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Wir sind mit dem anderen Amerika verbündet

Wie gehen wir angemessen mit der Aggression der Trump-Regierung um? Eine Rede von Dorothee Sölle kann heute Orientierung bieten, wie dem Trumpismus widerstanden werden kann:

Liebe Eule-Leser:innen,

erst die militärische Intervention in Venezuela, dann die Tötung von Renée Good in Minneapolis und nun Grönland im Fokus der Trump-Regierung: Die USA halten die Welt in einer Art nachrichtlichen Geiselhaft. Donald Trump & Co. senden paramilitärische Truppen in US-Großstädte aus, terrorisieren Migrant:innen und Nachbarschaften. US-Truppen verüben oder planen Einsätze in Südamerika, in Nigeria und im Nahen Osten. Und der Trumpismus hält unsere Nachrichtenticker, Social-Media-Feeds und – in zunehmenden Maße – unsere Köpfe besetzt.

„Wir sind mit dem anderen Amerika verbündet“ – Dieser Satz von Dorothee Sölle geht mir in diesen Tagen nicht aus dem Kopf. Er steht am Ende einer Rede, die Sölle auf einer Demonstration gegen den Irak-Krieg im Oktober 2002 in Hamburg gehalten hat (Volltext). Liest man die Rede heute, wird deutlich: Die gegenwärtigen Herausforderungen sind historisch nicht einmalig.

Und es drängen sich Parallelen der gegenwärtigen nationalen und internationalen Notlage der USA zur Situation von vor 24 Jahren auf. Können Sölles Worte heute Orientierung geben? Wie reagieren wir angemessen auf die Taktiken des Trumpismus?

Der Protest gegen den Irak-Krieg war, rückblickend betrachtet, das erste politische Event, an dem ich bewusst teilgenommen habe. Mit der Jungen Gemeinde besuchten wir in den Monaten vor und während des Angriffs die montäglichen Friedensgebete in der Dresdner Dreikönigskirche. Von dort aus führte eine Montagsdemo auf die andere Elbseite bis vor die Kreuzkirche. Auf manche der Demos nahm ich eine selbstgebastelte „Yankee go home!“-Fahne mit. Während einer der großen Schülerdemos grüßte vom Dach eines der Häuser am Dresdner Altmarkt ein Transparent mit dem Wort „Bombenwetter“.

Nur wenige Monate zuvor hatten wir nach der hastigen Rückkehr aus dem Konfirmandenunterricht am heimischen Fernseher den Terrorangriff des 11. September live verfolgt. Dorothee Sölle nimmt auf den 11. September in ihrer Rede direkt Bezug:

„George Bush, Junior, lässt sich zwar nicht Kaiser oder Cäsar nennen, aber er verlangt immer klarer absoluten Gehorsam und unbedingte Solidarität, um den wachsenden Wohlstand der Reichen in seinem Land zu sichern.

Das Beste, was diesem Kaiser passieren konnte, geschah am 11. September 2001. Der Terroranschlag hat ihn ermächtigt. Seine Beliebtheit verdoppelte sich. Seine Einteilung der Welt in “gut” und “böse” setzte sich in den USA zunächst durch, gemeint ist mit gut immer “gut für uns”. Der Außenminister Colin Powell sagte vor kurzem, dass Präsident Bush, unabhängig von allen UNO Resolutionen “die Autorität und das Recht” habe, “für das amerikanische Volk und unsere Nachbarn in Selbstverteidigung zu handeln.”“

Der Protest gegen den Irak-Krieg war in Deutschland (und in vielen europäischen Ländern) wohl aus drei Gründen besonders groß: Erstens misstraute man der US-Regierung, die mit dem Verweis auf den „Krieg gegen den Terror“ ein Land angreifen wollte, das erkennbar nicht für den 11. September verantwortich war und ihre Pläne mit öffentlichen Lügen begründete.

