Das gemeinsame Weh und Ach
Sperrt sich die Kirche aus? Was verraten die Reden auf dem Jahresempfang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin über die Lage von Kirche, Staat und Gesellschaft?

Liebe Eule-Leser:innen,
in dieser Woche war ich in Berlin unterwegs. Dahin, umher und nach Thüringen zurückgebracht wurde ich störungsfrei in herrlich klimatisierten Zügen und U-Bahnen von und mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen. In der Hauptstadt habe ich den zweiten Tag des 26. Berliner Symposiums zum Flüchtlingsschutz beobachtet. Einen Bericht, der auf die Herausforderungen für Kirchen und ihre Wohlfahrtsorganisationen eingeht, die durch das neue europäische Asylsystem (GEAS) entstehen, gibt’s bereits hier in der Eule zu lesen.
Am Mittwochabend fand dann in der Französischen Friedrichstadtkirche und auf dem Gendarmenmarkt im Zentrum der Hauptstadt der Johannisempfang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) statt. Rundherum um den evangelischen Jahresempfang tagten wie üblich Rat und Kirchenkonferenz der EKD. In der sommerlichen Sitzungswoche des Deutschen Bundestages und im Berliner Politikbetrieb stehen derzeit eine Reihe Themen auf der Tagesordnung, zu denen sich Kirche(n), Diakonie und Caritas einbringen: Die Grundsatzdebatte über Organspende (z.B. hier), die Sozialstaatsreform (s. „Zwischenruf“ von Diakonie und EKD), Kinder- und Jugendschutz im Netz – und Flucht und Migration.
Über 280 kirchliche und zivilgesellschaftliche Organisationen und Verbände haben zum Weltflüchtlingstag 2026 das Memorandum „Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“ veröffentlicht. Die Liste der unterzeichnenden Organisationen aus Kommunen, Ländern und auf Bundesebene ist beeindruckend. Das Memorandum enthält „konkrete Impulse für die politische Diskussion“ und stellt dem gegenwärtig politisch handlungsleitenden Paradigma der Abschottung eine „ambitionierte Vision“ für „weltweit verlässliche[n] Schutz“ und „ein regelbasiertes, auf Menschen- und Völkerrecht fußendes Zusammenleben“ entgegen, von dem „alle profitieren“.
Während auf dem Flüchtlingsschutzsymposium eine bunte Menge Menschen aus der Migrationsgesellschaft an einem Zukunftsland baut, in dem Asylsuchende Gerechtigkeit erfahren, war der evangelische Jahresempfang erneut eine brutal weiße Veranstaltung (gemeint sind nicht die linnenen Sommergewänder). Vielleicht hängt ja die Frage, ob die Kirche noch visionäre Kraft hat, damit zusammen? Zum Johannisempfang und den Reden der EKD-Ratsvorsitzenden Bischöfin Kirsten Fehrs und des Bundesaußenministers Johann Wadephul (CDU) gleich mehr.
Immer wieder wurde ich in Berlin von Eule-Leser:innen und -Hörer:innen angesprochen. Zum Beispiel auf Maren Hahnemanns Exegese des neuen Evangelischen Gesangbuchs, auf den Themenschwerpunkt „Missbrauch evangelisch“ und auf den „Re:mind“-Newsletter von vergangenem Freitag über das öffentliche Gebet von Nationalspieler Felix Nmecha. Die Rückmeldungen haben mich sehr gefreut! Dass aus Leser:innen und Hörer:innen noch mehr und großzügige Eule-Abonnent:innen werden, wäre in diesen für Kirche und Journalismus äußerst schwierigen Zeiten besonders Zucker. Ein Eule-Abo abzuschließen, dauert übrigens nur 5 Minuten. (Ich warte so lange.)
