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Ukraine-Krieg: Ökumene mit dem Kriegstreiber?

Kann es eine Ökumene mit der Russisch-Orthodoxen Kirche geben, solange sie den verbrecherischen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine unterstützt? Die ökumenische Bewegung am Scheideweg:

In der siebten Woche des Ukraine-Krieges stellen sich den Christen hierzulande Fragen: Wie können sich die Kirchen für Frieden und Verständigung einsetzen? Wie muss sich die ökumenische Zusammenarbeit mit der Russisch-Orthodoxen Kirche im Licht des eskalierenden Krieges in der Ukraine verändern?

Der Patriarch von Moskau, Kyrill I., ist einer der wichtigsten Propagandisten des Putin-Regimes. Er hat seine Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) in die Abhängigkeit von Putins Regierungsmaschine geführt, die wechselseitige Unterstützung hat beiden in den vergangenen Jahren genützt. In der Ukraine, so ist sich Kyrill sicher, verteidige die russische Armee das Christentum gegen „westliche Werte“. Seine Predigten glichen „Kriegsreden, einem Kriegstreiben“, analysiert die Theologin und Orthodoxie-Expertin Regina Elsner im NDR-Podcast „vertikal horizontal“. Die Kathedrale der Streitkräfte, in der Kyrill am 3. April predigte, sei ein „Kriegstempel, eine Kirche, in der die Heldentaten der russischen Armee verehrt werden nicht mehr der christliche Gott und die chritliche Botschaft“.

Über den Ukraine-Krieg spaltet sich die orthodoxe Kirchenwelt weiter: Auslandsgemeinden des Moskauer Patriarchats erklären ihre Unabhängigkeit oder schließen den aktuellen Patriarchen von der Fürbitte im Gottesdienst aus. 18 Bistümer der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats (UOK-MP) haben es ihren Gemeinden freigestellt, Kyrill so ins Gebet einzuschließen, berichtet Elsner. 40 Gemeinden ROK-Gemeinden in der Ukraine seien bereits in die (autokephale) Orthodoxe Kirche der Ukraine übergetreten.

Innerhalb der Orthodoxie sei die ROK inzwischen weitgehend isoliert, zu ihr hielten noch Kirchen wie die Serbisch-Orthodoxe Kirche, analysiert die katholische Theologin. Die Orthodoxie in Serbien ist mit der dortigen nationalistischen Bewegung um den gerade wiedergewählten Präsidenten Aleksandar Vučić verbündet.

Papst Franziskus in der Zwickmühle

Der Ukraine-Krieg ist aber nicht allein ein Fanal für die Spaltungen innerhalb der Orthodoxie, sondern stellt auch das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche und der weltweiten Ökumene auf den Prüfstand.

Papst Franziskus, so wird es immer wieder geschildert, trägt sich mit dem Wunsch nach einer großen Versöhnungsgeste zwischen Rom und Moskau. Ein Ansinnen, das durch den Ukraine-Krieg in weite Ferne gerückt ist. Trotzdem bemüht sich der Vatikan, Gesprächskanäle zur ROK offen zu halten. Das durch die Propaganda-Mangel gedrehte Video-Telefonat von Franziskus und Kyrill zum Beispiel ist wohl auf Wunsch des Moskauer Patriarchen zustande gekommen – ein Vertrauenserweis? Jedenfalls vermeidet es Franziskus direkt auf Putin und den russischen Aggressor zu sprechen zu kommen, obgleich er den „bösartigen Krieg“ verurteilt.

Ökumene: Dialog mit wem?

Auch die ökumenische Bewegung ist durch den Ukraine-Krieg herausgefordert. Vom 31. August bis 8. September 2022 wird in Karlsruhe die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) stattfinden. Angeführt wird der ÖRK gegenwärtig von einem orthodoxen Geistlichen, Ioan Sauca aus der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Doch auch sein Vermittlungsangebot an Kyrill ist zunächst gescheitert.

