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Kardinal Woelki während der Eucharistie beim Requiem für Kardinal Meisner, Foto: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (Wikimedia Commons)

Bischöfe fallen nicht vom Himmel

Bevor die 27 Diözesanbischöfe in Deutschland einem (Erz-)Bistum vorstanden, trugen sie bereits seit Jahren in Leitungspositionen Verantwortung. Das ist auch für die Aufarbeitung des Missbrauchs in der Kirche relevant.

Am Mittwoch vergangener Woche stellte das Bistum Mainz einen Zwischenbericht des unabhängigen Aufklärungsprojekts „Erfahren.Verstehen.Vorsorgen (EVV)“ vor. Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber berichtete nicht nur davon, dass die Anzahl der Betroffenen im Bistum über derjenigen liegt, die für die MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gemeldet wurden. (Das liegt zum Teil an der Erweiterung der Missbrauchsdefinition, die jetzt auch Übergriffe gegenüber Erwachsenen inkludiert.)

Vor allem wirft der Zwischenbericht ein schlechtes Licht auf die Bistumsleitung vergangener Tage und auf zwei beliebte ehemalige Bischöfe des Bistums Mainz, darunter der ehemalige langjährige Bischofskonferenz-Vorsitzende und 2018 verstorbene Kardinal Karl Lehmann. „In der Vergangenheit sei in der Bistumsleitung auf einschlägige Meldungen oftmals nicht adäquat reagiert worden“, sagte Weber. „Selbst schwere Missbrauchsfälle hätten lediglich zu geringen Sanktionen seitens der Bistumsleitung geführt“, heißt es in einer Pressemitteilung des Bistums.

Bischöfe fallen nicht vom Himmel

Innerhalb weniger Tage wird mit dem Zwischenbericht erneut ein Scheinwerfer in Richtung einer unaufgearbeiteten Vergangenheit geworfen, von der sich heutige Verantwortungsträger der Kirche gerne vorsorglich distanzieren. Ein Interview der Christ & Welt mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße hatte dessen Verwicklung in die mangelnde Bearbeitung von Missbrauchsverbrechen im Erzbistum Köln zu Inhalt. Dort diente Heße als stellvertretender Generalvikar und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal (ab 2006) sowie von 2012 bis 2015 als Generalvikar.

In einem weiteren Artikel leuchteten die Heße-Interviewer Raoul Löbbert und Georg Löwisch die Widersprüche aus, die sich aus den neuen Einlassungen des Hamburger Erzbischofs zu einer Darstellung des Handelns des Erzbistums in einem Gespräch mit dem inzwischen verstorbenen damaligen Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner von 2015 ergeben hatten. Das alles übrigens, ohne dass der berüchtigte Kölner Aufarbeitungsbericht (wir berichteten) inzwischen veröffentlicht worden wäre.

Man darf also gespannt sein, was diese und weitere Studien in den röm.-kath. (Erz-)Bistümern noch alles zu Tage fördern werden. Klar ist jetzt schon: Das gegenwärtige Leitungspersonal ist, entgegen aller bemühten Selbstdarstellungen, nicht allein in der Rolle der tapferen Aufklärer involviert. Wer heute Bischof ist, der trägt seit vielen Jahren an entscheidenden Stellen Verantwortung in der Kirche. Bischöfe fallen nicht vom Himmel.

Darum lohnt es sich sicher, die (Erz-)Bischöfe des Landes genauer kennenzulernen. Der Übersichtlichkeit wegen beschränke ich mich auf die 27 Diözesanbischöfe, die einem (Erz-)Bistum vorstehen, was nicht heißen soll, dass sich unter den 40 weiteren Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) nicht noch viele weitere Personen befinden, die in den vergangenen 30 Jahren Personal- und Leitungsverantwortung innehatten.

