Die Die Eule Eule

Foto: Daniel von Appen (Unsplash), CC0

Wie feiert ihr eigentlich Gottesdienst?

Wie verändert sich der Gottesdienst in post-evangelikalen Communities? Wie wird gebetet, gefeiert, gesungen und welche alten und neuen Ideen bringen post-evangelikale Gemeinden ein?

Lieber Christoph,

ein großer lebensweltlicher Unterschied zwischen Evangelikalen und Mainline-Christen ist die Gestaltung des Gottesdienstes. Wie schaut das bei den post-evangelikalen Gemeinden aus? Gibt es eine Rückkehr zum liturgischen Gottesdienst, zum Gesangbuch? Weniger Scheinwerfer und Nebelmaschine? Gehören Lobpreis und freies Gebet unbedingt auch zur post-evangelikalen Frömmigkeit? Wie feiert ihr Gottesdienst?

Fröhliche Grüße!


Hallo liebe Eule,

um eine Veränderung der Gottesdienstformen in eher post-evangelikal geprägten Communities und Gemeinden zu verfolgen, muss man zuallererst einmal auf die Motive schauen, die evangelikale Christen aus ihrer Tradition eigentlich mitbringen.

Natürlich ist auch das evangelikale Christentum hier keineswegs homogen, und viele meiner folgenden Gedanken finden sicherlich auch dort ihre Integration, dennoch möchte ich hier einmal versuchen eine Korrelation zwischen den sich verändernden Glaubensmotiven und den gelebten Gottesdienstformen zu zeichnen. Nicht zuletzt auch, weil dies meinen persönlichen Weg hier etwas spiegelt, den ich als jemand, der Zeit seines Gemeindelebens gerade in der Gottesdienstgestaltung immer sehr aktiv war, gehen konnte.

Der evangelikale Gottesdienst lebt von der Anbetung

Das Gottesdienstleben in einer eher evangelikalen Tradition ist heute vor allem von einem Moment, von einer Idee stark geprägt, und zwar dem Motiv der Anbetung. Im evangelikalen, vor allem aber auch charismatischen Raum, hat sich so eine sehr verdichtete Anbetungskultur entwickelt. Anbetung, oder Lobpreis – im deutschsprachigen Raum als Begriff geläufiger – ist oftmals der Wesenskern dessen, was unter Gottesdienst verstanden wird.

Man kommt zusammen um Gott gemeinsam anzubeten. Dies geschieht dann praktisch in Form des gemeinsamen Singens entsprechender auf Gott ausgerichteter Lieder, in vielen Gemeinden aber gerade auch im Sprechen freier Gebete, die sich in Dankbarkeit, Ehrerbietung und Vertrauen Gott gegenüber aussprechen.

Lobpreis mit erhobenen Händen während des Gottesdienstes, Foto: Edwin Andrade (Unsplash), CC0

„Gott wohnt im Lobpreis seines Volkes“

Nicht zuletzt durch die Rezeption des Themas Anbetung in der neo-charismatischen Szene, hat sich so beispielsweise im Rahmen der Vineyard-Bewegung, bei Hillsong oder ganz aktuell der Bethel-Church zudem die Vorstellung etabliert, dass Anbetung der Ort sei, an dem Menschen Gott primär begegnen können. Gott „wohnt im Lobpreis seines Volkes“ ist hier ein oft zitierter Vers, der auf Psalm 22 zurückgeht.

Dieses „Gott begegnen wollen“ im gemeinsamen Singen und Beten ist in meiner Betrachtung in vielen modernen evangelikalen Gemeinden zum wesentlichen Motiv der Gestaltung von Gottesdiensten geworden. Ein Gedanke, dem eigentlich ja auch erst einmal viel positives abzugewinnen ist.

