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Foto: Ahmadiyya

10 Dinge, die man bei Europas größter muslimischer Veranstaltung lernen kann

Einmal im Jahr versammeln sich auf der „Jalsa Salana“ in Karlsruhe bis zu 40 000 Muslime und Musliminnen. Hier sind zehn Gründe, warum sich ein Besuch auch für Menschen lohnt, die sonst nichts mit dem Islam am Hut haben.

Sie glauben, Jesus sei als Buddha in Kashmir gestorben, halten einen indischen Prediger aus dem 19. Jahrhundert für den Messias und verehren einen in London lebenden Mann mit Bart und Turban als ihren Kalifen: Man könnte die Ahmadiyya Muslim Jamaat leicht als skurrile und unbedeutende muslimische Splittergruppe abtun.

Aber damit würde man ihrer Bedeutung für muslimische Teilhabe in Deutschland nicht gerecht werden. Als einzige islamische Gruppierung ist die Ahmadiyya als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt. Keine muslimische Gemeinschaft baut derzeit mehr Moscheen. Und einmal im Jahr veranstaltet sie in den Karlsruher Messehallen die Jalsa Salana – mit bis zu 40 000 Teilnehmern die größte islamischen Veranstaltung Europas.

Für Ahmadis ist die Veranstaltung in etwa wie der Kirchentag für Christen: Gebete werden abgehalten, theologische Diskussionen geführt, alte Bekannte wieder getroffen. Aber auch für Nicht-Muslime kann ein Besuch auf der „Jährlichen Versammlung“ lehrreich sein. Hier sind zehn Dinge, die ich vom 19. Bis 21. August über den Islam und Muslime in Deutschland gelernt habe.

1. Muslime können echt gut organisiert sein. Manche zumindest

Zersplittert, zerstritten, inaktiv. Das sind Attribute, die viele mit islamischer Selbstorganisation in Deutschland verbinden. Dass Muslime auch anders können, merkt man gleich, wenn man am Karlsruher Hauptbahnhof aus dem Zug steigt: Jalsa-Shuttleservice, Jalsa-Security-Dienst, Jalsa-Gäste-Bereich. Mein persönlicher Jalsa-Presse-Betreuer führt mich über das riesige Areal, auf dem in früheren Jahren bis zu 40 000 Menschen beteten, aßen, diskutierten und schliefen.

Aufgrund behördlicher Restriktionen sind es in diesem Jahr nur noch rund 20 000. Aber auch jetzt wird der riesige Organisationsaufwand spürbar: Allein die Gebetshalle fasst 5 000 Menschen, inklusive Mega-Leinwand für die Übertragungen des aus London zugeschalteten Kalifen und Simultanübersetzung in mehreren Sprachen. Im Hof hat der eigene Jalsa-TV-Sender sein Studio aufgebaut, während eine Halle weiter unzählige Freiwillige tausende Kilo Reis und Dhal ausschenken.

Nur bei einem Aspekt hinkt der eingangs gemachte Vergleich mit dem Kirchentag dann doch: Was bei vergleichbaren Veranstaltungen nur Dank jeder Menge öffentlicher Gelder und bezahltem Personal möglich ist, leisten die Ahmadis ausschließlich auf Basis von Spenden und ehrenamtlichen Engagement.

2. Den „Deutschen Islam“ gibt es längst

Ein weiteres Klischee überlebt einen Rundgang durch die Karlsruher Messehalle nicht: Jenes, wonach es dem Islam in Deutschland am „Deutschsein“ mangle. Zugegeben, das Gerede um einen „deutschen Islam“ gehört eigentlich in die Phantomdebatten rechter Desintegrationspolitiker und taugt kaum für einen ernsthaften Faktencheck. Religionsfreiheit bedeutet schließlich, dass Menschen ihren Glauben so ausleben können und dürfen, wie sie ihn selbst verstehen – nicht wie der deutscher Staat und die Mehrheitsgesellschaft ihn gern hätten.

