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Foto: JESHOOTS.COM (Unsplash)

Standpunkte zur konfessionellen Publizistik

Braucht die Kirche eine zentralisierte Kommunikationsstrategie? Und welche Rolle spielt dabei eine vitale, unabhängige Publizistik zu Kirchen- und Religionsthemen?

In der Rubrik „Standpunkt“ veröffentlicht katholisch.de Kommentare von vielfältigen Stimmen aus der katholischen Welt. Mit solchen Kommentar-Spalten wollen fast alle Medien die Aufmerksamkeit für ihr Produkt anheizen, denn Meinung klickt gut und sorgt für Aufregung. Die Eule nimmt immer wieder „Standpunkt“-Kommentare in die „Links am Tag des Herrn“ (#LaTdH) auf, weil in der Rubrik nicht selten andere Perspektiven auf das Geschehen in der katholischen Kirche formuliert werden.

Als Kommentar-Randspalte ist der „Standpunkt“ ein Journalist*innen-Medium, es schreiben vor allem Redakteur*innen katholischer Zeitschriften. Gestern war Albrecht von Croy dran, Mitherausgeber von theo – das katholische Magazin. In seinem Beitrag befasst er sich mit dem Vertrauensverlust, den die katholische Kirche durchleidet.

„Das Vertrauen der Deutschen in die katholische Kirche ist auf einem absoluten Tiefstand angekommen, 14 Prozent schenken ihr noch Glauben, immerhin noch 36 Prozent dagegen der evangelischen Kirche“, fasst Croy das Ergebnis des „Institutionen-Rankings“ des Meinungsinstituts Forsa zusammen. Und Croy hat auch Lösungsvorschläge im Gepäck:

Die katholische Kirche brauche endlich eine zentrale Kommunikationsstrategie und eine „katholischen Publizistik, die diesen Namen verdient“. Beide Vorschläge stehen, wenn nicht im Widerspruch, doch in einem Spannungsverhältnis zueinander.

Croy stößt vor allem der vielstimmige „Bischofs-Chor, der, ungeführt von einer zentralen Kommunikationsstrategie, lauter dissonante Lieder singt“ auf, der die mediale Aufarbeitung vor allem der Missbrauchsfälle begleitet. Auf evangelischer Seite gebe es hingegen „wenigstens so etwas wie eine abgestimmte Kommunikation, dort gibt es Sprachregelungen“.

Angesichts des Umfangs des Missbrauchs und der Vertuschungen, den die MHG-Studie offengelegt hat, ist eine geordnete Kommunikation vielleicht nicht das drängendste Problem, sondern das Abstellen der zugrundeliegenden Probleme. Ohne dieses Engagement verkommt jede Kommunikationsreform zur Kosmetik. Trotzdem lohnt es sich, über Albrechts von Croys „Standpunkt“ zur konfessionellen Publizistik nachzudenken.

Evangelische Vielfalt

Denn es ist schon eine spannende Wahrnehmung, die Croy hier vorträgt: Für „die“ Evangelische Kirche spricht in der Öffentlichkeit qua Berufung jede*r einzelne Christ*in – in der Realität hat in den Medien gerade noch so das Wort des Ratsvorsitzenden der EKD Gewicht. Zwischen der sinnfälligen Ausnutzung dieses Umstands und der reformatorischen Kirchenlehre gibt es einen tiefen Graben, der in der Praxis nur mit situativen Kompromissen überwunden werden kann.

In jedem Fall ist die Kommunikationsstrategie der Evangelen eben nicht strategisch, sondern – wie anderswo auch – geprägt durch spontane Nützlichkeitserwägungen und persönliche Präferenzen. Der Zuschnitt auf das leitende geistliche Personal ergibt sich nicht allein aus der Notwendigkeit des Medienbetriebs, sondern ist zurückgebunden an die Vorlieben der konkreten Amtsträger. Auch evangerlischerseits sprechen vor allem diejenigen, die man lässt.

