„Splitter“ vom Katholikentag 2026 (Teil 1)

Wir wollen aufstehn

Beim Katholikentag in Würzburg diskutierte Elke Büdenbender über Polarisierung, Bischof Gerber präsentierte seine Suhrkamp-Bibliothek und Jugendliche reichten PolitikerInnen den Kochlöffel.

„Hab Mut, steh auf!“ – so lautet das Motto des 104. Katholikentages, der in diesem Jahr vom 13. bis 17. Mai in Würzburg stattgefunden hat. Für Die Eule hat Philipp Greifenstein von Mittwoch bis Samstag in Würzburg das Geschehen beobachtet und diskutierte auf einem Podium zu „Christen auf dem Weg zur Minderheit“ mit dem Theologen Jan Loffeld, Bundestagsvize Bodo Ramelow (DIE LINKE) und der Verlegerin Nora Pester.

Im „Re:mind“-Newsletter vom vergangenen Freitag hat er über die  (Wieder-)Annäherung von römisch-katholischer Kirche und den Unionsparteien geschrieben und zum Schlusstag des Katholikentages ein Fazit mit Ausblick auf die Konsequenzen für Kirchen- und Katholikentage gezogen

Hier die „Splitter“ vom Mittwoch und Donnerstag des Katholikentages:


„Wir teilen den Regen“

„Wir teilen die Sonne, wir teilen den Regen“, spielt die Band zur Eröffnung des 104. Katholikentages in Würzburg am Mittwochabend (Video beim Domradio), als sich hinter der Bühne schon ein kräftiges Gewitter zusammenbraut. Als die Kirchenclowninnen Silvia Kirchhof und Tatjana Kapp das Publikum unterhalten wollen, blitzt und donnert es und die Teilnehmer:innen teilen ganz authentisch eine Regen-Experience.

Mein Blick geht Richtung Katholikentags-App, über die bei Notfällen auch Warnungen an alle Teilnehmer:innen ausgespielt werden können. Seit dem Wetterschlag vom Kirchentag in Nürnberg 2023 ist die Wetterlage noch mehr als zuvor Thema bei Veranstaltern wie Teilnehmer:innen. Beim Erfurter Katholikentag 2024 war der Fronleichnamsgottesdienst auf dem Erfurter Domplatz ordentlich ins Wasser gefallen. Beim evangelischen Kirchentag im vergangenen Jahr in Hannover mussten die Teilnehmer:innen trotz den frühen Termins um den 1. Mai herum mit Hitze und Sonne klarkommen.

Wie Felix Neumann in seinem Abschlusskommentar zum Würzburger Katholikentag bei katholisch.de schreibt, teilen viele Besucher:innen Erinnerungen an Regenvorfälle von vorhergehenden Katholikentagen. So oder so … eine Warnung per App kam nicht.

Schließlich soll hier bei der Eröffnung der Ehrengast dieses Katholikentages sprechen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Steinmeier ist zum letzten Mal als Bundespräsident auf einem Katholikentag. Am 30. Januar 2027 wird ein:e neue:r Bundespräsident:in gewählt. Der Katholikentag ist Teil seiner „Abschiedstournee“ und sicher nicht die letzte Kirchenstation auf diesem Weg. Während seiner Ehrenrunde pusht Steinmeier besonders das Themenfeld Ehrenamt / Pflichtjahr. Darum dreht sich auch ein Podium mit ihm am Donnerstag. Der Katholikentag ist stolz, ihn auch für eine thematische Veranstaltung gewonnen zu haben.

wenn Dich Kirchenclownin Schlawine mittem im Gewitter von Deinem Stuhl aufstehen lässt

Philipp Greifenstein (@rocktoamna.bsky.social) 2026-05-18T14:39:01.148Z

Gut zwei Drittel der Eröffnungsveranstaltung, die kein Gottesdienst ist und den Besucher:innen wenig Möglichkeiten für ein aktives Mittun bietet, finden im Regen statt. Schlimmeres passiert nicht. Zum Glück. Erst im Laufe des „Abends der Begegnung“ klart der Himmel über der Würzburger Innenstadt zunehmend auf. Viele tausende Menschen stromern durch die Straßen und Gassen der Innenstadt, hören an den vielen Bühnen Live-Musik, versorgen sich an den dezentralen Ständen mit Essen, Trinken und Informationen über die Dekanate des gastgebenden Bistums.

Statt aufgespannten Regenschirmen muss ich nun Weißweingläser schwenkenden Gäst:innen ausweichen. Würzburg ist die Hauptstadt von Weinfranken. Das ungezwungene Verhältnis der Bewohner:innen zum Daydrinking ist bemerkenswert. Auf regional sehr unterschiedliche Traditionen im Umgang mit Alkohol hat erst vergangene Woche Annika Schreiter, die Generalsekretärin der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend, im Eule-Interview verwiesen. Der Würzburger Katholikentag zeigt recht deutlich, dass Pfadfinder:innen- und Jugendverbände in einer Gesellschaft beheimat sind, die ihnen einen Kulturwandel zu (noch) mehr Nüchternheit schwer macht.


