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Foto: Marcus Lenk (Unsplash)

Unter Heiden (26): Wir Ossi-Versteher!

Bei all dem Bohei um den Osten zum 3. Oktober bekomme ich Fluchtreflexe. Über welches Land reden die eigentlich? Eine deutsche Erkundung:

Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen
vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra
und vernichtete die Städte und die ganze Gegend
und alle Einwohner der Städte
und was auf dem Lande gewachsen war.
Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.
– Genesis 19, 24-26

Ich möchte auswandern. Doch wirklich, jedes Jahr rund um den 3. Oktober herum. Dieses Jahr begehen wir also 29 Jahre Deutsche Einheit. Wenn das Jubiläums-Geschäft in dieser Schlagzahl bis zum 30. Jahrestag fortgeführt wird, dann fahre ich nächsten Herbst einfach in den Urlaub.

Die ganze Republik wendet sich dem Osten zu: Damn you, Machowecz! Seitdem die ZEIT im Osten und mit ihr Martin Machowecz, Jana Hensel und andere sehr gute Autor*innen sich den Osten vorknöpfen, kennen auch andere westdeutsche Redaktionen kein Halten mehr. Wobei die ZEIT – auch dank anderer Ossis wie Christian Bangel – einen strategischen Vorteil hat.

Denn obwohl die meisten Redaktionen der großen Medien nicht nur in Westdeutschland (oder Berlin) sitzen und unverschämt überproportioniert von Menschen westdeutscher Biographie oder Herkunfsgeschichte bevölkert werden – wie Nora Frerichmann erst gestern wieder im Altpapier zeigte -, so gibt es inzwischen doch die ostdeutschen Stimmen. Ossis, die sich am Deutungswettbewerb beteiligen und ihn durch ihre unique Ossi-Perspektive bereichern.

Das waren lange zumeist Angehörige der Generation, die man im Westen mit dem Kosenamen „Golf“ belegt hat. Hier also: „Generation dein Trabi kommt nicht mehr“. Sprosse und Sprössinnen der schmalen Bildungselite des untergegangenen zweiten Deutschlands, Bürgerrechtler*innen.

Doch seit wenigen Jahren gibt es vermehrt auch Stimmen einer neuen, jüngeren Generation – solche, die eben kein Pionierhalstuch mehr getragen haben, sondern in den wilden 90er-Jahren oder den milden 2000er-Jahren im Osten aufwuchsen. Und die auch – der HERR sei gepriesen! – aus anderen Milieus als aus dem bildungsbürgerlichen stammen. Sie sind allesamt hoch gebildet. Und per definitionem keine Wendeverlierer. Manche von ihnen wohnen gar im Westen oder sind nach einer kleinen Odyssee in die heimatliche Ost-Szenerie zurückgekehrt. Nach Leipzig oder Berlin.

In der Ostberichterstattung als Dauerauftrag prägen sie Debatten mit. Zu besonderen Feierlichkeiten und Katastrophen – also Jahrestagen und Wahlkämpfen – fallen auch andere begabte und krisenregional erprobte Schreiber*innen in die Lausitz oder die Börde ein. Uuhhh, schön gruselig hier! Zu den Unwägbarkeiten der Ost-Berichterstattung aber hat Nora Frerichmann ja alles zusammengetragen, inkl. einiger Empfehlungen, wer es generell mal besser macht.

West-Ost-Kuddelmuddel

Weil die Ossis immer noch als fremde Spezies angeschaut werden, fällt die Identifikation mit „den Rechten“ besonders leicht. Aus „Mit den Ossis müssen wir uns jetzt aber mal auseinandersetzen“ wird so „Lass uns mal mit den Rechten reden“.

Als ich jung war, ist es uns nicht in den Sinn gekommen mit Nazis zu reden. Auf der Insel der Glückseeligen meiner Kindheit und Jugend gab es davon auch keine, zugegeben. Natürlich gab es in den Neunzigern und Nullerjahren in Sachsen und Dresden Nazis, aber nicht im Eden meiner Umgebung.

„Nazis“, das war eine klar umrissene Personengruppe, trotz allem bürgerlichen Anstrich, den sich die NPD verpassen wollte. (Ja, die haben das auch schon versucht. Nur hat es damals nicht funktioniert.) Und die fand sich habituell eher weniger auf christlichen Gymnasien, in der Jungen Gemeinde oder im Kulturbürgertum ein.

Nazis, das waren die Leute, die am 13. Februar auf der anderen Elbseite an der Neustadt vorbeizogen. Freie Kameradschaftler, die Ausländer jagten in Käffern, die wir zwar dem Namen nach kannten, aber auf einer Landkarte des Freistaats kaum gefunden hätten. Nazi sein, das war ästhetisch und lebensweltlich so weit weg: Bei einem Schulaktionstag wäre niemals jemand von uns auf die Idee gekommen, die jetzt einzuladen, um sie „kritisch“ zu befragen.