Dennoch: Auf der Jalsa dürften selbst die konservativsten Islam-Debattierer ins Schwärmen geraten. Die Veranstaltung beginnt mit dem rituellen Hissen der Deutschland-Flagge im Hof. Auf einem Tisch liegen Prospekte mit dem Titel „Wir sind alle Deutschland“. Ein Redner betont auf der völlig überdimensionierten Bühne den Wert von Grundgesetz und gesellschaftlichen Engagement. Deutscher dürfte es auf keinem CDU-Parteitag zugehen. Dass hinter dem positiven Deutschland-Bezug mehr als nur Performance steckt, versichert der Vorsitzende der Ahmadiyya-Deutschland Abdullah Uwe Wagishauser:

„Wenn sie in einem Land aufgewachsen sind, dass kein Grundgesetz, keine Staatsinstitutionen, keine Religionsfreiheit, keine medizinische Versorgung, hat, dann steckt da eine ehrliche Wertschätzung und Dankbarkeit dahinter.“

3. Der Islam gehört zu Deutschland. Und zwar schon länger als die Bundesrepublik

Noch etwas Interessantes kann man auf der Jalsa über das Verhältnis von Islam und Deutschland lernen: Das Verhältnis besteht schon ganz schön lange. „100 Jahre Ahmadiyya Deutschland“ heißt eine von mehreren Ausstellungen auf dem Gelände. Daneben steht Islamwissenschaftler Luqman Majoka. Er hat zur Geschichte der Ahmadiyya in Deutschland geforscht. Die ersten Kontakte nach Deutschland, habe es bereits 1885 gegeben: „Der Gründer der Gemeinde schrieb einen Brief an Bismarck.“ Ob und was er geantwortet hat, wisse man leider nicht.

1922 sei dann der erste Imam nach Deutschland gekommen. Ein Jahr später gründete dieser die erste muslimische Gemeinde in Deutschland überhaupt. Nur aus dem Plan, auch die erste Moschee des Landes zu bauen – ein imposantes Gebäude mit Studentenwohnheim, Café und 60 Meter hohen Minaretten – wurde nichts. „Sie scheiterte letztlich an Wirtschaftskrise und Hyperinflation“, sagt Majoka.

4. Moscheen bauen war auch schon mal einfacher

Davon abgehalten, in Deutschland Moscheen zu bauen, hat das die Gemeinschaft allerdings nicht. Auf einer riesigen Deutschlandkarte symbolisieren grüne LED-Lämpchen die Moscheen der Ahmadiyya. 61 davon gibt es, 9 weitere sind derzeit im Bau. Damit ist die Ahmadiyya für rund ein Drittel der repräsentativen Moscheen in Deutschland verantwortlich – und das obwohl sie nur rund 1 % der deutschen Muslime stellt.

Und noch etwas lässt sich in der Moschee-Ausstellung lernen: Das Errichten islamischer Gotteshäuser war schon einmal einfacher in Deutschland. Während heutige Bauten bestenfalls im Gewerbegebiet entstehen, bauten muslimische Bauherren vor wenigen Jahrzehnten noch in schicken Gegenden und mit Unterstützung aus Politik und Wirtschaft. Der Bau der Fazle-Omar-Moschee im Hamburger Stadtteil Stellingen im Jahr 1957 wurde beispielsweise durch Spenden der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Vereinsbank unterstützt. Große Unternehmen, die heute auf ähnliche Gedanken kämen, müssten sich mit Sicherheit auf rechte Proteste, Shitstorms und Boykott-Kampagnen einstellen.

Zu Beginn wird die Deutschland-Flagge gehisst. Foto: Ahmadiyya

5. Heute ist es unendlich schwer in Deutschland eine Moschee zu bauen

Wie sehr sich die Zeiten seitdem geändert haben, zeigen die Erzählungen von Suleman Malik, der auf der Jalsa für die Gästebetreuung zuständig ist. Malik baut derzeit in der thüringischen Hauptstadt Erfurt die erste repräsentative Moschee in den fünf neuen Bundesländern. Die Suche nach einem Grundstück habe er bereits im Jahr 2007 begonnen. Erst 2015 wurde er am Ortstrand des Dorfes Marbach fündig. Weil sich aufgrund rechter Drohungen keine Bauunternehmen fanden, ist die Moschee bis heute nicht fertig.

