Die Die Eule Eule

Foto: Mateus Campos Felipe (Unsplash)

Was hat euch bloß so ruiniert?

Der Katholizismus schwelgt in der Sprache des 19. Jahrhunderts. Das ist nicht bloß Gewohnheit, sondern ein Akt der Reaktion. Der Rollback hat längst begonnen.

Zuletzt haben die Evangelen mit „Glaube, Hoffnung, Currywurst“ und „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ nicht nur Anschluss an aktuelle Sprachformen gefunden, sondern auch zu neuer Deutlichkeit. Wenn etwa der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, angesichts der Festnahme von Carola Rackete von einer „Schande für Europa“ spricht, so ist das deutlich und verständlich (und richtig).

Davon heben sich dieser Tage die offiziellen Wortmeldungen katholischer Amtsträger in unguter Weise ab. Salbungsvoller und hermetischer wurde kaum je kommuniziert.

Das Einknicken der Bischöfe

Auf den überraschenden Papstbrief zum „synodalen Weg“, der für sich genommen schon hart an der Unverständlichkeit vorbeischrammt, jedenfalls sehr „interpretationsoffen“ daher kommt, antworteten die Bischöfe des Landes mit Elogen der Ergebenheit, in denen sich nicht nur eine gewaltige Angst vor den Mechaniken der Weltkirche verbirgt, sondern in den schlimmsten Fällen serviler Untertanengeist in Haltung und Sprache zu Tage tritt. Wer einmal sehen will, wie der von Papst Franziskus sonst bei jeder Gelegenheit ausbuchstabierte Klerikalismus ausschaut, wenn er sich in Worten manifestiert: Bitte sehr.

Auf Worte folgen Taten und so beeilten sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Bischöfe, zuletzt der Bischofskonferenz-Vorsitzende Kardinal Marx selbst, dem „synodalen Weg“ enge Wegmarken zu setzen. Frauenordination, Segung Homosexueller, Priesterweihe für „erprobte Männer“ – das alles wolle man wohl im Anschluss an die Missbrauchskrise diskutieren, einführen aber selbstverständlich nicht. Damit wird der „synodale Weg“ zur nächsten Farce eines kirchlichen Reformprozesses, wie es sie in der röm.-kath. Kirche Deutschlands und in zahlreichen Bistümern in den letzten Jahren gegeben hat.

Was unterscheidet eigentlich diesen Papstbrief und das Einknicken der Bischöfe auf die verschwurbelten Ausführungen hin von vergangenen Vorfällen der Duckmäuserei, wie dem Abschied von der Schwangerschaftskonfliktberatung? Noch gibt es einzelne Bischöfe, die darauf beharren, Franziskus hätte ihrem Reformweg mit seinem Brief den Rücken gestärkt. Ob sie sich mit ihrer Deutung des Papstbriefes durchsetzen können, zumindest in ihren eigenen Bistümern, bleibt abzuwarten.

Viele Beobachter*innen haben sich in den vergangenen Monaten gefragt, wie denn die Reaktion der Reaktionäre auf Missbrauchskrise und „synodalen Weg“ ausschauen wird. Würde es eine Revolution der Erzkonservativen geben? Eine neue Kirchenspaltung?

Schluss mit dem Greinen über den Missbrauch!

Mitnichten. Die katholische Reaktion kommt als simpler Rollback in alte Verhaltens- und Sprachmuster daher. In Münster entblödete sich ein 79-jähriger Priester nicht, von seiner Gottesdienstgemeinde – unter den Gläubigen selbstverständlich auch Opfer des Missbrauchs in der Kirche – Vergebung für Missbrauchstäter zu fordern. Ganz konkret für einen befreundeten Priester. Der betroffene Priester Ulrich Zurkuhlen beklagte im Gespräch mit Kirche und Leben,

