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Live-Blog: EKD-Synode 2019 in Dresden

Vom 10. bis 13. November tagt in Dresden die EKD-Synode. Unser Redakteur Philipp Greifenstein ist live vor Ort und berichtet in diesem Blog von der Synode.

12.11.2019 – 13:10

Die Sitzung wird nach einer kurzen Aussprache für die Mittagspause unterbrochen. Nach dem Essen arbeiten die Synodalen in ihren Arbeitsgruppen weiter. In der Aussprache äußerten mehrere Synodale ihre Wertschätzung gegenüber den Berichten der Betroffenen.

12.11.2019 – 12:35

Nach einer kurzen Mittagsandacht geht eine merklich angefasste Synode in die Aussprache zu den Berichten vom Vormittag. Es beginnen die Berichterstatter*innen aus den zahlreichen Workshops.

12.11.2019 – 10:50

Kerstin Claus wendet sich direkt an den #EKD-Ratsvorsitzenden, Landesbischof Bedford-Strohm: Er habe im letzten Jahr von null Toleranz für Täter gesprochen. Das sei in der evangelischen #Kirche nach wie vor nicht eingelöst! „Täterschaft darf nicht hinter Aktendeckeln versteckt werden“. Die Kirche müsse ihre Deutungshoheit aufgeben, um zu einer angemessenen Haltung gegenüber den Betroffenen zu kommen.

Auch das Thema Entschädigung dürfe darum nicht ausgeklammert werden: „Die Verfahren über die individuellen Unterstützungsleistungen sind nicht transparent.“ Und die Leistungen nähmen nicht in Blick, was längst unwiederbringlich verloren ist (Bildungs- und Berufschancen, Gesundheitsfolgen). Es sei zynisch einfach zu sagen, Entschädigung ginge ja gar nicht.

Kerstin Claus spricht den Synodalen ins Gewissen. Für ihre Forderungen erhält sie zwischenzeitlich vereinzelten Applaus von den Betroffenen und sogar von der Besuchertribüne. Nach dem ausdrücklichen Lob für das im letzten Jahr Geleistete, das seit Sonntag immer wieder auf der Synode geäußert wurde, ist diese mutige Rede für viele Synodale eine Herausforderung.

Langanhaltender Applaus für die Rede. Eine Synodale erhebt sich. Präses Schwaetzer: „Wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet.“

Es geht nun mit den nicht-öffentlichen Workshops weiter.

12.11.2019 – 10:35

Taten, Täter und Verantwortliche müssen öffentlich benannt werden, fordert Kerstin Claus. Und es brauche eine Erinnerungskultur, „damit es nicht wieder passiert“. Die Bedürfnisse der Betroffenen müsse im Zentrum der Aufarbeitung stehen. Der Fokus würde reflexhaft auf Taten und Täter gerichtet, Betroffene würden auf den Zeugenstatus reduziert. Die vom Disziplinarrecht geprägten Prozesse werden den Betroffenen nicht gerecht: „Es sind einzig die Betroffenen, […] die festlegen können, wann es gut ist.“

Individuelle Aufarbeitung sei Privatsache, die Vermischung mit Entschädigung oder Anerkennungsleistungen (s.u.) geht nicht, so Claus. Beides müsse man voneinander trennen. Klarer Widerspruch zum Bericht des EKD-Beauftragtenrates.

Aufarbeitung brauche externe Fachkräfte, die von den Kirchen mit den notwendigen Befugnissen ausgestattet werden müssen: „Sie können es nicht alleine!“. Aber auch das Kirchenpersonal für Prävention und Aufarbeitung müsse aufgestockt werden. Deshalb brauche es mehr Geld für Qualifikation und Mitarbeiter*innen.

12.11.2019 – 10:30

Rörig beendet seinen Bericht mit der Zusage, die EKD bei der Umsetzung einer Dunkelfeldstudie zu unterstützen, die auch valide Daten für den evangelischen Kontext ergeben soll. Die Synode bedankt sich mit starkem Applaus.

