Perspektivwechsel

Aktham Suliman beschreibt eine arabische Sicht auf die Konflikte im nahen und mittleren Osten. Dabei fordert er die Leser heraus, ihre Perspektive neu zu justieren.

Immer wieder der Islamische Staat (IS), Krieg und Elend in Syrien, Sanktionen arabischer Länder gegen Katar und wiederkehrend, ewig andauernd der Nahost-Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Die Region zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean, der nahe und mittlere Osten, bestimmt auch in diesem Sommer die Schlagzeilen.

Besonders durch den Anstieg der Flüchtlingszahlen seit 2015 sind die Konflikte von dort hier neu ins Bewusstsein geraten. Doch vielleicht ist ja gerade dieses Bewusstsein Teil des Problems. Konflikte des nahen und mittleren Ostens werden in Europa erst bewusst wahrgenommen, wenn deren Auswirkungen uns direkt betreffen. Wie aber stellt sich die Lage aus Sicht eines Arabers dar, der sich den Luxus der Verdrängung nicht gönnen kann?

Nichts Neues unter der Sonne

Aktham Suliman, bis 2012 al-Dschasira-Korrespondent, beschreibt in seinem Buch „Krieg und Chaos in Nahost – Eine arabische Sicht“ einen großen Bogen vom zweiten Golfkrieg 1991 bis in die unmittelbare Gegenwart. Es hängt alles mit allem zusammen bzw. die Probleme begannen eben nicht erst mit dem Aufkommen des IS oder mit dem Irak-Krieg 2003.

Ebensowenig haben die letzten Jahre Neuerungen auf den Feldern der Kriegslist, der Kriegsberichterstattung und, leider, des westlichen Umgangs mit den Konflikten in der unmittelbaren kontinentalen Nachbarschaft gebracht. Suliman gelingt es nachvollziehbar nachzuweisen, dass sowohl Form als auch Inhalt gegenwärtiger Konflikte seit langem usus sind.

Als Journalist weist der Autor immer wieder auf Probleme der Berichterstattung hin. Wie funktioniert unser westlicher Blick? Mit welchen Mechanismen lässt sich die westliche Öffentlichkeit – die in ihrer Mehrheit keinen der Kriege wollte, die in den Jahren seit der Wende geführt wurden – für Kriegsbeteiligungen gewinnen? Wie verbreitet sich das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen?

Sulimans Einsichten dazu leuchten ein, wenn sie auch – aus naheliegenden Gründen – schwer verdaulich sind. Den Perspektivwechsel wagen, bedeutet auch, liebgewordene Erklärmuster in Frage zu stellen. Vor allem regt Suliman an, die Konflikte des nahen und mittleren Ostens nicht immerzu isoliert durch die Nachrichtenbrille zu betrachten, sondern sie im Zusammenhang zu sehen.

Schon der alttestamentarische Prediger wusste: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Und so ist mancher Krieg nur ein Wiederaufguss unbearbeiteter Konflikte, deren Lösung wir nicht näher kommen, ohne den Blick aus der anderen Richtung zu riskieren.

Der Blick des Anderen

So fremd ist die andere Perspektive auch nicht. Am Narrativ, der Westen contra die Muslime bzw. Araber, wird bewusst gearbeitet, mit zum Teil abstrusen Folgen, die der Autor aus eigener biographischer Erfahrung, zuerst als Student und dann als Journalist in Deutschland, offenlegt.

Man muss es auch aushalten können, dass der andere Blick des Autors andere Schwerpunkte setzt. So geht es im Buch schlussendlich nur am Rande um den Nahost-Konflikt zwischen Palästinensern und Israel. Eine ausgiebige Beschäftigung damit hätte den Zeitrahmen ab 1991 allerdings auch gesprengt. Und, innerhalb einer arabischen Sicht erfahren sowohl die Türkei als auch der Iran keine umfassende „kritische Würdigung“.

Im Zentrum des Interesses liegt viel mehr der Irak mit seinen vielen Kriegen und zunehmend das Heimatland des Autors, Syrien. Dieser Kernregion, mit ihren Konflikten, die in die angrenzenden Staaten und Regionen überschwappen, widmet sich der Autor ausführlich. Dabei gräbt er Ereignisse und Zusammenhänge aus, die selbst dem interessierten Beobachter entgangen bzw. ins Dunkel des Vergessens gerutscht sind.

Starker Narrativ

Suliman wehrt sich, mit Fakten und einem süffigen Schreibstil bewaffnet, gegen den Narrativ eines Westens, der – überspitzt formuliert – engelsgleich einschwebt, um die Konflikte der Araber zu einem für alle Seiten guten Ende zu führen. Um diese Kritik wertzuschätzen, muss man ihm nicht auf seinem letzten Gedankengang folgen, auf dem er die Realität eines längst begonnenen 3. Weltkrieges zu beweisen sucht.

Am Ende enspringt das (Nicht-)Handeln des Westens weder Dumm- noch Bosheit, sondern konkreten Machtinteressen vor allem Seitens der Vereinigten Staaten. Gegner in diesem Großkonflikt sei vor allem Russland, und Arabien der Schauplatz dieses seit über 20 Jahren andauernden Großkonflikts. Klingt erst einmal überspannt und über die Evidenz des von Suliman Geschilderten muss sich jeder Leser sein eigenes Bild machen – als Gedankenquirl ist auch diese Passage des Buches gut geeignet.

Wahrer Dialog

In einem Kapitel des Buches schildert Suliman die Schwierigkeiten des allgegenwärtigen Dialogs, egal ob er nun als Dialog der Kulturen, als interreligiöses Gespräch oder historische Debatte einhergeht. Laut Suliman führt(e) der Westen diesen Dialog mit den Falschen, d.h. mit längst Überzeugten oder mit zweifelhaften Gestalten oder mit Herrschern, die zwar aus der Perspektive des westlichen Machterhalts opportun erscheinen, ihre eigenen Völker aber knechten und ganz und gar nicht „lupenreine Demokraten“ sind.

Sulimans Buch ist darum auch eine Aufforderung, sich der eigenen westlichen Werte bewusst zu werden und eine konsequent an ihnen orientierte Politik des Westens einzufordern. Denn ein Dilemma ist ganz offensichtlich: Die Differenz zwischen dem, was im Westen über die Menschen, Konflikte und Kriege im nahen und mittleren Osten gedacht wird, und dem tatsächlichen Handeln der westlichen Demokratien. Dann wird sicher nicht von heute auf morgen alles gut zwischen Mittelmeer und Golfküste, aber besser könnte es schon werden.

Wahrer Dialog beginnt damit, sich wirklich konträre Meinungen anzuhören, sie zu bedenken, den eigenen Resonanzraum zu verlassen. Aktham Suliman hat dazu das Buch der Stunde geschrieben.

(Dem Autor wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt.)


Krieg und Chaos in Nahost –
Eine arabische Sicht
Aktham Suliman
Nomen-Verlag
232 Seiten
17,90 €

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