Das Schweigen der Kirchen zu Gaza
Das Töten geht weiter, die Kirche schweigt: Obwohl sich die Zweifel an der Unterstützung Israels mehren, halten sich die Kirchen in Deutschland mit Kritik zurück – und beschädigen so ihre eigene Glaubwürdigkeit.
Liebe Eule-Leser:innen,
nachdem wir Ende Juni die #LaTdH („Links am Tag des Herrn“) anständig beerdigt haben, hat Die Eule einen neuen wöchentlichen Newsletter: Re:mind. Dieser Newsletter ist für alle Menschen gedacht, die in Kirche und Gesellschaft Bescheid wissen wollen. Jeden Freitag bringen wir Dir ein zentrales, wichtiges und/oder aktuelles Thema und verschaffen Dir Orientierung in gegenwärtigen Debatten. Kritisch und mindful. Wenn Du dich zum Newsletter noch nicht angemeldet hast, dann kannst Du dich direkt unten beim dunkelblauen Balken eintragen!
Ich könnte jetzt noch viele Worte darüber verlieren, was wir uns dabei gedacht haben, den Newsletter „Re:mind“ zu nennen, was wir von den alten #LaTdH übernehmen und was wir neu und anders machen wollen. Ganz knapp: Jeder Newsletter wird sich mit einem Thema befassen, außerdem gibt’s Eule-Lektürehinweise und einen guten Satz. Und in Zeiten der hoch konventionalisierten und konventionellen Publizistik lassen wir uns bewusst den Freiraum, es mal auch ganz anders zu machen. Die Wahrheit liegt ohnehin in der Performanz. Der Sommer ist vorbei. Wir legen wieder los.
Wieder ein Angriff auf ein Krankenhaus, wieder getötete Zivilist:innen und wieder auch Journalist:innen unter den Opfern. 20 Menschen wurden bei einem israelischen Angriff auf das Nasser-Krankenhaus in Gaza getötet. Journalistenverbände und Hilfswerke protestieren, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte laut „Tagesschau“: „“Dieses Ereignis von gestern wirft einen schweren Schatten auf die ansonsten ja in jeder Hinsicht berechtigte Vorgehensweise gegen die Hamas.“
In jeder Hinsicht berechtigt – das ist Ende August 2025 eine bemerkenswerte Einschätzung des Bundeskanzlers, der bei anderer Gelegenheit die Kriegsführung Israels bereits schärter kritisiert hatte (wir berichteten). Allerdings blieb die rhetorische Verschärfung durch Merz und den Bundesminister des Auswärtigen, Johann Wadephul (CDU), dann weitgehend folgenlos: Auf das Drängen der Bundesregierung hin verzichtet die Europäische Union bisher auf Sanktionen gegen Israel und das Aussetzen des Kooperationsabkommens. Natürlich werden aus Deutschland weiter Waffen an Israel geliefert (und umgekehrt). Staatsräson und strategische Partnerschaft – wer mag das noch auseinanderhalten? Ist es nicht tatsächlich so wie der Kanzler sagte, dass Israel die „Drecksarbeit“ auch für uns erledigt, wenn es das Atomprogramm Irans vereitelt, die Huthis und Hisbollah ausschaltet, und im Hamas-Pfuhl Gaza aufräumt?
Über 100.000 Leben hat der Gaza-Krieg inzwischen gefordert, 200.000 Palästinenser:innen haben das Gebiet verlassen, berichtete Mitte August die taz. Die Opfer der jüngsten Hungersnot sind da noch gar nicht mit einkalkuliert. Gaza ist ein Trümmerfeld, Hunger und Krankheiten greifen um sich. Die Zahl der zivilen Opfer ist während des aktuellen Kalenderjahres auch deshalb massiv angestiegen, weil die Versorgung mit Nahrung und Medizin zusammengebrochen ist und aufgrund der israelischen Blockaden nur wenige Hilfsgüter in das Kriegsgebiet gelangen.
