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#BlackLivesMatter – Die #LaTdH vom 7. Juni

Die antirassistischen Proteste im Anschluss an den Tod George Floyds finden rund um den Globus Widerhall. Außerdem: Seelsorge in Corona-Zeiten, Abrüstungs-Aufruf und ein leerer Altar.

Die #BlackLivesMatter-Proteste nach dem Tod George Floyds haben in den vergangenen Tagen Städte in vielen Ländern der Erde erreicht. Auch in Deutschland wurde, vor allem am gestrigen Sonnabend, in Solidarität mit den Opfern von Rassismus und Polizeigewalt protestiert.

Die taz wirft einen Blick in einige westdeutsche Städte und nach Berlin, hier findet sich ein Bericht nebst Fotos von der Demo in Dresden. Auch in anderen ostdeutschen Städten fanden Protestaktionen statt, Polizeigewalt ist hier ja kein neues Thema. Was der Protest für die USA bedeutet, kann man diesem SPIEGEL-Interview mit dem afroamerikanischen Historiker Eddie Glaude entnehmen:

Mitten in einer Pandemie riskieren die Leute gerade ihr Leben, um gegen Polizeibrutalität zu demonstrieren. So wie viele jeden Tag ihr Leben riskieren müssen, nur um wieder arbeiten zu können. Doch wenn wir ein neues Amerika gebären wollen, dann müssen wir nun mal alles riskieren, und das ist auch gut so. Das geht auch weit über die Wahl im November hinaus. […] Es geht darum, den moralischen Schwerpunkt des Landes zu verschieben, der Wall Street und dem Silicon Valley zu entkommen. Es geht um fundamentale Fairness. Die reichste Nation in der Weltgeschichte darf nicht so viele Arme haben. Wir stehen am Beginn eines revolutionären Moments.

Debatte

Solidarität aus den Kirchen

Was sagen die Kirchen zur BlackLivesMatter-Bewegung, in diesem revolutionären Moment, der nicht nur in den USA einen Wendepunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit Rassismus und struktureller Gewalt bedeuten kann?

Die Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bosse-Huber, wendet sich in einer Solidaritätsadresse an die Partnerkirchen der EKD in den USA. Die United Church of Christ (UCC) und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (ELCA) sind als vornehmlich weiße Kirchen ein Beispiel dafür, dass die rassistische Teilung der US-amerikanischen Gesellschaft vor dem Altar nicht halt macht.

Für Furore sorgte die Kritik der Bischöfin der Episkopalkirche, Mariann Budde (@Mebudde), die sich gegen den Missbrauch von Kirche und Bibel zu Zwecken der Trump-Propaganda wehrte. Auch der Vorsitzende der röm.-kath. Bischofskonferenz der USA, Erzbischof José Gomes, zeigte sich entsetzt über die rassistische Gewalt im Land. Weitere zumeist kritische Stimmen aus Deutschland und den USA finden sich bei Vatican News, das jedoch auch evangelikales Lob für Trump aufzeichnet.

Clergy members join hundreds protesting in downtown Lexington (WKYT, englisch)

Einen kurzen Bericht und bewegte Bilder vom Protest in Lexington (USA) bringt der Lokalsender WKYT. Wie an vielen Orten des Landes beteiligen sich Geistliche symbolstark an den Protesten. Endlich eine sinnvolle Verwendung dieser modischen Kollarhemden, zumindest dort, wo sie nicht als Kostüm erkannt werden.

„I think there are a lot of voices in our broader culture right now trying to convince us that we can’t trust each other across difference or that what divides us is more significant than what unifies us, our being here across denominations and faith lines stands as a witness against that,“ said David Holden with Second Presbyterian Church.

„Ich denke, es gibt viele Stimmen in unserer Kultur, die uns davon überzeugen wollen, dass wir einander nicht vertrauen können, dass unsere Unterschiede und was uns trennt, wichtiger ist als das, was uns eint. Unsere Anwesenheit über Kirchen- und Religionsgrenzen hinweg legt Zeugnis ab gegen dieses Vorurteil“, sagte David Holden von der Zweiten Presbyterianischen Kirche.