Ich hab die damals einfach nur nicht gesehen, ich weiß. Meine Kinder- und Jugendperspektive hat sich eben in kindlicher Weise zum Beispiel an Äußerlichkeiten festgemacht und nur das eigene Nahumfeld gesehen. Nazi, Glatze, Springerstiefel. Ich hab ja nicht in Sebnitz gelebt oder in Döbeln. Ich war und bin nicht schwarz, sondern weiß und blond – nur, dass die Haare jetzt schwinden. Was machste dann aber mit den Salonnazis? Die mit Hahnentrittsakko und Einstecktuch. Über Holger Apfel und die NPDler haben wir heftiger gelacht, als uns täglich mit ihnen besorgt. Andere hatten den Kampf gegen die offensichtlichen und unsichtbaren Nazis da längst aufgenommen, auch in Sebnitz und Döbeln.

Weil Rechtsextreme neuerdings en vogue sind, nicht nur in den Redaktionen, scheint es da heute weniger Berührungsängste zu geben. Ästhetisch und lebensweltlich ist da einiges zusammengewachsen. Nicht nur am Elbhang. Gut, mag daran liegen, dass auch Nazis sich nicht immer so scheiße anziehen wollten.

Hausbesuche aber wurden damals nicht unternommen, und auch die Zeitungen des Landes sind nicht bei „intellektuellen Vorreitern“ der Nazis eingeschneit und haben es sich bei Ziegenkäse bequem gemacht. Inzwischen muss doch wirklich jeder dort gewesen sein?! Aber so ein bisschen autoritärer Chic, der durfte im Osten schon immer sein, auch bei Leuten, die des Nazismus unverdächtig sind. Aber was heißt das schon, unverdächtig sein?

Die Sachsen. Die Ossis.

Die Sachsen – ach, was soll’s -, alle Ossis sind unter Generalverdacht geraten, es zumindest im Ernstfall lieber mit den Nazis zu halten. Nicht ganz unverdient, das muss gesagt werden. Da hilft auch der nächste ZEIT im Osten-Verständnis-Sermon nichts.

Um die tiefsitzenden Ressentiments, den Alltagsrassismus, sichtbare und unsichtbare Nazis wussten Ossis natürlich schon, bevor sich die Republik in einem Akt später Wiedergutmachung publizistisch an den Osten heranmachte. Es waren halt nur jene Ossis, denen sonst niemand zugehört hat.

Nicht die Landesregierungen hegemonieller Volksparteien, die sich ihre Erfolge bei der wirtschaftlichen Eingliederung des neuen deutschen Ostens nicht kaputt reden lassen wollten. Keine westdeutschen Journalisten. Und auch keine westdeutsche Öffentlichkeit. Dafür war die Einigung dann doch zu günstig.

Michael Kretschmer, der für die CDU in Sachsen im Moment den Ministerpräsidenten darzustellen versucht, rief in der Frühphase nach Chemnitz die Zivilgesellschaft auf, gemeinsam den Kampf gegen Rechts aufzunehmen. Das ist immer noch so scheiße, da pfeiffen einem die Ohren!

Von welcher Zivilgesellschaft faselt er da? Wenn damit die antifaschistischen Aktivisten, die Alternativen und Künstler gemeint sein sollten, die sich seit Jahr und Tag in Peripherie und Großstadt für Jugendliche und gegen Rechts engagieren, dann ist Kretschmers Aufruf eine Unverschämtheit. Der CDU-Ministerpräsident will überholen ohne einzuholen. Wenn sich seine Partei in den letzten Jahrzehnten auch nur einen Bruchteil so sehr den Arsch aufgerissen hätte, wie jene, die er jetzt „zum Handeln auffordert“, sähe es zwischen Neiße und Pleiße anders aus.

Oder ist vielleicht eine ganz andere Zivilgesellschaft gemeint? Vielleicht jene, die es im Osten eigentlich gar nicht mehr geben sollte, und die in höchster Not dann doch entdeckt wird? Da gibt es Leute, die sind links-liberale Bürger! Da können wir uns ja beruhigen, dass auch in Sachsen die Bücherregale gut gefüllt sind, das Konto des politischen Anstands nicht völlig leergeräumt ist.

Meint Kretsche etwa die? Ich frag nur, weil seine Partei dann ja auch Politik für die hätte machen können. So mit anständigen Löhnen, fairen Schulen und ’nem generellen Blick für das, was die Gesellschaft jenseits von Ansiedlungssubventionen und Sachsenstolz noch brauchen könnte. Das urbane Bürgertum und die Bohème wird zur Hilfe gerufen. Na dann.

Endlich der Osten!

