Interview ACK-Vorsitzender

„Das Gemeinsame ist stärker als das Trennende“

Spaltungen, Politisierung und Mitgliederschwund: Vor welchen Problemen steht die Ökumene? Die Kirchenlandschaft in Deutschland wird kleiner und zugleich vielfältiger.

Eule: Herr Easthill, in der vergangenen Woche haben die beiden großen Kirchen ihre jährlichen Kirchenmitgliedschaftszahlen veröffentlicht. Wie sieht es eigentlich bei den kleineren Kirchen aus, die auch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland sind?

Christopher Easthill: Unsere Mitgliedskirchen verschaffen sich auf ganz unterschiedliche Weise einen Überblick über ihre Mitgliedschaft. Die Alt-katholische Kirche lässt, wie auch die römisch-katholische Kirche und die evangelischen Landeskirchen, vom Staat Kirchensteuer einziehen. Deshalb hat sie ganz präzise Zahlen. In anderen Kirchen wird die Mitgliedschaft mit anderen Methodiken erhoben oder auch nur geschätzt.

Wir gehen davon aus, dass es in Deutschland zwischen 3 und 4 Millionen orthodoxe Christen gibt. Es gibt viele wachsende orthodoxe Gemeinden. Die größeren unter den evangelischen Freikirchen erleben jedoch nicht nur Wachstum oder sind gerade dabei, sich wieder auf den Vor-Corona-Stand zurück zu kämpfen. Wir haben allerdings auch Kirchen, die sichtbar wachsen, in vielen Fällen beeinflusst durch die Migration.

Wir sehen ein differenziertes Bild, das nicht allein durch Schrumpfen dominiert wird. Wir wissen obendrein, dass mit einer Mitgliedschaft in einer kleineren Kirche oft ein höherer Grad an Aktivität verbunden ist als bei den beiden großen Kirchen, wo die Mehrheit der Mitglieder passiv oder sogar „unsichtbar“ bleibt.

Eule: Der ACK geht es um das gemeinsame christliche Zeugnis in der Gesellschaft. Alle christlichen Kirchen zusammen repräsentieren gerade noch die Hälfte der Gesellschaft. Spüren Sie den Bedeutungsschwund?

Easthill: Fünfzig Prozent sind doch auch eine ganze Menge, mehr als jede politische Partei beispielsweise. Wir sehen außerdem unter uns Christen eine ungeheure Vielfalt, so dass ich ungern von einem christlichen Block in der Gesellschaft sprechen will. Wir fragen uns natürlich: Wo wird nach der Kirche noch gefragt? Wer sucht noch das Gespräch, auch aus der Politik? Das Interesse aus den demokratischen Parteien an den Kirchen hat nachgelassen. Zugleich hören wir vonseiten der AfD sehr kirchenkritische Äußerungen.

Letztendlich geht es darum, nicht mehr darauf zu warten, bis jemand nach uns fragt, sondern nicht aufzuhören, unsere Stimmen zu erheben. Wir wollen unsere Werte und Erfahrungen einbringen – und müssen gelegentlich auch warnen und mahnen. Wir machen also Angebote, die sich aus unseren Werten ergeben.

Wir haben zum Beispiel erst in der vergangenen Woche ein Statement zum Nahost-Krieg verabschiedet, das unseren dringenden Wunsch nach Frieden ausdrückt. Wir rufen dazu auf, friedliche Wege der Konfliktlösung zu suchen. Neu ist auch ein Leitfaden für eine christliche Patientenverfügung. Nicht zuletzt ist eine Organisation wie die ACK auch ein lebendiges Beispiel dafür, wie man zusammenarbeiten kann, ohne bei allen Themen gleicher Meinung zu sein.

Eule: Sie hatten die AfD gerade schon erwähnt: Die Partei ist offen kirchenfeindlich, aber hat in letzter Zeit versucht, zwischen den beiden großen Kirchen auf der einen Seite, die ihr geradezu verhasst sind, und den Freikirchen und orthodoxen Kirchen auf der anderen Seite zu unterscheiden. Sie haben das in einer Stellungnahme kritisiert.

