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Bleibt alles anders – Die #LaTdH vom 8. Mai

Die 250. Ausgabe der „Links am Tag des Herrn“ mit Gedanken zum Frieden in Zeiten des Krieges. Außerdem: Versicherung und Aufklärung, feministische Exegese und ein Erklärungsnotstand.

Herzlich Willkommen!

Die „Links am Tag des Herrn“, deren 250. Ausgabe Sie gerade vor Augen haben, verstehen sich als „Update für Kirchen- und Religionsnachrichten“ für alle, die „im Alltag der Woche nur wenig Zeit“ haben, sich „über Glaubens- und Kirchenthemen auf dem Laufenden zu halten“. Damit spielen die Retrospektive, das Einordnen der Diskussionen der vergangenen Tage und das Nachfassen bei Themen, die uns schon einmal in den #LaTdH beschäftigt haben, per definitionem eine gewichtige Rolle.

„Mehr Zukunftsideen“ – so hingegen das Ergebnis einer Spontanumfrage im Twitter-Feed der Eule zur Frage „Welches Thema vermisst Du in den Kirchennachrichten?“ – Na toll! „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, kommt mir das geflügelte Wort in den Sinn. Und manche „Zeitenwende“ hatte kaum jemand vorher auf dem Schirm …

In Ermangelung einer Glaskugel habe ich bei der Auswahl der Lesehinweise wieder versucht, zumindest solche Beiträge zu finden, die Relevanz über den Tag hinaus versprechen, auch einmal ungewohnte Perspektiven eröffnen oder den eigenen Horizont erweitern können.

„Stell die Uhr auf Null
Wasch den Glauben im Regen
Die Sintflut ist verebbt
Die Sünden vergeben
Kein Ersatz – Deine Droge bist Du, bist Du

Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen
Genug ist zu wenig – oder es wird so wie es war
Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders
Der erste Stein fehlt in der Mauer
Der Durchbruch ist nah“

so sang Herbert Grönemeyer vor fast 25 Jahren. Es klingt auch heute noch passend – für den Vierten Sonntag der Osterzeit, an dem Jesus im heutigen Tagesevangelium (Joh 10,27–30) uns, „seinen Schafen“ zusagt:

Sie werden niemals zugrunde gehen
und niemand wird sie meiner Hand entreißen.

Einen guten Start in die neue Woche wünscht Ihnen
Ihr Thomas Wystrach


Debatte

Krieg und Frieden, Politik und Zivilgesellschaft

Man dürfe der Ukraine keine Vorschriften machen, sagte der Ethiker Peter Dabrock (@just_ethics) mit Blick auf den Offenen Brief von rund 30 Künstlern und Intellektuellen an den Bundeskanzler. Ein Recht zur Selbstverteidigung gebe es vom Völkerrecht bis zur Ethik und auch in der politischen Solidarität. Olaf Scholz habe aber den „fatalen Fehler“ gemacht, seine Entscheidungen in den letzten Wochen erkennbar nicht erklärt zu haben, so Dabrock im Gespräch mit Christiane Florin (@ChristianeFlori) im Deutschlandfunk (@DLF).

Offene Briefe führten nach Meinung des Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (@EKD), Johann Hinrich Claussen, oftmals nicht zu nachhaltigen politischen Debatten, sondern lösten eine Empörungsdynamik aus, die sich in einem „feuilletonistischen Debatten-Ping-Pong“ erschöpfe.

Die Friedensbewegung erfährt in Deutschland scharfe Kritik an ihrem Widerstand gegen Waffenlieferungen an die Ukraine. Doch wer das Credo der Gewaltlosigkeit und dessen Effekte verstehen will, sollte sich nicht an der Friedensbewegung festbeißen, meint die Schweizer Neuzeit-Historikerin Svenja Goltermann (@S_Goltermann) in ihrem Beitrag im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart (@G_der_Gegenwart). Vielmehr machten sich in der schleppenden Unterstützung der Ukraine seit dem 24. Februar, die gegenwärtig in der Warnung vor einer Lieferung schwerer Waffen kulminiere, auch die Effekte eines seit Jahrzehnten gesellschaftlich eingeübten Credos der Gewaltlosigkeit bemerkbar:

Das Credo der Gewaltlosigkeit meint aber vor allem eine Haltung, die sich aus einer umfassenden, gleichzeitig aber auch sehr spezifischen Problematisierung von Gewalt speist. Man muss sich an dieser Stelle vor Augen führen, wie sehr im Verlauf der letzten Jahrzehnte unsere Gesellschaft gleichsam auf die Einsicht eingeschworen wurde, dass Gewalt als Mittel der Konfliktregelung keine legitime Option ist – weder zwischen Erwachsenen, noch gegenüber oder auch zwischen Kindern.