Es wird jetzt jedenfalls problematisiert, was lange verschwiegen wurde. Auch der Satz stimmt so nicht ganz. „Überhört“ trifft es einfach besser, denn gewarnt wurde schon. Die Ossis haben nicht alle geschwiegen. Es gibt die großen Schweiger, die Geschichtsklitterer. Aber es war die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft, die jene Ossis, die sich selbst gemacht haben, die vor Kreativität und Aufbruchsgeist sprudeln, überhört oder bestenfalls deutsch-deutsch eingemeindet hat.

Jetzt wird der Osten mal so richtig kennengelernt. Als gäbe oder hätte es nicht gegeben: Rammstein, Micha Ballack, Sibylle Berg, die Biathlon-Nationalmann/frauschaften, Andreas Dresen, Carmen Nebel, Tokio Hotel.

Warum nur goutieren die Ossis die neugewonnene Aufmerksamkeit nicht so richtig? Haben sie am Ende gar ein Gespür für das Überkompensatorische des neuen Ost-Hypes? Soll das Hinschauen ein Werk der Barmherzigkeit sein, das dankbar entgegengenommen werden muss?

Es gab vor ein paar Jahren mal eine sehr verunglückte ZDF-Historienschnulze über den Luftangriff auf Dresden mit Lolle aus „Berlin, Berlin“. Sie erinnern sich? So ungefähr fühle ich mich bei der Lektüre der Besinnungsaufsätze, die über den Osten geschrieben werden. Verhackstückelung und Inszenierung von Geschichte ist halt nur dann wirklich unterhaltsam, wenn es nicht die eigene ist.

Der Erkenntnisgewinn nach all den Lektüren hält sich denn auch in engen Grenzen. Jana Hensels Bücher sind instruktiv. Auch für mich, der ein paar Jahre nach ihr in einen ganz anderen Osten geboren wurde. So ganz anders war er dann nämlich doch nicht, die Leute zum Beispiel waren immer noch die gleichen. Nicht jedes Porträt eines westdeutschen Politikers auf Walz durch den Osten löst dieses Versprechen ein.

Point of no Return

Was haben Sie in vier Jahren intensiver Ostberichterstattung gelernt? Was haben Sie verstanden, was Sie nicht vorher schon glaubten, durchschaut zu haben?

Vielleicht kommen wir über diesen Punkt nur hinweg, wenn wir die deutsch-deutsche Geschichte endlich als gemeinsame Geschichte begreifen. Denn am 3. Oktober ist nicht nur die DDR untergegangen. Nach 40 Jahren Staatssozialismus und einem Jahr Demokratieerprobung. Einfach weg. Der 3. Oktober 1990 war auch der point of no return für die alte Bundesrepublik.

Welche Phantomschmerzen löst das eigentlich aus? Ich habe immer wieder das Gefühl, dass Westdeutsche mit dieser Frage gar nichts anfangen können, so stark ist ihr Selbstgefühl der Kontinuität.

Ich bin im Februar 1988 geboren und habe folglich nur zwischem dem 3. Oktober 1990 und dem Umzug der Regierung und des Bundestages 1999 nach Berlin – der alten Hauptstadt der DDR – in der „Bonner Republik“ gelebt – die längst schon dem Untergang geweiht war. Die „Bundesstadt“ Bonn wurde für diesen Verlust fürstlich entlohnt. Doch finden sich gerade dort wenigstens ein paar Wessis, die von „der Wende“ tatsächlich irgendwie betroffen waren.

Was hat sich, außer Sentimentalitäten, für die Westdeutschen mit der Wiedervereinigung geändert? Soli. Mhm, den zahlen die Ossis aber auch. Taugen Steuererhöhungen oder -senkungen als gemeinschaftsstiftendes Symbol? Auch vor dem Fall der Mauer waren ja schon genug Ossis in den Westen gekommen, nun mussten noch mehr von ihnen als Kolleg*innen und Nachbar*innen integriert werden. Taugt das als Erzählung von einer deutsch-deutschen Willkommenskultur?

Ich würd‘ liebend gerne mehr über den Westen erfahren. Auch mal ein besinnliches Porträt über rechtsradikale Westdeutsche lesen. Also solche, die nicht schon in den Osten rübergemacht haben. Wir wissen schrecklich viel über den Osten. Er ist – denke ich – die wohl am gründlichsten untersuchte Region des Kontinents. Doch haben alle Fakten nicht dazu geführt, dass wir von der kreuzdämlichen Verallgemeinerung mal runter kommen.

Versuchen wir es darum einmal andersherum. Wenn Sie in diesem bedenklichen Festjahr der Jahrestage etwas mit Erkenntnisgewinn über die Deutschen (und die Rechten) lesen wollen, dann investieren Sie in dieses Buch:

Es ist nicht heimelig, es ist nicht beruhigend, es ist nicht literarisch. Aber es ist gut geschrieben. Wenn wir, was Matthias Quent aufgeschrieben hat, gelesen und verarbeitet haben und es angesichts der auf uns kommenden Jahrestage und berichtenswerten Ereignisse in Erinnerung behalten, dann haben wir vielleicht wirklich etwas verstanden.

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