Was ist, wenn man einen solchen Gott nicht mehr denken kann? Anbetung als Motiv setzt aber immer voraus, dass man einen solchen Gott auch wirklich denken kann, einen Gott also, der angebetet werden will. Dem das irgendwie Spaß macht. Dessen Heiligkeit, die wir ihm zusprechen, diesen Modus der Anbetung auch vorgibt und der insbesondere in solcher Haltung auch erst gewillt ist, sich uns Menschen zuzuwenden.

Post-evangelikale Christen tun sich oftmals schwer mit einem solchen Denken, gar mit der Idee der Anbetung an sich. Die Vorstellung, einem Gott zu folgen, der an Anbetung interessiert ist, der, treiben wir es einmal auf die Spitze, sich in der Anbetung seines Volkes regelrecht suhlt und erst da wirklich zugänglich wird – diese Vorstellung passt nicht mehr mit der Ethik, mit den Werten zusammen, die wir heute als moderne, in vielen Teilen doch auch humanistisch geprägte Gesellschaft entwickelt haben.

In Christus hat Gott sich mit uns verbrüdert

Für viele Post-Evangelikale ist nicht mehr unbedingt Gottes Heiligkeit und Anbetungswürdigkeit leitender Narrativ ihres Glaubenslebens, sondern vielmehr der Aspekt der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes. Des Gottes also, der in Christus Mensch wird und sich so mit uns verbrüdert, der sich klein gemacht hat am Kreuz. Ein Gott, der also nicht angebetet werden will, sondern uns in Freundschaft und Versöhnung die Hand reicht, der sich als einer von uns gibt. Ein Gott, der da ist, uns aufhelfen will, nicht aber im Modus der Heiligkeit, sondern an unserer Seite und in wechselseitiger Beziehung.

Gott wird hier also vielmehr als der liebende Vater, die liebende Mutter gedacht. Als der, der uns eigentlich Zuhause ist und sein kann, wenn wir sein Angebot der Begegnung annehmen. Würde ein Vater oder eine Mutter von ihren Kindern angebetet werden wollen? Das sollte man sich einmal fragen. Wenn man nicht gerade Donald Trump heißt, vermutlich eher nicht. Vielmehr wäre dieser Gott an echter und ehrlicher Beziehung interessiert. An unserer Liebe also, nicht an unserer Ehrfurcht.

Die Idee der Möglichkeit der Begegnung mit Gott, auch im Rahmen eines Gottesdienstes, die würden viele Post-Evangelikale hingegen sicherlich auch weiter einräumen, nicht jedoch das Motiv, dass diese vor allem im Modus der Anbetung geschehe. Man könne Gott nicht herbei singen, bis er in Rauch- und Feuersäule oder ganz post-modern als „Glory-Cloud“ manifest wird.

Beim gemeinsamen Gottesdienst feiern geht es vielmehr um die persönliche Hinwendung, geht es darum, die Möglichkeiten zu nutzen sensibel zu werden für diesen Gott und sein Angebot auf Beziehung und Begegnung, das immer und zu jeder Zeit real ist.

Was sich verändert ist der Modus, nicht zwingend die Form

Die wesentliche Veränderung betrifft somit nicht unbedingt die Form, sondern vielmehr den Modus, dem wir Musik und Gebet in unseren Gottesdiensten oder Community-Treffen geben. Das Suchen und das Einlassen auf Gott, kann auch hier in Form von Musik und freiem Gebet gelebt werden, bedingt aber nicht mehr den Modus der Anbetung, sondern fokussiert vielmehr Gedanken wie: „Was inspiriert uns nach Gott zu suchen? Wie kommen wir zur Ruhe um Gott wahrzunehmen? Wie können wir uns gegenseitig inspirieren und Mut machen im Glauben?“

In der Mosaik-Community in Düsseldorf wählen wir als musikalische Beiträge so vor allem Songs und Liedtexte, die uns inspirieren, die uns eine neue Offenheit für Gott schenken. Hier steht auch die eigene Kreativität sehr im Fokus. So spielen wir hauptsächlich eigene Lieder, die von unserer Reise, unseren Fragen, unseren Momenten mit Gott, unserem Glauben, aber auch unserem Zweifel erzählen.