Gemeinweh und Zitate-Steinbruch
Gott Lob! Nun ist erschollen das edle Wort – Die Rede der EKD-Ratsvorsitzenden findet sich auf der Website der EKD als Text und (fast vollständig) als Video, diejenige des Bundesministers des Auswärtigen auf der Website des Auswärtigen Amtes. Im evangelischen Magazin zeitzeichen berichtet Stephan Kosch über den diesjährigen Johannisempfang und für den epd Franziska Hein über die wichtigen Botschaften des Abends.
Ich nähere mich den edlen Worten zunächst einmal als Hobby-Wirkungsforscher. Von den versammelten Honoratioren, geladenen Gästen, Politiker:innen sowie ehemaligen und aktuellen Kirchenbetriebler:innen mit Applaus bedacht wurden (in absteigender Intensität): Die Gäste vom Allukrainischen Rat der Kirchen und religiösen Organisationen, die auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hin nach Deutschland gereist waren, die musikalische Gestaltung des Festakts durch den Jungen Frauenchor Berlin und KMD Kilian Nauhaus an der Eule-Orgel, das Grußwort des Bundesaußenministers, das Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus in der Rede der Ratsvorsitzenden und schließlich deren Ende.
Wadephul lobte zu Beginn seines Grußwortes die Redekunst der EKD-Ratsvorsitzenden: Ihre „Predigt“ sei wie „immer ein Steinbruch für uns mit möglichen Kirsten Fehrs-Zitaten“ gewesen. Der Außenminister meinte das sicher nicht ironisch oder bös‘. Manch‘ Schmunzler über die Bemerkung im Kirchenraum verdankte sich aber wohl nicht vollständig der Bewunderung der kreativen Sprachmacht der Bischöfin.
Von der evangelischen Wortschöpfungsfabrik wurde dieses Jahr „Gemeinweh“ ausgeliefert, also das Heimweh nach Gemeinschaft. Dabei handelt es sich um eine von vier „Emotionslagen“, die laut einer „EKD-Zielgruppenanalyse“ zum „evidenzbasierte[n] Bild“ der vom Ambo reichhaltig beschworenen „Gemeinschafts- und Vertrauenskrise“ beitragen: Verunsicherung, Kränkung, Entfremdung und eben Gemeinweh.
„Mehrheitlich haben die Menschen die Befürchtung, dass Gemeinschaft zerbricht. Sie erleben’s in der Familie, im Alltag, in der Politik und auch in der Kirche: Die Verbindlichkeit wird brüchiger, der Geduldsfaden dünner und die Zündschnüre kürzer.“
Deutsches evangelisches Bürgertum
Diese Diagnose wird derart ubiquitär in Kirche und Politik vorgetragen, dass sie sich fast schon selbstverständlich richtig anfühlt. Allzumal für die durch Milieuzugehörigkeit und Neigung gleichgestimmten Akteur:innen der evangelischen Kirche. Der Befund könnte in dieser Sprachgestalt auch einem (oder mehreren) der in Kirche und Politik so gerne als Ratgeber- und Erbauungsliteratur gelesenen populären Soziologie-Bestseller entnommen sein.
Vor allem gleicht die Diagnose den Beschwerden der „Abgehängten“, rest- und/oder kleinbürgerlichen Milieus im Osten, wie ich sie seit über zwanzig Jahren vernehme. Zu dieser Verdrießlichkeit hat nun also auch der überdurchschnittlich weiße, westdeutsche, reiche und bürgerliche Mainstream evangelischer Kirchenleiter:innenschaft aufgeschlossen. Herzlichen Glückwunsch?!
Wenn „Bürgerlichkeit das Verdienst des Protestantismus“ ist, wie Außenminister Wadephul in seinem Grußwort sagte, ist die Frage erlaubt, welche Bürgerlichkeit denn derzeit im offiziösen Protestantismus ins Schaufenster gestellt wird: Ein mindestens verunsichertes, die Angst vor dem Verlust seiner Privilegien und mancher Annehmlichkeiten mit demonstrativer Heiterkeit überspielendes, das sich zwar inmitten der Mehrheitsgesellschaft trifft, zu ihr aber vornehmlich professionalierte Tuchfühlung aufnimmt.