Die ROK ist Mitglied im ÖRK und soll mit einer eigenen Delegation an der Vollversammlung teilnehmen. Die Eule hat beim ÖRK nachgefragt, ob bei einer fortgesetzten Unterstützung des Krieges durch die ROK eine Ausladung ihrer Delegation von der 11. Vollversammlung oder gar eine Suspendierung der Mitgliedschaft der ROK im ÖRK möglich ist, darauf aber keine Antwort erhalten.

Ähnlich wie bei den Kontakten des Vatikans nach Moskau muss sich auch die ökumenische Bewegung fragen, wem der Austausch unter hochrangigen Delegationen eigentlich mehr nützt: Werden damit dringend notwendige Gesprächsfäden zwischen Christen gehalten oder wertet man so nicht gerade die falschen Kräfte auf? Sollte man nicht stattdessen stärker die progressiven Ränder, Unterströmungen oder auch von der Zentrale verschmähte Theolog:innen unterstützen, die häufig im Ausland tätig sind? Die bisherige Verteidigung der ROK durch Kirchenvertreter wie den EKD-Oberkirchenrat Martin Illert jedenfalls erscheint unter dem Eindruck des russischen Krieges überholt, zynisch und realitätsfremd.

Seit Jahrzehnten bemühen sich die evangelischen Kirchen um einen Dialog auf Augenhöhe mit der Orthodoxie. Ein Bemühen, dass seit jeher durch sprachliche, kulturelle und theologische Unterschiede gehemmt wird. So berichten Theologinnen, die in der Vergangenheit an Dialogforen teilgenommen haben, immer wieder von Missachtung von Frauen durch orthodoxe Gesprächspartner. Eine Abkehr vom Nationalismus und Hinwendung zu einem gemeinsamen Werterahmen ist nicht zu erkennen, trotz intensiven Austauschs auf Kirchenleitungsebene.

Gerade für die deutschen evangelischen Kirchen stellen sich hier wichtige Fragen: Mit nationalistischer Begeisterung und dem Anbiedern an ein verbrecherisches Regime kennt man sich nämlich aus. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis klagte sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland 1947 gegenüber Vertretern des ÖRK selbst an, während der Zeit des Nationalsozialismus „nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt“ zu haben, ließ aber aus, dass man auch für die Falschen gebetet hatte. Wie also heute umgehen mit einem ökumenischen Gesprächspartner, der für Tyrannen betet (z.B. Putin, Assad) und Waffen und Soldaten segnet, die in einem verbrecherischen Angriffskrieg zum Einsatz kommen?

Eine „Ökumene des Hasses“?

Auf was lassen sich deutsche Protestanten und Katholiken ein, wenn sie mit der Russisch-Orthodoxen Kirche gemeinsame Sache machen? Die ROK baut gemeinsam mit ultrakonservativen und rechtsradikalen christlichen Akteuren an ihrer eigenen Ökumene: Einem Netzwerk von Christen und Kirchen, das sich aktiv gegen Minderheiten- und Frauenrechte sowie den Dialog mit dem Islam positioniert. Die „Werte des Westens“ gelten dieser „Ökumene des Hasses“ als gemeinsames Feindbild. Im Rahmen der ökumenischen Bewegung wird auf die Ablehnung von LGBTQI+ und Frauenrechten durch die ROK und andere skeptische Kirchen bisher allzu häufig Rücksicht genommen. Sind „wir“ dann nicht auch Teil einer christlichen Ökumene, die weltweit als reaktionäre Kraft auftritt?

Deutsche Protestanten sind im internationalen Dialog stolz auf Errungenschaften wie ihre liberale Migrationspolitik, das Kirchenasyl und die Frauenordination – obwohl sie allesamt nicht von ihnen erfunden wurden, sondern sich selbst internationalen ökumenischen Kontakten verdanken. Inwieweit stellen diese Errungenschaften Verpflichtungen im Kontakt mit Kirchen dar, die sich theologisch und politisch ganz anders verorten? Gibt es eine Zukunft für die Ökumene mit der Russisch-Orthodoxen Kirche? Fragen, die nicht erst auf der 11. ÖRK-Vollversammlung nach Antworten verlangen.