Keine Frage, man kann nicht ernsthaft hinter diese Entwicklung zurückwollen. Allerdings hat dieses Credo der Gewaltlosigkeit, das sich im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte fast zu einem Mantra und bis hin zur Problematisierung von „Mikroaggression“ ausgeweitet hat, möglicherweise eben auch seinen Preis. (…) Im Kontext eines Angriffskrieges ist der Ratschlag zur „gewaltfreien Kommunikation“ ein Kategorienfehler, pure Augenwischerei und politisch blind.

Wie die Russische Orthodoxe Kirche den Vatikan manipuliert (feinschwarz.net)

Im Krieg gegen die Ukraine manipuliere die Russische Orthodoxe Kirche gezielt die Vermittlungsversuche des Vatikan, kritisieren Thomas Bremer, Regina Elsner (@reginaelmo), Massimo Faggioli (@MassimoFaggioli) und Kristina Stoeckl (@StoecklKristina) in ihrem Gastbeitrag im theologischen Feuilleton @feinschwarz_net.

Während die vatikanische Diplomatie und der Papst versuchten, Worte und Gesten zu finden, um auf den Krieg Einfluss zu nehmen (den sie offenbar als Ergebnis geopolitischer Interessenskonflikte zwischen Russland und den USA verstehen), sei das Moskauer Patriarchat eifrig bemüht, den Vatikan als Verbündeten darzustellen. Franziskus selbst habe wenig getan, diese Sichtweise zu widerlegen:

Ein Vatikan, der den Dialog mit dieser Hierarchie fortsetzt und dabei alle anderslautenden Äußerungen der Russischen Orthodoxen Kirche diesseits und jenseits der Grenzen der Russischen Föderation ignoriert, sowie die autokephale Orthodoxe Kirche der Ukraine ausklammert, riskiert enormen Schaden am ökumenischen Projekt. (…)

Wir verstehen und achten den langjährigen Einsatz von Papst Franziskus für Frieden und gegen Aufrüstung. Doch hinsichtlich der Situation in der Ukraine genügt die Berufung auf dieses Engagement allein nicht, weil es offensichtlich denen in die Hände spielt, die den Krieg unterstützen. Papst Franziskus muss klar machen, wo die katholische Kirche in Bezug auf die Ukraine steht.

Die Ukraine-Politik des Pontifex gebe Rätsel auf, meint auch Tilmann Kleinjung (@TilmannKk) in seiner Analyse für den Bayerischen Rundfunk (@BR24):

Er nimmt für sich in Anspruch, nicht als Politiker, sondern als Priester zu handeln. Gleichzeitig spekuliert er, „das Bellen der Nato vor den Toren Russlands“ könnte einer der Gründe für diesen Krieg sein. Eine Reise in die Ukraine hält Franziskus aktuell für ausgeschlossen, nach Moskau würde er aber schon fahren, um mal mit Putin zu sprechen. Das Lavieren des Papstes ist Ausdruck einer nur allzu verständlichen Hilflosigkeit angesichts eines brutalen und rücksichtslosen Aggressors.

Gegen die todbringende Logik des Krieges aufstehen – Burkhard Hose (katholisch.de)

In diesem Jahr fallen der Muttertag und der Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges zusammen. Für den Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose (@HoseBurkhard) ist damit eine Aufgabe verbunden, die auch für die Kirchen gilt – zum Frieden aufrufen und Solidarität mit den Opfer des Krieges zeigen:

Das bedeutet auch, einem Patriarchen die Stirn zu bieten, der den Krieg religiös verbrämt. Es bedeutet, Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu zeigen und gleichzeitig die Skepsis gegen eine weitere Aufrüstung lebendig zu halten.

nachgefasst

Missbrauch: Holt die Idole von ihren Sockeln!

