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Foto: Simon Maage (Unsplash)

The Kids Are All Right

Auf der EKD-Synode wird über den Glauben junger Menschen nachgedacht. Eine neue Studie liefert dazu beunruhigende Zahlen. Was ist dran?

Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurde gestern im Rahmen des Schwerpunkthemas „Glaube junger Menschen“ eine neue Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI-EKD) (PDF) vorgestellt, die sich mit der Lebenswelt junger Erwachsener (19 – 27 Jahre) beschäftigt. Die Studie trägt den programmatischen Titel: „Was mein Leben bestimmt? Ich!“.

Im Anschluss an die Veröffentlichung einiger Zahlen aus der Erhebung entspann sich auf der Synode und in den Sozialen Netzwerken eine Diskussion über Herausforderungen „im Umgang mit der Jugend“. Zahlreiche Medien nahmen die Studie auf und berichteten in teils alarmiertem Ton über #diejungenLeute.

Zwar gehören noch 61 Prozent der jungen Menschen einer der großen Kirchen an, […]. Aber nur noch 19 Prozent bezeichnen sich als religiös. Gott oder die Kirchengemeinde spielen für rund 5 Prozent noch eine Rolle. Die größte Bedeutung räumen die […] befragten 19- bis 27-Jährigen sich selber, Familie, Freunden und Kollegen ein. (*)

Jugend ohne Gott?

Die neuen Zahlen allerdings bieten wenig Anlass zur Aufregung. Sie sollten im Kontext anderer Erhebungen, mit Rücksicht auf die biographische Situation der Teilnehmer_innen und im Blick auf die engen Grenzen der Befragung selbst gelesen werden.

Für die Studie wurden „4 Fokusgruppen mit je 6 bis 8 Teilnehmern in Leipzig und Frankfurt“ untersucht, je zwei Gruppen aus städtischem Umfeld und aus dem ländlichen Raum. Die Teilnehmer_innen waren alle konfirmiert und gehören der Gruppe der „freundlich Distanzierten“ an. Außerdem wurde eine Onlinebefragung von 1 000 Personen durchgeführt. Das ist schon ein recht schmaler Ausschnitt der Lebenswirklichkeit junger Erwachsener in diesem Land.

Die EKD selbst teilte gestern auf Twitter eine ansprechende Infografik (s. Abb.), die Ergebnisse einer weitaus umfassenderen Untersuchung präsentiert (Friedrich Schweitzer u.a.: Jugend – Glaube – Religion, Münster 2018). Darin geben zwar auch „nur“ 22 % der Befragten an, „religiös“ zu sein, 41 % allerdings bezeichnen sich als „gläubig“. Das schaut auf den ersten Blick widersprüchlich aus, ist allerdings der Zielgruppe der Befragung geschuldet. Die Münsteraner Untersuchung beschäftigt sich mit Jugendlichen im Religions- und Ethikunterricht, da lernt man ja erst, dass „Religion“, „Glaube“ etc. je Definitionssache sind.

Ebenda finden sich so erstaunliche Ergebnisse wie, dass 92 % der Jugendlichen sich fragen, was nach dem Tod kommt. Eine Beobachtung, die ich aus der Praxis von FSJ-/BFD-Seminaren bestätigen kann. Überhaupt scheinen die großen Themen des Lebens nach Liebe, Zugehörigkeit, Lebensanfang- und -ende junge Menschen sehr zu beschäftigen. In den Hintergrund treten demgegenüber Fragen der moralischen Lebensgestaltung, also klassiche Themen einer stark konfessionellen kirchlichen Jugendarbeit. Dort wo ihre Fragen tatsächlich gestellt und diskutiert werden, fühlen sich Jugendliche wohl.

Die Hälfte der Befragten traut der Kirche allerdings Antworten auf die Fragen nicht zu, die sie bewegen. Vielleicht die gleichen 50 % meinen, Glaube hätte für sie mit Kirche nichts zu tun. Doch: Fast zwei Drittel der Befragten finden es gut, dass es die Kirche gibt. Das sind alles Ergebnisse, die sich mit denen der Shell-Jugendstudien decken, die landläufig als guter Markstein gelten und auch in der Jugendarbeit der Kirchen breit rezipiert werden.

Freiheit, die ich meine

Die neuen Zahlen des SI-EKD widersprechen diesen Erkenntnissen nicht unbedingt, durch den Fokus auf die Gruppe der 19- bis 27jährigen ergeben sich aber interessante Abweichungen. Nirgendwann sonst im Leben ist frau/mann so frei wie in diesem Alter. Die Unabhängigkeit vom Elternhaus wird erprobt, in der Familie und Schule Gelerntes wird geprüft oder vergessen, eigene Wege werden eingeschlagen. Familiäre und berufliche Zwänge treten jedenfalls etwas zurück. Fragen nach der eigenen beruflichen, sozialen und familiären Zukunft werden im Verlauf dieses Lebensjahrzehnts erst beantwortet.

Klar, dass Kirche da gerne dabei wäre! Ein Ergebnis zahlreicher Studien kann beruhigen: Konfirmierte Jugendliche, die sich in der Evangelischen Jugend engagiert haben, sind überdurchschnittlich für die Fragen des Lebens sensibilisiert und auch in anderen Bereichen hochengagiert. Auch wenn sich dieses gesellschaftliche Engagement nicht mehr auf klassisch kirchliche Kontexte beschränkt. Die Begleitung während der Kindheit und Pubertät durch christliche Ansprechpartner in Familie und Gemeinde scheint zu wirken.