Easthill: Weil es die Unterschiede zwischen den – wie die AfD verächtlich sagt – „Kirchensteuer-Kirchen“ und den evangelischen Freikirchen oder orthodoxen Kirchen so nicht gibt. Wir arbeiten mit unseren Strukturen und in unseren Werken eng zusammen. Uns verbinden gemeinsame Überzeugungen zu vielen wichtigen Themen in unserer Gesellschaft, von der Migrationspolitik bis hin zur Bewahrung der Schöpfung. Deshalb muss man eine solche Karikatur der Realität durch die AfD zurückweisen. Mir war das auch deshalb sehr wichtig, weil ich unsere Kirchen, wie gesagt, als Gegenbild zur Polarisierung in unserer Gesellschaft empfinde, wie sie die AfD immer wieder fördert.

Eule: Hinter dieser Unterscheidung durch die AfD steckt die aus der Neuen Rechten bekannte Überzeugung, dass in orthodoxen oder evangelikalen Kirchen das christliche Abendland mit traditionellen Werten verteidigt würde, während sich die großen Kirchen davon durch „Gender-Ideologie“ und die Anerkennung von LGTBQI+ verabschiedet hätten.

Wir sehen diese Unterscheidung auch im Konflikt Russlands mit Europa: Wladimir Putin und Patriarch Kyrill präsentieren sich als Verteidiger des christlichen Erbes Europas. Die extreme und Neue Rechte in Deutschland stimmt dem zu. In der ACK arbeiten nun aber all diese Kirchen zusammen. Gibt es diese Spaltung tatsächlich oder handelt es sich dabei um eine Ideologisierung von außen?

Easthill: Definitiv Letzteres. Wir wissen natürlich um die Positionierungen der russisch-orthodoxen Kirche und von Patriarch Kyrill. In der ACK sind die orthodoxen Christen durch die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland vertreten. Deren Delegierte kommen aus unterschiedlichen orthodoxen Kirchen. Bei unserem letzten Treffen waren unter den fünf orthodoxen Vertretern auch drei aus der russisch-orthodoxen Kirche, die sich neben ihre orthodoxen Brüder und mit uns anderen Christen an einen Tisch gesetzt haben.

Wir suchen nach Themen, die für uns gemeinsam wichtig sind: Die Bewahrung der Schöpfung zum Beispiel und die Frage der Einheit der Christen. In unserem ökumenischen Studienausschuss, dem DÖSTA, schauen wir danach, was wir voneinander lernen können, und erleben, wie wir unterschiedlich, aber miteinander verbunden Christen sein können. Aktuell schließen wir das Thema Gebet ab und demnächst wollen wir das Verhältnis von Judentum und Christentum vertiefend betrachten.

Eule: Bei welchen Themen gibt es Streit?

Easthill: Natürlich gibt es Themen, bei denen wir unterschiedlicher Meinungen sind: Der Umgang mit Geschlecht und Gender, die Frage der Anerkennung von LGBTQI+, die Frage danach, wann das Leben beginnt und wie wir zu Abtreibungen stehen. Darüber gibt es bei uns aber keinen lauten Streit. Wir versuchen, mit gegenseitigem Respekt vor den Traditionen und Positionen des anderen miteinander im Gespräch zu bleiben. Das Gemeinsame, wofür wir eintreten, ist stärker als das Trennende.

In manchen anderen Ländern gibt es keinen einheitlichen Kirchenrat wie die ACK auf nationaler Ebene. Wir sehen in den USA, wie uneins die Kirchen gegenüber der Politik der Trump-Regierung sind. Ich halte es darum für einen Wert an sich, dass wir in Deutschland zusammen an einem Tisch sitzen. Wenn ich mich mit den russisch-orthodoxen Kollegen treffe und umgekehrt, werden wir immer wieder daran erinnert, dass wir Menschen sind mit Stärken und Schwächen, mit Humor, mit tollen Ideen, die zur Diskussion beitragen. Dann bin ich eher bereit, auch Differenzen zu akzeptieren.