Nun spricht wirklich bewegt Kerstin Claus, Mitglied des Betroffenenrates:

„Erst der kontinuierliche Druck seit 2010 hat bewirkt, dass Betroffenen zugehört wird, die sexualisierte Gewalt in dieser Kirche erlebt haben. […] Ich habe insbesondere Bischöfin Fehrs als hervorragende Kämpferin für dieses Thema wahrgenommen. Stärken Sie sie! […] Aber es ist noch nicht gut! Weil es auch diese Kirche ist, die nicht handelt und kaum Prozesse mit Betroffenen gestaltet […], die Deutungshoheit übernimmt und selbst bestimmen will, wann es gut ist.“

12.11.2019 – 10:20

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, berichtet nun vor der Synode aus seiner Arbeit. „Wer dauerhaft verantwortet, dass Nichts oder viel zu wenig getan wird, der läuft Gefahr, sich des Vorwurfs der Duldung auszusetzen“, appelliert er an die gesamte Gesellschaft, der angesichts der Statistiken zur sexuellen Gewalt an Kindern in Deutschland der Schrecken in die Glieder fahren müsste.

„Heute steht die Aufarbeitung im Vordergrund“, er freue sich darum, dass die Betroffenen heute hier sind und die Synode damit einen „Meilenstein für ernsthafte Beiteiligung von Betroffenen“ gesetzt habe. In der „Kirchenabteilung“ seiner Arbeitsstelle wird über allgemeine Kriterien der Aufarbeitung und auch Standards für Entschädigungszahlungen diskutiert, „so schwierig das auch ist“. „Wir brauchen ein Fundament, das sicherstellt, dass Betroffene sich nie wieder als Bittsteller wahrnehmen.“

12.11.2019 – 10:00

Original Play (wir berichteten) ist Expert*innen zufolge mit der Gewaltschutzrichtlinie nicht zu vereinbaren, berichtet Kirsten Fehrs. EKD und Diakonie haben davor gewarnt, die Methode einzusetzen.

Fehrs zum Schluss des Berichts vor der Synode:

„Das eine ist, zu klären, wo wir schweigen müssen. Das andere aber ist, […], eine Kultur zu ermöglichen, in der geredet wird. Raus aus dem Tabu! Und davon haben wir, geben wir’s zu, jede Menge. […] Reden, Klartext, in der Kirche, hier zuallererst. Wir bleiben dran!

Weitere finanzielle Mittel werden dazu erforderlich sein („Wir rechnen mit bis zu einer weiteren Million Euro.“) Im Haushaltsausschuss ist die Bereitschaft erkennbar, zu den bereits bewilligten 1,3 Millionen Euro hinaus, „aus dem Haushaltsplan 2020 bis zu eine Million Euro zusätzlich dafür bereitzustellen“.

Der Bericht wird von der Synode mit dankbarem Applaus zur Kenntnis genommen. Alle bleiben sitzen.

12.11.2019 – 9:55

Seit Einrichtung der zentralen Ansprechstelle „help!“ haben sich 40 Betroffene „ermutigt gefühlt, erstmalig über ihre Erlebnisse im evangelischen Kontext zu sprechen“, so Kirsten Fehrs. Seit Juli gingen 210 Anrufe ein, der Fachpartner Pfiffigunde weist darauf hin, dass diese nicht „zugleich bzw. unmittelbar“ Missbrauchsfälle repräsentieren.

Blum: Das ganze Ausmaß wird erst durch eine Dunkelfeldstudie abzuschätzen sein. Etwa 100 000 Menschen in Deutschland müssten befragt werden, um valide Ergebnisse zu erhalten. Darum soll ein Bündnis „interessierter Verbände und größerer Organisationen“ geschmiedet werden, das dann eine Studie in Auftrag gibt. Anteilige Kostenübernahme durch die EKD sei selbstverständlich.

12.11.2019 – 9:45

Bischöfin Fehrs (Sprecherin des Beauftragtenrates) zur Umsetzung des 11-Punkte-Plans: „Ab sofort sind Bewerbungen für den #Betroffenenbeirat möglich.“ Das Gremium soll sich im Frühjahr 2020 konstituieren.

Sie berichtet vor allem über die Bemühungen, Betroffene in die Aufarbeitung einzubinden. Wie kann ein guter Austausch gelingen, fragt sie, wenn „das Kreuz oder Gesangbuch auf dem Tisch“ eine Retraumatisierung bedeuten können. Sie dankt den Betroffenen ausdrücklich im Namen des Rates der EKD und der Synode für ihre Beteiligung, auch weil sie es ja nicht immer leicht mit ihren Gegenübern in der Kirche hätten.