Der Ratsvorsitzenden ist zugutezuhalten, dass sie diese Bürgerlichkeit wenigstens authentisch vertritt. Ihre Begeisterung für die Hausmusik in der „Elphi“ und für Paul-Gerhardt-Verse ist ebenso ernst zu nehmen wie das „Merci beaucoup“ am Schluss ihrer Rede. Inwieweit dieser hanseatische, kulturbürgerliche und -protestantische Lifestyle noch mit der restlichen Gesellschaft korrespondiert und kommunikativ anschlussfähig in die pluralen Öffentlichkeiten unserer Gegenwart ist, steht auf einem anderen Blatt. Helmut Schmidt ist tot.
Überall Verlustangst
Es muss jedenfalls beunruhigen, dass es sich bei der diesjährigen evangelischen Zeitansage um das Ergebnis einer Zielgruppenanalyse handelt. Die evangelische Kirche sieht sich zu denjenigen gesandt, die sich gekränkt und in ihrer Leistung nicht anerkannt sehen, sich aus dem Miteinander zurückziehen, die nicht (mehr) wütend sind, sondern bei denen „verzweifelte Erschöpfung“ eingezogen ist. Die anvisierte Zielgruppe ähnelt auf bestürzende Weise der Senderin der Botschaft. Wird die Kirche im Dickicht ihrer Milieustudien vor allem der Gefühlslage ihrer Leitungsschicht angesichtig?
Fehrs kündigt anknüpfend an den Zwischenruf der Evangelischen Sozialkommission von EKD und Diakonie an, dass Kirche und Diakonie an der Reform des Sozialstaats gerne „mittun“ wollen, womit ausdrücklich das Herunterkommen von „Extrempositionen“ und Lösungsorientierung gemeint sind. Kritik formuliert Fehrs vor allem am Ton der Debatte. Es sei, erinnert sie, daran zu denken, dass „man es früher oder später auch selbst sein kann: angewiesen. Also: krank, arbeitslos, eingeschränkt, pflegebedürftig oder selbst pflegend!“ Mindestens als rhetorische Figur wird auch hier die persönliche Verlustangst zur Begründung von Gemeinsinn und Sozialstaat herangezogen.
Wo ist die Rede von einer Kirche hin, die inmitten einer vielfältigen Gesellschaft exemplarisch, uneigennützig und anwaltschaftlich ihre „trotzige Hoffnung“ lebt? Von den Perspektiven junger Menschen und der Migrationsgesellschaft findet sich in Fehrs‘ Rede nichts. Die evangelische Kirchenobrigkeit mag (noch) nicht abkippen wie andere Eliten der (Medien-)Gesellschaft – siehe „Altpapier“ von René Martens vom Mittwoch -, aber sie steht merklich an einem Kipppunkt.
Alte Muster, treue Seelen
An solchen Wendepunkten versichert man sich gerne des Althergebrachten und Verlässlichen. Beim Johannisempfang musste dafür – im Jahre seines 350. Todestages – der evangelische Dichter Paul Gerhardt herhalten. Die explizit theologisch sprechenden Passagen von Fehrs‘ Rede nehmen direkt Bezug auf dessen Dichtung.
Als poetische und musikalische Vorliebe von Einzelnen oder kirchlichen Gemeinschaften ist eine solche Inanspruchnahme legitim und hat ihre besondere Bedeutung – auch im Konzert der Kirche(n) und Religionsgemeinschaften. Ich habe die vielen Strophen von „Ich singe dir mit Herz und Mund“ beim Festakt gerne mitgesungen. Als universale politische Ethik allerdings können Gerhardts Verse nicht mehr dienen.
Sie mögen ja in sinfonischem Wohlklang mit der Psychologisierung gesellschaftspolitischer Dynamiken der EKD-„Zielgruppenanalyse“ resonieren, der in ihnen an allen Enden anzutreffende Obrigkeitsbegriff wurde von der evangelischen Kirche aber eigentlich allerspätestens mit ihrer Demokratie-Denkschrift 1985 ad acta gelegt. In Fehrs‘ Rede drängt er sich – hoffentlich unbeabsichtigt – immer wieder hinein.