The assumptions of white privilege and what we can do about it – Bryan N. Massingale (National Catholic Reporter, englisch)

Am Tag als George Floyd vor einer Kamera starb, sorgte ein weiteres Video für Aufsehen in den Sozialen Medien. Darin zu sehen: Amy Cooper, die sich des tiefverwurzelten Rassismus‘ bedient – white privilege. Über das zugrundeliegende Denkmuster und was dagegen unternommen werden kann, schreibt Bryan N. Massingale im NCR.

Folgenlose Anteilnahme – Christian Bangel (ZEITonline)

Christian Bangel (@christianbangel) schreibt bei ZEITonline über die sonst übliche und eine mögliche Debatte über Rassismus in Deutschland. Er ist skeptisch:

Und deswegen stehen die Chancen schlecht, dass die unfassbare Zahl von 7.900 rassistischen Straftaten im Jahr 2019 wirklich etwas auslöst. Mehr als 21 Straftaten pro Tag sind es, und das sind nur die angezeigten. Wie hoch wird erst die Dunkelziffer sein? Und was ist mit dem nicht strafbaren Rassismus, den nicht vergebenen Jobs und Wohnungen, den abfälligen Bemerkungen und subtilen Drohungen, den Betroffene erleben? Man sollte immer wieder klarmachen, dass der Rassismus auch für die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die deutsche Demokratie eine existenzielle Gefahr ist.

Bishop Frank reflects on the murder of his Friend George Floyd – Frank Nubuasah (SACBC, englisch)

Frank Nubuasah, Bischof von Gaborone (Botswana), war mit George Floyd befreundet, auf der Website der südafrikanischen Bischofskonferenz widmet er dem getöteten Freund einen Nachruf. Die Hintergründe hat Felix Neumann (@fxneumann) auf katholisch.de aufgeschrieben.

Right now, I am angry because I am human and never thought humans can stoop so low. A huge welcome awaits you in the Father’s house and I hope Coke and popcorn will be there too. You just have one more task to perform. It is to prepare to welcome the notorious four who killed you into heaven when their time does come and show ‘em round the jolly place we call heaven. She said “when they go low, we go high.” (M. Obama) I will miss you George. You can now breathe eternally the breath of love. Rest in Peace!

nachgefasst

Die beeindruckenden Bilder von den weltweiten Protesten verursachen jedoch auch Bauchschmerzen, denn die Corona-Pandemie ist nicht vorbei. Man kann nur hoffen und beten, dass die Demonstrationen nicht zu weiteren Superspreader-Events werden.

Corona I: Alter, Sterben, Einsamkeit

Während der epd über zunehmende Konflikte mit Angehörigen berichtet, die Zugang zu Pflegeheimen erhalten, setzt sich die kritische Betrachtung der Abschottung von kranken und alten Menschen während der zurückliegenden Phase der sozialen Distanzierung fort.

Eindrückliche Geschichten von Intensiv-Teams, die sich um ein würdiges Sterben in Corona-Zeiten bemühen, hat Claudia Wüstenhagen (@ClaWuest) auf ZEITonline aufgeschrieben. Bereits in meinem Bericht von den Seelsorge-Bemühungen der Kirchen vom 25. April hatte ich über den Fokus auf die Arbeit mit Angehörigen geschrieben, den Seelsorger*innen in Ermangelung persönlichen Zugangs zu den Kranken finden müssen. Wüstenhagen berichtet auch über tröstenden Medieneinsatz:

Inzwischen sind die Besuchsregeln in der Klinik gelockert, doch die Anzahl der Besucher ist stark begrenzt. Der Einfallsreichtum der Pfleger und Seelsorgerinnen dagegen nicht: Am Klinikum rechts der Isar sind mittlerweile vier Medizinstudierende im Einsatz, um die Angehörigen virtuell mit auf die Intensivstation zu nehmen. Mit einem Smartphone in der Hand betreten sie das Zimmer, damit die Familie den erkrankten Menschen per Videotelefonie von draußen sehen kann – und ein kleines Gefühl von Nähe aufkommt.

