„Riss in Stein“
Eine neue Ausstellung in der Stadtkirche Wittenberg soll sich dem antisemitischen Bild an ihrer Fassade und der Geschichte der christlichen Judenfeindschaft widmen. Kehrt damit endlich Frieden in den Streit um die Schmähplastik ein?
Gut Ding will Weile haben? Vor fast vier Jahren, kurz vor dem Reformationstag 2022, hatte der Gemeindekirchenrat der Stadtkirche in Lutherstadt Wittenberg entgegen einem Votum einer Expertenkommission entschieden, die antisemitische Schmähplastik (sog. „Judensau“) an der Fassade der einstmaligen Predigtkirche Martin Luthers zu belassen (wir berichteten). Vorausgegangen war eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH), die den Verbleib des „in Stein gemeißelter Antisemitismus“ nur deshalb gestattete, weil die Plastik seit 1988 im Kontext einer „Stätte der Mahnung“ steht (wir berichteten).
Im November 2026 soll nun nach langer Vorarbeit eine neue Ausstellung zur christlichen Judenfeindschaft in der Stadtkirche zu Wittenberg eröffnet werden, für die jetzt auch ein Titel gefunden ist: „Riss in Stein“. Die Ausstellung ist ein Kompromiss unterschiedlicher Akteur:innen, die darüber gestritten hatten, ob die Plastik von der Fassade entfernt werden soll und was mit ihr im Anschluss geschehen sollte. Wird sie den Streit um die antisemitische und gotteslästerliche Plastik langfristig befrieden?
Wie vom Gemeindekirchenrat und vielen Wittenberger:innen gewünscht, verbleibt die Schmähplastik ebenso wie das bestehende Mahnmal an Ort und Stelle (s. „Ortsbegehung“ mit Fotos vom August 2022), wird nun jedoch durch eine ausführliche Ausstellung vor Ort kontextualisiert. „Die Ausstellung wird den Riss in der Geschichte thematisieren, der durch die über Jahrhunderte hinweg anhaltende christliche Judenfeindschaft gewachsen ist“, erklärt Christoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, gegenüber der Eule.
Die Akademie mit Sitz in Wittenberg ist an der Konzeption und Durchführung der Ausstellung beteiligt. Maier betont: „Wir stellen nicht die Schmähplastik an sich aus, sondern stellen uns der christlichen Judenfeindschaft bei Martin Luther und in unserer Geschichte.“
Ein Teil der Kirche
Für die Dauerausstellung in der rund 70 m2 großen Sakristei der Stadtkirche soll ein Ausstellungsmöbel mit Audio- und Videostationen, Texten und Bildern installiert werden. Teil des Angebots sollen auch zwei Filme sein, die in die Geschichte der christlichen Judenfeindschaft und die des Reliefs an der Außenwand der Kirche einführen. In die Ausstellung selbst soll auch eine große Fotografie der Schmähplastik integriert werden, die jedoch in einer Truhe verwahrt werden soll, die von Besucher:innen der Ausstellung bewusst geöffnet werden muss.
Damit setzt sich das Konzept auch vom Vorschlag zur Ausstellung der Schmähplastik ab, wie er im Jahr 2022 für den Fall ihrer Abnahme von der Kirchenfassade von Expert:innen unterbreitet wurde. Die Expertenkommission hatte eine Ausstellung des Objekts „in unmittelbarer Nähe“ der Stadtkirche empfohlen, im Blick war ein leerstehendes Ladenlokal am Marktplatz der Lutherstadt. Der Antisemitismusbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa, hatte die Verhüllung der Plastik und eine künstlerische Auseinandersetzung gefordert, um sich „am gesamten so oft haarsträubend antijüdischem Bildprogramm ab[zu]arbeiten“ (s. Eule-Interview vom 31. Oktober 2022).
Für den Verbleib an der Fassade hingegen war nicht nur die Mehrheit des Gemeindekirchenrates der Stadtkirchengemeinde, sondern auch die Deutsche Unesco-Kommission eingetreten. Die Stadtkirche gehört als Luthergedenkstätte zum Unesco-Weltkulturerbe. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte sich die Entfernung der Plastik von der Fassade gewünscht. Nach den Entscheidungen des BGH und Gemeindeskirchenrates für deren Verbleib im Herbst 2022 erklärte er, man müsse nun die angekündigte „Weiterentwicklung der Mahnstätte“ abwarten.
„Unsere Ausstellung ist nicht einfach ein weiteres touristisches Angebot im Rahmen des Weltkulturerbes,“ erklärt Akademiedirektor Maier das Konzept der neuen Ausstellung, „sondern ein Bildungsangebot zur ‚Stätte der Mahnung‘, das alle Besucherinnen und Besucher der Stadtkirche, Gruppen und Schulklassen zum Nachdenken einlädt“. Die Ausstellung soll in das bestehende Wegekonzept in und um die Stadtkirche eingebaut werden und wird zu den üblichen Öffnungszeiten der Kirche zugänglich sein.
Am Mahnmal unterhalb der Plastik soll Hinweis auf die Ausstellung im Inneren der Kirche angebracht werden, inklusive eines QR-Codes, der zu den digitalen Inhalten führt – alle Materialien der Ausstellung inklusive der Filme sollen online und damit auch außerhalb der Öffnungszeiten Interessierten zur Verfügung stehen.