Wer steht im Mittelpunkt des Gottesdienstes?
Foto: Edward Cisneros (Unsplash), CC0

Es geht also vielmehr um Kommunikation und ein sensibel werden für Gottes Sprechen im Leben, in der Welt, um ein Ausrichten auf das Gute, das von Gott kommt. Als Kreative, als Musiker wollen wir hier von unseren Erfahrungen erzählen und weitergeben um andere Menschen zu inspirieren. Auch wir wollen Raum schaffen für Begegnung mit Gott, betonen aber den Wert der Individualität und der Mündigkeit eines jeden Einzelnen.

Es gibt kein alles dominierendes Ehrfurchts-Topos, das eingehalten werden muss, sondern jeder Mensch hat hier seinen Platz, jeder Beitrag seinen individuellen Wert. Wenn in post-evangelikalen Kreisen ein neuer Topos geboren wurde, dann sicherlich der der Authentizität, der Ehrlichkeit im Glauben.

Andernorts wird aber auch nach eher traditionelleren, liturgischen Gottesdienstformen wieder mehr gefragt. Als Evangelikaler ist man in der Regel mit dem Dreiklang aus Lobpreis, Predigt und Abendmahl groß geworden, die als recht eigenständige Parts des Gottesdienstes zelebriert wurden. Wenn man jedoch Anfragen an die dahinterliegenden theologischen Konzepte um Anbetung, Wortverkündung und Kreuzestheologie hat, holen einen natürlich auch die im evangelikalen Raum etablierten Formen immer weniger in der persönlichen Glaubensrealität ab.

Liturgische Gottesdienste, die oftmals sehr viel mehr Elemente binden und in Fluss bringen können, die sehr viel mehr Platz lassen auch für das eigene Empfinden, das persönliche Suchen nach Gott, werden von vielen heute wieder als erfrischend und auch ganzheitlicher wahrgenommen. Gerade vielleicht auch, weil man sich dort einmal zurücklehnen kann, nicht gefragt ist selbst zu agieren.

Evangelikale Gemeinden leben oftmals sehr von der breiten Beteiligung und dem Engagement jedes Einzelnen. Sich einmal zurücklehnen zu können, auf eine Reise mitgenommen zu werden, das ist für viele heute sicherlich auch ein attraktiver Moment eher liturgisch geprägter Gottesdienstformate und passt oftmals viel besser zusammen mit der eigenen Glaubensrealität und den persönlichen Fragen an Glauben, Gott und das Leben. Selbstredend sind solche Formate in rein laizistisch organisierten Gruppen aber schwerer zu realisieren, als in pastoral geführten Gemeinden.

Kontemplative Praktiken werden neu entdeckt

Ein weiteres virales Thema in der Post-Evangelikalen Szene ist zudem ein Wiederentdecken kontemplativer, meditativer Praktiken. Diese werden freilich eher im Privaten gelebt, finden also weniger konkret im Gottesdienst Form und Ausdruck. Die Idee aber, Gott gerade in der Ruhe zu begegnen, färbt natürlich auch auf die Gottesdienstgestaltung ab.

Während hippe evangelikale Gemeinden vermehrt laute Event-Gottesdienste in Kinosälen feiern, sehe ich in post-evangelikalen Gruppen stärker die Tendenz, Gottesdienste bewusst ruhig und unaufgeregt zu gestalten. Was nicht heißt, dass Post-Evangelikale nicht feiern könnten. Die Mosaik-Community Düsseldorf, oder auch die Lebenswert Stadtkirche in Köln, richten regelmäßig auch Parties, Happenings oder Konzertreihen aus, wo das Feiern durchaus im Mittelpunkt steht. Der Gottesdienst als Format jedoch ist meist eher geprägt von einer ruhigen Atmosphäre, die es den Teilnehmern ermöglichen soll, wirklich bei sich anzukommen und einmal loszulassen.

