mich wesentlich geprägt. Junge Gemeinde, Offene Abende, Rüstzeiten, Evangelisationen – all das war für viele Jugendliche mehr als Freizeitbeschäftigung – es war Identifikation, Freiraum, Sinn. Hier wurden Weichen für das Leben gestellt, Wege zum Glauben aufgezeigt, Kompetenzen vermittelt, musikalische und kreative Fähigkeiten entwickelt. Unzählige Freundschaften und Partnerschaften entstanden. Diese Arbeit war ohne Zweifel segensreich.

Jugendliche legen zum Segen während des Gottesdienste Hände auf, Foto: Rosie Sun (Unsplash)

Mit dem Abstand einiger Jahrzehnte sehe ich aber rückblickend auch einige andere Seiten: Oft waren es wenige „Autoritäten“ in der Jugendarbeit, die meinungsbildend waren und dabei kaum differenzierend vorgingen. Biblische „Klarheit“ und angebliche Eindeutigkeit ließen Pluralismus kaum zu.

Die theologischen Aussagen entsprachen schon damals nicht immer dem allgemeinen Erkenntnisstand. So verkämpften wir uns noch immer am „Konflikt“ mit der Evolutionslehre und teilten die Menschen säuberlich ein in „Außenstehende“ und die, „die schon so weit sind“. Seelsorgerliche Kompetenz war nur bei wenigen Mitarbeitern wirklich vorhanden. Doch durch die Fixierung auf diese Einzelpersonen wurde vieles einfach als „richtig“ betrachtet, was aus heutiger Sicht teilweise sogar als gefährlich und seelischer Missbrauch eingeordnet werden muss – bis hin zu „schwarzer Pädagogik“ mit dem Schüren von Angst.

Diese Jugendarbeit war der innerkirchliche Mainstream – und für viele junge Menschen Heimat und Wohlfühlzone. Aber für andere Überzeugungen und Themen hatte sie keinen Platz. Und neben vielen positiven Erinnerungen erlebe ich bis heute im Bekanntenkreis die „anderen“ Nachwirkungen: Im Nachdenken über Himmel und Hölle, was entweder zu überhöhter Selbstgewissheit oder zu Versagens-Ängsten führen kann. Im Pflegen eines idealisierten Familienbildes, das der Realität selten standhält und keinen Platz lässt für abweichende Empfindungen. Im Bibelverständnis, in dem wenige Verse zur Begründung eigener Überzeugungen ausreichen. Und immer wieder auch im Hören auf wenige, meinungsbildende Personen mit eingeengtem Weltbild.

Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Ich frage mich, ob das in unserer Landeskirche wirklich so bewusst und unkritisch wahrgenommen wurde und wird. Ob wirklich erst nach Verjährung eine Aufarbeitung begonnen wird. Ob es damals schon eine Art Supervision gab. Ob die wichtige Freiheit der Verkündigung dazu führen darf, dass statt der frohen Botschaft mehr Angst verbreitet wird. Ob sich jemand für diese Fragen interessiert.

In der Erziehungswissenschaft hat es vor vielen Jahren einen Paradigmenwechsel hin zu den Erziehungszielen Mündigkeit und Emanzipation gegeben. Auch in unserer Landeskirche hat sich die Vermittlung von Glaubensinhalten entsprechend weiterentwickelt. Leider ist das in manchen Gemeinden noch nicht angekommen. Damit stehen Glaubwürdigkeit und Akzeptanz, die für den Gemeindeaufbau unerlässlich sind, auf dem Spiel. Ich wünsche mir eine Kirche als Ort geistlichen Wachstums, als Ort der Geborgenheit, der Vielfalt, der Offenheit. Ich wünsche mir eine Kirche, die Verantwortung übernimmt.