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Bild: Philipp Greifenstein

Mitten im Leben jenseitig

Kirche und Theologie suchen in der Corona-Krise nach Orientierung. Eva Harasta fragt bei Dietrich Bonhoeffer nach: Welchen Platz hat die Religion noch in unserem Leben?

Werden die Menschen auch nach Corona noch beten? – Das wurde ich letzte Woche von einer Radiojournalistin gefragt. Die Coronavirus-Pandemie sei ja eine große Chance für die Nachfrage nach Religion. Not lehrt beten: Menschen entdecken Gott wieder und suchen nach Trost, auch bei Gott. So profitiere die Religion von der Krise. Sei die Not aber einmal überstanden, versinke dann vielleicht der ganze Spuk wieder. Nach dem Corona-Religionsboom käme der Katzenjammer für die Kirchen, wenn die Menschen aufatmend in ihren normalen Alltag ohne Gott und Glauben zurückkehren würden.

Ganz andere Gedanken höre ich aus dem Bekanntenkreis und lese sie auf Twitter. Pfarrerinnen und Pfarrer machen sich gerade Sorgen, also mehr Sorgen als in ruhigeren Zeiten. Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht, Ostersonntag: alles abgesagt wegen des Versammlungsverbots. Konfi-Unterricht, Frauenkreis, Besuche im Altersheim, Bibelerzählen in der Kita: alles, alles abgesagt. Wird die Gemeinde diese religionslose Coronazeit überstehen?

Was, wenn alle sich daran gewöhnen, die Konfis ohne Konfi-Unterricht auskommen, die Gottesdienstbesucher*innen ohne Gottesdienst, die Frauen ohne Frauenkreis? Nach der Corona-Glaubenslosigkeit käme dann womöglich der GAU für die Kirchen, wenn die Menschen durch die Zeit des Zuhauseseins auch ihre letzten kirchlichen Gewohnheiten endgültig abgelegt haben. Heilige Corona, steh uns bei! Sinkt die Kirche dahin?

Letzte Ritter

„Unserem ganzen bisherigen „Christentum“ wird das Fundament entzogen“ – Dietrich Bonhoeffer schlägt Ende April 1944 ähnlich sorgenvolle Töne an (DBW 8, 403). Er meint, dass die Religion womöglich ihre Zeit gehabt habe, dass nun eine neue, religionslose Zeit anbrechen würde. Die Not des Krieges und der Diktatur habe die Menschen gerade nicht das Beten gelehrt, sondern habe ihnen die Religion, die Frage nach Gott ausgetrieben.

Es seien deshalb „nur noch einige „letzte Ritter“ oder ein paar intellektuell Unredliche, bei denen wir „religiös“ landen können“ (ebd.), so Bonhoeffer weiter. Letzte Ritter und intellektuell Unredliche? Es scheint nicht gerade die Crème de la Crème zu sein, die sich in der Not am liebsten mit religiösen Prinzipienfragen auseinandersetzt, die theologisiert, anstatt Nächstenliebe und Seelsorge zu leben… So schreibt Bonhoeffer, der Theologe und Intellektuelle. Kein Wunder, dass es ihm unbehaglich wird:

„Während ich mich den Religiösen gegenüber oft scheue, den Namen Gottes zu nennen, – weil er mir hier irgendwie falsch zu klingen scheint und ich mir selbst etwas unehrlich vorkomme (besonders schlimm ist es, wenn die anderen in religiöser Terminologie zu reden anfangen, dann verstumme ich fast völlig, und es wird mir irgendwie fast schwül und unbehaglich) – kann ich den Religionslosen gegenüber ganz ruhig und selbstverständlich Gott nennen.“ (DBW 8, 407).

Er tastet herum, ohne fest zu greifen, was ihm das Unbehagen, das Gefühl der Unehrlichkeit einflößt, was ihn ins Schwitzen zu bringen scheint. Dabei ist er doch ein Religionsprofi, promoviert, habilitiert, ordiniert, Privatdozent, Predigtseminarleiter, Guru seiner Vikare aus der Bekennenden Kirche. Woher kommt nur dieses unangenehme Fremdeln unter den Kollegen und Kolleginnen?

Sie meinen es gut, sie sprechen gewandt von Religion. Sie nehmen die Menschen in ihrer religiösen Bedürftigkeit wahr. Sie bieten ihnen Jesus, bieten ihnen Gott fachgerecht als Lösung an. Kommt her zu ihnen, alle Mühseligen und Beladenen, auf dass ihr euch ausruhen könnt am Busen der Kirche. Und doch, es bringt ihn ins Gedränge, aber Bonhoeffer artikuliert gegenüber dem Freund sein Unbehagen: „Während ich mich den Religiösen gegenüber oft scheue, den Namen Gottes zu nennen, […] kann ich den Religionslosen gegenüber ganz ruhig und selbstverständlich Gott nennen.“

Irgendetwas ist an der religiösen Gottesrede, das ihm plötzlich kraftlos, leer, hohl erscheint. Als käme diese Gottesrede wie ein Echo aus einem anderen Raum. Sie ist dabei, zu verklingen. Nur die letzten, spätesten Ritter meinen noch, mit dieser alten Denk- und Redeweise etwas sagen zu können.

