Kultur

Soundtrack der Reformation – Die „Lutheran Symphonix“

Christian Sprenger intoniert Reformationslieder neu in Orchesterfantasien, den Lutheran Symphonix. Die CD wurde unter seiner Leitung von der Staatskapelle Weimar und dem Kammerchor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar eingespielt.

Tiefe Streicher bringen mein Wohnzimmer zum Beben, während eine klare Fanfare von der Pauke ertönt. Hinzu kommen die tiefen Blechbläser, verstärken den Unterchor. Als dann Flöte und Klarinette, untermalt von Harfe und im Aufbau verstärkt durch den restlichen Holzbläserchor, hinführen zur Fanfare des gesamten Orchesters und instrumental eingesetzten Chores.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich regelrecht einen Kinovorspann vor mir: Eine leichte Einführung in den Film mit einer ruhigen Landschaft, Kindern die mit fliegenden Bändern durch die Felder tollen. Da kommt der Held des Films ins Bild, reitet Staub aufwirbelnd an der Kamera vorbei und die Kamera folgt in ihrer Führung dem Reiter, während der auf sein Abenteuer zureitet. Der Titel wird eingeblendet, die Namen der Hauptdarsteller, der des Regisseurs wird eingeblendet.

Soundtrack einer Heldengeschichte

Der Held hat den Ort seines Abenteuers erreicht (in meinem Kopf ist es ein Mantel- und Degenfilm). Mittelalterliches Treiben in der Stadt, Durcheinander, Trunkenbolde, hübsche Maiden am Stoffekaufen. Der Held ist von seinem Ross abgestiegen, führt es durch die Stadt, läuft an großen Bauwerken vorbei, deren Größe durch Voll- und Detailaufnahmen eingeblendet werden, sein Ziel hat er fest im Blick.

Und da, der Cantus Firmus in den Hörnern: Nun danket alle Gott! Aufruf und Aufforderung und die einzelnen Orchesterstimmen antworten, loben und danken; Streicher, Holzbläser, Fanfare in den Blechbläsern, tonaler Chor – jede Instrumentengruppe lobt und dankt auf die je eigene Art, auskomponiert in ihrer Zartheit, in ihrem vollen Klang, bis zuletzt alle einsteigen in eine Steigerung hin zur auskomponierten Strophe für den Chor. Das Orchester als Begleitung mit Oberstimme für die Trompete ist vertraut barock geführt. Bis es wieder übergeht in einen fulminanten Abspann. Der Held hat sein Abenteuer gemeistert und reitet ins Abendrot.

Größe und Fulminanz

Das ist die erste Nummer von 12 auf der CD „Lutheran Symphonix – Orchestral Fantasies on Protestant Chorales“ unter der Leitung von Christian Sprenger. (Es erschließt sich mir nicht, warum der Titel englisch gewählt ist.) Die Staatskapelle Weimar und der Kammerchor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar musizieren seine eigenen Kompositionen.

Spätestens seit Disneys „Fantasia“ wird versucht, klassische Musik anhand von Bildern vertrauter zu machen. Die Kompositionen von John Williams, Hans Zimmer, James Horner, James Newton Howard, etc. taten ihr Übriges. Man muss sie nur hören und es fliegen Fahrräder oder Raumschiffe durch den Kopf, Dinosaurier schreiten über grüne weite Flächen, der von Delfinen umspielte Bug eines großen Dampfschiffes bricht durch Wellen.

Vergleichbare Bilder löst auch der Hörgenuss dieser CD aus. Christian Sprenger ist also in der Lage ein ganz neues Stilmittel in der Musik einzusetzen: Nicht Bilder in der Musik zu gestalten, sondern durch die Musik Bilder im Kopf zu formen. Er schafft es durch Klang Emotionen zu wecken und damit den Inhalt der Lieder ins Herz zu bilden.

Eine Kunst, die nur bedingt gelingt.

Zum Ende der 57 Minuten Gesamtspiellänge ist kein einziges Stück mehr greifbar, das sich herauskristallisieren lässt, von dem man sagen kann: Ja, das klang so und so und das hat mir besonders gut gefallen. Am Ende fühl ich mich wie nach zu viel Lobpreis.

Obwohl einzelne Fantasien auch Frage und Zweifel wiedergeben, so finden alle Stücke doch ihren Tief- und Höhepunkt in Größe und Fulminanz, die am Ende einfach nur noch gleich klingt. Nicht ohne Grund sind es also die epischen Filme, die einem da vor dem Auge flimmern, während man diese Werke hört.

Cantus Firmus

Da hätte es sicher mehr als einmal gutgetan, den Cantus Firmus in den Instrumenten nicht nur anzudeuten, sondern voll auszuspielen. Da ist die Fantasie ein bisschen zu sehr Fantasie geworden, wenn man einzelne Stücke erst erkennt, wenn der Chor einsetzt und das eigentliche Lied sing. An dem Punkt muss ich Anna-Barbara Schmidt, der Co-Autorin des Booklets widersprechen.

Wenn die Melodielinie des Gesangbuchliedes als solches im Ganzen erklingt und das Orchester nur noch Begleitung des Chores ist, dann ist das kein Cantus Firmus mehr. Mag sein, dass ich da etwas kritischer mit umgehe, weil ich, was Gesangbuchfantasien angeht, nun mal geprägt bin von Orgelfantasien, sei es in erster Linie von Bach oder Reger.

Emotional hat mich diese Aufnahme auf jeden Fall mitgerissen und da kann ich auch die Auswahl des Covers verstehen – ein Apfelbaum. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“, soll Luther gesagt haben. Zu einem solch gepflanzten Apfelbäumchen darf man dann auch diese CD zählen. Jedes Lied für sich pflanzt ein eigenes Apfelbäumchen, aus dem am Ende doch ein großer reifer Baum werden kann. Und irgendwann macht zu viel Apfel dann halt doch satt.


Lutheran Symphonix
Orchestral Fantasies on Protestant Chorales
Christian Sprenger, Staatskapelle Weimar, Kammerchor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar
Genuin
57 Minuten
18,90 €