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Foto: Eric Dillalogue (Flickr), CC BY 2.0

Und nun?

Beile Ratuts Essay „Kompendium des Übermenschen“ ist eine Anklage gegen empathiebefreite Zeitgenossen, die immer nur ihr eigenes Bestes suchen.

Friedrich Nietzsche sah im Übermenschen ein neues Zeitalter der Menschheit anrücken. Für die Lektüre dieses Essays ist ein vorheriges Nietzsche-Studium allerdings nicht von Nöten: Es reicht völlig, „Übermensch“ einfach als einen Menschen zu übersetzen, der sich über andere erhebt, weil es seinen Interessen und seinem Naturell entspricht.

Der Übermensch als Chiffre

Der Begriff Übermensch steht im Essay ohne seine philosophischen Umrüstungen da und daher irgendwie im Weg. Übermensch heißt bei Nietzsche nicht germanischer Herrenmensch, doch kann diese Wirkungsgeschichte nicht einfach ausgeblendet werden. Beile Ratut aber nutzt den Begriff ohne seine Geschichte, einfach als Schablone für ihre Ausführungen.

Ihr „Kompendium des Übermenschen“ ist keine Anleitung zur Übermensch-Werdung, sondern eine Auflistung aller Fehler des und Ärgernisse mit dem Übermenschen. Doch wer ist das eigentlich?

Das Böse in Person

Ratuts Übermensch erscheint als Personifizierung vieler schlechter Eigenschaften des Menschen. Die meisten sind Folge eines in der Tat übermenschlichen Egoismus. Kurz gesagt: Der Übermensch sieht Schöpfung und Mitmenschen als reine Objekte, die er sich zu nutzen machen kann. Seine Welt dreht sich allein um ihn.

Weil Ratut im Übermenschen alles Schlechte des Menschen ins Fleisch gekommen sieht, gerät er ihr im weiteren Verlauf des Texts allzu konturenlos. Irgendwann hatte ich ob der geballten Beschuldigungen fast Mitleid mit ihrem Übermenschen, der für alles herhalten muss.

Der Übermensch ist der Autorin Personifizierung allen Bösens. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass sie gegen Ende des Essays auf das Böse an sich zu sprechen kommt. Es gäbe Menschen, die böse sind, nicht nur böse handelten. Das schränkt naturgemäß die Möglichkeiten eines irgendwie gedeihlichen Umgangs mit dem Übermenschen ein. Bleibt allein der Kampf bis auf’s Blut?

Ratut selbst empfiehlt zum Schluss, sich gepflegt aus dem Weg zu gehen, den Übermenschen links liegen zu lassen. Eine reichlich inkonsequente Haltung: Wenn schon der Übermensch so schlecht ist, wie Ratut den Leser glauben machen will, hat er dann nicht erbitterten Widerstand verdient?

Nach der Lektüre bleiben viele Fragen offen: Woraus speist sich der menschliche Egoismus, der ihn zum übermenschlichen, a-sozialen Handeln treibt? Gibt es den Übermenschen so überhaupt, wie ihn Ratut beschreibt? Und, wenn ja, wie tritt man seinem Wirken wirkungsvoll entgegen?

Ratuts Andeutungen in Richtung einer wieder neu notwendig gewordenen Grundierung des Menschen im Transzendenten genügen zur Beantwortung dieser Fragen leider nicht. Heilt der Gottesglaube vom Egoismus? Ein wenig mehr lutherischen Einschlag im Sinne eines ausdifferenzierten Blicks auf den Menschen (simul iustus et peccator) erscheint mir treffender.

Sprachreservoir für Kulturdebatten

Beile Ratuts Essay ist keine einfache Lektüre. Die Autorin wird in vornehmlich katholischen Kreisen für ihre Romane und Erzählungen geschätzt, für dieses Essay bedient sie sich allerdings einer Sprache, die zwischen anklagendem und analytischem Diktum changiert. Mir gerät der Ton deshalb einen Hauch zu alarmistisch und die Sprache zu statisch. Es hätte ganz sicher nicht geschadet, den ein oder anderen substantivüberladenen Satz in’s Erzählende aufzulösen.

Ein Essay soll zu weiterem Nachdenken anstiften, und das gelingt. Jedoch zum Preis einer übergroßen Offenheit. Am Ende erblickt jeder Leser in anderen Zeitgenossen den von Ratut entworfenen Übermenschen, mit Vorliebe natürlich im beliebten und gewohnten Gegner. Ein Essay sollte keinesfalls auf alles eine Antwort wissen, ein wenig mehr Eindeutigkeit hätte der Sache dennoch gut getan.

Der Essay ist Debattenfutter und Sprachreservoir für Kultur- und Religionskontroversen. Es würde mich nicht überraschen, Ratuts Sprache und Denkfiguren bald in anderen Kontexten wiederzufinden. Allein, dem jeweils Anderen einzig mit Ratuts Übermenschen-Bild im Hinterkopf zu begegnen, hat mit der von der Autorin selbst geforderten Empathie und Menschenfreundlichkeit selbst wenig zu tun.

(Dem Autor wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt.)


Kompendium des Übermenschen
Beile Ratut
Ruhland-Verlag
106 Seiten
18,80 €

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