Mehr als eine neue Playlist?
Das neue Evangelische Gesangbuch sollte ein analoges und digitales Gesangbuch für das 21. Jahrhundert werden. Wie schaut es nach der Erprobungsphase damit aus?
Das Evangelische Gesangbuch! Papiergewordener Hort des geordneten Gesangsprotestantismus, Arbeitsbuch des liturgisch experimentierenden Hauskreises und Quell der Inspiration für die Spontan-Andacht im Büro. Oder so. Verklären sollte man das liebevoll und platzsparend mit „EG“ abgekürzte Büchlein mit 900 Liedern, Psalmen und Gebeten – je nach Regionalausgabe auch mehr oder weniger – nicht, selbst wenn geschätzt 90 Prozent der Lieder im klassischen Sonntagsgottesdienst aus diesem Musikschatz stammen.
Denn das EG ist längst nicht das einzige Liederbuch, das in der evangelischen Kirche im Einsatz ist. Während der Sonntagsgottesdienst meist aus dem EG bestritten wird, greift die Evangelische Jugend häufig zu „Durch Hohes und Tiefes“, dem Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinden (ESG), der Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) zum Liederbock und Doppelbock oder beide zu einer der ungezähligen regionalen Liedersammlungen in Kleinausgaben.
Anderswo sind die in vielen Ausgaben erschienenen „Feiert Jesus“-Liederbücher im Einsatz. Gospelchöre singen aus zusammenkopierten eigenen Mappen, in der Taizé-Andacht am Mittwochabend sind sowieso andere Gesänge angesagt und bei besonderen Gottesdiensten werden die ausgewählten Lieder des Hochzeitspaares ohnehin aus allen möglichen Quellen auf den Liedzettel kopiert.
Welche Lieder wir singen, in Text, Stil, Begleitung und Vielstimmigkeit, hängt von Anlass, Stimmung, Planung, Vorlieben, Können und Gewohnheit ab. Liedgut ist nicht statisch und sollte es auch nicht sein. Insofern war die Entscheidung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das EG zu aktualisieren, nur konsequent.
„Vielfalt geistlicher Stimmungen und Prägungen“
In den „Leitlinien für ein neues Gesangbuch in der evangelischen Kirche – gedruckt und digital“, beschlossen im März 2022, hielt der Rat fest, wozu das Gesangbuch dienen soll: „In der Vielfalt geistlicher Stimmungen und Prägungen weckt es Freude am Glauben und an der Musik der Kirche.“ Damit das gelingen kann, müsse die Sammlung und Gesamtmenge an Liedvorschlägen evangelische Vielfalt abbilden. Daher braucht es eine Aktualisierung der Auswahl, die digital verfügbar sein und auf Papier gedruckt in den Kirchen liegen soll.
Gleichzeitig war schon beim Start klar, dass das gedruckte Buch nie allen Wünschen gerecht werden kann. Dazu ist der Platz auf Papier zu begrenzt: Muss für jedes Worship-Lied ein Choral weichen, für jedes Neue Geistliche Lied ein alter Kanon?
Daher war es nur konsequent, in der ursprünglichen Planung als Basis des neuen EG eine kuratierte Datenbank von Liedern vorzusehen, die „kontinuierlich erweitert und verändert werden kann, aber auch intensiver Pflege bedarf“. Die gedruckte Fassung des EG sollte mit einer kleineren Auswahl die evangelische Einheit der Gottesdienstpflege sicherstellen, während die digitale Version die digitale Vielstimmigkeit abbilden sollte. Wie steht es heute, im Frühjahr 2026, um dieses Vorhaben?
Die Fortsetzung des Buches mit anderen Mitteln
Nachdem ein Erprobungsband mit wenigen Kapiteln, aber im Layout des neuen Gesangbuchs von Advent 2025 bis Ende März 2026 in rund 550 Gemeinden in der praktischen Erprobung war, hat die Kirchenkonferenz der EKD im März 2026 eine „Vorläufige Liederliste“ beschlossen. Auf dieser Liste stehen insgesamt 1.203 Lieder, die alle im digitalen Gesangbuch verfügbar sein werden. 697 von ihnen sollen zusätzlich auch im gemeinsamen Teil des neuen EG („Stammteil“) gedruckt werden.
Die jetzt vorliegende Liste wird noch einmal überprüft und erst im Frühjahr 2027 endgültig beschlossen. Vor allem sollen die Erkenntnisse aus der Erprobungsphase einfließen, obwohl der Erprobungsband (digital wie analog) nur einen Bruchteil des Umfangs des EG umfasste. Die Lieder der verschiedenen Regionalteile sind nicht Teil dieser Liste und kommen noch dazu. Fertig gedruckt und verteilt soll das neue Gesangbuch übrigens im Advent 2028 sein.
Über die inhaltliche Auswahl lässt sich je nach Geschmack natürlich ganz evangelisch versiert streiten, aber insgesamt ist für jede Spiritualität und Musikalität was dabei. Die Erweiterung der Möglichkeiten durch den größeren Raum im Digitalen ist gelungen.
Allerdings haben es sich die verschiedenen Gremien der EKD – von Synode über Kirchenkonferenz bis zum Projektbüro und der Steuerungsgruppe – das Leben dabei erstaunlich schwer gemacht. Wenn die digitale Datenbank wirklich das führende System sein soll, hätten die Macher*innen die Erweiterungen des Kanons einfach zusätzlich zum bestehenden Liedgut einbringen können. Theoretisch müsste kein Lied aus der verfügbaren Vielfalt rausfliegen, abgesehen von denen, die eine Neubewertung der Verbindung von Werk und Autor*in nicht bestehen, wenn der Fachbeirat auf Themen wie Unterstützung totalitärer Regime, Täter sexualisierter Gewalt oder rassistische Sprachbilder blickt.