„dass sogar Bischöfe von Priester-Tätern als „Verbrecher“ sprächen, obwohl diese durchaus auch gute Seelsorger gewesen seien. „Niemand ist nur abgründig böse“, sagte Zurkuhlen, „oft verbinden sich Güte und Schuld miteinander oder stehen ohne Berührung nebeneinander.“ Es sei „allmählich Zeit, dass die kirchlichen Hierarchen nach langer Zeit auch mal ein Wort der Vergebung sagen können.“

Zeit wird’s mit dem Missbrauch abzuschließen, meint nicht nur dieser Priester. Neben viel Betroffenheit und Interesse durfte ich selbst bei einer Veranstaltung mit Wunibald Müller in Halle (Saale) vor einigen Tagen erleben, dass es nach wie vor Laien und Priester gibt, die den Ernst der Lage nicht begriffen haben: Anderswo würde ja noch mehr missbraucht, und sei der Schatz der Kirche – wie z.B. die Apostolische Sukzession – es nicht wert, nicht auf dem „Altar des Zeitgeistes“ vulgo „synodaler Weg“ geopfert zu werden?

Dabei hat eine neue Untersuchung eines Teams um den Mannheimer Psychiater Harald Dreßing gerade eben gezeigt, dass die Zahl der Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Priester im Zeitraum von 2009 bis 2015 nicht rückläufig ist. Die Präventionsbemühungen der Kirchenleitungen stoßen bei den Priestern „auf Granit“, meint Dreßing,  „solange ‚strukturelle Risikofaktoren‘ wie klerikale Macht, Zölibat oder kirchliche Sexualmoral unverändert blieben.“

Die Forschungsergebnisse des Teams um Dreßing, der schon die MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz geleitet hatte, geben zu denken. Sie passen zu Rückmeldungen aus einigen Bistümern, dass gerade Priester Präventionsbemühungen und entsprechenden Bildungsangeboten der Bistumsleitungen skeptisch bis ablehnend gegenüber stünden. Viele Priester sehen sich einem Generalverdacht ausgesetzt, und machen zu.

„Still bewahren und leise verwandeln“

Wie gemütlich es in der eigenen Vorstellungs- und Sprachwelt sein kann, führt die Leitung des Bistums Augsburg dieser Tage formvollendet vor: Dort hatte Bischof Konrad Zdarsa pünklich bei Erreichen des 75. Lebensjahres seinen Rücktritt bei Papst Franziskus eingereicht, den dieser auch prompt annahm. So zügig ist man das vom amtierenden Papst gar nicht gewöhnt.

Doch ist das Bistum auf diesen Fall hervorragend vorbereitet gewesen, so gibt es schon eine 111-Seitige „Broschüre“ über die Bischofsjahre Zdarsas. „Es versteht sich von selbst, dass dieser Bericht Bischof Dr. Konrad Zdarsa voll tiefer Dankbarkeit für sein Wirken im Bistum Augsburg mit auf seinen weiteren Lebensweg gegeben wird“, schreibt der Herausgeber der Broschüre, Generalvikar Harald Heinrich, im Vorwort.

Als Generalvikar habe ihn einmal eine Einschätzung der Medien, die Amtszeit von Bischof Zdarsa solle eine verlorene Zeit gewesen sein, tief getroffen. „Ich fühlte den Bischof gänzlich miss- und unverstanden.“ Die Broschüre stehe unter einer Maxime, die auch das Handeln des Bischofs stets prägte:

„Die Kirche muss sich nicht verändern, aber sie wird sich verändern. Von Augsburg aus einen verantworteten Beitrag zu leisten, heißt: ‚still bewahren und leise verwandeln‘.“

Und so sieht es in der röm.-kath. Kirche trotz aller Aufbrüche unter den Gläubigen und trotz der oberflächlichen Geschäftigkeit der klerikalen Kirchenleitungen aus: Im Hintergrund wird still und leise an der Bewahrung des Ist-Zustandes gearbeitet. Die Reihen schließen sich wieder.

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