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Foto: rawpixel (Unsplash)

Wir brauchen (andere) Digitalprominente

Die #digitaleKirche braucht freundliche Gesichter, die für sie werben. Damit wird auch eine schmerzende Repräsentationslücke geschlossen.

Unter dem Stichwort „Fehdehandschuh“ wird gegenwärtig in der digitalen Kirche heftig gestritten. Hingeworfen hatte ihn Andreas Mertin im Magazin für Theologie und Ästhetik Tà katoptrizómena. Seine Kritik richtete sich an Internet-Pfarrer, die sich seiner Meinung nach als „Pioniere“ des Netzes exponieren, ohne dabei die Geschichte der kirchlichen Digitalbemühungen ausreichend zu reflektieren.

Er hat auch mich persönlich für meinen Kommentar zur Causa Huber scharf angegangen, am Wochenende habe ich ihm auf meinem Blog widersprochen. Dabei habe ich mich vor allem auf seinen Vorwurf bezogen, mein Beitrag wäre „altersrassistisch“.


Grundsätzlicher noch ist Mertins Ablehnung von sog. „Digitalprominenten“. Im Huber-Kommentar hatte ich behauptet, dass die Kirche andere Digitalprominente braucht: „Es schadet ihrer Wirkung in den Sozialen Netzwerken, wenn vor allem ältliche Bischöf*innen sich meist kritisch zu dem äußern, was sie vom Digital mitkriegen und/oder verstanden haben.“ Wenn auch Mertins Diskriminierungsvorwurf reichlich fett ist, der Huber-Kommentar enthält tatsächlich keine positive Erklärung, warum wir andere Digitalprominente überhaupt brauchen.

Der Schnellschuss liegt nahe, vor dem Hintergrund der Negativfolie eines alten, männlichen Digitalzuwanderers mit akademisch-theologischem Hintergrund einfach auf das Gegenteil zu schließen: Eine junge, weibliche digital native ohne Meriten in der Wissenschaft, vielleicht gar ohne Theologiediplom. Und warum auch nicht?

Solche Menschen im Netz über ihren Glauben sprechen und für die Kirche auftreten zu sehen, ist mehr als eine nette Abwechslung von gängigen Schemata. Theologisch spricht aus protestantischer Perspektive nichts dagegen (CA 5, ich verweise hier nur beispielhaft auf entsprechende Artikel des Augsburger Bekenntnisses (Confessia Augustana)).  Es spricht auch nichts dagegen, dass bei der digitalen Kommunikation des Evangeliums unterschiedliche Stile und Temperamente in Anschlag gebracht werden, oder dass gefallene und gefährdete Menschen an ihr teilnehmen (CA 8).

Ordentliche Beauftragung?

Wer im Namen einer Kirche spricht, muss von ihr für diesen Dienst beauftragt sein (CA 14). Es hat sich historisch so ergeben, dass diese Beauftragungen in unterschiedlichen Formen innerhalb der evangelischen Kirchen durchgeführt werden. Pfarrer*innen und Pastor*innen werden ordiniert, Lehrer*innen erhalten die Vocatio.

Schon bei den Prädikant*innen fällt die Handhabung in den evangelischen Landeskirchen auseinander, in wenigen werden auch sie ordiniert, manchmal beauftragt sie der Kirchenkreis oder die Gemeinde mit dem Predigtdienst. Manchmal gilt diese Beauftragung ein Leben lang und überall, manchmal ist sie an eine Gemeinde gebunden und muss regelmäßig erneuert werden.

Ehrenamtliche im Verkündigungsdienst, sowie Gemeindekirchenräte und Synodale werden für ihren Dienst eingesegnet, oder laufen halt so mit im Gemeindealltag. Sie alle haben Teil an dem, was das Augsburger Bekenntnis mit „Kirchenregiment“ meint, insofern sie „in der Kirche öffentlich lehren oder predigen oder die Sakramente reichen“. Für die Kommunikation des Evangeliums im Netz hat sich noch kein Gemeindeamt entwickelt.