Die Kritik an der unbarmherzigen Abschottung, die gleichwohl auch dem Mangel an geeigneter Schutzkleidung geschuldet war, erneuert Alexander Eckert beim Domradio. Wie alle Kirchenkritiker*innen dieser Tage kommt auch er nicht umhin, die systemischen Ursachen des Zugangsverlusts der Kirchen-Profis mitzubedenken.

Tatsächlich verhüllt manche emotional vorgetragene Kritik, die sich auf einen vermeintlichen Unwillen der Kirchen beruft, den Blick auf Fehler im System und die mangelnde Vorbereitung auf eine Pandemie-Krise in allen Teilen der Gesellschaft, so auch in den Religionsgemeinschaften. Dabei lassen sich viele von ihnen bei entsprechendem Engagement für die Zukunft beseitigen.

Corona II: Listen retten Leben

Das Bistum Münster protestiert gegen die Einführung neuer Schutzregeln in Nordrhein-Westfalen, die erstmals per Verordnung die Aufzeichnung von Teilnehmer*innen durch Listenführung vorsehen. Bisher wurden die Schutzmaßnahmen von den Kirchen und Religionsgemeinschaften in NRW im Stile einer freiwilligen Selbstverpflichtung durchgeführt.

Nachdem sich in Frankfurt a. M., Bremerhaven und in Mecklenburg-Vorpommern Gottesdienste als Infektionsherde herausgestellt haben, wurde von der Landesregierung nachgesteuert. Und das kurzfristig und ohne die üblichen Rückfragen beim politischen Büro der Bistümer, so dass die röm.-kath. Diözesen überrascht wurden. Gleichwohl wollen sich die anderen NRW-Bistümer darüber nicht beschweren. In den evangelischen Landeskirchen in NRW werden Teilnehmer*innen-Listen aufgrund der Rahmenvereinbarung der EKD schon längst geführt.

Überraschung hin oder her: Superspreader-Events wird man nur mit ordentlich geführten Listen eindämmen können. Eine datenschutzrechtlich einwandfreie Durchführung ist möglich. Das Bistum Münster kann sich gerne bei den anderen Bistümern oder Schwesterkirchen umhören, wie man das macht. Listen retten Leben!

Buntes

Die große Schwester – Wiederbegegnung mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – Till Raether (54 Books)

Im tollen Online-Feuilleton @54blog schreibt der sowieso tolle Till Raether (@TillRaether) über seine Re-Lektüre von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Eine durchsichtige und aufschlussreiche Lesereise in die bundesrepublikanische Vergangenheit, die eine Menge über die Gegenwart verrät.

Die Wiederlektüre offenbart mir noch andere elementare Grenzüberschreitungen, die mir 1980/81 verborgen blieben. Vielleicht blieben sie mir damals auch verborgen, weil diese Lektüreerfahrung für mich als Kind eine einzige Grenzüberschreitung war. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo lesend, bewegte ich mich über eine unsichtbare Linie, in eine komplett fremde und dennoch tief vertraute Welt, die nicht meine und eben doch meine war.

Kirchen fordern Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland (epd, EKvW, evangelisch.de)

Unter den #BlackLivesMatter-Protesten und der Corona-Pandemie aufmerksamkeitstechnisch fast vollständig begraben wurde das Engagement beider großen Kirchen für den Abzug der US-amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland und gegen Rüstungsexporte.

Der eigentlich für den Atomwaffen-Stützpunkt Büchel geplante Protest musste Corona-bedingt ins Netz verlegt werden. Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus, erinnert in einem Video an die friedensethische Verpflichtung von Christ*innen.