Während das Leiden der Zivilbevölkerung unvermindert weitergeht, diskutiert „die Weltgemeinschaft“, ob die Kriegsführung Israels die völkerrechtliche Definition eines Genozids erfüllt (und seine Besatzung des Westjordanlandes die der Apartheid). Weltweit und nicht allein im oft belächelten Globalen Süden schadet es der Glaubwürdigkeit des Westens, dass er Israel lange Zeit einen Freifahrtschein ausgestellt hat. Wer angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine immer wieder mahnt und fordert, darf zu Gaza nicht schweigen. In Deutschland ist die politische Stimmung später als anderswo zuungunsten Israels gekippt, der Krieg in Gaza – „Drecksarbeit“ hin oder her – ist massiv unbeliebt. Es sind gerade jüngere Menschen, die im Westen wie im Globalen Süden protestieren, die Doppelmoral der Industrienationen beklagen.
Hinsehen, Erkennen, Handeln
Aus alledem haben sich die Kirchen in Deutschland bisher keineswegs rausgehalten und doch versucht, auf leisen Pfoten unterwegs zu sein. „Könnten wir doch hören, was Gott zur Situation im Nahen Osten sagt“, erbat sich die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs, im Juni. Dabei wissen die großen Kirchen längst gut Bescheid: Nicht nur schauen die BischöfInnen, Kirchenamtler:innen und Synodalen Nachrichten, sie haben auch eigene Kommunikationskanäle, die in den vergangenen Monaten nicht ungenutzt geblieben sind:
Die römisch-katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hatte den römisch-katholischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, zu ihrer Herbstvollversammlung 2024 eingeladen, inklusive Gespräch mit der deutschen Presse (s. hier & hier in der Eule). Gerade eben erst war der neue EKD-Auslandsbischof Frank Kopania im Heiligen Land: Er besuchte die Gedenkstätte des Nova-Festivals, sprach mit Kirchenvertreter:innen und dem Präsidenten der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt. „Ein geplanter Solidaritätsbesuch in Taybeh, einem christlichen Dorf in der Westbank, das unter anhaltender Gewalt militanter Siedler leidet“, musste hingegen abgesagt werden.
Bei ihrer Solidaritätsreise nach Israel und ins Westjordanland im Dezember 2024 fühlte sich eine Delegation der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) von den israelischen Sicherheitskräften regelrecht eingeschüchtert. Bei der Tagung der EKD-Synode im vergangenen Herbst war Bischof Ibrahim Azar von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) einer der Ehrengäste.
All das ist einer kleinen Minderheit von Hochinformierten in den Kirchen womöglich auch präsent und soll wohl nicht allein als Solidaritätszeichen mit den palästinensischen Christen verstanden werden, sondern durchaus auch als Ergänzung des sonst für sich selbst stehenden Engagements der Kirchen gegen Antisemitismus und für die christlich-jüdische Verständigung, das sich immer auch als Eintreten für das Existenzrecht des Staates Israel versteht. Aber ist es auch genug?
Wo sind die großen Friedensdemos, auf denen – ohne antisemitische Vorfälle – das Schweigen der Waffen und die menschenwürdige Versorgung der Bevölkerung gefordert wird? Müssten sich die Kirchen nicht genau dafür einsetzen? Ist es mit gefühligen Videobotschaften, Fürbitten anlässlich des Jahrestages des 7. Oktober und der Klage über die „humanitäre Katastrophe“ getan?
Eine Frage der Glaubwürdigkeit
So wie sich die Europäische Union und Deutschland global-politisch unmöglich machen und jede Glaubwürdigkeit einbüßen, so ergeht es auch den christlichen Kirchen, wenn sie die Universalität der Ächtung von Gewalt und ihr Friedenszeugnis angesichts der israelischen Kriegsführung in Gaza herunterdimmen. Die Kirchen treten für das Völkerrecht und gegen das Recht des Stärkeren ein: In dieser Woche erst war die Bevollmächtigte der EKD bei der Bundesrepublik und EU, Prälatin Anne Gidion, in der Ukraine zu Gast, berichtet Corinna Buschow vom epd. Gilt die christliche Friedensethik für alle Anwendungsfälle außer für Israel?