Konzept des Ausstellungsmöbels (Bild: KOCMOC exhibitions / Ev. Akademie Sachsen-Anhalt)
Ein „Bildungs- und Arbeitsort“ im Zentrum des Reformationsgedenkens
Im Zentrum des Konzepts der Ausstellung steht laut Akademiedirektor Maier die Bildungsarbeit mit Gruppen und vor allem jungen Menschen. In Wittenberg hat sich dazu ein Team mit Expertise aus antisemitismuskritischer Bildungsarbeit, gemeindepädagogischer Praxis und Theologie gebildet, das die Arbeit an und mit der Ausstellung verantwortet. An der Finanzierung beteiligt sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit 100.000 Euro. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, unterstützt die Arbeit mit 200.000 Euro aus seinem Etat.
Antisemitische Darstellungen sind derzeit in Medien und Öffentlichkeit vermehrt präsent: Durch „KI“-Bilder und in extremistischer Propaganda werden antisemitische Motive weiterverbreitet. Seit Ausbruch des Iran-Krieges verbreitet zum Beispiel das iranische Regime auf TikTok & Co. Kurzvideos mit eindeutig antisemitischen Codes, die sich unter Kriegsgegnern weltweit erstaunlicher Beliebtheit erfreuen, weil sie mit ihrer „LEGO-Optik“ anschlussfähig an die Sehgewohnheiten junger Menschen sind. Die Gefahr lauert aber auch vor der eigenen Haustür: Der Aufschwung der rechtsradikalen AfD wird in Deutschland seit Jahren von einer Welle von rechtsextremer Gewalt und Propaganda begleitet und verstärkt, in der antisemitische und antimuslimische Ressentiments reaktiviert und verbreitet werden.
„Natürlich spielt für unsere konzeptionelle und pädagogische Arbeit eine Rolle, dass auch heute Gruppenstereotype verbreitet und Feindmarkierungen vorgenommen werden, die im europäischen Antisemitismus wurzeln“, erklärt Akademiedirektor Maier. Die Ausstellung solle dafür sensibilisieren, „indem sie unser eigenes christliches Erbe kritisch aufschließt.“ Die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt selbst wolle „die Ausstellung langfristig mit pädagogischer und theologischer Expertise begleiten und zu einem wertvollen Bildungsort entwickeln“. Die Projektkoordination durch die Akademie wird bisher aus dem Haushalt des Landes Sachsen-Anhalt gefördert.
Im März 2027 soll an der Akademie in Wittenberg eine Fach- und Netzwerktagung stattfinden. Sie richtet sich insbesondere an Menschen aus Kirchgemeinden, die vor der Herausforderung stehen, einen konstruktiv-kritischen Umgang mit antisemitischen Darstellungen in und an ihren Kirchen zu finden – denn antisemitische Darstellungen finden sich nicht allein in Wittenberg an christlichen Gotteshäusern.

Blick in die Sakristei der Stadtkirche zu Wittenberg mit Ausstellungsmöbel (Konzept, Bild: KOCMOC exhibitions / Ev. Akademie Sachsen-Anhalt)
Weiterdenken ohne Skandalisierung?
Wenn der ambitionierte Zeitplan eingehalten wird, werden Besucher:innen der Lutherstadt ab dem 10. November vor Ort selbst überprüfen können, ob die neue Ausstellung wirklich eine gelungene Weiterentwicklung des Gedenkortes unter der Schmähplastik ist – und zu einer dauerhaften Befriedung des Streits um die Schmähplastik beiträgt.
Die Chancen dafür stehen laut dem Kulturbeauftragten des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen, gut: „Ich halte es für eine gute Idee, den bereits mehrfach veränderten Mahnort durch einen Bildungs- und Arbeitsort zu ergänzen“, sagt er gegenüber der Eule. „Auf diese Weise zum Nachdenken anzuregen, scheint mir die bessere Lösung zu sein, als die Plastik zu verhüllen oder zu verstecken.“
Die Schmähplastik an sich bleibt ein Stein des Anstoßes auch im jüdisch-christlichen Dialog. Die „Stätte der Mahnung“ und die neue Ausstellung machen den Skandal christlicher Judenfeindschaft nicht unsichtbar, sondern wollen ihn konstruktiv bearbeiten. Die Schmähplastik und die Auseinandersetzung mit dem lutherischen Judenhass erhalten konkrete Orte in der Wittenberger Altstadt, die in ihrer Gesamtheit ein Denkmal und Lernort des Protestantismus ist. Reicht das?
Für den EKD-Kulturbeauftragten Claussen steht fest: „Jedes Vorhaben, die Plastik zu kontextualisieren, muss von einer fortlaufenden Skandalisierung Abstand nehmen, wenn es dauerhaft Erfolg haben soll. Mit dem neuen Konzept einer auf Bildung abzielenden Ausstellung an der ‚Stätte der Mahnung‘ wird das hoffentlich gelingen.“
Offenlegung: Im Jahr 2023 kooperierte Die Eule mit der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt für das Projekt „WIDERSTAND! Dorothee Sölle & der Osten“ zum 20. Todestag der Theologin Dorothee Sölle. Das Projekt wurde vom Land Sachsen-Anhalt gefördert.
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