Jede Zentralisierung der Kommunikation wird in den evangelischen Kirchen nicht allein mit Rückgriff auf reformatorische Anliegen wie das Priestertum aller Getauften kritisiert, sondern auch aus konkreten Machtinteressen der in der evangelischen Vielfalt reichlich vorhandenen, nebeneinander wurschtelnden Institutionen und Ämter. Der Ratsvorsitzende ist eben nicht der „EKD-Chef“ oder gar der „höchste Protestant“. Auch wenn das von vielen Medien immer wieder behauptet wird.

Im Katholizismus entfaltet sich die Vielstimmigkeit immer im Blick auf die Zentrale, setzt sich also immer selbst in Beziehung zum Lehramt, das – anders als bei den Protestanten – vor allem von einer einzigen Person symbolisiert wird. Darum darf der Ruf Albrecht von Croys nach mehr Zentralisierung durchaus verwundern, denn die römischen Katholiken haben ja sehr wohl eine starke kommunikative Zentrale: Papst Franziskus in Rom.

Was Croy aber wohl vorschwebt, ist so etwas wie eine nationale Medienstrategie der deutschen Bistümer. Eine Nationalkirche aber gibt es nicht – in beiderlei Konfessionen wohlbemerkt. Was die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) verabredet, das muss in einzelnen Bistümern keinen Bestand haben, wie zuletzt die Einladung konfessionsverschiedener Ehepaare zur Eucharistie und die divergierende Haltung einiger Bischöfe zum „Synodalen Weg“ gezeigt haben.

Wer eine zentralisierte Kommunikationsstrategie will, der fordert implizit eine einheitliche Haltung zu kirchen- und weltpolitischen Themen ein. Das wäre zutiefst undemokratisch und selbst für die hierarchisch organisierte römisch-katholische Kirche ein herber Rückschlag.

Konfessionelle Publizistik am Scheideweg

Der Ruf nach mehr zentraler Steuerung will auch nicht so recht zu Croys zweiter Forderung nach einer „katholischen Publizistik, die diesen Namen verdient“ passen. Es sei denn, er verstünde darunter eine schlagkräftige PR-Haubitze im Dienste der Kirchenhierarchie. Croy beklagt zugleich die Gleichgültigkeit der Bischöfe gegenüber unabhängigen katholischen Medien. Sollte er damit, außer seinem eigenen Magazin, Medien wie kath.net meinen?

Die katholische Publizistik in Deutschland ist vielfältig, jedenfalls deutlich vielstimmiger als ihr evangelisches Pendant. Ja, es gibt keine große katholische Tageszeitung mehr und von den häufig kirchenfinanzierten Fachzeitschriften abgesehen haben es konfessionelle Medien auf dem  Zeitschriften- und Zeitungsmarkt schwer. Croys theo kommt gerade noch auf 6 000 gedruckte Exemplare, wovon 3 500 verkauft und 1 200 an Abonnent*innen versandt werden.

Die Kirchenzeitungen der Bistümer und Landeskirchen leiden darunter, dass ihre Zielgruppe wegstirbt und jüngere Leser*innen den Kontakt zu den vielen kleinen konfessionellen Medienmarken nie gefunden haben. Einige von ihnen werden jetzt schon zusammengelegt und geschlossen – die katholischen Bistümer gehen dabei vorweg. Aber auch evangelischerseits wird kaum eines der Blätter mit dem aktuellen Vertriebs- und Redaktionsmodell das Ende des Jahrzehnts erleben.

Man tröstet sich dort wie hier mit großen Kirchen-Medienmarken wie Chrismon, die ausweislich der eigenen Unternehmenskommunikation Erfolge um Erfolge einfahren, ihre Reichweite aber vor allem den schrumpfenden Tageszeitungen verdanken, mit denen sie als kostenfreie Beilagen in die Haushalte geschickt werden. Von der allzu gefälligen Gestaltung und inhaltlichen Konzeption kirchlicher Zeitschriften, die stetig zwischen Kirchen-PR und Journalismus changieren, gar nicht erst zu sprechen.