Kölner Karrieren

Auch hier lohnt beispielhaft ein Blick in das Erzbistum Köln: Bereits 1990 wurde der heutige Erzbischof Rainer Maria Woelki zum Geheimsekretär Kardinal Meisners berufen. 2003 wurde er ebenda zum Weihbischof geweiht, ab 2006 war er für den Pastoralbezirk Nord mit den Großstädten Düsseldorf und Wuppertal zuständig. Ein Einzugsgebiet, das der Größe nach viele deutsche Diözesen in den Schatten stellt. Sekretär Meisners war auch Dominikus Schwaderlapp, der dem Erzbistum von 2004 bis 2012 als Generalvikar diente. Seit 2012 ist er als Weihbischof in der Nachfolge des zwischenzeitlich zum Erzbischof von Berlin beförderten Woelki für den Pastoralbezirk Nord zuständig.

Kölner Karrieren 1989 bis heute , Grafik: Die Eule (CC BY-SA 3.0)

Im Amt des Erzbischofs der Hauptstadt löste wiederum Heiner Koch Woelki ab, als der 2014 als neuer Erzbischof nach Köln zurückkehrte. Vor seiner Zeit als Bischof von Dresden-Meißen (2013-2015) diente Koch zwischen 2002 und 2006 als stellv. Generalvikar und Weihbischof in Köln (2006-2013). Sein Pastoralbezirk Süd umfasste 600 000 Gläubige.

Dass man als Personalchef über gegenwärtige und – so die Akten nicht zwischenzeitlich vernichtet wurden – vergangene Missbrauchsfälle informiert ist, verstehen sogar Außenstehende. Dem Christ & Welt-Interview mit Heße ist zudem zu entnehmen, dass in Köln alle Fälle über den Tisch des Erzbischofs wanderten. Ähnliches darf man von allen anderen (Erz-)Bistümern vermuten. Zwischen beiden Leitungsebenen arbeiten jeweils die Generalvikare, die den gesamten Apparat einer Diözese im Auftrag des jeweiligen (Erz-)Bischofs leiten. Schwer vorstellbar, dass sie in ihrer Amtsausübung von den zum Teil erschütternden Fällen nichts mitbekommen haben / mitbekommen.

„Mitverantwortung“, nicht Schuld

Seit Jahr und Tag beschweren sich katholische Würdenträger über einen vermeintlichen „Generalverdacht“, unter dem alle röm.-kath. Priester stünden. Und es stimmt ja: Pädophile Neigungen von Priestern sind inzwischen sprichwörtlich geworden. Doch eben so wenig wie die meisten Täter im Raum der Kirche pädophil sind und waren, muss jedem Priester Misstrauen entgegengebracht werden – solange notwendige Präventionsmaßnahmen ordungsgemäß durchgeführt werden.

Es kann auch nicht darum gehen, die heute führenden Männer der Kirche unter einen solchen „Generalverdacht“ zu stellen. Wohl aber ist es nach zehn Jahren Missbrauchskrise in der Kirche in Deutschland angebracht, nach der Verantwortung für Vertuschung und mangelnde Aufarbeitung zu fragen, die aktuelle Spitzenfunktionäre womöglich tragen. Erzbischof Heße räumte im Interview mit der Christ & Welt eine „Mitverantwortung für ein System, das zweifelsohne Leid verursacht hat“ ein, während er eine persönliche Schuld bestritt.

Entlang dieser Linie kann man die 27 in Dienst stehenden Diözesanbischöfe also durchaus danach befragen, welche Rolle sie heute und in der Vergangenheit gespielt haben. Dabei ist vor allem die Jahreszahl 2010 von entscheidender Bedeutung: Vor zehn Jahren brachte Klaus Mertes, der damalige Schulleiter des Canisius-Kollegs Berlin, die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche an eine größere Öffentlichkeit. Seitdem stehen Prävention und Aufarbeitung des Missbrauchs in der Kirche immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Seitdem arbeiten auch in den (Erz-)Bistümern Verantwortliche verstärkt zu dem Thema. Bis dahin wurde reichlich verschleppt, verschlampt und vertuscht.