Es berichtet Nikolaus Blum, Mitglied des Beauftragtenrates: In der Begegnung mit Betroffenen würde immer wieder deutlich, „wie wichtig individuelle Aufarbeitung ist“. Hier müsse die Kirche mehr leisten, denn „allzu oft reißen die juristischen Verfahren alte Wunden auf“. Betroffene erleben sich häufig nicht „als Gegenüber, sondern als Berichterstattungsgegenstand“. Wie kann Begegnung auf Augenhöhe gelingen? Neben den Meldestellen sind die unabhängigen Kommissionen in den Landeskirchen wichtig. Im vergangenen Jahr wurde in weiteren 8 Landeskirchen eine solche Kommission eingeführt.

Natürlich geht es auch um materielle Entschädigung: Dabei gehe es um die persönliche Zukunft der Betroffenen. Die Höhe der zugesprochenen Leistungen wird von der jeweiligen Landeskirche bestimmt. Blum: Eine Vereinheitlichung wird durch den Beauftragtenrat angestrebt. „Entschädigung ist genau nicht, was wir als Institution leisten können.“ Der Ansatz sei vielmehr ein umfassendes Unterstützungssystem.

Hintergrund: In der Katholischen Kirche werden seit der (Herbst-)Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz hohe pauschale Entschädigungssummen ins Auge gefasst. Am Sonntag äußerte der Missbrauchsbeauftragte der DBK, Bischof Stephan Ackermann, die Überzeugung, dass für die Zahlungen auch Kirchensteuermittel herangezogen werden müssen:

Auch wenn es vielen Gläubigen widerstrebe, mit ihren Beiträgen für Verfehlungen einzelner Geistlicher einzustehen, seien die Kirchenmitglieder als Solidargemeinschaft in der Pflicht, […]. Ähnlich müssten die Steuerzahler auch für die gescheiterte PKW-Maut aufkommen: „Wir zahlen auch für Andi Scheuers Autobahnen“, […].

12.11.2019 – 9:25

Die Synode steigt in die Bearbeitung des Missbrauchs (s.u.) ein. Die Gäste – insbesondere die Betroffenen – werden herzlich empfangen. Betroffene werden sich später am Vormittag in Workshops mit den Synodalen austauschen.

Das vielleicht drängendste innerkirchliche Thema überhaupt ist die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs – und zwar in beiden großen Kirchen. Auf der EKD-Synode wird jetzt über den Stand der Umsetzung des 11-Punkte-Planes (verabschiedet zur Synode im vergangenen Herbst) diskutiert. Bischöfin Kirsten Fehrs (Hamburg/Nordkirche) berichtet.

Auch in den evangelischen Kirchen gibt es immer wieder Missbrauchsfälle. Zuletzt: Ein Fall in Bayern, dort gab es wohl einen sexuellen Übergriff innerhalb einer Jugendgruppe. Und der Skandal um „Original Play“ an mehreren evangelischen Kindergärten in Berlin (aber auch Dresden). Über letzteren berichtete auch das ARD-Magazin „Kontraste“ (Beitrag auf YouTube).

12.11.2019 – 9:05

Begleitet von Martin Luthers Morgensegen und der Synoden-Band („Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt.“) startet die Synode in den Tag.

12.11.2019 – 8:50

Guten Morgen von der Synode der EKD. Heute Vormittag wird sich die Synode mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche beschäftigen. Als Gäste nehmen Betroffene an der Tagung teil. Ab 9 Uhr geht es los:

  • Morgenandacht von Colleen Michler
  • Bericht des Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt (Bischöfin Kirsten Fehrs & Nikolaus Blum)
  • Bericht des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindes-missbrauchs (UBSKM) Johannes-Wilhelm Rörig
  • Bericht des Mitgliedes des Betroffenenrates Kerstin Claus

In einem Live-Blog berichtet unser Redakteur Philipp Greifenstein (@rockToamna) live von der EKD-Synode in Dresden. Es lohnt also, immer mal wieder reinzuschauen. Hinweise und Fragen könnt ihr gerne hier in die Kommentare schreiben oder per Email an die Redaktion senden. Der Live-Blog vom Sonntag findet sich hier, der vom Montag hier.

Ein Kommentar zum Artikel

Gisela Krüger geb. Pezely

Guten Morgen, bin interessiert, werde euch zuhören, vielleicht auch einen Kommentar senden, wenn es mir wichtig ist.

Die Dresdener Studentengemeinde war für mich im Zeitraum 1967-1972 wichtig.

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