Das mag auch daran liegen, dass die Arbeit in Sozialen Netzwerken oder an kircheneigenen Entwicklungen wie Apps und Websites nicht an Gemeinde- oder Kirchengebieten orientiert ist. Im Internet gibt es keine Landeskirchengrenzen! Für viele Menschen hat ihre Konfession heute weniger Bedeutung, sie nehmen sich nicht als Lutheraner, Reformierte oder Katholiken, sondern als Christen wahr und kommunizieren frei von konfessionellen oder kirchenamtlichen Vorgaben.

Klar, dass Kirche in Deutschland hier Ordnung reinbringen will, das entspricht ihrem gewohnten Denken in Örtlich- und Verantwortlichkeiten. Wer im Namen der Kirche digital kommuniziert, ist ihr nicht egal. Das kann man erst einmal auch als Wertschätzung des digitalen Gesprächs verstehen und darum positiv zur Kenntnis nehmen. Allerdings überträgt die Kirche häufig nur gewohnte Muster auf das „neue“ Betätigungsfeld.

Neues Arbeitsfeld. Neue Strategien?

Wer zum Predigtamt und zur Verwaltung der Sakramente ordiniert werden will, der braucht – von Ausnahmen abgesehen – zwei Theologische Examen. Dass die Kirche meint, die Digitalisierung der Lebenswelt ihrer Gläubigen und Adressaten „Internet-Pfarrer*innen“ überlassen zu können, lässt sich hinreichend dadurch erklären, dass sie eingeübtes Kirchenregiment auf das Digitale überträgt. Daraus ergeben sich eine Reihe von Problemen:

Ein*e „Internet-Pfarrer*in“ ist je nach Stellenbeschreibung und -Umfang für ganz unterschiedliche Dinge „zuständig“. Darüber gibt es auch innerhalb der digitalen Kirche Verwirrung. Kein*e „Internet-Pfarrer*in“ kann es bei ihrer Selbstvorstellung bei der Amtsbezeichnung belassen, sie muss erklären, mit welchem digitalen Arbeitsgebiet sie tatsächlich befasst ist: Macht sie Social-Media? Arbeitet sie wissenschaftlich an einer Theologie der Digitalität? Ist sie als Medienethiker*in unterwegs? Für Schulungen und Gemeindeprojekte eingesetzt? Koordiniert sie die Digitalbemühungen ihrer Kirche oder ist im Kirchenamt für die Einführung digitaler Arbeitsprozesse zuständig?

Keine*r kann alles und die Fülle der Aufgaben sorgt nicht nur für Verwirrung im Umgang mit „Internet-Pfarrer*innen“, wie Andreas Mertins Anklagen beweisen. Die Vielfalt der Aufgaben steht in einem großen Missverhältnis zu den im Theologiestudium erworbenen Kompetenzen der Pfarrer*innen. Weil die Kirche bisher davon überzeugt war, dass an verantwortlicher Stelle ein Pfarrer zu sitzen hat, muss das auch im Digitalen so bleiben? Nein, die Kirche verschenkt hier die Möglichkeit, multiprofessionell und dynamisch zu arbeiten. Noch einmal: Es gibt kein theologisches Argument dafür, dass überall Pfarrer*innen an den Schalthebeln bzw. Notebooks sitzen müssen.

Weil Kirche weniger Medienprofis und Digitalarbeiter*innen „von außen“ in Dienst nimmt, muss sie sich auf die Digitalkompetenz ihrer angestammten Mitarbeiter*innenschaft verlassen. Im Falle der wenigen „Internet-Pfarrer*innen“, die schon seit Jahren in einzelnen Landeskirchen an der digitalen Reformation arbeiten, funktioniert das ganz gut. Jahrelang wurden sie als Nerds verspottet, heute gelten sie als Pioniere. Sie haben sich über Jahrzehnte selbst weitergebildet, theologische Kompetenz und technisches Interesse gehören für sie zusammen.

Das trifft nur auf eine kleine Minderheit der Pfarrer*innen zu. Wenn in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg über eine Verpflichtung zur Präsenz von Pfarrer*innen in den Sozialen Netzwerken nachgedacht wird, zeigt das zweierlei: Es ist ein Problembewusstsein dafür gewachsen, dass Kirche auch „dort“ ansprechbar sein sollte. Und gewohntermaßen sind Ansprechpartner aus der Kirche ihre Pfarrer*innen. Doch bedient sich die Kirche weiterhin auch ihrer gewohnten Steuerungsmittel, Pfarrer*innen sollen zu Facebook & Co. dienstverpflichtet werden.