Sich ernstlich die Verlesung von Grundgesetz und Bergpredigt vor der abendlichen „Tagesschau“ zu wünschen – „Politik mit Jesus“ also als Reprise einer staatssynchronen Kirchlichkeit zu entwerfen, statt als ein Korrektiv jenseits der (Vor-)Höfe der Macht – kann doch unmöglich die evangelische Antwort auf die Krise der parlamentarischen Demokratie und deliberativen Demokratie sein.
Außenminister Wadephul bekannte zum Schluss seines Grußwortes, die Regierung sei auf die Kirchen „angewiesen“ als „sozialer Anker“ und „[w]eil ihre geistliche, geistige und gesellschaftliche Prägekraft, die unser Land seit Jahrhunderten ausmacht, jetzt so sehr zählt wie lange nicht“. Ein solches Bekenntnis muss man zunächst als liebgemeinten sommerlichen Gruß verstehen und dann als Symptom der geteilten Vertrauenskrise. Das macht die Aussagen allerdings nicht richtiger. Dem beiderseitigen Bedeutungsverlust wehrt man sicher nicht durch emphatisches Händchenhalten.
Den bei den zahlreichen Sommerempfängen in der Hauptstadt in diesen Tagen versammelten politischen und kulturellen Eliten kann man nur wünschen, dass sie die Türen ihrer Behausungen und Gehäuse weit, weit aufsperren. Dann träfen sie sicher auf Leute, die nicht so wie sie selbst ausschauen oder sprechen, die womöglich aber auch nicht so verzagt sind wie die eigene Peer-Group. Problemanzeigen müssen nicht per se Selbstdiagnosen unausweichlicher Krisen sein.
Unser „starkes Land“ (Fehrs), das anderswo jung, bisschen messy und definitiv migrantischer ist, bedürfte einer Kirche, die sich dieser neuen Wirklichkeit bedingungslos und zukunftslustig öffnet. Die „Nmecha-Gebets-Debatte“ zeigt, dass es dabei besonders auf die theologische Kompetenz der Kirche ankommt. Theologie treiben und über den Glauben streiten, das stünde einer Kirche, die sich viel zu häufig an den eigenen Prozessen und Abläufen unglücklich macht, gut zu Gesicht.
Aktuell im Magazin
Eintritt in den Kölner Dom: Gotteshaus oder Tourismusattraktion? – Philipp Thull
Der Kölner Dom verlangt von seinen Besucher:innen demnächst ein hohes Eintrittsgeld, wenn sie nicht zum Beten oder Gottesdienst kommen. Verändert sich dadurch der Charakter des Gotteshauses? Eine kirchenrechtlich informierte Orientierung von Philipp Thull:
„Auch wenn die Heiligkeit des Ortes nicht notwendigerweise in Spannung mit dem Tourismus geraten muss, stellt sich an diesem Punkt die Frage, wo für die Verantwortlichen eigentlich die Prioritäten liegen: Denn wenn der Strom der Besucherinnen und Besucher so organisiert wird, dass die touristische Nutzung Maßstäbe setzt, das Gebet oder der Gottesdienst jedoch nur noch als eine Ausnahme am Rande des Domes wirken, kehrt sich die kirchenrechtliche Ordnung faktisch um.“
26. Flüchtlingsschutzsymposium: Die kleiner werdenden Spielräume nutzen – Philipp Greifenstein
Beim 26. Berliner Symposium zum Flüchtlingsschutz diskutiert die Zivilgesellschaft, wie mit dem neuen europäischen Asylsystem gearbeitet werden kann. Was kommt auf Kirchen und Unterstützende zu?
Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer ist zu groß.
Dreh mal die Temperatur zurück,
und laß die Regenwolken los.“
– Renatus Deckert auf Bluesky
Mitdiskutieren