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Foto: Johannes Plenio (Unsplash)

Pfingsten ist nicht der Geburtstag der Kirche

Pfingsten ist das Fest der Ausgießung des Geistes, der weht, wo er will, und das Fest derjenigen, die wir auch heute häufig nicht als Teil der Kirche wahrnehmen.

Pfingsten naht und in den Zeitungen des Landes, in Pressemitteilungen der Kirchen sowie in digitalen und analogen Verkündigungsformaten heißt es wieder, Pfingsten sei der Geburtstag der Kirche. Es ist ja auch zu einfach, der eigenen Unsicherheit ob der Auslegung der Ausgießung des Geistes damit abzuhelfen, stattdessen über einen Geburtstag der Kirche zu sprechen. Manchmal ist dann sogar von unserer Kirche die Rede: „An Pfingsten feiern Christen den Geburtstag ihrer Kirche.“ Nein!

Natürlich muss es irgendwann einmal begonnen haben, woraus sich bis heute die Vielfalt der christlichen Kirchen entwickelt hat. Irgendwann nach Jesu Tod. Zu Ostern vielleicht, nach der Himmelfahrt und warum dann eigentlich nicht zu Pfingsten? Solche Terminierungen laufen unter Ausblendung aller historischen Verwerfungen, die heutige Kirche steht dann zur Jesusgemeinde des Pfingstens aus der Apostelgeschichte in ungebrochener Kontinuität. Ja, sogar in Kongruenz.

Das erste Pfingsten

Doch die Jünger*innen Jesu versammelten sich zum Fest Schawuot in Jerusalem und folgten dem üblichen — jüdischen — Festablauf. Das von Lukas im 2. Kapitel der Apostelgeschichte erzählte Pfingstwunder ist eine spätere Erzählung darüber, wie aus der Verzagtheit der Jünger*innen Glaubenseifer für die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen wurde und wie die Verkündigung über Jerusalem hinaus auch auf andere Regionen (Phrygien und Pamphylien usw.) übergriff und weitere Personenkreise erreichte (Diasporajuden und dann auch Heiden).

Schon eher hat die „Pfingstpredigt“ der Apostel, von der Lukas ebenfalls schreibt, wohl einen Ort in der Geschichte — traten doch die Christusgläubigen regelmäßig auch im Tempel und in den Synagogen auf. Daran entzündeten sich in der Frühzeit der Jerusalemer Gemeinde auch Konflikte mit der Mehrheitsgesellschaft jener Juden, die in Jesus aus Nazareth eben nicht den Messias sahen.

Die Ausgießung des Geistes

Ein Schlüssel zum Verständnis des tatsächlichen Pfingstwunders könnte daher Gerd Theißens These vom Gruppenmessianismus sein, der unter den Jesusleuten geherrscht habe. Im Zentrum der jungen Christus-Bewegung stand demnach nicht Jesus als messianische Gestalt, sondern das anbrechende Reich Gottes.

Ob sich Jesus selbst als Messias gesehen hat, wer weiß? Ganz sicher aber hat er seine Sendung nicht exklusiv verstanden, sondern sie mit seinen Jünger*innen geteilt. Weil sich die Nachfolger*innen Jesu als „messianisches Kollektiv“ wahrnahmen, „konnte nach Theißen die Jesusbewegung die Katastrophe des Karfreitag überdauern, und es konnte aus ihr Kirche entstehen.“

Das Konzept des Gruppenmessianismus birgt noch weitere Impulse, die für die Gestaltung von Kirche von grundlegender Bedeutung sind. Denn es bedeutet eine radikale Demokratisierung von Messiaserwartung und damit eine Aufwertung und Ermächtigung all der Frauen, Männer und Kinder, die sich auf die jesuanische Vision der neuen Welt Gottes eingelassen hatten.*

Pfingsten markiert also aus gutem Grund den — nicht nur kirchenjahrestechnischen — Übergang von der (vornehmlichen) Wirksamkeit Jesu zur Wirksamkeit seiner Gemeinde. Dafür ist die Ausgießung des Geistes ein mächtiges Symbol.

Die „ersten Christen“ in Jerusalem feierten kein christliches Pfingstfest. Christ*innen haben weder Pfingsten, noch Gottes Geist erfunden. Ihre jüdische Geschichte begann lange vor dem Tage, da sich die Jesus-Nachfolger*innen zum ersten Mal Christus-Leute nannten. Wer vom „Geburtstag der Kirche“ redet, läuft Gefahr die jüdische Herkunft des christlichen Glaubens unsichtbar zu machen, als ob es sich beim ersten Pfingsten um einen Evangelisierungs-Kongress gehandelt hätte.

Der jungen Christus-Bewegung fehlte, das wissen wir heute, zum „Kirche-Sein“ nicht nur ein eigener Kultus und eine von der Synagoge unterschiedene Sozialgestalt, sondern vor allem das Selbstverständnis als von Tempel, Synogoge – also vom Judentum – unabhängigen Religionsformation. Das verdeutlicht nicht zuletzt die Geschichte des christlichen Pfingstfestes selbst, das wohl erst im vierten Jahrhundert als solches gefeiert wurde.

Das Fest des Geistes

Es bleibt daher unsinnig, zu behaupten, zu Pfingsten würden wir den Geburtstag der Kirche feiern. Ärgerlich ist es vor allem deshalb, weil damit viel zu häufig nicht die Ermächtigung der vormals Nicht-Gemeinten und das freie Walten des Geistes gemeint ist. Vielmehr wird suggeriert, dass sich Nachfolge Christi in den bestehenden Formen und Hierarchien der Kirche abzuspielen hat, weil nur dort der Geist zu finden sei, der Jesus und seine Jünger*innen verbunden hat.

Wir können auch über Kirche reden, ohne sie vor allem als Institution zu betrachten, könnte man gegen mein Verdikt einwenden. Stimmt natürlich. Und nicht wenige Prediger*innen nutzen das Pfingstfest sicher dazu, unsere Kirchen aus der Perspektive der biblischen Texte und des unverfügbaren Geistwirkens Gottes heraus zu kritisieren. Genau dazu passt es eben nicht, das dritte große Fest des Kirchenjahres zu einer selbstbezüglichen Geburtstagsparty zu degradieren.

Es mag widersprüchlich klingen, aber ich meine, dass die Kirchen Pfingsten freigeben müssen, um es als Fest der Kirche wiederzuentdecken. Denn es ist das Fest des Geistes, der weht, wo er will, und das Fest derjenigen, die wir auch heute allzu häufig nicht als Teil der Kirche wahrnehmen.


* aus Sabine Bieberstein: „Gemeinde, Kirche, Amt“ in „Neues Testament. Zentrale Themen“, Lukas Bormann (Hg.), 2014, Neukirchener Verlagsgesellschaft