Junge Erwachsene mit Kirchenbiographie sind gut auf die Herausforderungen des neuen Lebensabschnitts vorbereitet, jedenfalls besser als Jugendliche, denen sich nicht so ausführlich gewidmet wurde. Dass sie nun eigene Wege gehen, die in den 20ern des Lebens eben nur selten hinter Kirchenmauern führen, kann man getrost auch als Ausdruck einer – vielleicht unreflektierten – Ausübung der eigenen evangelischen Freiheit verstehen.

Was Kirche nicht muss

Auf der Synode und im Alltag der Kirche sind immer wieder Forderungen zu hören, man müsse Jugendlichen und jungen Erwachsen jetzt einmal gründlich erklären, worum es beim christlichen Glauben und Kirche „eigentlich“ geht. Wenn es dabei darum geht, die großen Fragen des Lebens aufzunehmen und „auf Augenhöhe“ – eine evangelische Lieblingsphrase – zu diskutieren, ist dem nur zuzustimmen. Wenn damit eine Rückkehr zur evangelischen Unterweisung gemeint sein sollte oder eine reichlich katholische bzw. evangelikale Überbetonung gerade der moralischen Fragen, von denen #diejungenLeute zu Recht meinen, sie wohl besser unabhängig beantworten zu können, dann eher nicht.

Bemerkenswert ist doch, dass die von der Vorbereitungskommission vorgelegten Thesen zum Glauben junger Menschen, die auf der Synode diskutiert wurden, erst vor Ort um das für junge Menschen überproportional wichtige (politische) Engagement für Klimaschutz, Demokratie und Flüchtlinge ergänzt werden mussten.

Die Kirche ist in Sorge, wie es gelingen kann, junge Menschen anzusprechen. Sie begreift sich als unter Zugzwang, diese Alterskohorte nicht vollständig aus dem Blick geraten zu lassen. Dagegen muss doch etwas getan werden! Dabei geht es ihr auch um die eigene Zukunft. Das merkt man. Nicht zuletzt am panischen Unterton, der sich gelegentlich einschleicht.

Muss das sein? Muss Kirche sofort in den Modus der Aktivität fallen? Klar, für Jugendarbeit jenseits der Konfirmation, auch für frühkindliche Begleitung und für Gemeindebildung jenseits des Religionsunterrichts darf gerne mehr Geld in die Hand genommen werden. Zum Beispiel für die flächendeckende Einstellung von Gemeindepädagog_innen, deren Expertise der pfarrerzentrierten Kirche in vielen Regionen abhanden gekommen ist. Pfarrer_innen können und müssen eben nicht alles. Darum scheint eine Beschäftigung mit dem evangelischen Thema „Beruf“ auch mit einem deutliche Blick auf die Gestaltung kirchlicher Berufe nötig.

„Zieht in Frieden eure Pfade!“

Aber vielleicht ist gerade für die Altersgruppe der 19- bis 27jährigen eine Kirche gar nicht mal so wichtig, die sie anzusprechen versucht und daran verzweifelt, sondern eine Kirche, die in den wirklich schwierigen und frohen, hohen und tiefen Momenten des Lebens ansprechbar ist. Die Kirche soll sich nicht passiv verhalten, aber sie muss auch nicht zwanghaft den aktiven Part in diesem Beziehungsgeschehen spielen.

Von einer ansprechbaren Kirche für junge Erwachsene sind wir noch ein gutes Stück weit entfernt. Die Arbeit der Evangelischen Studierendengemeinden gehört auf den Prüfstand und Angebote für junge Menschen, die weder Kinder sind noch haben, braucht es dort wo diese Menschen leben auch in „normalen“ Gemeinden. Eigentlich würde es schon reichen, wenn regionale Schwerpunktgemeinden dieser hochmobilen und vernetzten Generation die Türen öffnen. Zur Ansprechbarkeit gehört auch, dass ich mein Smartphone in die Hand nehmen kann, und Teil der einen Kirche bin. Ansprechbarkeit bedeutet vor allem, als Menschen zur Verfügung zu stehen, als Ansprechpartner und an Rückzugsorten.

Jugendliche und junge Erwachsene bilden heute Ressourcen aus, von denen Vorgängergenerationen nur haben träumen können. Sie genießen eine große Freiheit. Das sei ihnen gegönnt. Der Kirche aber sollte man raten, mehr und heftiger zu vertrauen: Den jungen Leuten, die sich in ihr engagieren wollen. Und denjenigen, die sich – vielleicht nur auf Zeit – von der Kirche verabschieden. Häufig genug haben Christ_innen ihnen längst mitgegeben, was sie zum Leben brauchen.

Die Kirche kann in das alte Kirchenlied „Zieht in Frieden eure Pfade!“ getrost einstimmen. Was sich in ihr gelegentlich Bahn bricht, ist nicht so sehr ehrliche Sorge um #diejungenLeute, sondern der Phantomschmerz der Alten. The kids are all right.

Ein Kommentar zum Artikel

Krümmer

„In den Hintergrund treten demgegenüber Fragen der moralischen Lebensgestaltung, also klassiche Themen einer stark konfessionellen kirchlichen Jugendarbeit. “
Ich würde mir ja wünschen, evangelikal nicht mit konfessionell gleichzusetzen. Denn die sind ja überaus häufig dafür, dass Konfessionsgrenzen eigentlich völlig egal sind. Klassischen Konfessionsgrenzen ist die Moral nicht so wichtig, sondern eher das Bekenntnis/Dogmatik.

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