Knapp zwei Jahre hat es von den ersten Veröffentlichungen der Kirchenhistorikerin Alexandra von Teuffenbach bis zur Aussetzung des Seligsprechungsverfahrens für den Schönstatt-Gründer Pater Josef Kentenich gedauert. Das seit 1975 laufende Verfahren ist vorerst auf Eis gelegt. Ausgeschlossen ist es nicht, dass die Seligsprechung doch noch vorankommt, doch das Bistum Trier selbst werde nicht weiter tätig, versichert der zuständige Bischof Stephan Ackermann. Das endgültige Urteil über den ins Zwielicht geratenen Pater überlasse er aber „unabhängiger Forschung“.

Im Interview mit Alexander Pitz von der @KNA_Redaktion erklärt Alexandra von Teuffenbach, die die Debatte durch ihre Forschungsarbeit gegen starke innerkirchliche Widerstände ins Rollen gebracht hatte, warum ihr dieser Schritt nicht weit genug geht:

Von „freier Forschung“ kann schwerlich die Rede sein, wenn einem für eine wissenschaftliche Dokumentation ein Prozess an den Hals gehängt wird. Ich bin dennoch dabei, in aller Ruhe ein weiteres Buch zu schreiben, das besonders auf Kentenichs Exil in Milwaukee eingehen wird. Es ist noch lange nicht alles bekannt. Eines kann man schon sagen: Er hat alle kirchenrechtlichen Strafen ignoriert, die ihm auferlegt wurden. (…)

Die Aussetzung der Seligsprechung sei „ein richtiger Schritt“, schreibt auch Christoph Paul Hartmann (@cp_hartmann) in seinem „Standpunkt“ auf @katholisch_de. Es handle sich allerdings nicht um die erste scheinbare „Lichtgestalt der Kirche“, deren Sockel beim genauen Hinsehen auf ihr Leben und Wirken zu wanken beginne:

Zahlreiche geistliche Gemeinschaften mussten schon feststellen, dass ihre charismatische Gründungspersönlichkeit nicht vollumfänglich als Fundament für das Glaubensleben taugt. Auch beim mittlerweile heiliggesprochenen Papst Johannes Paul II. kam durch Recherchen zu seinen Versäumnissen im Umgang mit Missbrauch die Frage auf, ob die Ehre der Altäre nicht vielleicht ein wenig vorschnell vergeben wurde. (…)

Damit wird an einen grundlegenden Mechanismus des Katholizismus gerührt: den Glauben mit seinen abstrakten Prinzipien und Denkgebäuden durch Vorbildfiguren nachvollziehbarer und greifbarer zu machen. Das geht allerdings oft nur so lange gut, wie die betreffende Person so lange tot ist, dass kaum noch authentische Aufzeichnungen zu ihrem Leben existieren, die das gepflegte Bild konterkarieren könnten.

Münchner Missbrauchsgutachten: Kanzlei fordert weitere Schritte – Simon Berninger (BR24)

Das Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising schlug im Januar hohe Wellen – nicht zuletzt, weil auch die Amtszeit des ehemaligen Erzbischofs Joseph Ratzinger, des späteren Papstes Benedikt XVI., beleuchtet wurde. In der Studie der Kanzlei WSW fanden sich auch Hinweise auf besondere Milde der weltlichen Justiz gegenüber beschuldigten Priestern. Im BR fordert einer der Gutachter Konsequenzen:

Beispielsweise haben wir Fälle gefunden, in denen auf die Vollstreckung der Untersuchungshaft verzichtet wurde mit der Mitteilung, den Verdächtigen könne man ja in einem Kloster unterbringen. Und so ist es dann auch geschehen. (…) Wir halten es daher für einen interessanten Aspekt, der Frage nachzugehen, ob es denn eine generelle Privilegierung gab.

Nicht nur Priesterkollegen oder Gemeindemitglieder haben offenbar weggeschaut, sondern womöglich auch staatliche Instanzen und Gerichte. Hat der Staat die Kirche gedeckt? Dem geht auch Tilmann Kleinjung (@TilmannKk) in der Folge „Unter besonderem Schutz“ des Podcasts „Theo.Logik – Religion inside“ auf @bayern2 nach.