Zur Tagung der EKD-Synode im November in Dresden wird die EKD eine neue Friedensdenkschrift vorstellen. Sie soll und wird einige der Botschaften der Dresdener „Friedenssynode“ von 2019 (wir berichteten) korrigieren und die Friedensdenkschrift von 2007 als maßgebliches Orientierungsdokument für die evangelische Debatte um die Friedensethik ablösen. Bereits zum Johannisempfang Ende Juni teaserte die EKD-Ratsvorsitzende an, die Denkschrift werde ein „relatives Prä“ des bewaffneten „Schutzes vor Gewalt“ enthalten. Unter dem Eindruck ihres Ukraine-Besuches verteidigt Prälatin Gidion diese neue Akzentuierung des Gewaltschutzes:
„Ich denke, wir setzen damit genau das richtige Wort zur rechten Zeit“, sagte Gidion. In der evangelischen Kirche sei das Bewusstsein dafür gewachsen, „dass die Sicherheit und die Freiheit notfalls auch militärisch verteidigt werden müssen“. Die Einsicht, dass es notwendig sein könne, zur Sicherung des Friedens in Freiheit Gewalt anzuwenden, stehe nicht im Widerspruch zum christlichen Glauben, sagte sie.
Der tatsächliche Krieg Israels in Gaza ist weder „in jeder Hinsicht berechtigt“ noch wird er vom Selbstverteidigungsrecht des Staates Israel legitimiert. Er widerspricht in eklatanter Weise nicht allein dem Leitbild des gerechten Friedens, sondern auch den Regeln des gerechten Krieges, wie sie über Jahrhunderte hinweg entfaltet wurden. Drei Jahre lang hat die EKD daran gearbeitet, angesichts des Ukraine-Krieges und der „Zeitenwende“ ihre friedensethischen Positionen zu aktualisieren. Die Frage, wie all das mit Israels Kriegsführung zusammengebracht werden kann oder gar sollte, wird jedoch lieber weggeschoben.
Das liegt natürlich daran, dass man sich angesichts der wachsenden Bedrohung für Jüdinnen und Juden auch in Deutschland sorgt, mit pointierter Kritik und sichtbarem öffentlichen Engagement wider den Gaza-Krieg antisemtische Ressentiments zu stärken. Oder sorgt man sich, selbst des Antisemitismus‘ verdächtigt zu werden, wie die „Apartheid“-Debatte im Sommer 2025 wieder gezeigt hat? Prüfstein der Friedensethik der Kirchen in Deutschland ist jedenfalls nicht allein ihre Haltung zum Wehrdienst, zur atomaren Abschreckung oder zur militärischen Unterstützung der Ukraine, sondern auch ihr Friedenszeugnis angesichts des Gaza-Krieges.
Aktuell im Magazin:
500 Jahre Bauernkrieg im „Eule-Podcast“: Ein Triptychon zum Lauschen – Philipp Greifenstein
Im Juli und August haben wir uns im „Eule-Podcast“ ausführlich mit dem Gedenken an den Bauernkrieg von 1524/25 befasst und dazu drei spannende GesprächspartnerInnen eingeladen: Die Historikerin Lyndal Roper, den Kirchengeschichtler Thomas Kaufmann sowie den Historiker und Publizisten Tobias Prüwer. Alle drei haben (höchst unterschiedliche) Bücher zum Bauernkrieg, über seine Folgen und sein Vermächtnis geschrieben. In einem Überblicksartikel beschreibe ich, worin sich die drei (un-)einig sind und was wir heute vom Bauernkrieg lernen können.
„Schöner glauben“ oder besser streiten? – Maren Hahnemann
Rechte Talking Points, Falschaussagen und Harmoniezwang hat Maren Hahnemann in den Äußerungen des landeskirchlichen Influencers Nicolai Opifanti gefunden. Anhand seines Agierens in der Causa Brosius-Gersdorf und eines Auftritts im „Schöner glauben“-Podcast analysiert sie, woran der (christliche) Online-Diskurs so häufig scheitert.