„Im Zenit der Zeiten“

Mit ihrem Gatten ist Elke Büdenbender, die „First Lady“ des Landes, nach Würzburg gekommen. Am Donnerstag spricht sie auf einem Podium mit dem ausgreifenden Titel „Gespaltene Gesellschaft, geeinte Haltung: Als Christ:innen stabil bleiben in polarisierten Zeiten“. Neben ihr nehmen der Bischof von Fulda, Michael Gerber, die politische Bildnerin Frieda Himstedt von der Akademie des Bistums Hildesheim und der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der MLU Halle-Wittenberg in der Apsis der evangelischen St. Johannis-Kirche Platz. Etwa 700 Besucher:innen lauschen dem Gespräch.

Gleich zu Beginn stellt Lewandowsky dankenswerter Weise klar, dass Deutschlands keineswegs so gespalten sei, wie es in Medien und Diskursen gerne mal behauptet wird. Gewichtige Polarisierungen fänden sich vor allem zwischen AfD-Wähler:innen auf der einen Seite und einer großen Mehrheit von Nicht-AfD-Wähler:innen auf der anderen. Spätestens damit ist der Elefant im Porzellanladen der Demokratie als große Nicht-Anwesende auch im Raum.

Nachdem der Politikwissenschaftler aus Halle (Saale) bereits Nils Kumkars „Polarisierung“ (Suhrkamp 2025) zur Lektüre empfohlen hatte, setzt Bischof Gerber den Reigen der Empfehlungen von Soziologen fort, deren Werke uns über uns selbst als Teil einer „Welt in Unordnung“ aufklären sollen. Lewandowsky tippt mit dieser Formulierung – vermutlich unabsichtlich – den Titel der aktuellen EKD-Friedensdenkschrift an.

Gerber beginnt sein Namedropping mit Andreas Reckwitz‘ „Verlust“ (Suhrkamp 2024), kommt zackig auch auf Hartmut Rosas „Situation und Konstellation“ (Suhrkamp 2026) und schließlich auf Hans Joas‘ „Universalismus“ (Suhrkamp 2025) zu sprechen. Drei Soziologen in fünf Minuten, alle wunderbar und wundersam harmonisiert. Da merkt man, es spricht ein Kirchenmann, ein fleißiger Leser – und offenbar ein treuer Kunde des Suhrkamp-Verlags.

Die evangelische St. Johanniskirche beim Podium mit Elke Büdenbender, im Vordergrund jugendliche Helfende mit „Ich helfe“-Halstuch (Foto: Philipp Greifenstein)

Im Anschluss an ein Interview mit Nils Kumkar in der bayerisch-evangelischen Kirchenzeitung Sonntagsblatt diskutierten wir erst vor wenigen Wochen auf Bluesky, warum ausgerechnet Kirchenleitende mit Vorliebe ins Soziologie-Regal greifen. Kumkar gestand zwar ein, die Soziologie habe vielleicht ein „Teilerbe“ der Theologie angetreten, aber es wäre ihm neu, „dass die politische Öffentlichkeit maßgeblich von soziologischen Einlassungen geprägt würde – in dem Sinne, dass sich etwas daran ausrichtet und nicht, dass man sich lediglich ein paar Ausdrücke borgt, die einem gut passen.“

Und das führt uns in die Würzburger St. Johannis-Kirche zurück. Denn auch in dem trotz der außerordentlich besorgniserregenden politischen Entwicklungen im Land sanft dahinplätschernden Gespräch geht es weniger darum, einen der sicher zutreffenden und nachdenklich stimmenden soziologischen Befunde zu durchdenken.

Elke Büdenbender erzählt aus ihrem reichen (Berufs-)Leben als Richterin und nun Demokratie-Botschafterin, dass man durch „Face-to-Face“-Konmunikation auch mit andersdenkenden Menschen zusammenbleiben kann. Mit einem Jugendfreund aus der Berufsschule, mit dem sie schon immer viel zu diskutieren gehabt habe, sei sie bis heute verbunden, weil man sich anderweitig „nah“ sei. In einer sächsischen Schule habe sie erlebt, wie wichtig es sei, auch den Sorgen von Jugendlichen mit rechtsextremen Einstellungen zuzuhören: „Ich glaube, was jetzt hilfreich ist, sind Geduld, aktives Zuhören und Nachfragen.“

Anstatt solcher Nähe empfiehlt Frieda Himstedt eine Wohldosierung der Auseinandersetzung mit politisch Andersdenken. Sehr wohl müsse der Streit gesucht werden, besonders mit Christ:innen mit rechtsradikalen Überzeugungen. Dem sei man in ihrem Milieu vielleicht sogar lange Zeit zu sehr ausgewichen. Sie habe sich angewöhnt, an entsprechenden öffentlichen Demos nicht mehr „einfach vorbeizugehen“, sondern das Gespräch aufzunehmen und zugleich von vornherein sich und den Gesprächspartner:innen Grenzen zu setzen. Manchmal sind 10 Minuten auch genug.