Abwerbungsversuche aus China – Interview mit Matthias Pöhlmann (Konradsblatt)

Wer sich auf Twitter und Facebook bewegt, kennt sie: Chinesische Accounts, die auf irgendwie komische Weise Kontakt und Anschluss suchen. Im Interview mit Benjamin Lassiwe (@lassiwe) klärt der Weltanschaungs- und Sektenbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB), Matthias Pöhlmann, auf:

Die Gruppe ist aus meiner Sicht eine Neureligion. Sie kennzeichnet ein exklusives Kirchenverständnis, ein Fanatismus und ein intransparentes Vorgehen. Das sieht man bei den Anfragen bei Facebook: Man geht gezielt auf kirchlich engagierte Menschen zu. Die Mitglieder der Kirche wenden sich zum Beispiel mit dem Thema der Christenverfolgung in China gezielt an christliche Gemeinden hierzulande.

Predigt

„Gott lässt sich erkennen“ – Angelika Beer (Evangelische Kirche A.B. in Rumänien)

In der „Zwischenzeit“ während der Corona-Krise und zwischen Himmelfahrt und Pfingsten predigt Vikarin Angelika Beer über Jeremia 31. Im Bild eines leeren Altars in einer Kirche, in der sonst nie mehr Gottesdienst gefeiert wird, erkennt sie ein Zeichen für unsere Zeit:

Ihr Lieben, ich ahne und spüre, dass jetzt eine Zeit ist, in der Gott etwas in unser Herz hineinlegt und in unseren Sinn hineinschreibt. Zeichen des Ewigen, der gegenwärtig ist – auch in dieser Zwischenzeit, die unsere Kalender geleert hat.

Als noch nicht klar war, ab wann wieder Präsenzgottesdienste möglich sein werden, und wir überlegt hatten, in welchen Kirchen unseres Gemeindeverbandes wir die nächsten Videogottesdienste aufnehmen, wären heute Bilder aus Haschagen gekommen. Hinter Salzburg gelegen, auf dem halben Weg nach Medias, eine Kirche, in der schon lange kein Gottesdienst stattgefunden hat. Eine Kirche, die etwas Besonderes hat: einen leeren Altar. […]

Du kannst den Ewigen nicht in ein Bild fassen. Und gerade das sagt so viel, dieser leere Altar. Dass Gott da ist, aber anders. Dass Gott in unsere leergewordenen Kalender Neues hineinlegt und hineinschreibt. Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Leer soll unser Herz und unser Sinn werden.

Ein guter Satz

„Justice is what love looks like in public.

– Cornel West

Ein Kommentar zum Artikel

Gert Flessing

Da kommen eine Menge Themen zusammen. Zuvörderst George Floyd. Sein Tod durch einen Polizisten bewegt die Welt. Er hätte nicht sterben müssen.
Einst waren Opfer und Täter Kollegen gewesen. Beide Türsteher im selben Club.
Viel Solidarität wird nun dem Opfer zuteil.
Solidarität, die auch in Gewalt ausartet, wie man in den Bildern aus den USA, sehen kann.
Ein „revolutionärer Moment“? Ich bezweifle es.
Es ist die Pflicht der Kirche, an der Seite des Opfers zu stehen. Es ist nicht ihre Pflicht, jene gerecht zu sprechen, die dieses Opfer benutzen, um ihre Vorstellungen, plündernd und brandschatzend, auszuleben.
Corona – wir waren, in keiner Weise, auf so etwas vorbereitet. Ich weiß nicht einmal, ob man es schafft, wirklich vorbereitet zu sein.
Aber es wurde, hier, in Deutschland, gut reagiert. Auch in und von den Kirchen.
Es ist auch gut, dass, nach dem Zurückfahren aller Aktivitäten, nun wieder ein geordnetes und von vielfältigen Hygienemaßnahmen, begleitetes Leben möglich ist.
Einige Dinge, wie Maske, Abstand und Desinfektion, werden uns wohl noch lange erhalten bleiben. Schön ist es, immer wieder zu hören und zu lesen, wie viele Ideen entwickelt wurden, um, vor allem den Alten und den kranken Menschen, ein wenig zu helfen, nicht völlig zu vereinsamen. Denn das ist es wohl worauf wir am wenigsten vorbereitet waren.

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