Die Praxis des neuen EG, wie sie sich aktuell im Mai 2026 präsentiert, wirkt aber so, als wäre der ganze Prozess in der Logik des gedruckten Buches verhaftet. Das digitale Element, das in der ursprünglichen Leitlinie noch ganz vorne stand, präsentiert sich derzeit leider nur als Fortsetzung des Buches mit anderen Mitteln.

„Zeit für eine neue Playlist“: Werbung der EKD für das neue Gesangbuch
E-Paper und gedruckte Liederzettel
Was unter gesangbuch.de als digitale Option derzeit zu finden ist, dient nur der Gestaltung von Liedblättern oder Beamer-Präsentationen. Da geht zwar einiges, mit komfortablen Möglichkeiten zur Strophenauswahl, zum Kopieren in Textdokumente, Transponieren von Akkorden zur Gitarrenbegleitung und Formatanpassungen, aber das Endergebnis ist auch nur eine andere Darstellung gedruckter Inhalte.
Die zugehörige App liefert nur eine Darstellung als E-Paper, jedenfalls in der Vorschau. Tiefer einsteigen geht derzeit nicht, denn der Kauf des Erprobungsbandes für 7,79 € scheitert auf Android auch nach mehreren Versuchen, obwohl er laut Angaben in der App bis Advent 2028 gekauft werden kann. Das spiegeln auch die (wenigen) Rezensionen im Google-Play-Store wieder.
Die mangelnde Aufmerksamkeit, die dem digitalen Erscheinungsbild des EG offenbar gewidmet wird, macht sich auch daran bemerkbar, dass die App in den FAQ auf der zugehörigen Webseite mitsingen.de aktuell mit folgendem Text beworben wird: „2. E-Paper Version des Erprobungsbands: Zeitgleich mit der Auslieferung der Erprobungsbände ist es möglich den Erprobungsband als E-Paper über die App -APPNAME STEHT NOCH NICHT- für den Preis von -PREIS STEHT NOCH NICHT (CA. 9 EURO)- zu erwerben.“ (sic!)
Dabei ist mitsingen.de als Begleitangebot zum Entdecken und Lernen der Lieder im EG grundsätzlich eine gute Idee. Als Webseite kann sie trotzdem nur das widerspiegeln, was im Quellmaterial vorhanden ist. Auch hier begegnet uns die Fortsetzung des Buches mit anderen Mitteln, wenn man die Hinweise unter dem Punkt „Begleiten“ liest. Dort wird nämlich beschrieben, welche Begleitbücher für verschiedene Instrumente noch in Arbeit sind.
Digitalisierung nur als Anhängsel?
Als gelegentlicher Lagerfeuer- und Andachtsgitarrist interessiert mich daran natürlich vor allem, wie die Lieder zum Lernen erschlossen werden sollen. Schön, dass es Leadsheets, Griffbilder, Bandpatterns und Picking-Patterns geben wird. Versprochen wird dort auch, dass dieses Material „hauptsächlich für die digitale Nutzung konzipiert“ werden wird. Sollte das jedoch nur in der gleichen Form wie die E-Paper-App geschehen, springt die Initiative zu kurz.
Denn von möglichen App-Funktionalitäten wie mitscrollenden Texten in einstellbarer Geschwindigkeit, Akkord-Symbolen, die in passenden Rhythmen aufleuchten, um die Gitarrenbegleitung schneller zu lernen, oder automatisch generierter Melodien der einzelnen Stimmen zum notenfreien Lernen neuer Lieder ist nirgendwo die Rede. Solche wirklich digitalen Optionen könnte man jetzt schon für das bestehende Gesangbuch schaffen und dann das Liedgut in Datenbank und App nach und nach flexibel erweitern. Auch die vielen Möglichkeiten zu barrierearmen Darstellungen, die digital umsetzbar wären, sind derzeit nirgendwo erkennbar.
Die Logik, in der sich das neue Evangelische Gesangbuch aktuell präsentiert, ist immer noch die Arbeit an einem linearen Kanon, der ein abgeschlossenes Werk sein will und in einem Buch mit digitalem Anhang kulminiert. Ein wirklich digitales EG böte gleichwohl nicht nur die Chance, das EG neuen Nutzer:innen und für die Arbeit in Ensembles und Gruppen innovativ zu erschließen, sondern auch einen Ausweg aus den immer gleichen Kanon-Diskussionen.
Hält die jetzige Planung, wird der Entstehungsprozess des neuen EG mehr als zehn Jahre gedauert haben: Vom allerersten Ratsbeschluss der EKD im Jahr 2017 bis zur geplanten Drucklegung 2028. Digital wäre deutlich mehr drin gewesen – und das kann auch alles noch kommen! Sollte es auch, wenn das EG tatsächlich Freude am Glauben und an den Liedern der Kirche wecken soll. Dafür muss das gedruckte Buch aber die zweite Geige spielen. Von diesem Weg ist man unterwegs offenbar leider abgekommen.
Aus der Arbeit der Gesangbuchkommission berichtete hier in der Eule Jonah Klee: „Ein Bericht aus der Testküche“.
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