Auch Schwarz ist eine bunte Farbe
Der Katholikentag in Würzburg ist ein fröhliches Debattenfestival und ein Fest der Versöhnung zwischen Kirche und Christdemokratie. Wohin soll diese neue Eintracht führen?

Liebe Eule-Leser:innen,
seit Mittwochabend wird in Würzburg der 104. Katholikentag gefeiert. Das Bistum Würzburg und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) veranstalten gemeinsam das größte Treffen katholischer Christ:innen in Deutschland in diesem Jahr.
Es ist bisher ein fröhliches Fest und Wiedersehen, trotzdem die Eröffnungsfeier auf dem Residenzplatz am Mittwochabend ordentlich ins Wasser fiel. Nach Veranstalterangaben ca. 9.000 Menschen lauschten trotz Blitz und Donner dem Kulturprogramm und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der in diesen Tagen zum letzten Mal als Bundespräsident auf einem Katholikentag zu Gast ist.
Anschließend präsentierten sich auf den Plätzen der Stadt die unterschiedlichen Dekanate des Bistums Würzburg. Und die Unterfränk:innen bewiesen, dass sie sich die Feiertagslaune von Regen und Kälte nicht kaputt machen lassen. Die Würzburger Innenstadt war gut gefüllt mit Gästen und Neugierigen. Viele Veranstaltungen des Katholikentages sind kostenfrei und für Stadtbewohner:innen und Gäste zugänglich, unter anderem die Gottesdienste sowie die „Kirchenmeile“ am Mainufer und die noch auf vielen weiteren Plätzen der Stadt aufgestellten Ausstellungszelte.
Die Veranstalter wollen 30.000 Tickets verkaufen und damit 900.000 Euro für das Budget des Katholikentages hereinholen. Einen beachtlichen Teil der Gesamtkosten von rund 10 Millionen Euro übernehmen Bistum, Stadt, der Bund und vor allem der Freistaat Bayern (3 Millionen Euro). Allein das lässt nach dem Miteinander von Kirche und Staat, katholischen (Lai:innen-)Organisationen und Zivilgesellschaft fragen.
Am Donnerstagnachmittag standen die Themen „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ und Ehrenamt im Vordergrund. Das ist ganz im Sinne der Agenda des Bundespräsidenten, der das ehrenamtliche Engagement ins Zentrum seines letzten Amtsjahres stellt, inkl. seiner Idee von einem (verpflichtenden) Dienstjahr. Sowohl Steinmeier als auch seine Ehefrau Elke Büdenbender diskutieren auf Podien des Katholikentages. Am Freitag und Samstag wird das inhaltliche Programm mit Podiumsdiskussionen, Konzerten, Gottesdiensten und Mitmach-Aktionen fortgesetzt.
„Hab Mut, steh auf“ (Markus 10, 49) ist das Leitwort des diesjährigen Katholikentages und Mut, so stellten die Veranstalter gleich zu Beginn klar, müssen wir uns einander wechselseitig in diesen Zeiten kräftig zusprechen. Der Katholikentag soll ein Ermutigungstreffen für Katholik:innen, die Kirche, die Zivilgesellschaft und auch Politiker:innen sein. Und das meint ausdrücklich auch die Christdemokratie, mit der die Kirchen in letzter Zeit schweren Ärger hatten.
Die Rückkehr der Union
Katholiken- sind wie auch die evangelischen Kirchentage nicht nur Glaubensfeste und Debatten-Festivals, sondern bieten Kirchenleuten und Politiker:innen reichlich Gelegenheiten zum Shmoozing. Der 104. Katholikentag ist insbesondere ein Versöhnungsfest mit der Christdemokratie. So viele Akteur:innen mit schwarzen Parteibüchern hat man bei Kirchens lange nicht gesehen. Nach dem turbulenten letzten Jahr und dem Kirchentag in Hannover 2025, der (fast) gänzlich auf CDU/CSU-Promis verzichten musste, ist die Präsenz von Unionspolitiker:innen in Würzburg bemerkenswert.