Abgesehen von den datenschutzrechtlichen Bedenken, die unweigerlich entstehen, ist auch zu fragen, was damit denn gewonnen wäre? Aus der fröhlichen und frei-schwingenden Kommunikation des Evangeliums wird so leicht wieder der verstockte Verkündigungsdienst, der auch digital abgeleistet werden muss. Die erwartbaren Widerstände gegen eine solche kirchenamtliche Vorschrift beschädigen darüber hinaus die Grundgedanken der digitalen Kirche.

Eine Gemeinde sollte sehr wohl „im Netz“ sein, auch auf digitalen Pfaden erreichbar, aber nicht nicht jede Pfarrer*in muss sich als „Internet-Pfarrer*in“ verstehen. Weil Digitalität nicht an Gemeinde- und Kirchengrenzen halt macht, ist dieses Arbeitsfeld übergemeindlich zu bespielen. Es ergibt schon heute keinen Sinn, dass die 20 evangelischen Landeskirchen, ihre Dachorganisationen und die EKD in vielerlei Hinsicht ihr je eigenes digitales Süppchen kochen – von dem Durcheinander und der Ressourcenverschwendung durch Kirchenkreise, Seiten- und Nebenprojekte und Gemeinden ganz zu schweigen!

Botschafter*innen und Digitalpromis

Jede Landeskirche braucht „Internet-Pfarrer*innen“, die digitale Entwicklungen innerhalb der Kirche moderieren und koordinieren. Hier kommen auch ihre spezifischen Kompetenzen in der Arbeit mit Menschen gut zur Geltung. Und hier hat ihre theologische Kompetenz bei der Entwicklung einer Digitalstrategie und bei der Reflexion kirchlichen Handelns ihren Platz.

Für viele andere digitale Aufgaben in den Sozialen Netzwerken, bei der Gestaltung digitaler Angebote usw. muss die Kirche in Zukunft auf andere Professionen und Talente setzen. Sie darf ruhigen Gewissens auch weiter auf das Ehrenamt setzen und muss nicht alle kreativen Kuddelmuddel durchverwalten. Bevor es um die Anschaffung von Service-Bots geht, sollte erst einmal darüber nachgedacht werden, ob zwischen Maschine und Pfarrer*in nicht noch eine Menge „fleischlichen“ Potentials liegt, das die Kirche aus Gewohnheit oder Misstrauen bisher meidet.

Denn Bot- und Kundschafter*innen der Kirche im Netz sind zuallerst die vielen Christ*innen, die dort von ihrem Glauben und Leben erzählen, die etwas vom Evangelium zum Klingen bringen und als Crowd verwirklichen, was Friedrich Schleiermacher die „darstellende Mitteilung und mitteilende Darstellung des gemeinsamen christlichen Sinnes“ nennt. Die unfassbare Vielfalt der digitalen Kirche zeigt deutlich, dass der christliche Glaube immer noch Milieugrenzen überwinden kann. Wer Sinn und Geschmack für die Vielfalt christlicher Lebensentwürfe entwickeln will, der schaue auf die #digitaleKirche! Dort werden Menschen sichtbar, die in evangelischen Kirchgemeinden häufig unsichtbar bleiben.

Demgegenüber meine ich mit Digitalprominenten die entgegengesetze Wirkrichtung: Menschen, die in die verfasste (analoge) Kirche hineinwirken, Ängste vor der Digitalisierung abbauen und zum Engagement einladen. Das müssen nicht zwangsläufig junge Menschen sein. Es braucht sichtbare Typen, die Digitalität grundsätzlich bejahen und kritisch reflektiert leben, die sich im Netz zuhause fühlen und die durch ihr öffentliches Auftreten deutlich machen, dass Kirche im Digital auch nur Kirche ist.

Es gibt diese Digitalpromis schon längst, sie müssen nur lauter werden und die Kirche tut gut daran ihnen zuzuhören.