Was in der Zwischenzeit sonst noch passierte, fasst Malik so zusammen: „Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich geschlagen, bespuckt und beleidigt wurde.“ Die AfD machte Malik und seine Moschee zum Wahlkampfthema, vermummte Demonstranten zogen durch den Ort, Unbekannte hinterließen Schweinekadaver auf der Moschee-Baustelle. „Für mich war Erfurt immer eine weltoffene, liberale Stadt. Mir war nicht klar, dass die Proteste diese Dimension erreichen“, sagt Malik.

Nicht bei jedem Moscheebauprojekt in Deutschland ist der Widerstand so groß wie in Erfurt. Doch ganz ohne rechte Drohungen, Anwohnerproteste und Behördenschikane kommt kaum ein muslimischer Bauherr aus.

6. Deutsche Imame gibt es längst

Stehen die Moscheen dann irgendwann doch einmal, wird meist eine neue Forderung laut: die nach in Deutschland ausgebildeten Imamen. Nicht ganz zu Unrecht: Tatsächlich stehen in vielen islamischen Gemeinden immer noch sogenannte „Import-Imame“ mit nur wenig Kenntnissen über Sprache und Leben der Menschen, denen sie vorbeten. Ein Besuch auf der Jalsa zeigt aber auch: Die in Deutschland ausgebildeten Imame, nach denen Integrationspolitiker regelmäßig verlangen, gibt es längst. In der Jamia Ahmadiyya im hessischen Riedstadt durchlaufen seit 2008 bis zu 120 Studenten ein siebenjähriges Studium.

Einer von ihnen ist Arslan Ahmad, dem ich an einem Informationsstand der Imam-Uni begegne. „Ich habe von der Gemeinde sehr viel bekommen. Davon will ich etwas zurückgeben“, erklärt Ahmad seine Motivation, Imam zu werden. Was er im Anschluss mit dem Studium macht, wisse er noch nicht: „Ich geh dorthin, wo mich die Gemeinde braucht. Ich hätte auch kein Problem damit, ins Ausland zu gehen“, sagt Ahmad. Hoffentlich klagen dann nicht irgendwann rechte Politiker im Ausland über den Zuzug deutscher „Import-Imame“.

7. Es gibt eine Islamische Caritas. Kind of

Noch ein Novum findet sich auf der Jalsa: An-Nusrat, der erste islamische Wohlfahrtsverband. Seit gefühlten Ewigkeiten diskutieren Politiker und Islamvertreter im Rahmen der Islamkonferenz über eine islamische Ergänzung zu Caritas, Diakonie und Co. „Wir haben es einfach gemacht“, sagt Samee Ullah, Vorstandsmitglied bei An-Nusrat (dt. „die Hilfe“). Der 2018 gegründete Verband bietet fast alles an, was es bei AWO oder Rotem Kreuz auch gibt: von Kindertagesstätten über Sprachkurse bis Bestattungsdienst. Wenn auch noch in weit geringerem Umfang.

Der Verband richte sich an Menschen jeder Religion, Herkunft und Sprache. „Wichtig ist uns aber auch, gewisse Angebote religions- und sprachsensibel anzubieten“, sagt Ullah. Alleinstellungsmerkmal sei, den Teilnehmern einen „Safer Space“ anbieten zu können. Was er damit meint, erklärt Ullah am Beispiel von Integrationskursen: „Da werden Annahmen getroffen, die gar nicht zutreffen. Zum Beispiel, dass die Menschen kein Verständnis von Demokratie und Frauenrechten haben.“

Das Angebot von Al-Nusrat komme gut an: Für einen Online-Deutschkurs mit 30 Plätzen habe es innerhalb von 24 Stunden über 1 000 Anmeldungen gegeben. Bei deutschen Kooperationspartnern stoße man hingegen noch manchmal auf Widerstände: „Viele sind erstmal skeptisch, wenn wir auf sie zugehen“, sagt Ullah und erzählt von Fällen, in denen Al-Nusrat mit der ähnlich klingenden Terrorgruppe verwechselt werde.