Gegen Missbrauch versichert – Raoul Löbbert und Georg Löwisch (ZEIT online)

Einer erstaunlichen Wendung im Missbrauchsskandal der römisch-katholischen Kirche sind Raoul Löbbert (@RaoulLoebbert) und Georg Löwisch (@georgloewisch) für DIE ZEIT nachgegangen:

Die VBG (@VBG_Hamburg), eine der großen Berufsgenossenschaften in Deutschland, bietet als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung knapp 1,5 Millionen Mitgliedsunternehmen aus über 100 Branchen mit knapp zehn Millionen versicherten Beschäftigten Sicherheit gegen die Folgen von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Ende April hat die Geschäftsführung der VBG die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) per Brief aufgefordert, sexualisierte Gewalt, die an Ehrenamtlichen wie Ministrant:innen oder Leiter:innen von Jugendgruppen verübt wurde, zu melden – die Versicherung könnte in vielen Fällen Therapie oder sogar eine Verletztenrente zahlen.

Nun steht die heikle Frage im Raum, ob die Kirchen abermals eine Möglichkeit ausgelassen haben, das Leben der Betroffenen zu verbessern. Haben Sie es jahrelang versäumt, Missbrauch von Ehrenamtlichen der Unfallversicherung zu melden? Weder der Sprecher der Bischofskonferenz Matthias Kopp noch der EKD-Sprecher Carsten Splitt beantworteten diese Frage. (…)

Da beispielsweise eine Verletztenrente nur begrenzt rückwirkend gezahlt wird, könnte diese Unterstützung Betroffenen entgangen sein. Nämlich dann, wenn die Kirchenoberen sie der Versicherung nicht meldeten, obwohl ihr Fall innerhalb der Bürokratie sehr wohl bekannt war.

Buntes

iBelieve – Technik, Kunst und Glaube (ibelieveapp.com)

Das unabhängige Kollektiv der rumänischen Künstlerinnen Elena Morar, Ilinca Hărnuț und Diana Miron sucht für das Projekt „iBelieve“ noch Freiwillige, die 30 Tage lang an einem Technik-Kunst-Experiment teilnehmen und durch personalisierte, tägliche Aufgaben spielerisch Glaubensmechanismen erforschen. Das „performative Experiment in Form einer App“ wird im Rahmen von „Face to Faith“ realisiert und durch das Sommerblut Kulturfestival in Köln ermöglicht:

Eine 30-tägige Reise durch nicht-mystische Rituale, die auf Dich, auf deine Vorlieben und dein spezifisches Profil abgestimmt sind. Eine Mischung aus sinnlichen Erfahrungen, Erinnerungen und spielerischer Herausforderung, die den Weg zu einer einzigartigen spirituellen Praxis ebnen.

SEO Kirchenaustritt ist eine Aufgabe – Ralf Peter Reimann (Theonet)

Das Stichwort „Kirchenaustritt“ kommt auf kirchlichen Websites in der Regel (noch) nicht vor. Das Verschweigen von Informationen auf kircheneigenen Internetseiten verhindere aber keinen Kirchenaustritt, meint Ralf Peter Reimann (@ralpe), sondern führe dazu, dass bei Online-Suchen stattdessen Inhalte anderer Anbieter:innen gefunden werden. Diese berichteten aber in der Regel aus einer Perspektive zum Kirchenaustritt, die sich gegen die Kirchenmitgliedschaft wende. Aufgrund einer Suchmaschinen-Analyse habe die Evangelische Kirche im Rheinland (@ekir_de) Infoseiten zum Thema Kirchenmitgliedschaft erstellt, die auf Suchmaschinen hin optimiert wurden:

Neben SEO-optimierten Informationen bieten die neuen Seiten zum Thema Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer auch Kontaktmöglichkeiten über Telefon und E-Mail. (…) Statt sang- und klanglos den Kirchenaustritt zu vollziehen, ist nun wenigstens ein Dialog möglich, um Fragen zur Kirchenmitgliedschaft zu klären.

Der Papst bleibt Papst, aber … – Interview mit Georg Bier (Domradio)

Wegen „anhaltender schmerzhafter Beschwerden im Knie“ empfängt der inzwischen 85-jährige Papst Gäste immer öfter im Sitzen. Bei seiner Begegnung mit Vertreterinnen der Vollversammlung von Ordensoberinnen in Rom wurde Franziskus in der vergangenen Woche erstmals bei einer Audienz in einem Rollstuhl hereingebracht. Sein Vorgänger Benedikt XVI. ist zurückgetreten,  Johannes Paul II. blieb trotz schwerer körperlicher Beeinträchtigungen bis zum Tod im Amt.