Allein ZdK-Generalsekretär Marc Frings, der selbst einige Jahre für die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) u.a. im Nahen Osten tätig war, unterhält sich für seinen Live-Podcast „Frings fragt …“ mit drei Spitzenkräften der Union. Ein:e Politiker:in mit anderem Parteibuch konnte nicht aufgetrieben werden. (Vor allem die Sozialdemokratie ist auf dem gesamten Katholikentag äußerst schwach vertreten.) ZdK-Generalsekretär Frings freut sich „über das große Interesse, bei uns teilzunehmen“ und verweist darauf, dass seine GeprächspartnerInnen – Julia Klöckner (CDU, Bundestagspräsidentin), Alexander Dobrindt (CSU, Bundesminister des Innern) und und Markus Söder (CSU, Ministerpräsident Bayern) – im vergangenen Jahr „auch Akzente in der Kirche-und-Politik-Debatte gesetzt“ hätten.
Die vielen Gespräche mit Unionspolitiker:innen sind volle Absicht und sollen den Dialog anregen. Die Angriffe aus der Politik auf das kirchliche politische Engagement seien, so Frings, teilweise „brutal“ gewesen. Fehler allerdings wären auf beiden Seiten gemacht worden, das wolle man nun „kritisch anschauen“.
ZdK und Union
Dabei geht die Rede von den „zwei Seiten“ ohnehin nicht recht auf, wenn wir über die Union und die katholische Kirche samt ihrer Lai:innen-Vertretung sprechen. ZdK und Union sind gut verwoben und offenbar haben es sich die Veranstalter nicht nur vorgenommen, den politisch Handelnden „Mut zuzusprechen“, sondern den Kirchenfrieden mit der Union wiederherzustellen. Mit konkreten Ratschlägen, wozu man die Politiker:innen denn ermutige, hält man sich daher offiziell zurück.
Die schwarze Vielstimmigkeit reicht derweil vom NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, der beim Empfang der KAS mit Verweis auf die zügige Machtübernahme der Nazis 1933 vor Regierungsbeteiligungen der AfD warnte, über Dobrindt, der in bayerischem Singsang seine verfehlte Migrationspolitik zu erklären sucht und zugleich die Kirche zu mehr öffentlichem Engagement beim „Lebensschutz“ drängt, bis hin zum evangelisch-rührseeligen bayerischen Ministerpräsidenten Söder, der beständig verspricht, in Bayern blieben die Kreuze hängen.
Dazwischen tummeln sich Dutzende von Unionsabgeordneten, ZdKler:innen, ZdK- und KAS-Alumni, die ihr heilsames Wirken für Nächstenliebe und den unvermeidlichen „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ entfalten wollen. Die Parteifarbe Schwarz hat viele Schattierungen, die von Dunkelgrün bis Hellgrau reichen.
Geduld und aktives Zuhören
Irgendwann, wenn die in Würzburg ubiquitären Weißweingläser geleert wurden und der Schlusssegen gesprochen ist, wird man jedoch klären müssen, wozu die wiedergefundene Eintracht denn nutze ist – oder ob sie vor allem der Union als christliches Mäntelchen vor ihrem schroffen Regierungshandeln dient.
Vielleicht wird ja Bundeskanzler Friedrich Merz selbst darüber Auskunft geben, wenn er heute Vormittag zum ersten Mal als Regierungschef auf einem Katholikentag auftritt. Er diskutiert u.a. mit jungen Verbandskatholik:innen, die vom Merz-Milieu üblicherweise belächelt, wenn nicht gar als linksgrün verleumdet werden. Es wird keine Grundsatzrede geben, aber der Kanzler hat Gelegenheit, einen charmanten und emphatischen Umgang mit Sorgen und Nöten seiner Gesprächspartner:innen zu üben. Wenn man nicht mehr auf dem Rednerzirkus turnt, sondern Regierungsverantwortung trägt, muss man halt auch zuhören.
„Ich glaube, was jetzt hilfreich ist, sind Geduld, aktives Zuhören und Nachfragen“, sagte Deutschlands „First Lady“ Elke Büdenbender gestern auf „ihrem“ Podium über gesellschaftliche Polarisierung. Und wo könnte man das geduldige und hoffentlich wechselseitige Zuhören besser üben als bei den politischen Veranstaltungen eines Katholikentages?
Aktuell im Magazin
„Denkt auch mal jemand an die Jugend?“ – Interview mit Annika Schreiter
Rechtsradikalismus, sexualisierte Gewalt und Druck aus der Politik: Die Evangelische Jugend steht vor großen Herausforderungen. Wie begegnet sie ihnen? Das erklärt Annika Schreiter, Generalsekretärin der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) im Eule-Interview.