8. Muslime sind manchmal auch nur Katholiken

Nicht jede Kritik an Muslimen entstammt der wirren Gedankenwelt von Islamfeinden. Beim Umgang mit Homosexualität und bei der Gleichstellung von Mann und Frau erinnert die Jalsa doch weniger an den (evangelischen) Kirchen- als an den Katholikentag. Das gilt auch für die Bemühungen mancher Gesprächspartner, den Spagat zwischen weltoffener Außenwirkung und antiquierten Moralvorstellungen zu schaffen. „Wer homosexuell ist, wird sicherlich bei uns nicht Vorsitzender werden“, sagt Deutschland-Chef Wagishauser. „Aber ansonsten ist das ihr Privatleben, das geht mich nichts an.“

Dass Frauen und Männer in Karlsruhe in getrennten Hallen beten, findet die Vorsitzende der Frauenorganisation der Ahmadiyya, Khola Marjam Hübsch, nicht problematisch. „Auf der Frauen-Seite ist das ein Safe Space. Man betet gemeinsam, die Mäntel und Kopftücher werden ausgezogen, man ist unter sich, völlig entspannt“, erklärt Hübsch. Viele andere Gesprächspartner nehmen den einfacheren argumentativen Ausweg und verweisen bei unangenehmen Fragen auf die Bestimmungen ihres religiösen Oberhauptes. Muslime sind manchmal eben auch nur Katholiken.

9. Islam und Islambild könnten unterschiedlicher nicht sein

Dennoch: Wer auf der Suche nach Klischeebestätigung ist, wird in Karlsruhe nicht fündig. Drei Tage Jalsa bedeuten drei Tage volle Dröhnung Islam – das aber ganz ohne Suren-Ping-Pong oder Integrationsdebatten. Frage ich Ahmadis nach dem Grund für ihren Besuch, fallen immer wieder Begriffe, die der mehrheitsdeutschen Islamdebatte völlig fremd sind: Gemeinschaft, Erleuchtung, Spiritualität.

„Die Jalsa ist dazu da, den spirituellen Akku aufzuladen. Ein gemeinsames Gebet von mehreren Tausend Menschen ist etwas ganz Besonderes“, sagt Deutschland-Chef Wagishauser. Allein um diese Sicht auf Islam und Glaube zu erleben, lohnt sich für den durchschnittlichen atheistischen oder agnostischen Deutschen ein Besuch in Karlsruhe.

10. Ein Islam abseits der Klischees ist für viele uninteressant

Stell dir vor, bis zu 40 000 Muslime kommen zusammen, um für Frieden in der Welt zu beten, und keinen interessiert’s. Auch so könnte man die Jalsa Salana zusammenfassen. Während jedes falsche Wort in irgendeiner Hinterhofmoschee BILD-Schlagzeilen auslöst, blieben die meisten großen Medien Europas größter islamischen Veranstaltung fern. Ein Kamerateam des SWR gehörte zu den wenigen Ausnahmen. Auch Politiker ließen sich kaum blicken, vom SPD-Bundestagesabgeordneten Helge Lindh mal abgesehen. Aber der gehört bei islamischen Veranstaltungen quasi schon zum Inventar.

Baden Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der in einem Interview einmal behauptete, der Islam sei in Deutschland „nicht wirklich integriert“, war in elf Jahren Amtszeit übrigens noch kein einziges Mal auf der Jalsa. Schade. Vielleicht hätte er zwischen zehntausenden deutschen Muslimen und Musliminnen erkannt, wie absurd seine Aussage ist.

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