Was das Geschäft vermiest, ist nicht die Vielfalt, sondern die Gleichförmigkeit des Angebots. In vielen Kirchenzeitungen finden die Leser*innen die gleichen KNA– oder epd-Meldungen, die sie tags zuvor in der Tageszeitung oder online lesen konnten. Das setzt sich im Netz fort:

Zwei starke kirchliche Medienmarken wie domradio.de (Erzbistum Köln) und evangelisch.de (GEP) bringen im Abstand weniger Stunden den gleichen Text zur Zukunft der evangelischen Kirchen. Wem ist damit gedient, außer den kirchenfinanzierten Nachrichtenagenturen, die auf diesem Weg wiederum aus Kirchenmitteln zwei Mal für ihre Inhalte bezahlt werden? Auch die Online-Kirchenmedien sind klickgetrieben. Gerade bei den Herausgebern in den Bistümern wird darauf geachtet, dass man etwas für sein Geld bekommt.

Qualität statt Masse

Ihre Stärke haben beide Kirchen vor allem in ihren Nachrichtenagenturen, die fast alle Medien des Landes mit qualitativ hochwertigen Inhalten versorgen. Damit leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag zur demokratischen Öffentlichkeit, auch wenn das für die Kirchen selbst nur wenig austrägt. Und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn sie, wie auf katholisch.de, selbst ein reichweitenstarkes Nachrichtenmagazin unterhalten. katholisch.de füllt die Lücke, die regionale Kirchenzeitung bei der Kirchennachrichten-Versorgung vieler katholischer Christ*innen offen lassen.

Eine solche Zentralisierung bedeutet im Übrigen, dass man dort von allem etwas findet und auch im Streit oder zur kirchenamtlichen Lehre quer liegende katholische Positionen zu Wort kommen. Unter den von Albrecht von Croy erwähnten „unabhängigen“ katholischen Medienmachern hat sich darum für katholisch.de die Chiffre „häretisch.de“ eingebürgert.

In der Blogozese, in der Tagespost und bei kath.net und EWTN/CNA wird der offiziellen Kirchen-PR reichlich kontra gegeben. Weil die Medien sich verkaufen müssen, nicht selten ohne Rücksicht auf journalistische Standards. Es ist auch nicht so, wie Croy insinuiert, dass diese Medien vom Episkopat ignoriert würden. Der Kölner Erzbischof Woelki und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer bespielen diese Medien selbstverständlich, letzterer gibt selbst noch der Hetzplattform kath.net Interviews. Von der Riege der Emeriti ganz zu schweigen, die in den genannten Medien verlässliche Partner bei ihren kirchenpolitischen Interventionen finden.

Es stellt sich die Frage, ob die Kakophonie der Herren Brandmüller, Burke, Müller & Co. in den „unabhängigen“ katholischen Medien, nicht Croys anderer Forderung nach einer zentralen Kommunikationsstrategie zuwiderläuft? „Unabhängigkeit“ bedeutet bei katholischen Medien keineswegs immer, dass sie von Kirchenfinanzen und -Hierarchen unabhängig agieren, sondern nicht selten, dass sie frei von Fakten und jenseits des publizistischen Anstands ihre eigene Agenda verfolgen. Diese Agenda ist traditionalistisch, klerikal und politisch rechts.

Eine christliche Publizistik, die ihren Namen verdient

Sollte Croy tatsächlich an diese Medien gedacht haben, wenn er von einer Publizistik schreibt, „die diesen Namen verdient“? Oder hat er dabei an Medien wie die alt-ehrwürdige Publik-Forum gedacht, die tatsächlich unabhängig und qualitätsvoll berichtet und kommentiert? An feinschwarz.net, das zwischen Wissenschaftskommunikation und Feuilleton tänzelnd im Netz eine größere Leser*innenschaft im deutschsprachigen Raum erreicht? Beide verdanken ihren Erfolg doch gerade dem Umstand, dass man in ihnen keine zentralisierte Kirchen-PR findet.

Den unabhängigen Medien, die sich mit Kirchen- und Religionsthemen befassen, wie es auch Die Eule tut, ist jedenfalls mit Albrecht von Croys Vorschlägen nicht gedient. Die christliche Publizistik steht oder fällt mit der Frage, ob unabhängige journalistische Medien eine ausreichend große Zahl zahlender Leser*innen finden. Zentralisierung, Markthörigkeit und die Aufgabe journalistischer Standards sind dabei der falsche Weg.

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