Lewandowsky schließ bekennt, eine „politische Strategie“ gegen das Wegdriften von Menschen in den Rechtsradikalismus inmitten der zahlreichen Krisen, die uns in den vergangenen Jahren befallen haben, sei noch nicht gefunden. In der Verantwortung sieht der Parteienforscher vor allem die politischen Parteien, die „besser“ werden müssten. Damit meint er – anders als die politische Tagesberichterstattung – nicht vornehmlich Bratwurst und Freibier, mit denen man sich Wähler:innen gewogen machen will, sondern ihre (grundgesetzlich verankerte) Aufgabe, die Interessen der Bürger:innen „zu bündeln und zu kanalisieren“.

Gemeinsamer Nenner der guten Ratschläge an die Besucher:innen des Podiumsgespräches könnte das sein, was man so schön Pluralitätskompetenz nennt, also die Fähigkeit mit Menschen und Gruppen unterschiedlicher Überzeugungen und Neigungen (gerne auch konfrontativ) umgehen zu können. Das muss man einüben und dann aushalten können. Auch Oasen der Gleichgestimmtheit wie Katholiken- und Kirchentage haben als Orte des Auftankens und der Ermutigung ihre Berechtigung.

Und Lewandowsky hat sogar eine höflich als Erinnerung ausgesprochene (Minimal-)Forderung an die Katholik:innen im Gepäck: Anknüpfend an Gedanken seiner Kollegin Anna Neuenfeld – die Politikwissenschaftlerin und Historikerin, also keine Soziologin ist – erinnert er an den Wert von Erzählungen, die über den Status Quo hinausgehen. Es gehe darum, Krisengefühl(e) anzuerkennen und eine Utopie anzubieten. Oder auf christlich: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15). Wie heißt es so schön im neuen geistlichen Lied „Gott liebt diese Welt“:

„Er wird wiederkommen,
wann es ihm gefällt,
nicht nur für die Frommen,
nein, für alle Welt!“


Jugendliche kochen mit dem Bundestagsabgeordneten Max Lucks (Grüne) (Foto: Philipp Greifenstein)

„Mitten in der grauen Alltagswelt“

Nur wenige Schritte von der St. Johanniskirche entfernt, in einem kleinen Park noch vor der Martin-Luther-Straße haben mehrere Jugendverbände ihre Veranstaltungszelte aufgeschlagen. Beim CVJM Deutschland wird gerade „Aufgetischt!“, es gibt „Politischen Realtalk vom Feinsten“. An diesem Nachmittag rührt der Grüne Bundestagsabgeordnete Max Lucks mit zwei Jugendlichen in Schüssel und Töpfen, während sie ihn zu seiner Arbeit und aktuellen politischen Problemen befragen.

Weil man beim gemeinsamen Kochen gut ins Schnattern kommt, sich die Zunge löst, wenn man darauf achten muss, sich nicht in die Finger zu schneiden, ist die Atmosphäre trotz ernster Themen entspannt. Lucks erklärt, warum er gegen die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht ist und noch einiges mehr. Im Bundestag gehört er dem Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und im Ehrenamt dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) an, also einem der Gastgeber des Katholikentages. Leider sind bei seiner Kochtopf-Session nur 10 Zuschauer:innen dabei. Eine Folge des bestenfalls wechselhaften Wetters und des zwischen Bäumen und Sträuchern verborgenen Standorts, den am ersten richtigen Veranstaltungstag wohl noch allzu viele Besucher:innen nicht entdeckt hatten.

Auch am Freitag und Samstag diskutierten die Jugendlichen mit Bundestagsabgeordneten: Die „Aufgetischt!“-Runden mit Franziska Hoppermann (CDU, Ausschusss für Digitales und Staatsmodernisierung, ebenfalls ZdK-Mitglied) und Bernd Rützel (SPD, Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Soziales) verfolgten hoffentlich ein paar mehr Menschen. Jedenfalls sind die „Realtalks“ von und mit Jugendlichen am Kochtopf eine sehr gute Abweichung von den professionell moderierten Talkrunden, die leider immer noch das Standardsetting von Kirchen- und Katholikentagspodien sind.


Alle Eule-Beiträge zum Katholikentag 2026 in Würzburg.


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