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Foto: Netflix

Stranger than Fiction: Die zwei Päpste

Kann die Netflix-Inszenierung der Beziehung zwischen Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus noch mit der vatikanischen Realität mithalten? Über den Katholizismus als Schauspiel.

Hannibal Lecter und High Sparrow spazieren durch den Garten der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Es ist allein der Bekanntheit der beiden Hauptdarsteller Anthony Hopkins und Jonathan Pryce zu verdanken, dass man der Inszenierung des Miteinanders zweier Päpste in der Netflix-Produktion „Die zwei Päpste“ nicht vollends aufsitzt. Denn zwischendurch erinnert man beide in anderen Rollen, mit denen sie weltweit Bekanntheit erlangten.

„Die zwei Päpste“ ist kein Dokumentarfilm, das wird in diesen Tagen wieder einmal klar. Der Spielfilm schildert das Nacheinander zweier Päpste, die sehr unterschiedlich sind. Der eine verschanzt sich in seiner eigenen Welt, während der andere die Welt umarmen will. „Die zwei Päpste“ zeigt die Geschichte einer Männerfreundschaft.

Zum Schluss, am Anfang des Pontifikats Franziskus‘, sitzen die beiden vorm Fernseher und schauen das WM-Finale 2014. Diese Szene und andere, die von Vertrautheit, gegenseitigem Interesse und tiefem Respekt zwischen den beiden Kirchenmännern erzählen, nehmen reichlich künstlerische Freiheit für sich in Anspruch.

Rund um das Papsttum ranken sich allerhand Mythen, und dieser Film fügt ein, zwei kleinere hinzu. „Die zwei Päpste“ ist eindeutig staged, inszeniert, auf der Bühne des Films begegnen sich zwei Weltsichten, zwei Theologien, personifiziert in zwei Menschen. Hier wird passend gemacht, was in Realität nicht zueinander passen will, aber doch zusammen gehört.

Gute Freunde kann niemand trennen

Wie am Sonntag bekannt wurde, mischt Joseph Ratzinger sich in einem neuen Buch, das der emeritierte Papst gemeinsam mit Kardinal Robert Sarah verfasst hat, erneut in die aktuelle Kirchenpolitik ein. Er warnt davor, den Zölibat zu reformieren.

Benedikts Warnung ergibt nur im Kontext der gerade absolvierten Amazonas-Synode Sinn und ist deshalb brisant, weil hier nicht einfach irgendein Theologe spricht – sei es auch ein besonders guter, wie seine Anhänger stetig betonen -, sondern eben der „Papst emeritus“, der bei seinem Rücktritt ein zurückgezogenes Leben in Gebet und Schweigen angekündigt hatte. Sein Versprechen hat der ehemalige Bischof von Rom bereits mehrfach gebrochen.

Weniger schwer ins Gewicht fallen die semi-öffentlichen Auftritte Benedikts in den Medien. Ohnehin haben diese in den vergangenen Jahren abgenommen, da Ratzinger in Folge seines hohen Alters nur schwer gehen und sprechen kann. Journalist*innen des Bayerischen Rundfunks schätzten sich darum besonders glücklich, zur Jahreswende einen intimen Blick in das Leben des zurückgetretenen Papstes werfen zu können.

Dieser Blick enthüllt einen sehr alten Mann, für den andere sprechen. Allen voran Erzbischof Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses und Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI.. Gänswein betont, geistig wäre Ratzinger immer noch brillant. Doch stellt sich die Frage, ob und warum er noch immer motiviert ist, sich in öffentliche Debatten einzumischen. Dass er dazu der Hilfe Dritter bedarf, steht außer Frage. Deshalb fallen seine schriftstellerischen Einwürfe durchaus ins Gewicht.

Vorsicht ist geboten: Auch die wenigen öffentlichen Auftritte Benedikts sind inszeniert. Egal, ob er sich freiwillig auf die Bühne begibt oder – und so hat es in den vergangenen Tagen immer mehr den Anschein – auf die Bühne des katholischen Welttheaters gezerrt wird. Die Dramaturgie wird von anderen Menschen bestimmt, Akteuren mit eigenen kirchenpolitischen Interessen.

