„Vor vielen Geburtstagen, als die Erde noch rund war“

Zum 30. Todestag der Dichterin Rose Ausländer sind ihre Gedichte auf einer CD erschienen, die für sich ein Kunstwerk ist, das zum Sinnieren auffordert.

Ich sitze im Sessel, die Kopfhörer über den Ohren und warte auf das was kommen mag. Gedichte. Auf einer CD. Ich bin gespannt. Bisher kannte ich Gedichte nur aus entsprechenden Bänden oder Sammlungen, wo man mal eines oder zwei oder drei draus liest, den Band dann wieder weg legt, darüber nachdenkt bis der Kopf dann wieder ein weiteres fassen kann. Aber eine CD?

Rose Ausländer 1918, (gemeinfrei)

Und da tönt auch schon die Stimme einer Frau an meine Ohren, die von Kindheit spricht, von Engeln, Marzipan und Wundern, von Geburtstagen, Welten, die mal rund waren, heute eckig sind.

Mit „Wirf Deine Angst in die Luft“, einer Sammlung ausgewählter lyrischer Texte von Rose Ausländer gelesen von Alicia Fassel, mit Originaleinspielungen von Rose Ausländer selbst und Musik von Jan Rohlfing, haben die Künstler eine Komposition geschaffen, für die man sich Zeit nehmen darf – ja, eigentlich sogar muss.

Ich wähle „Komposition“ mit Bedacht, da es sich bei dieser CD um ein abgeschlossenes, fein gestaltetes Kunstwerk handelt. In einem Hörmedium lässt sich so viel mehr machen als in einem schlichten Gedichtband. Es lässt sich komponieren in Struktur, Sprache, Sprecher, Musik und im Mittelpunkt steht stets Rose Ausländer.

Beim Hören wird schnell bewusst: Wenn man die Dichterin einzig auf die Shoadichtung begrenzt, tut man ihr großes Unrecht. Ihre Biographie bietet so viel mehr, was die vorliegende Auswahl ihrer Texte sehr gut veranschaulicht. Die sieben Kapitel mit Eröffnung und Ausklang sind an ihrer Biographie ausgerichtet, von ihrer Kindheit bis zu ihren Gedanken den Tod und das Ende des Lebens betrefffend.

Alicia Fassel trägt die Texte klar und deutlich vor. Sie bringt ihr schauspielerisches Können mit ein, schenkt jedem Gedicht ein je eigenes Aussehen, durch Ton, Sprachmelodie, Ausdruck.

Gedenktafel am Geburtshaus in Czernowitz

Die musikalische Gestaltung glänzt durch ihren wohl bedachten Einsatz. Viele Gedichte dürfen ganz für sich alleine stehen, andere Gedichte werden von Musik ausgemalt und geschmückt oder auch umrahmt mit vielfältiger Instrumentenauswahl, jeweils für sich auf ein Gedicht abgestimmt.

Zu Beginn jedes Kapitels steht ein lyrischer Text, der in das Kapitel einleitet und der stets von einem „Momentum“ musikalisch begleitet ist. Eine Herangehensweise, die dem Ganzen extra Struktur gibt, dem Hörenden hilft seine Gedanken auch mal kurz ruhen zu lassen, einen Moment stille zu bleiben.

Die Momente der Stille sind nötig. Rose Ausländer hat eine spannende Biographie und wusste sie und ihre Gedanken mit einer blühenden Sprache zu schmücken.

Um das Leben der Dichterin und die Veränderung in der Poesie nachverfolgen zu können liegt der CD ein Booklet bei, das nur knapp auf die vortragenden Künstler eingeht, stattdessen auch für sich den Schwerpunkt auf Rose Ausländer legt. Auf elf Seiten kann man ihr Leben nachverfolgen, mit Bildern und Kurztexten von ihr und ihr nahe stehenden.

Anfangs fragte ich mich zwar etwas befremdet, warum der Verlag die farbliche Gestaltung in Weiß, Schwarz und Rot wählte, aber beim Hören der CD und Lesen des Booklets vergaß ich das auch schon wieder, denn in beiden wird wie oben schon beschrieben gar nicht groß auf die NS-Zeit und die Shoa eingegangen, sondern auf ihr gesamtes Leben, in der Bukowina, den USA, in Rumänien und Deutschland. Gerade die farbliche Gestaltung macht dann das Booklet bei der verhältnismäßig großen Seitenzahl recht übersichtlich, da die Tracking List einen anderen farblichen Hintergrund hat als die Biographie.

Rose Ausländer

Am 3. Januar jährte sich der Todestag Rose Ausländers zum 30. Mal. Als die aus der Bukowina stammende jüdische, in deutscher und englischer Sprache schreibende Dichterin Mitte der 1960er-Jahre in die Bundesrepublik übersiedelte, war sie dem deutschen Publikum nahezu unbekannt. Das sollte sich in ihren letzten Lebensjahrzehnten ändern. Weitere Informationen zur Biographie gibt es z.B. auf der Website „Jüdische Geschichte und Kultur“ des Lessing Gymnasiums Döbeln.

Wer sich bei diesem Werk für eine digitale Ausgabe entscheidet, tut sich selbst keinen Gefallen. Für die Komposition muss man sich Zeit nehmen – im Hören und im Lesen und in der Verbindung von beidem. Denn Sprache ist eine Kunst, die genossen werden will, sei sie geschrieben, sei sie gesprochen.

Und deshalb steht Rose Ausländer nicht nur im Mittelpunkt, sondern hat auch das erste und das letzte Wort. Sie ist eine Künstlerin, die Sprache in Schrift und in Wort zum Blühen und Leuchten bringt.

Und das ist jetzt nicht nur eine Redensart, sondern sie hat tatsächlich das erste und das letzte Wort durch Aufnahmen, die 1976 und 1977 in ihrem Zimmer im Nelly-Sachs-Haus, dem Elternhaus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, gemacht wurden. Dort lebte sie seit 1972 und verstarb am 3. Januar 1988, nachdem sie noch zahlreiche Bücher und Gedichtbände geschrieben hatte und mehrfach ausgezeichnet worden war.

Übrigens, auch CDs kann man mal pausieren, stoppen, wieder hören, Stück für Stück oder im Gesamten. Zum Weglegen und darüber sinnieren muss es gar kein Buch, es darf auch ein Hörmedium sein. Und dieses hier ist eines, das zum Sinnieren regelrecht auffordert.

(Der Autorin wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt.)


Rose Ausländer: Wirf Deine Angst in die Luft
Gelesen von Alicia Fassel, mit Originaleinspielungen von Rose Ausländer und Musik von Jan Rohlfing
griot Hörbuchverlag
62 Minuten Spieldauer
19,80 €
Verlagswebsite

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