Eine „junge“ Bischofskonferenz

Ein erster Blick auf die Gruppe der Diözesanbischöfe zeigt, dass es sich um ein vergleichweise „junges“ Episkopat handelt. Damit ist nicht unbedingt das biologische Alter der Herren gemeint, sondern die Dauer ihrer Amtszeiten. Der mit Abstand dienstälteste Diözesanbischof ist Franz-Josef Bode, der seit 1995 Bischof von Osnabrück ist. Seit 2017 ist er stellv. Vorsitzender der DBK und dort sowie beim „Synodalen Weg“ u.a. für das Thema Sex zuständig.*

Fotos: Franz-Josef Bode (Bischöfliche Pressestelle Hildesheim (bph)) und Bertram Meier (Nicolas Schall / pba, CC BY-SA 3.0), Grafik: Die Eule (CC BY-SA 3.0)

Zehn Bischöfe wurden während der 2000er-Jahre zu Diösesanbischöfen eingesetzt, 15 in den 2010er-Jahren. Der „jüngste“ Bischof ist Bertram Meier, der erst in diesem Jahr sein Amt als Bischof von Augsburg angetreten hat. Die Mehrzahl der deutschen Bistumschefs ist also erst nach 2010 in die erste Reihe der katholischen Würdenträger aufgerückt. Was haben sie davor gemacht?

Als Generalvikare dienten der heutige Bischof von Würzburg Franz Jung (2009-2018 im Bistum Speyer), der aktuelle DBK-Vorsitzende und Bischof von Limburg Georg Bätzing (2012-2016 im Bistum Trier) sowie die Erzbischöfe Stefan Heße (s.o.) und Ludwig Schick (1995-1998 in Fulda, heute Erzbischof von Bamberg).

Die stille Macht der Weihbischöfe

Von den 27 amtierenden Diözesanbischöfen dienten 15 zuvor als Weihbischöfe. Anders als es die deutsche Bezeichnung nahelegt, unterstützen diese den Ortsbischof nicht allein bei der Spende der Sakramente, sondern nehmen zum Teil (auch als sog. Bischofsvikare) erhebliche Leitungsverantwortung in den (Erz-)Bistümern wahr.

Wieviele Weihbischöfe es in einer Diözese gibt, ist von Bedeutung und Größe des jeweiligen (Erz-)Bistums abhängig. Weil die Bischöfe mit ihrer Berufung zum Diözesanbischof zumeist das Bistum wechseln, bedarf es etwas Mühe, die einzelnen Karrieren nachzuverfolgen. Dann aber werden Connections (Paderborn, Mainz, Köln) offenbar, die zum Teil bis heute in der Bischofskonferenz wirksam sind.

Bei einigen Würdenträgern mutet das Weihbischofsamt in der Rückschau als kurzzeitige Übergangsverwendung an, besonders lange dienten als Weihbischöfe jedoch Heiner Koch (s.o.), Rainer Maria Woelki (s.o.), Ulrich Neymeyr (2003-2014 in Mainz, heute Bischof von Erfurt) und Karl-Heinz Wiesemann (2002-2008 in Paderborn, heute Bischof von Speyer). Acht weitere heutige Diözesanbischöfe dienten zuvor wenigstens vier Jahre als Weihbischöfe.

Nur ein besonders bemerkenswertes Beispiel für die Amtsfülle von Weihbischöfen ist der heutige Bischof von Dresden-Meißen Heinrich Timmerevers. Seit 2016 steht er dem kleinen Diaspora-Bistum im Osten Deutschlands vor (142 000 Katholik:innen). Zuvor diente er von 2001 an als Münsteraner Weihbischof und Bischöflicher Offizial in Oldenburg als Statthalter des Bischofs im niedersächsischen Teil des Bistums. Dank dieses einmaligen kirchenrechtlichen Sonderfalls war er dort mit einem eigenen Apparat für gut 262 000 und damit fast doppelt so viele Gläubige zuständig wie jetzt in Sachsen.