Zweitens war nach dem Eingreifen in Afghanistan offenbar geworden, dass eine reale Gefahr bestand, dass Deutschland und Europa in eine ganze Kette von militärischen Konflikten involviert würde, wenn es nicht rechtzeitig „Nein“ sagt. Drittens war für den Event-Charakter der Demos sicher auch die Tradition des Anti-Amerikanismus wichtig, die sich – je nach Milieu – aus unterschiedlichen Quellen speiste.

Der Demo-Spruch „Yankee go home!“ und Sölles „Wir sind mit dem anderen Amerika verbündet!“ liegen dabei an verschiedenen Polen der Anti-Amerika-Achse. Ersterer ist tief verwurzelt in einer linken Amerika- und Militarismus-Kritik nach dem 2. Weltkrieg, wie er auch in den Friedensbewegungen in Deutschland vorherrschend war (und in ihren Resten bis heute ist). Sölles scharfe Kritik der US-Politik jedoch war immer von einer (häufig enttäuschten) Liebe zu den Vereinigten Staaten unterlegt. Sölles Liebe galt diesem großen Land mit unermesslichen Möglichkeiten, großer Not und großer Freiheit, das sie während ihres Lebens geprägt hatte. Gefühle die von der „Generation Obama“ durchaus nachvollzogen werden können.

In ihrer Rede spricht Sölle von der „pax americana“, der Weltmacht- und Vormacht-Stellung der USA und auch davon, dass sich die USA als „God’s own country“ verstehen. Darin hallen die US-Diskurse der vergangenen Monate deutlich nach. Und Sölle lässt US-amerikanische Kritiker:innen der Bush-Regierung zu Wort kommen. Das kann, denke ich, auch heute ein Schlüssel sein, wie wir heute mit den USA umgehen können.

Geschwisterlichkeit statt Doomscrolling

Unsere Nachrichten werden dominiert von Zeitansagen wie „dem Ende des Westens“. Nur ein Beispiel: In der ZEIT (€) empfiehlt der britische liberale Historiker und Publizist Timothy Garton Ash Europa eine neue Flexibilität. Die Europäer:innen sollten das Gegreine über den Verlust der werte- und regelbasierten Weltordnung einstellen und selbst verwegener agieren, nicht mit Waffengewalt, aber machtbewusst (sein Text ist auf Englisch im Guardian ohne Bezahlschranke zu lesen).

Im Zentrum der Berichterstattung über die Trump-Regierung, den Angriff auf Venezuela und die Aggression gegenüber Grönland, Dänemark und die Europäische Union stehen außen- und sicherheitspolitische Fragen, strategische Neuorientierungen und generalisierende Gegenwartsdeutungen. Dominiert werden unsere Nachrichtenkanäle, ganz im Sinne der trumpistischen „Flood-the-zone-with-Shit“-Agenda, von den Äußerungen der Trumpisten und ihren rechtsradikalen Verbündeten in anderen Ländern.

Auf Social-Media-Plattformen sind wir nicht allein Beobachter:innen des Geschehens, sondern gerieren uns selbst als Polit-Analyst:innen. Jede:r ein:e politische:r Kommentator:in! Unterbrochen wird der Stream schlechter Nachrichten nur von gelegentlichen Mahnungen zur digitalen Selbstfürsorge. Sölles Ansatz der Solidarität und Geschwisterlichkeit mit denjenigen Kräften, die sich in den USA Trump & Co. in den Weg stellen, erscheint mir doch der wesentlich sinnvollere Weg zu sein. Viel nützlicher und auch emotional verdaulicher jedenfalls als das anhaltende Doomscrolling oder das Larpen von großkopferter Politik-Simulation.