„Wir müssen heute gegenüber der Politik den Wert einer eigenständigen Jugendverbandsarbeit aufwendiger erklären als noch vor ein paar Jahren. Derzeit wird zum Beispiel darum verhandelt, wie sie sich zur Schule als Lernort verhält, Stichwort Ganztagsschule. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass wir Politik und Verwaltung erklären müssen, warum es gut ist, dass christliche Kirchen als Jugendhilfeträger agieren. Auf einmal wird diese Frage gestellt.“
„Wir erleben, dass sich ein Narrativ der Neutralität in vielen Köpfen festgesetzt hat, demzufolge Jugendverbände weltanschaulich oder gesellschaftspolitisch zur Neutralität verpflichtet wären. Das wäre jedoch völliger Quatsch und das Gegenteil von Subsidiarität.“
Aufruf zur Selbstverteidigung! – Carlotta Israel („Sektion F“)
Sollen evangelische Kirchen von der Wahl der AfD abraten? Diese Frage wird im Anschluss an eine gemeinsame Erklärung der Leitenden Geistlichen der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen erneut diskutiert. Sie müssen es, wenn sie sich dem Evangelium folgend schützend vor Menschen stellen wollen, ist sich „Sektion F“-Kolumnistin Carlotta Israel sicher.
„Im Licht der Debatten um Macht und ihren Missbrauch im Nachgang der „ForuM-Studie“ (s. hier & hier in der Eule) sollten wir a) schon froh sein, wenn Menschen in kirchenleitenden Position bemerken, dass sie Gestaltungs- und orientierende Macht haben und sie b) dann auch nutzen! Leiten heißt eben auch, Mut haben dazu anzuecken. Kirche in der Demokratie sollte zu ihrem Positionen und Überzeugungen offensiv stehen.“
Mit ihrer aktuellen „Sektion F“-Kolumne antwortet Carlotta Israel auch auf zwei Kommentare von Kollegen aus der evangelischen Publizistik. Einer von ihnen, Reinhard Mawick, der Chefredakteur der zeitzeichen, hat auf die „Sektion F“-Kolumne bereits mit einem zweiten kurzen Text geantwortet. Mawick fordert eine bessere Streitkultur:
„Nicht noch eine Erklärung. Sondern reale Auseinandersetzung: Diskussionen in Gemeinden, direkte Konfrontation, mehr Risiko, mehr Widerspruch. Vielleicht liegt der eigentliche Dissens tatsächlich tiefer. Carlotta Israel denkt Kirche stärker vom Schutzraum her: als Ort klarer Solidarität mit Bedrohten und Verletzlichen. Ich denke Kirche stärker von der Kontaktzone her: als Raum, in dem auch schwierige, politisch irritierende oder entfremdete Menschen erreichbar bleiben sollen. Beides gehört vermutlich zum Wesen der Kirche. Aber die Spannung zwischen beiden Polen wird gegenwärtig oft zu schnell moralisch aufgelöst.“
Dem Wunsch nach einer pfiffigeren Streitkultur schließe ich mich gerne an, aber die Behauptung, die von ihm völlig zutreffende „Spannung zwischen beiden Polen“ würde „moralisch“ aufgelöst, verdient doch einen knappen Widerspruch: Es sind die verbalen und körperlichen Angriffe, es sind die konkreten Bedrohungen durch Rechtsradikale. Bei Kirchens sollte man, meine ich, durchaus „politisch irritierende“ Botschaften ventilieren können, aber nicht im Modus der druckigen Drohung.
ZdK-Generalsekretär Marc Frings sieht den Katholikentag und mithin also den Lai:innen-Katholizismus als „wichtigen Partner“ der Politik, wenn es um die „Verbreitung und Übersetzung von Methoden“ einer guten politischen Auseinandersetzung geht. Christ:innen und Kirchen können den Nächstenliebe-Stil weder der AfD noch anderen Parteien aufzwingen, aber sie können in ihren eigenen physischen und metaphorischen Räumen auf ihn beharren.
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Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Solange uns Gott Kräfte verleiht, schaffen wir rüstig und wohlgemut weiter. Die Zukunft gehört Gott und den Mutigen.“
– Adolph Kolping
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