Voreiliger Jubel, zwei Päpste schauen Fußball. Foto: Netflix

Zwei Päpste im Widerspruch?

Am Ende der Amazonas-Synode hat der Vatikan ein nachsynodales Schreiben von Papst Franziskus angekündigt, das einige Ergebnisse der Synode fixieren soll. Bis dahin sind alle Diskussionen über die Auslegung der Beratungen im Grunde Spekulationen: Wird sich Papst Franziskus für die Weihe von viri probati aussprechen – wenn auch nur in enggefassten pastoralen Ausnahmesituationen wie im Amazonas-Gebiet?

Dass sich Benedikt also ausgerechnet jetzt zu Wort meldet, ist eine klare Einmischung. Sollte sich Franziskus für Ausnahmeregeln aussprechen, würde damit öffentlich dokumentiert, dass beide Päpste im Widerspruch zueinander stehen. Für eine Kirche, die sich der immerwährenden Kontinuität der Lehre und des Lehramts brüstet, eine heftige Herausforderung.

Darum darf es nicht verwundern, dass der Vatikan jeden Eindruck eines Streits der Päpste vermeiden will. Andrea Tornielli, ehemaliger Journalist und Chefkommunikator des Vatikans (hier in der Eule), meldete sich am Montag in einem Editorial zu Wort. Tornielli verkündet, Sarah und der emeritierte Papst schrieben in Übereinstimmung mit Franziskus, der sich in der Vergangenheit immer wieder zum Zölibat bekannt habe.

Keine Inszenierung funktioniert ohne ein Publikum, das das Bühnengeschehen simultan interpretiert. Tornielli korrigiert das Bild, das sich einige Liberale von Franziskus gemacht haben. Er ist kein Vorreiter struktureller Reformen, vielmehr geht es ihm um einen anderen, spirituellen Zugang zu den Problemen der Kirche und im Speziellen zu denen der Gläubigen im Amazonas-Gebiet. Darum stellt Tornielli den Willen des Papstes in den Vordergrund, man möge sich doch auch mit den sozialen und umweltpolitischen Fragestellungen der Synode beschäftigen.

Team Benedikt

Stimmen die beiden Päpste auch heute noch in ihrer Haltung zum Zölibat überein? Dürfen die Liberalen auf Franziskus hoffen? Klar ist wenigstens, dass Franziskus Benedikt die Publikation seiner Gedanken nicht verbieten kann. Vielmehr müsste sich Ratzinger selbst solcher Interventionen enthalten, wenn das Bild je eines „kontemplativen“ und eines „aktiven“ Papstes, wie es Erzbischof Gänswein in einer originellen Interpretation des Rücktritts Ratzingers malte, stimmig bleiben soll.

Traditionalistische Kreise in der Weltkirche um die Kardinäle Burke und Müller dürfen sich jedenfalls in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Für die liberalen Reformer nicht zuletzt in Deutschland ist das Buch und die nachgereichte Zustimmung Franziskus‘ jedenfalls keine gute Nachricht.

Dabei hätte man es gut belassen können, wenn im Vatikan kommunikativ alle an einem Strang zögen. Doch gibt es scheinbar mehrere Personen, die sich zur Regie in diesem Drama berufen fühlen: Offensichtlich hat jemand im Umfeld Ratzingers kalte Füße bekommen, als deutlich wurde, dass in der Öffentlichkeit das Bild eines Streits zwischen den beiden Päpsten entstand. Deshalb wurde lanciert, Sarah habe das Buch ohne Genehmigung Benedikts herausgegeben. Benedikts Anteile seien nur für den internen Gebrauch gedacht gewesen.