Die Mosaik-Gemeinde in Düsseldorf feiert so zum Beispiel auch regelmäßig gemeinsam das Abendmahl in ihren Gottesdiensten. Etwas, das in den meisten lauten Kinosaal-, und Konzerthallen-Gottesdiensten als Element deutlich zurückgetreten ist. Solch andächtige Momente und Motive passen da oftmals weniger ins Konzept. Dort geht es vermehrt ums feiern, dem Abendmahl jedoch geht es um Besinnung.

Soweit erst einmal. In einer nächsten Folge kommen wir sicher einmal gezielter auf das Abendmahl zu sprechen. Wie halten Post-Evangelikale Gruppen es damit? Sicherlich auch ein interessantes Thema.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und bis bald!

Christoph Schmieding

Christoph Schmieding hat in Köln Literatur- und Bildungswissenschaften studiert und ist als freier Werbetexter und Redakteur tätig. Er ist in der Lebenswert Stadtkirche Köln zuhause und fühlt sich der "Emerging Church"-Bewegung zugehörig. Er schreibt seinen eigenen Blog Gott ist Links und hier in der Eule die Kolumne post-evangelikal.

2 Kommentare

Johannes Brakensiek

Danke für den informativen Kommentar. Mich würde interessieren, welche (Mischung von) Musik und Liedern ihr konkret spielt und singt?

Ich finde neue Kirchenmusik für jüngere Zielgruppen wichtig, das Repertoire ist besonders bei der klassischen Lobpreismusik am größten. Allerdings sehe ich da (u.a. auch) die hier genannten inhaltlichen Schwierigkeiten.

Antworten
Christoph SchmiedingChristoph Schmieding

Hallo Johannes,
speziell in der Mosaik Community in Düsseldorf ist es nun so, dass die Gemeinde eine sehr starke Ausrichtung auf Kunst, Musik und Kreativität im allgemeinen hat. Es gibt, in Relation zur Gruppengröße, da schon recht viele Musiker und halt auch Songwriter, durchaus auch Leute die säkular mit ihrer Musik ihre Brötchen verdienen. Daher spielen viele Musiker dort vor allem ihr eigenen Material. Vieles wird dann durchaus auch mitgesungen von Gästen die regelmäßiger kommen. Von der Atmosphäre bewegt sich das ganze irgendwo im Zwischenraum zwischen Lobpreis/Worship und Wohnzimmerkonzert. Der stilistische Schwerpunkt liegt da generell eher im Folk/SingerSongwriter Bereich – was eben auch dem Rahmen entspricht, den die Räume und die Gruppe hergeben. Das ist sicherlich auch immer ein wesentlicher Punkt. Eine Formation, bei der auch ich mitwirken, MSK.kollektiv, wir spielen dann schon was rockiger, eher die typische Indie Mukke die man so kennt. Da improvisieren wir durchaus auch einmal was länger und versuchen eine Atmosphäre aufzubauen, wo jeder für sich ins Gebet gehen kann oder einfach nur einmal zur Ruhe kommt. In der Formation covern wir neben eigenen Songs aber auch andere christliche Musiker und Bands. Unter anderem Bands wie Gungor oder the Brilliance. Songs wie „You have me“ von Gungor, die würde ich als so eine Art Gebet, nicht aber als Worship im eigentlichen Sinne bezeichnen. Das funktioniert sehr gut bei uns und gibt den Menschen etwas mit – ganz ohne die typische Lobpreis Topik. Im deutschsprachigen Bereich kenn ich allerdings kaum Künstler, die in diesem „alternative Worship“ Raum unterwegs sind. Vermutlich einfach weil es keinen Markt und keine Plattformen dafür gibt. Also das meiste was man da findet ist dann schon englischsprachig.

Beste Grüße
Christoph

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