Das kann prekäre Folgen haben, denn „auch die Gläubigen können sich ihre Kirche ohne Papst nicht vorstellen“, so der Bonner Kanonist Norbert Lüdecke im Interview mit der Eule. Was aber sieht das römisch-katholische Kirchenrecht für den Fall vor, dass ein Papst nicht mehr regierungsfähig ist? Georg Bier, Professor für Kirchenrecht und Kirchliche Rechtsgeschichte der Universität Freiburg, rät im Interview mit Florian Helbig (@florian0helbig) im Kölner @domradio zur Vorsorge:

Und jetzt stellen Sie sich vor, dass ein Papst allmählich dement wird und dann über fünf oder vielleicht sogar noch mehr Jahre nicht agieren kann. Das wäre ja schon sehr schwierig für die katholische Kirche. Von daher hielte ich es durchaus gar nicht für eine Schwächung des Papstamtes, sondern für eine Stärke des jeweiligen Papstes, wenn er für einen solchen Fall Vorkehrungen trifft.

„Wir dürfen zu Rom ‚Nein‘ sagen! – Anna Lutz (Pro Medienmagazin)

Bischöfe feiern Queer-Gottesdienste, Geistliche fordern die Abschaffung des Zölibats und eine ganze Bewegung will die Priesterweihe der Frau in der römisch-katholischen Kirche. Das christliche Medienmagazin PRO (@pro_magazin) hat zwei engagierte Katholikinnen, beide Pastoralreferentinnen, also Theologinnen mit Seelsorgeausbildung, aber ohne Weihe, gefragt: Wird sich ihre Kirche wirklich reformieren?

Eine von ihnen, Esther Göbel, ist Delegierte beim „Synodalen Weg“ (@DerSynodaleWeg), dort kämpfe sie nicht für binnenkirchliche Themen:

In unserer Kirche sind weder Menschenrechte noch unsere eigene Soziallehre verwirklicht. Wenn es dabei hilft, dass wir Frauen zu Priestern weihen, den Pflichtzölibat für freiwillig erklären oder Homosexuelle segnen, dann soll es so sein. Das sind Mittel auf dem Weg, Missbrauchsstrukturen abzuschaffen. Wenn wir ehrlich sind: Am Ende des Synodalen Weges wird nicht die Frauenordination stehen. Denn dieses Thema ist ein weltweites, das können wir nicht alleine verändern. Jeder, der diese Hoffnung hat, wird enttäuscht werden.

Poet mit Luftwurzeln – Hans Maier (Die Welt)

Vor 250 Jahren wurde Georg Philipp Friedrich von Hardenberg geboren, Philosoph und Schriftsteller der Frühromantik, der sich in seinen Veröffentlichungen „Novalis“ nannte. Kaum einer verstand so gut wie er, dass Poesie der „transzendentalen Gesundheit“ dient. Novalis dachte auch gründlich über angewandtes Christentum nach – und lag im Clinch mit Goethe. Einige seiner Geistlichen Lieder fanden (wenn auch in stark veränderter Form) Aufnahme in lutherische Gesangbücher.

Hans Maier, früherer bayerischer Kultusminister und langjähriger Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), hat den knapp vor seinem 29. Geburtstag verstorbenen Dichter in einem Vortrag an der Bergakademie Freiberg (@TUBergakademie), an der Novalis 1799 Naturwissenschaften und Bergbau studiert hat, gewürdigt:

Was würde der Dichter, lebte er heute, dem aktuellen Europa ins Buch schreiben? Wäre er heute ebenso spontan, ebenso kühn und unberechenbar, ebenso anstößig wie zu Lebzeiten? Könnte er darüber hinwegsehen, dass das Christentum in Europa inzwischen in vielen Ländern in die Minderheit geraten ist? Oder würde ihn dieses Negativbild gerade herausfordern, wie er im „Allgemeinen Brouillon“ 1798/99 schreibt:

„Die Meinung von der Negativität des Christentums ist vortrefflich. Das Christentum wird dadurch zum Rang der Grundlage – der projektierenden Kraft eines neuen Weltgebäudes und Menschentums erhoben – einer echten Veste – eines lebendigen moralischen Raums“?

Theologie

Sexuelle Belästigung, Machtmissbrauch: Walter Homolka lässt Ämter ruhen – Benjamin Lassiwe (Tagesspiegel)

Ein Skandal am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam wurde in der vergangenen Woche öffentlich: Ein Dozent der Ausbildungsstätte für Rabbinerinnen und Rabbiner soll Penisfotos an einen Studenten gesendet haben. Auch an seinem Ehemann Walter Homolka (@HomolkaWalter), Rektor und mächtigster Mann des liberalen Judentum​s in Deutschland, gibt es Kritik. Unter der Überschrift „Die Methode Homolka“ erhob Alan Posener (@APosener) am Freitag in der WELT schwere Vorwürfe: Am Abraham-Geiger-Kolleg solle ein „Klima der Angst“ herrschen, Homolka drohe seinen Gegnern mit „Vernichtung“.