„Der Kampf geht weiter“

Von solchen Verbündeten gibt es in den USA reichlich, auch wenn über sie nicht in der gebotenen Breite und Tiefe berichtet wird. (Was auch an der Konzentrierung von Medienmacht in den Händen weniger trumpistischer Oligarchen in den USA liegt.) Unsere Nachrichtenfeeds bedürfen mindestens der Ergänzung zum Beispiel durch die Berichte und Einordnungen des National Catholic Reporter oder des Religion News Service. Diese Medien berichten beharrlich vom Widerstand, den Christ:innen und Geschwister anderer Religionszugehörigkeit alltäglich leisten:

Da wären die katholischen Würdenträger, die Migrant:innen auf Behördengänge begleiten, weil ihre Anwesenheit die ICE-Häscher zurückzucken lässt. Da gibt es Pastor:innen wie Ashley Horan, die sich einer Bürger:innenwehr gegen ICE in Minneapolis angeschlossen hat, und Bischöfe der Episkopalkirche, die ihre Geistlichen und Gemeinden darauf einschwören, sich der Gewalt mit ihren eigenen Körpern entgegenzustellen. Da sind die Gemeinden, die ihre Kirchen und Häuser für Organisationstreffen öffnen und die darum kämpfen, dass ihre migrantischen Geschwister wenigstens während der Gottesdienste sicher vor Festnahmen sind.

Da sind viele tausend Geschwister, die bei den „No Kings“-Protesten, bei Friedensgebeten und in der Seelsorge in migrantischen Communities ihre Stimmen erheben. Und da ist – nicht zuletzt – ein US-amerikanischer Papst der römisch-katholischen Kirche, der Trump & Co. deutlich widerspricht. Das Engagement des „anderen Amerika“ ist real. Nur die „KI“-Videos von brüllenden katholischen Bischöfen, die seit einigen Wochen immer wieder auf Social-Media-Plattformen auftauchen, sind fake (immer, wirklich immer, bitte nicht teilen).

Wir Europäer:innen können selbst nach Wegen suchen, uns mit dem anderen Amerika in diesen Tagen zu verbünden. Es gibt zahlreiche ökumenische und institutionelle Verbindungen, die genutzt und vielleicht reaktiviert werden können. Anders als im russischen Imperium gibt es in den USA eine lebendige Zivilgesellschaft, bürger:innenschaftlichen Protest sowie christliche und interreligiöse Geschwisterlichkeit, die sich der Regierung widersetzen.

Sich von Amerika abzuwenden und vom „Hineinschlittern der USA in den Faschismus“ zu salbadern, ist mir zu defätistisch, zu resignativ und vor allem zu einfach. Als ob wir in Europa einfach nur die Mauern hochziehen müssten und es die autoritäre Wende, den Rechtsruck etc. nicht auch bei uns gäbe. Weder die USA noch Europa „schlittern“ in den Faschismus. Hier wie dort wird genau darum gekämpft. Ich aktualisiere Sölles Worte:

[Das Imperium] braucht nicht mehr Verbündete, sondern Vasallen, die zur Verfügung stehen. Wir Europäer sollten uns nicht dazu machen lassen. Verbündet sind wir mit denen, die gegen Trump und Co. aufstehen. […] NOT IN OUR NAME. Wir sind mit dem anderen Amerika verbündet. Der Kampf geht weiter.

Aktuell im Magazin

Eule-Podcast (55): Datenschutz-Update 2026 mit Felix Neumann (49 Minuten)

Zum Jahresbeginn erklärt Felix Neumann im „Eule-Podcast“ bei Michael Greder die aktuellen Entwicklungen beim kirchlichen Datenschutz: In der römisch-katholischen Kirche wurde (endlich) das Datenschutzgesetz aktualisiert. Welche Veränderungen gibt es für Kirchgemeinden, katholische Akteur:innen und Betroffene sexualisierter Gewalt? Außerdem fragen wir uns: Wie steht es um die Unabhängigkeit der Kirchen von US-amerikanischen Konzernen und welche Probleme schafft der Einsatz von „Künstlicher Intelligenz“?

Analog ist Trumpf – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)

Zwischen Schneeschippen und Neujahrs-Vorsätzen auf der Suche nach den Megatrends für 2026: Können die Kirchen von der Sehnsucht nach analoger Begegnung profitieren?