Weihbischöfen sind zum Teil Seelsorge- oder Pastoralbezirke zugeteilt, die so groß und reich an Gläubigen sein können wie anderswo Bistümer. Darüber hinaus nehmen sie für gewöhnlich die Vertretung bischöflicher Aufgaben z.B. für die Ordensgemeinschaften im Bereich eines (Erz-)Bistums, die Jugend oder fremdsprachliche Gemeinden wahr. Sie sind also permanent mit den Angelegenheiten „ihrer“ Gemeinden und der Priester in ihrem Zuständigkeitsbereich befasst, als „Ohren und Augen des Ortsbischofs“ halten sie Kontakt zur Basis.

Laufbahnen der Diözesanbischöfe, Grafik: Die Eule (CC BY-SA 3.0)

Doch bedarf es nicht unbedingt der Bischofsweihe, um an verantwortlicher Stelle mit großer Machtfülle zu wirken. Der „jüngste“ Ortsbischof des Landes, Betram Meier in Augsburg, ist dafür ein gutes Beispiel: Von 1996 bis 2001 leitete er die deutschsprachige Abteilung des vatikanischen Staatssekretariats in Rom, im Anschluss daran wuchsen ihm nach seiner Rückkehr nach Deutschland zwischen 2002 und 2019 zahlreiche kirchenpolitische, diözesane und überdiözesane Leitungsämter zu.

Alle in einen Topf?

Jene unter den heutigen (Erz-)Bistumschefs, die zuvor nicht als (stellv.) Generalvikare oder Weihbischöfe dienten, sollte man also nicht allzu schnell aus der Rechnung streichen. Als Schul-, Jugend- und Hochschulsseelsorger, als Regenten von Priesterseminaren und in Orden und geistlichen Gemeinschaften waren sie zum großen Teil ebenfalls in kirchlichen Handlungsfeldern eingesetzt, die als Missbrauchsschwerpunkte bekannt sind.

Gleichwohl sollte man sich hüten, alle Bischöfe nur aufgrund ihres jahrzehntelangen Wirkens in der Kirche der Vertuschung von Missbrauchsverbrechen zu verdächtigen. Gründliche Differenzierung der jeweiligen persönlichen Verantwortung ist gerade dort notwendig, wo sich Würdenträger auf eine „systemische Mitverantwortung“ herausreden wollen. Die Bischöfe gehören nicht simplifizierend als Vertreter eines missbräuchlichen Systems in einen Topf geworfen, insofern als das den Blick auf tatsächliche persönliche Verstrickungen verstellen könnte.

Bischöfe fallen wahrlich nicht vom Himmel, sondern dienen sich in der Hierarchie der katholischen Kirche beharrlich nach oben. Bei einer realistischen Betrachtung ihres Wirkens in der Kirche darf man den oft jahrzehntelangen Anlauf, den sie in Richtung ihrer heutigen Bischofsämter unternommen haben, nicht außer Acht lassen. Die kirchenleitende Wirksamkeit der heutigen Diözesanbischöfe reicht in jedem Fall bis hinter die Demarkationslinie 2010 zurück.

Weil ein Aufstieg in der Kirchenhierarchie immer der Unterstützung von Weggefährten und Gönnern bedarf, bevorzugt das System Männer, die keinen Ärger machen und ihre Aufgaben diskret und ohne Anlass zur Beschwerde erledigen. Der karrierebedingte Wechsel von einem Bistum zum nächsten sorgt darüber hinaus dafür, dass man sich von Altlasten der Vergangenheit leicht distanzieren kann.

Wenn demnächst also weitere Berichte über den Umgang mit Missbrauchsfällen der jüngeren Vergangenheit in den deutschen (Erz-)Bistümern den Weg an die Öffentlichkeit finden, braucht man nicht überrascht sein, in ihnen bekannte und womöglich verehrte Namen wiederzufinden.

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* Korrektur: Bischof Franz-Josef Bode leitet, anders als zunächst angegeben, das Synodalforum „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“, nicht das Forum für Sexualität und Partnerschaft. Wir haben die Angabe darum gestrichen. Danke für den Hinweis!