Im Tagesspiegel weist Benjamin Lassiwe (@lassiwe) darauf hin, Homolka sei …

… nicht nur der mit Abstand bekannteste deutsche Rabbiner, er ist auch Vorsitzender des Vorstands der Union progressiver Juden in Deutschland, des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks und hat zahlreiche weitere Ehrenämter.

Homolka ließ verlauten, er lasse „bis zur Klärung des Sachverhalts, die aktive Ausübung meiner Aufgaben in der Jüdischen Gemeinschaft und an der Universität ruhen“.

Homosexualität und die evangelische Kirche – Thorsten Dietz (Worthaus)

Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche scheint zumindest die evangelische Kirche das Thema „Homosexualität“ inzwischen entspannt zu sehen. Da gibt es homosexuelle Pfarrer:innen, gleichgeschlechtliche Paare werden gesegnet, Regenbogenfahnen hängen vor Kirchengebäuden. Alles Friede, Freude also? In seinem seit heute auch online verfügbaren Worthaus-Vortrag vom 21. Februar erklärt Thorsten Dietz (@DietzThorsten), Professor an der Evangelischen Hochschule Tabor (@EH_Tabor) in Marburg, wie beschwerlich der Weg der evangelischen Kirche zum heutigen Umgang mit Homosexuellen war.

Es ist ein rascher Ritt durch sieben Jahrzehnte, angefangen bei den Jahren, in denen sich die Kirche überhaupt bewusst wurde, dass es Homosexualität als Neigung gibt. Über die Zeit, in der Homosexualität als böse galt, später als krank, schließlich als heilbar. Dietz erzählt von den Versuchen, Mensch und Tat voneinander zu trennen, spricht vom Leid des Versteckens und der Erkenntnis: Auch die evangelische Kirche hat eine große Schuld auf sich geladen.

Eva Puschautz im Gespräch über feministische Bibelauslegung (Studio Omega)

Wie wird über Frauen in der Bibel gesprochen? Und was sagt das über die Verfasser:innen der Texte aus? Die Bibelwissenschaftlerin Eva Puschautz (@Eve9445) erzählt im Gespräch mit Udo Seeldorfer bei „Wer glaubt, wird selig“, dem Religionspodcast von Studio Omega (@StudioDer), warum feministische Exegese wichtig ist und auf welche überraschenden Erkenntnisse frau dabei stoßen kann.

Predigt

Adonaj und Allah als Anrufungsinstanz für Arbeitnehmerrechte – Martin Germer (feinschwarz.net) 

Bei feinschwarz.net schildert Martin Germer seine Eindrücke von einem christlich-muslimischen Predigtdialog zum „Workers’ Memorial Day“ am 28. April in Berlin. Seit 1996 lädt der Internationale Gewerkschaftsbund (@ituc) immer an diesem Tag ein zum Gedenken an die Menschen, die durch Arbeitsunfälle oder Berufskrankheiten ums Leben gekommen sind. Weltweit sind das jährlich mehr als zwei Millionen, so wird geschätzt.

Seit 2014 findet hierzu alljährlich ein zentraler Gottesdienst in der der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche statt, gemeinsam vorbereitet von Arbeitsschutz-Experten aus der Frankfurter Zentrale der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (@IGBAU), Berliner Kolleg:innen und Germer als evangelischem Pfarrer:

Dass die weltbekannte Gedächtniskirche sich so für die gewerkschaftlichen Anliegen öffnet, ja dass sie sich sogar mit eigens für diesen Tag gestalteten Transparenten schmücken lässt: das empfinden die Anwesenden als große Ehre. Viele von ihnen haben den ganzen Tag hindurch an Seminaren zu Fragen des Arbeitsschutzes teilgenommen, in diesem Jahr über psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Kirchlich beheimatet sind eher wenige. Aber dass die Kirche ein guter Ort zum Gedenken ist, das spürt jede:r – und lässt sich dann auch in das weitere gottesdienstliche Geschehen hineinnehmen.

Ein guter Satz

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