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Bild: Coverdetail & Oleg Cloes (Unsplash)

Zur rechten Zeit

Mitten in der Corona-Krise legt der Antisemitismus-Experte Michael Blume ein neues Buch über „Verschwörungsmythen“ vor. Wie können wir dem Verschwörungsglauben privat und in Gesellschaft begegnen?

Wie schafft man es, während der Corona-Krise ein Buch zu schreiben? Großdruck hilft sicher – und tatsächlich ist Michael Blumes „Verschwörungsmythen“ auch für Leser:innen mit Sehschwäche komfortabel gedruckt. Ein lesenswertes Buch aber schreibt sich zwischen Homeoffice und Sorgen nur dann, wenn man sich mit Thema und Stoff wirklich auskennt. Blume ist es gelungen.

Um Corona-Verschwörungsmythen geht es auf den gut 150 Seiten des neuesten Buches des Religionswissenschaftlers Michael Blume, der als Blogger bekannt und als Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung angestellt ist, jedoch nur am Rande. Mehr muss zu ihnen auch nicht gesagt werden, sind doch die Verschwörungserzählungen rund um das Corona-Virus nichts weiter als Verästelungen längst bekannter Verschwörungs-Gewächse.

Der hässliche Antisemitismus, in den nicht wenige Corona-Demonstrant:innen zurzeit hinabsteigen, ist altbekannt, genauso wie die Eigenart aller Verschwörungsgläubigen, sich mit Vorliebe als Opfer zu inszenieren. Daher auch die unsägliche Verwendung des Judensterns als Markierung für die geglaubte Verfolgung durch Wissenschaftler:innen, Medien und Regierungen.

„Arme“ und „reiche“ Menschen

Als Erklärungsmodell für den Verschwörungsglauben bietet Blume im Buch Hans Blumenbergs Unterscheidung von „armen“ und „reichen“ Menschen an, die jener anhand des Höhlengleichnisses Platons entwickelt hat. Danach sehen sich „arme“ Menschen einer Welt gegenüber, in der die Dinge nur so scheinen, und der darum solange zu misstrauen ist, bis ein „Führer“ sie aus der Dunkelheit herausführt. „Reiche“ Menschen hingegen bauen selbstverantwortet und aktiv an einer demokratischen Gesellschaft, weil sie sich nicht von falschen Dualismen blenden lassen.

Blume führt dieses Grundparadigma anhand historischer und aktueller Beispiele aus – vom Nationalsozialismus und Stalinismus bis hin zur Ideologie des „Islamischen Staates“. Mit dieser ist Blume seit Jahren befasst. Besonders der Stoff für Verschwörungsmythen, der am Rande der abrahamitischen Religionen wuchert, ist ihm als Religionswissenschaftler vertraut. Und zwar nicht allein vom Schreibtisch aus, sondern als jahrelanger Gesprächspartner von Muslimen, Eziden, Christen und Juden.

Wann kennt man sich wirklich aus?

Um Verschwörungsmythen zu begegnen, braucht es ein Handgepäck von religionskundlichem und philosophischen Wissen – lesenswert auch die Heidegger-Exkurse im Buch -, vor allem aber diskursive Kompetenz, die nur im Kontakt mit zahlreichen Schüler:innen, Lehrer:innen, Politiker:innen und – ja, doch – streitlustigen Kommentator:innen im Netz erworben werden kann.

Da Blume davon reichlich zur Verfügung steht, ist es ihm gelungen, zur – im doppelten Sinne – rechten Zeit ein Buch zu schreiben, das in einem sehr angenehmen Erzählton gehalten ist. Natürlich bringt er Wissen über Verschwörungsmythen an die Leser:in, aber man fühlt sich gerade nicht belehrt, sondern in ein informatives Gespräch verwickelt.

Wie können wir Verschwörungsmythen begegnen? Blume empfiehlt das geduldige Gespräch, besonders mit denjenigen, die noch nicht vollends in eine digitale Parallelwelt abgetaucht sind. Geduld schlägt er auch als Heilmittel für die gesamtgesellschaftliche Bedrohung durch rechts-populistische Ideologien vor. Denn wenn die Populisten schweigen müssen, wenn Raum für Nachdenken und „Gerede“ ist, wenn sie ihre Ziele nicht sofort erreichen, wenn man sich ihnen in den Weg stellt, wächst der Zweifel und kann so manch eine:r wieder aus der Höhle des Verschwörungsglaubens klettern.

Michael Blume – Blogger und Antisemitismusbeauftragter

Michael Blume (@BlumeEvolution) ist seit vielen Jahren als Wissenschafts-Blogger bekannt und im interreligiösen Dialog engagiert. 2014 übernahm er die Leitung der Mission „Sonderkontingent Nordirak“, in deren Rahmen 1 100 schutzbedürftige, hauptsächlich ezidische, Frauen und Mädchen nach Deutschland gebracht wurden. Seit 2018 ist er Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung.

2019 erschien das Buch „Eine Blume für Zehra“, in dem Andreas Malessa die Liebesgeschichte zwischen Blume und seiner muslimischen Frau Zehra erzählt. Bei Patmos erschienen sind „Islam in der Krise“ (2017, Rezension in der Eule) und „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ (2019).

Verbindliche Sachlichkeit

Blumes Hinweisen zur Bekämpfung des Verschwörungsglaubens kann nach der Lektüre des Buches noch ein weiterer hinzugefügt werden, den Blume performativ ausrichtet: Gegen Verschwörungsmythen braucht es andere Erzählungen und Mythen, die überzeugend und ohne Schaum vor dem Mund, in einer Haltung verbindlicher Sachlichkeit vorgetragen werden.

Dabei steht der individuelle Mensch als Gesprächspartner:in im Vordergrund, der eben nicht nur Teil einer bewegten Masse ist, über die leicht ein Urteil gesprochen ist. Denn dann verdammte man die Mitläufer:innen abermals zu ihrem Schicksal. Das Anliegen der Demokraten besteht hingegen darin, wie Blume schreibt, nicht Mitläufer:innen, sondern Mitdenker:innen zu gewinnen.

Die Lektüre von „Verschwörungsmythen“ kann dazu ein guter Einstieg sein. Verschwörungs-Expert:innen werden darin nichts bahnbrechend Neues erfahren, als „Geschenkbuch“ für Schüler:innen, Konfirmand:innen, Ehrenamtliche, Familienmitglieder und Kolleg:innen aber ist Blumes neuestes Buch – auch seiner flotten Aufmachung wegen – uneingeschränkt zu empfehlen.


Verschwörungsmythen
Michael Blume
160 Seiten (inkl. Anhang)
15 € (Taschenbuch), 11,99 € (eBook)
Patmos

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