Bonhoeffers Intuition lautet: Das Christentum ist dabei, sich zu verändern; in seinen gelebten Gestalten und seiner Sprache und seiner Denkungsart ist es dabei, sich zu verändern. Die alten Gewohnheiten, mit denen er aufgewachsen ist, die er aus dem kirchlichen Leben der Zwischenkriegszeit kennt, greifen daneben. Etwas hat sich verschoben. Es ist diffus, aber im ausgelösten Unbehagen schon höchst präsent.

Tiefere Herausforderungen für die Kirche

Vielleicht ist dieses Gefühl des (noch) diffusen Unbehagens etwas, das in der Lage unter den Bedingungen der Coronavirus-Pandemie eine Parallele hat. Eine Intuition scheint zu beginnen, dass die kirchlichen Herausforderungen tiefer liegen, als rein auf der praktischen Ebene. Dass sie älter sind und anderer Natur als der Ärger über ein notwendiges und lebensschützendes Versammlungsverbot.

Freilich, Ruhe bewahren. Geheimnisse ich hier etwas hinein in eine Situation, die es einfach praktisch zu bewältigen gilt, mit neuen Methoden von Gemeindearbeit? – Es ist kein Wunder, dass die Corona-Unterbrechung im Gemeindeleben Fragen auftauchen lässt. Die Gewohnheiten sind unterbrochen. Nun braucht es Ideen und Kreativität, wie eine Art Ersatz bewerkstelligt werden kann, Ersatz für Liturgie, Ersatz für Sitzungen, Ersatz für gemeinsame Unternehmungen und Bildungsarbeit.

Aber wirft man sich mit Elan in diese praktischen Herausforderungen, schleicht sich doch zwischendurch ein anderes Gefühl ein. Es ist beinah, als könnten die unterbrochenen Gewohnheiten am Ende nicht selbstverständlich, nicht unabänderlich sein. Sollte es möglich sein, wochenlang ohne Abendmahl zu leben? Plötzlich wird diese Frage ernsthaft und sorgenvoll auf Twitter diskutiert. Wie können wir Abendmahl feiern, ohne uns kohlenstofflich zu versammeln? „Gilt“ das Abendmahl, wenn die Pfarrerin per Videoübertragung die Einsetzungsworte spricht und die anderen Beteiligten Brot und Wein bei sich zuhause haben?

Ernsthaft wird die Diskussion geführt, aber sie hat etwas Schiefes, etwas Verschobenes. Als wären da „letzte Ritter“ am Werk, ein wenig aus der Zeit gefallen. – Wobei ich gleich hinzufüge: Das Abendmahl als Grundvollzug von Gemeinschaft im Glauben halte ich fest, ich kritisiere hier einzig die Art, wie die Diskussion geführt wird: Sie weicht der echten Frage aus. Die echte Frage wäre, wie man als glaubender Mensch das Evangelium auslegen soll, heute und hier und mit den Menschen, denen man anvertraut ist.

Blickt man dieser Grundfrage ins Auge, möchte man den „letzten Rittern“ in ihrem heiligen Unernst zurufen: Wo lebt Ihr denn, es haben doch auch schon vor Corona viele, viele Kirchenglieder wochenlang ohne Abendmahl gelebt! Sie kamen selten zum Gottesdienst, wochenlang nicht zum Abendmahl, verstanden sich aber als christlich und bezeugten dies tatkräftig, indem sie ihre Kirchensteuer gaben, das untrügliche Zeichen von Teilnahme und Interesse an ihrer Kirche. Die Frage lautet, warum das Abendmahl nicht mehr gesucht wird, warum es als Vergegenwärtigung des Evangeliums vielen Menschen fremd geworden ist.

Diffuses Unbehagen

Und doch, bei aller Ungeduld mit ihnen: Die „letzten Ritter“ artikulieren auch ein zutreffendes Unbehagen. Sie spüren eine Veränderung, spüren, dass etwas mit der Verankerung des Abendmahles in eine Verschiebung geraten ist. Etwas scheint sich zu verändern. Dass das Christentum ganz hinsinke, wird man nicht gleich sagen. Aber etwas verändert sich, verändert sich nicht erst seit Anfang März. Etwas beginnt sichtbar zu werden, was bis vor kurzem noch unter den langen Nachwirkungen von Volkskirchlichkeit und Wohlstandkirche bedeckt bleiben konnte.

Dietrich Bonhoeffer tastet sich noch weiter daran heran, was denn dieses diffuse Unbehagen besagt – damals, 1944, als die Welt, wie er sie kannte, zusammenstürzte. Seine Lage damals ist grundverschieden von der heutigen Lage. Aber – „Not lehrt beten“ – eine Art parallele Bewegung lässt sich ausmachen: die Erfahrung, dass die überkommene Gestalt kirchlichen Lebens fragwürdig wird, dass die bisherigen Formen von Theologie und Praxis irgendwie ins Schlingern, ins Knirschen, ins Sinken geraten sind.