„Die Männer mussten sich erst an uns Frauen gewöhnen“ – Philipp Greifenstein
Bereits am 9. Juli hatten wir zu einem Eule-Live-Abend in Zusammenarbeit mit der AG Religionsgeschichte der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR) eingeladen. Die Autorinnen Marlen Bunzel und Weronika Vogel sowie Zeitzeuginnen stellten das Buch „Frauenporträts“ vor. Der Abend drehte sich um die spannende Geschichte der ersten und einzigen katholischen Theologinnen in der DDR. In meinem Bericht habe ich versucht, der Vielfalt (und Schönheit) des Abends gerecht zu werden und einen Einblick ins Thema zu geben.
Der nächste Eule-Live-Abend wird übrigens am 15. Oktober 2025 stattfinden. Dann werden wir uns mit generativer KI und digitalen Bildwelten befassen. Save the date!
Der Sommer war nicht soooo lang und groß und selbst in Bayern und Württemberg werden die südlicheren Tage irgendwann auch mal zu Ende gehen. Dann stehen im Osten ja schon die Herbstferien vor der Tür! In den Ferien können wir einen – der Hoffnung nach – entspannteren Umgang mit der Zeit (nicht der Zeitung!) einüben. Langeweile, so wichtig. Nur wenn die Synapsen mal relaxen können, sind sie hernach auch zu kreativen, gar poetischen Leistungen imstande. Allen Nachsinnenden und Sinnsuchenden empfehle ich daher Frank Chimeros gedankliche Sommerwanderungen auf seinem Blog mit dem schönen Titel „Time is On My Side“:
I asked AI what we do with time, and it came back with words that were commercial and violent. We spend time, save time, take time, and make it; manage, track, and save it; we kill time, we pass it, we waste it, borrow, and steal it. We abuse time and it beats us back up, either in retribution or self-defense. It’s a zero-sum perspective of the material of our lives; it makes us prisoners to our own utility.
The AI said nothing about love, loyalty, or enthusiasm. When you wrap those up, it becomes clear that the best thing to do with time is to devote it. That is how you get time on your side. When you are working with time instead of against it, every bit matters, it all counts, even the fallow times, the empty times, the time off the path.
In diesem Sommer sind in der Eule drei Interviews erschienen, die ich allen, die sie vielleicht übersehen haben, gerne ans Herz lege: Benjamin Lassiwe hat die neue (und erste) Präsidentin des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG), Natalie Georgi, befragt. Mit Dorothee Wüst, die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz und Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum (BeFo) sexualisierte Gewalt in der EKD ist, habe ich ausführlich über die Reformen in ihrer Landeskirche sowie den Stand bei den Aufarbeitungskommissionen und Anerkennungsleistungen gesprochen. Und komplementär zur „Eule-Podcast“-Folge mit ihr, gibt’s auch ein Interview zum Lesen mit Lyndal Roper über das (politische) Erinnern an den Bauernkrieg.
Immer am 30. eines Monats geleiten wir mit dem „Eule-Podcast RE:“ alle Eule-Leser:innen und -Hörer:innen hoffentlich gut informiert, weiser und bestärkt in den neuen Monat. Morgen erscheint auf allen Podcast-Kanälen und hier im Magazin das „Eule-Podcast RE: August/Juli 2025“ mit Thomas Wystrach und mir. Wir sprechen über zwei (römisch-katholische) Aufregerthemen des Sommers: Die Causa Brosius-Gersdorf und die Verleihung des Pieper-Preises an Robert Barron. Außerdem gibt es wie immer im „Eule-Podcast RE:“ auch eine gute Nachricht.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Und zum Schluss unseres wöchentlichen Newsletters gibt es auch unter neuem Titel …
Ein guter Satz
„Lasst euch nicht vereinzeln.“
– Carla Siepmann in ihrer netzpolitik.org-Kolumne „Breakpoint“ über Gemeinschaft und gegenseitige Fürsorge
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