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Foto: GGAADD (Flickr), CC BY-SA 2.0

„Wie im Himmel, so auf Erden“

Auch in der Schweiz hat der #MeToo-Ableger #ChurchToo („auch in der Kirche“) bisher kaum Resonanz gefunden. Dabei gäbe es konkreten Anlass, über Sexismus und Machtmissbrauch zu sprechen.

Die #MeToo-Debatte wird auch im deutschsprachigen Raum intensiv geführt. Anders schaut es mit dem Ableger #ChurchToo aus. Aus dem us-amerikanischen Impuls hat sich in Deutschland bisher keine tiefergehende Diskussion ergeben. Wie sieht es in der Schweiz aus? Wir fragen die Zürcher Pfarrerin Esther Gisler Fischer:

Eule: Im Blog der Reformierten Kirche des Kantons Zürich haben Sie über die #ChurchToo-Bewegung geschrieben. Seitdem ist die Debatte in den USA weitergeführt worden. Hat sie auch in der Schweiz Resonanz gefunden?

Esther Gisler Fischer arbeitet als Pfarrerin im Zürcher Stadtquartier Seebach. Seit ihrem Studium der Theologie, Ethnologie und Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Islam beschäftigt sie sich mit kontextuellen Theologien aus Frauensicht, der Rolle von Frauen in religiösen und kulturellen Traditionen und Konzepten vom „guten Leben“, die ein nachhaltiges, friedlicheres und gerechteres Zusammenleben von Menschen untereinander und der Mitwelt ermöglichen.

Gisler Fischer: Eigentlich nicht. Nur noch die Zeitschrift bref hat dazu ein Interview gebracht, auf das ich in meinem Beitrag im Kirchlichen Blog diesseits.ch Bezug nehme.

Eule: Dürfen sich Frauen in den Kirchen der Schweiz sicher fühlen?

Gisler Fischer: Ich denke grundsätzlich schon. Doch überall dort, wo grosse Machtgefälle bestehen und Überhöhungen von Funktionen bestehen, wie es v.a. bei röm.-kath. Priestern ausgeprägt der Fall ist, besteht die Gefahr von Ausnützung von Abhängigkeitsverhältnissen.

Eule: Bisher gibt es nur wenige öffentliche Fälle von sexueller Belästigung oder Missbrauch im deutschsprachigen Raum, die im Zuge der #ChurchToo-Bewegung diskutiert werden. Haben die Kirchen in der Schweiz ihre Hausaufgaben gemacht oder sind sie nur besonders gründlich darin, Vorfälle unter den Teppich zu kehren?

Gisler Fischer: Es wird fleissig unter den Teppich gekehrt, besonders, wenn es sich um hohe Amtsträger, wie den SEK-Präsidenten handelt. Solange Betroffene sich nicht öffentlich äussern, ist es zudem schwierig, solche Fälle zu belegen und dann auch zu bearbeiten.

Doch auch die Kirchen haben in den letzten Jahren ihre Hausaufgaben gemacht: So wurde die Präventionsarbeit intensiviert und die Abläufe bei gemeldeten Vorfällen verbessert: Kirchliche Anlaufstellen und definierte Prozesse stehen nun zumindest in den meisten Schweizer reformierten Landeskirchen zur Verfügung.

#MeToo im SEK

Bereits im Herbst 2017 machten Pfarrerinnen der Evangelisch-reformierten Kirchen in der Schweiz unter dem Hashtag #MeToo auf sexuelle Belästigungen aufmerksam, mit denen sie im Amt konfrontiert wurden. Pfarrerin Carla Maurer (@SwissRevLondon) von der Swiss Church London berichtete von einer sexuellen Belästigung durch „einen hohen Schweizer reformierten Kirchenvertreter“. Wie kath.ch berichtete, handelt es sich dabei um den Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) Gottfried W. Locher. Seit 2015 ist Locher ebenfalls geschäftsführender Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). Locher wurde zuvor wegen Aussagen in einem Interviewbuch kritisiert, in denen er Prostitution und die Ausbeutung von Frauen verharmlost haben soll, und wurde bereits 2014 vor allem von vielen in der Kirche engagierten Frauen kritisiert, als er die „Feminisierung der Kirche“ beklagte.

Eule: Was sind die tieferen Gründe dafür, dass Frauen in Kirchen nicht sicher arbeiten können?

Gisler Fischer: „Wie im Himmel, so auf Erden.“ Solange die binäre Zweiteilung in Mann und Frau, oben und unten, Gott und Mensch nicht endlich auch in der Theologie aufgebrochen wird, ändert sich nur wenig. Doch leider wurde und wird Feministische Theologie an den Universitäten nach wie vor marginalisert.

Eule: Kirchen sind für Missbrauch anfällig, weil sie Orte sind, an denen erhebliche Machtgefälle das Zusammenleben prägen. Ohne dass wir dieses Gefälle abbauen, wird es Sexismus und Missbrauch weiter geben?

Gisler Fischer: Ja, das denke ich.

Eule: Sie selbst haben die katholische Kirche verlassen, um Pastorin zu werden. Hinkt die Kirche als Institution der Gesellschaft beim Thema Gleichstellung nicht gewaltig hinterher?

Gisler Fischer: Welche? Die röm.-kath. Kirche definitiv!

Eule: Welche Rolle spielt eine männlich dominierte Bibelauslegung?

Gisler Fischer: Ich denke, dass eine solche zentral ist. Bibelübersetzungen, wie etwa die „Bibel in gerechter Sprache“, welche die Vielzahl der vorkommenden Gottesbilder abbildet, werden immer noch diskreditiert.

Eule: Was können Gemeinden konkret unternehmen, um gegen Diskriminierung und Sexismus vorzugehen?

Gisler Fischer: Über Sexualität, Geschlechterverhältnisse und Macht reden!

Eule: Vielen Dank für ihre Antworten und alles Gute, Frau Gisler Fischer!

Hintergrund: #ChurchToo

Im Anschluss an die #MeToo-Bewegung veröffentlichten Frauen unter dem Hashtag #Churchtoo („auch in der Kirche“) ihre Missbrauchs-Geschichten aus dem Raum der Kirche. In den USA hat #ChurchToo in einigen Kirchen zu einer Diskussion über den zukünftigen Umgang mit Tätern und Betroffenen von sexuellem Missbrauch geführt. Am Dienstag berichtete Pastorin Ruth Everhart über ihre persönliche Geschichte und den Umgang ihrer Kirche in den USA mit der #MeToo-Bewegung.

Esther Gisler Fischer arbeitet als Pfarrerin im Zürcher Stadtquartier Seebach. Seit ihrem Studium der Theologie, Ethnologie und Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Islam beschäftigt sie sich mit kontextuellen Theologien aus Frauensicht, der Rolle von Frauen in religiösen und kulturellen Traditionen und Konzepten vom „guten Leben“, die ein nachhaltiges, friedlicheres und gerechteres Zusammenleben von Menschen untereinander und der Mitwelt ermöglichen.

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