Eule: Weil wir gerade beim Thema Kirchenspaltung sind. In der Anglican Communion droht eine sehr konservative Minderheit, GAFCON, mit dem endgültigen Bruch. Aktueller Anlass ist die Wahl von Sarah Mullally zur ersten Erzbischöfin von Canterbury, Streitpunkt ist vor allem die Anerkennung von LGBTQI+. Ist dieser Streit eigentlich auch in den anglikanischen Gemeinden in Deutschland zu spüren?

Easthill: Nicht erst seit der Berufung von Sarah Mullally! Die Anglikaner in Deutschland gehören aus historischen Gründen zwei verschiedenen Jurisdiktionen an. Ich selbst bin Priester der US-amerikanischen Episkopalkirche. Zu ihr gehören die Gemeinden in Wiesbaden, Frankfurt (Main), Karlsruhe, München, Nürnberg, Augsburg, Weimar und Erfurt. Die anderen anglikanischen Gemeinden in Deutschland gehören der Church of England an. Wir arbeiten sehr eng zusammen, aber es gibt auch zwei Gemeinden, die eher zum konservativ-evangelikalen Flügel der Church of England gehören, die nicht aktiv mit uns zusammenarbeiten – und das schon seit vielen Jahren. Die Hauptrennlinie ist in der Tat das Thema LGBTQI+.

Das Spannende ist, dass wir wachsen – ich habe es vorhin schon angedeutet – durch Zuwanderung aus dem Globalen Süden. Ich begegne also bei uns in Wiesbaden Mitgliedern aus Nigeria, Kenia, Simbabwe und Südafrika, die aus den Kirchen kommen, die auch in GAFCON mitwirken. Sie haben aber kein Problem, zu unserer Gemeinde dazuzugehören. Die entscheidenden Faktoren sind die gemeinsame Sprache und Tradition, das Gefühl, von vornherein dazu zu gehören.

Wir schauen natürlich gespannt auf die weiteren Entwicklungen. Ich bin gar nicht so pessimistisch. Die Botschaft vom Herbst 2025, nach der Wahl von Sarah Mullally, seitens GAFCON, man wolle nun eine eigene unabhängige Struktur schaffen, war natürlich eine weitere Steigerung. Das Echo darauf selbst innerhalb der GAFCON-Gemeinschaft war aber relativ verhalten. Die meisten wollen sicher mit den Konservativen weiter zusammenarbeiten, aber eben auch Teil der Anglican Communion bleiben.

Eule: Sie betonen, wie wichtig es Ihnen ist, dass Kirchen auch mit ihren ideologischen und theologischen Unterschieden zusammenarbeiten. Haben Sie denn Hoffnung, dass man einander überzeugen kann? Auch die Liberalen und Progressiven schließen ja aus, dass sie sich beispielsweise wieder gegen eine Anerkennung von LGBTQI+ entscheiden werden. Wenn man eine Meinungsveränderung für sich selbst vollständig ausschließt, wird man es wohl von der anderen Seite auch nicht verlangen können.

Läuft es darauf hinaus, dass man einfach viele Jahrzehnte lang – bis zum Jüngsten Tag womöglich – miteinander singt und betet und mit den Unterschieden leben muss?

Easthill: Der Jüngste Tag kann ja schneller anbrechen, als man denkt. Das will ich aber nicht hoffen, ich habe noch viel vor! Aber nehmen wir mal ein anderes Beispiel, auch aus meiner Kirche: die Ordination von Frauen. Hier sehen wir, dass anglikanische Kirchen, die sie anfänglich komplett abgelehnt haben, sich trotzdem, wenn auch langsam bewegt haben. Bis auf ein paar kleine Provinzen im Pazifikraum gibt es keine Kirche, die die Ordination von Frauen nicht akzeptiert. Manchmal gibt es noch Beschränkungen, zum Beispiel dürfen Frauen nicht Bischöfe werden. Aber auch das entwickelt sich, auch in konservativen Kirchen.