„In vielen der zahllosen Trend- und Prognose-Artikel, -Newsletter, -Videos und -Podcasts, die in diesen Tagen erscheinen, taucht ein Megatrend immer wieder auf: analoge Begegnungen und Community-Erlebnisse. Podcasts gehen auf Tour, Medien veranstalten Festivals, als Gegengift wider Vereinsamung und Polarisierung werden Dialog-Foren und Gespräche „im Fleische“ (wieder-)entdeckt. Live-Konzerte boomen ohnehin. Wer schon mal vom Format #Verständigungsorte von EKD und Diakonie Deutschland gehört hat (wie ich), erlebt eine Reihe von „Aha, so so“-Momenten. Gibt’s doch schon! Macht die Kirche doch!“


Von heute an bis Dienstag tritt die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland zusammen. Im Zentrum der Beratungen steht die neue Finanzstrategie, in deren Rahmen empfindliche Kürzungen u.a. bei den Evangelischen Studierendengemeinden geplant sind. Über die Kürzungspläne und den Protest von Studierenden und Unterstützer:innen hatte ich hier in der Eule bereits vorvergangene Woche berichtet. Die EKiR stellt einige Live-Streams und Informationen zur Tagung auf ihrer Website zur Verfügung.

„Die EKiR rechnet, wie auch andere evangelische Landeskirchen, mit einer Halbierung der jährlichen Kirchensteuereinnahmen bis zum Jahr 2060. Der rheinischen Kirche stünden dann, so eine Prognose, nur noch 30 Prozent der heutigen Ressourcen zur Verfügung. Im vergangenen Jahr hatte die EKiR „strategische Leitlinien“ für die Finanzstrategie beschlossen: Die notwendigen Kürzungen sollen nicht nach dem Prinzip „Rasenmäher“ erfolgen. Statt „flächige prozentuale Einsparungen“ vorzunehmen, sollen „klare strategische Prioritäten und Posteritäten“ formuliert werden, was auch die „Aufgabe von Handlungsfeldern“ bedeute.“


Zum dritten Mal schreibt die AG jüdisch & christlich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Kooperation mit der Universität Leipzig einen Predigtpreis im christlich-jüdischen Kontext aus. Noch bis zum 31. Januar können sich Interessent:innen mit Predigten aus dem Advent 2025 oder Predigten, „die – gerade in herausgeforderten Zeiten – Perspektiven eröffnen und einen Beitrag zu einem erneuerten Predigen im christlich-jüdischen Kontext leisten“, bewerben. Weitere Informationen finden sich auf der Website der Evangelischen Akademie zu Berlin.


Verabschiedet sich Deutschland von der Friedenspolitik? Die Bundesregierung struktiert ihre Außenpolitik um. Zu den bereits bekannten Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit treten weitere Verändungen im Auswärtigen Amt von Minister Wadephul (CDU), die Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter im Interview bei Marina Zapf von welt-sichten kritisiert:

„Wir erleben eine strukturelle Rückkehr in die Außenpolitik der 1980er Jahre. An die Stelle von strategisch orientierten länderübergreifenden Ansätzen – von humanitärer Hilfe bis hin zur Wiedereingliederung von Kombattanten – tritt wieder der Fokus auf einzelne Länder. […] Statt länderübergreifende Konzepte zu entwickeln, etwa für eine deutsche Politik in der Krisenregion Sahel, werden sich in Zukunft die Länderreferate für Mali, Burkina Faso und Niger um Gelder aus einem schrumpfenden Budget streiten.“


Du erreichst uns z.B. per Email oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.

Ein schönes Wochenende trotz allem wünscht
Philipp Greifenstein


Ein guter Satz

„Die Wirklichkeit lässt sich nicht in beschissene Konstellationen zwängen.“

– Hartmut Rosa, Soziologe, im SPIEGEL-Interview (€) zu seinem neuen Buch


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