Wann es begann, lässt sich nicht datieren. Theologie, Glaube und Kirche sind beharrliche Gebilde, ruhig und schwer, behäbig und standfest. Die Coronavirus-Pandemie ist nicht der Grund für das Unbehagen an den bisherigen Formen von Theologie und Kirchlichkeit, sondern ein beschleunigender, intensivierender Faktor. Sie jagt den „letzten Rittern“ (ich zähle auch manchmal dazu, diskutierte mit im Abendmahlsstreit) einen Schreck in die Glieder, wo vorher nur ein zartes Ziehen war.

Dietrich Bonhoeffer ist dieser Schreck in seiner damaligen, anderen Zeit ebenfalls in die Glieder gefahren. Unter dem Eindruck dieses Schreckens schrieb er:

„Die Zeit, in der man das [wer Christus heute für uns eigentlich ist] den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte – sagen könnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d.h. eben die Zeit der Religion überhaupt.“ (DBW 8, 402f)

Hier schießt er über das Ziel hinaus. Als Spätgeborene können wir ihm entgegnen: Das Christentum sank nicht dahin. Es lebte auf, es lebt auch weiter, hier unter uns. Absurd ist die Annahme, dass die Menschen dereinst ganz aufhören werden zu beten. Allzu weitreichend ist auch Bonhoeffers Satz, die Zeit der Religion sei als solche abgelaufen. Es war nur die Zeit einer spezifischen historischen Gestalt von Religion und Religiosität, die abgelaufen war und deren Phantomschmerzen Bonhoeffer, der wache Beobachter, als einer der ersten spürte.

Evangelische Urerfahrung

Werden die Menschen auch nach Corona noch beten? – Das ist eine absurde Frage. Natürlich werden die Menschen auch „nach Corona“ beten. Die Zumutung für die „letzten Ritter“ allerdings ist, dass es eben nicht von ihnen abhängt.

Eine evangelische Urerfahrung beginnt sich zu regen, beginnt vorzutreten, sich durchzudrängeln wie eine alte, doch energische Dame. Vorsicht, sie hat einen Schirm in der Hand, den sie zweckzuentfremden nicht abgeneigt scheint, um sich Nachdruck zu verschaffen. Abstand halten! Unangenehm, diese drängelnde alte Dame, diese evangelische Ur-Tante. Gerne würde man sie ein wenig bemänteln, beschönigen. Was soll das sein, was keift sie herein! Es hänge nicht von den Menschen ab, ob Beten und Glauben weitergehen? Wovon denn sonst, gnädige Frau, beruhigen Sie sich, schauen Sie, nehmen Sie diesen Mundschutz, das schützt sie (und besänftigt auch Ihr Keifen). Schauen Sie hier, ein Video-Stream…  Nein! Sie lässt sich nicht abhalten, durchdrungen geradezu von ihrer Mission.

„Lassen Sie mich in Frieden mit diesem Mundschutz, Sie impertinenter Spund! Hören Sie und lernen Sie! Gemeinde und Glaube und Kirche leben von der Gegenwart Jesu Christi. Nein, nichts da, Sie allerwertester Ritter, das ist nicht abendmahlstheologisch gemeint. Grundsätzlich spreche ich, so grundsätzlich haben Sie noch nie gesprochen! Die Ohren sollen Ihnen schlackern! Busen der Kirche, meiner Seel! Als ginge es um die Kirche. Alles muss man hier einzeln ausbuchstabieren. Allgemein und umfassend spreche ich, hören Sie und staunen Sie, hören Sie und lernen Sie, alles andere betrifft und trägt es, wenn man einsieht: Gemeinde und Glaube und Kirche leben von der Gegenwart Jesu Christi. Hören Sie auf, Luther zum Rotieren zu bringen, der wird noch wirr in seinem Wittenberger Grab. Was für eine Absurdität, sich Sorgen um die Zukunft der Kirche, der Gemeinde zu machen. Kleingläubige! Schlangenbrut!“

Die keifenden Urtante hat recht. Sie neigt aber doch zur Übertreibung, hat zu sehr Recht? Ihr das allerletzte Wort zu überlassen, widerstrebt mir. Lieber schließe ich mit Dietrich Bonhoeffer.

Gegen Ende des Briefes, den ich oben zitiert habe, schreibt er en passant einen Satz, der es in sich hat. Auf den ersten Blick wirkt der Satz wie eine Warnung, ein Ruf zur Umkehr und zur Buße. Ich vermute aber, es könnte sich in Wirklichkeit um eine Verheißung handeln, um einen festen Stand für die Hoffnung. Bonhoeffer schreibt: „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig.“ (DBW 8,408). – Und man weiß ja, dass es Gott in der Jenseitigkeit nicht hält; Gott drängt damit mitten ins Leben hinein.