Kardinal Sarah wiederum beeilte sich daraufhin Briefe Benedikts vorzuzeigen, die eine Kooperation der beiden beweisen. Den Vorwurf der Lüge, der aus dem Umfeld Benedikts erhoben wurde, wolle er nicht auf sich sitzen lassen. Handelt es sich bei der ganzen Angelegenheit gar nicht um ein großes Drama, sondern einfach nur um Schmierentheater?

Entmythologisierung des Papstamtes

Steht der römischen Weltkirche ein Schisma bevor, in dem sich die Truppen um ihren je gewünschten Papst scharen? Nein, aber die Autorität des Papstes steht in Frage. Bedarf es eines Machtwortes? Damit würde sich Franziskus selbst widersprechen, legt er doch seit Beginn seines Pontifikats gesteigerten Wert auf Kollegialität und Synodalität.

Es ist vielmehr damit zu rechnen, dass der „Papst vom Ende der Welt“ auch diesen Streit aussitzen wird. Denn anders als ihn die Netflix-Produktion „Die zwei Päpste“ darstellt, ist Franziskus auch ein gewiefter Kirchenpolitiker. Er weiß, dass er durch lauten Widerspruch seinen Gegnern nur Legitimität verleiht.

Papst Benedikt XVI. vertraut sich Kardinal Bergoglio an. Foto: Netflix

Franziskus weiß auch, dass sich die Frage der zwei Päpste eher früher als später  lösen wird. Bis dahin zertrümmert das Nebeneinander der zwei Päpste manche Illusion über die Heiligkeit des Papstamtes. Wer hat das beabsichtigt? In einer Schlüsselszene von „Die zwei Päpste“ warnt Bergoglio Benedikt vor dem Rücktritt, er würde das Ende des Papsttums bedeuten. Oder kommt die Entmythologisierung des Papstamtes vielmehr Franziskus gerade recht, der eine arme Kirche propagiert?

„Im Theater hat jahrhundertelang die Tendenz geherrscht, den Schauspieler weit entfernt auf eine Plattform zu stellen, umrahmt, dekoriert, beleuchtet, angemalt, in hohen Schuhen – als wollte man die Unwissenden überreden helfen, dass er heilig, dass seine Kunst geheiligt sei.“

So beschreibt der Theaterregisseur Peter Brook das vormoderne Theater in „Der leere Raum“. Und er fragt:

„War das ein Ausdruck der Verehrung? Oder steckte dahinter die Angst, dass etwas bloßgestellt werden könnte, wenn das Licht zu hell, die Begegnung zu nahe war?“

„Die zwei Päpste“ verehrt beide Protagonisten und belässt sie in ihrer Dekoration. Der Film hängt, schon allein aus dramaturgischen Gründen, der vormodernen Sicht an, Geschichte werde von großen Männern gemacht. Als Avatare für ihre jeweiligen Positionen müssen sowohl Ratzinger als auch Bergoglio Buße tun und als Geläuterte weitergehen. Das ist die klassische Heldenreise, die niemanden ohne Absolution zurücklässt.

Der Film konstruiert das Bild eines amtsmüden und von den Realitäten des Missbrauchs in der Kirche überwältigten Benedikts, der sich von seinem Nachfolger Reformen erhofft, für die er selbst weder Kraft, noch Überzeugung finden konnte. Das ist tröstlich anzusehen und bestätigt den Narrativ einer sich doch immer zum Guten wendenden (Kirchen-)Geschichte.

Im Welttheater des Katholizismus wird gerne auf Nuancen geachtet. Es werden Fortschritte beschworen, wo nur Formulierungen angepasst werden. Das Schauspiel will uns vorgaukeln, auf der Bühne geschähe tatsächlich etwas. Doch wir sehen nur die Bühnenarbeiter Kulissen verschieben.

„Heute ist der ganze Schwindel entlarvt. Aber wir entdecken von neuem, dass ein heiliges Theater immer noch das ist, was wir brauchen. Wo sollen wir es also suchen? In den Wolken oder auf dem Boden?“

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