Die Frauenordination konnte sich nur durchsetzen, weil wir im Gespräch geblieben sind, weil diese Kirchen immer wieder auch Frauen in geistlichen Ämtern in den Dialogen erleben konnten. Man ist vielleicht nicht zur Kommunion gegangen, weil ihr eine Frau vorstand, aber man hat sich trotzdem gesehen und gehört. Manche Konservative haben auch entdeckt, dass die Frauen in der Kirche, ob Bischöfinnen oder Priesterinnen oder Diakoninnen, breit gefächerte Meinungen haben: „Oh Gott, sie ist zwar eine Frau, aber sonst stimme ich mit ihr voll und ganz überein!“

Sitzen die Meinungsverschiedenheiten über LGBTQI+ in unseren Kirchen viel tiefer als in dieser Frage? Das Thema dient, so sehe ich es, den verschiedenen Lagern in den Kirchen auch als Identifikationsort, als ein Anliegen, um das man sich versammeln kann – und das man also auch für eigene Machtinteressen nutzen kann.

Eule: Eine Herausforderung für die Arbeit der ACK sind sicher Gemeinden, die keinem der zahlreichen Kirchenbünde angehören. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit diesen Gemeinden, die häufig evangelikal oder neo-charismatisch geprägt sind?

Easthill: Wir müssen uns definitiv dafür engagieren, stärker zusammenzukommen. Um in der ACK auf Bundesebene mitzuarbeiten, braucht es natürlich eine gewisse Struktur und landesweite Präsenz. Aber es gibt ja auch die regionalen ACKs und andere Strukturen der interkonfessionellen Zusammenarbeit. Verana Hammes, unsere Geschäftsführerin, war gerade erst auf einer Tagung in Baden-Württemberg, auf der mit der Methodik des Global Christian Forum ein Gespräch mit genau solchen Gemeinden geführt wurde.

Bevor wir über Mitgliedschaften sprechen, müssen wir erst einmal intensiver voneinander hören, gerade von den kleineren, häufig migrantisch geprägten Kirchen aus dem evangelikalen und pentekostalen Bereich. Es gibt seit mehreren Jahren in einigen Regionen und Großstädten Internationale Konvente, in denen einige von ihnen Mitglied sind, auch parallel zur ACK. Die Interkulturelle Pfarrkonferenz, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) finanziert wird, der aber nicht nur Gemeinden aus Landeskirchen angehören, hat bei uns in der ACK nun den Beobachterstatus beantragt. Sie ist ein Kanal, mit dem wir den Austausch in beide Richtungen intensivieren wollen. Dort wird über die Herausforderungen für Migrationskirchen intensiv beraten.

Eule: Welche Herausforderungen sind gemeint?

Easthill: Es geht um konkrete, praktische Hilfe vor Ort: Wo können diese Gemeinden Gottesdienst feiern? Woher kommt finanzielle Unterstützung? Aber es geht auch um Anerkennung und Akzeptanz. Da können wir eine Menge beitragen. Wir können uns definitiv nicht zurücklehnen und nur mit jenen Kirchen zusammenarbeiten, die schon seit Generationen bei uns Mitglied sind.

Der Blick über den eigenen Tellerrand ist auch für die großen Kirchen wichtig. Wir brauchen wechselseitige Aufmerksamkeit und von Seiten der großen Kirchen auch Großzügigkeit, wenn es um das Teilen der Ressourcen mit den migrantischen Gemeinden geht. Gerade jetzt, da das Geld knapper wird.


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Das Gespräch führte Philipp Greifenstein.

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