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Denktage – Die #LaTdH vom 29. Dezember

In der „Zeit zwischen den Jahren“ gibt’s eine etwas andere Ausgabe der „Links am Tag des Herrn“: Eine Handvoll Tage zum Nach- und Vordenken.

Herzlich Willkommen zu dieser etwas anderen Ausgabe der „Links am Tag des Herrn“ und frohe Weihnachten allen Leser*innen der Eule!

Bevor wir in den kommenden Tagen mit einem Jahresrück- und Ausblick das Jahr 2019 verabschieden und uns auf den Weg in das neue Jahr machen, gibt es in diesen #LaTdH knappe Hinweise auf einige Jahrestage und Jubiläen, über die während der „Zeit zwischen den Jahren“ gut nachzudenken ist:

90. Geburtstag: Dorothee Sölle

Kurz vor Ende des Jahrzehnts sei noch einmal an den 90. Geburtstag der Theologin und Aktivistin Dorothee Sölle im September 2019 erinnert. Von der Klimakrise angefangen (z.B. „Lieben und arbeiten: Eine Theologie der Schöpfung“), über die offene Frage nach Gerechtigkeit zwischen den Weltregionen, bis hin zur Sehnsucht vieler Menschen nach einer neuen, ehrlichen Spiritualität: Dorothee Sölle hat sich seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts an der Beantwortung von Fragen versucht, die für uns bis heute aktuell sind.

Mehr: Zum 90. Todestag erinnerten einige Wegbegleiter*innen an Sölle und natürlich gibt es ihr legendäres TV-Interview mit Günter Gaus von vor 50 Jahren, das man auf YouTube studieren kann.

75. Todestag: Dietrich Bonhoeffer

Am 9. April 1945 wurde der Theologe und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime Dietrich Bonhoeffer hingerichtet. Zum 75. Todestag im kommenden Jahr wird es vielleicht keine neue Bonhoeffer-Renaissance geben, aber ganz sicher wieder eine Welle der Bearbeitung besonders der Biographie dieses bekanntesten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Und ganz sicher wird auch die christliche Publizistik hierzulande nicht schweigen, schließlich lässt sich in die fragmentarische Biographie Bonhoeffers viel eintragen – je nach eigenen theologischen und politischen Vorlieben.

Mehr: Arnd Henze hat in der zeitzeichen darum schon einmal vorsorglich die Frage danach gestellt, wem Bonhoeffer gehört. Etwas ausführlicher habe ich das Problem bereits zum 70. Todestag noch bei theologiestudierende.de dargestellt.

Erstaunlicherweise ist gerade die konservative Kritik, die den Liberalen Vereinnahmung Bonhoeffers im Sinne der Moderne vorwirft, besonders schnell und gründlich dabei, Bonhoeffer aus seiner Zeit herauszuschneiden, seinem Denken und Leben etwas erstaunlich Zeitloses geben zu wollen, ihn also für alle Zeiten zu modernisieren.

Doch statt immerwährender Aktualisierung und Modernisierung ist wohl eher eine gründliche Historisierung seiner Person und seines Werkes angezeigt.

135. Geburtstag: Romano Guardini

Seinen Zeitgenoss*innen war Romano Guardini als einer der meistverlegten christlichen Autor*innen und bedeutenden Theolog*innen des 20. Jahrhunderts ein Begriff. Doch hat sein Denken nach seinem Tod noch Widerhall gefunden? Zum 135. Geburtstag im Februar 2020 lohnt sich die Frage, was gerade Katholik*innen heute von diesem vormals großen Lehrer lernen können. Vor allem, weil sein Werk die allgegenwärtige Trennung von „Liberalen“ und „Konservativen“ in seiner Kirche übersteigt.

„In ihrer Weite und Tiefe übertrifft diese Theologie die protestantische Theologie unserer Zeit um vieles, […]. Die Theologie Guardinis hat in ihrer Weite wie Tiefe der Erneuerung der katholischen Kirche durch Johannes XXIII. vorgearbeitet – ein Erneuerungswerk, das freilich auf halbem Wege steckenblieb.“ (Horst G. Pöhlmann: Gottesdenker)

Mehr: Mit dieser etwas angestaubten, aber gerade darum eindrücklichen Dokumentation auf YouTube schaut der BR auf Leben und Werk Guardinis zurück.

100. Geburtstag: Johannes Paul II.

Im Mai jährt sich die Geburt Karol Józef Wojtyłas zum 100. Mal. Von 1978 bis 2005 war er Papst der röm.-kath. Kirche: Ein langes, zeitenprägendes Pontifikat, dessen Auswirkungen bis heute in Kirche und Gesellschaft zu spüren sind. Sein 100. Geburtstag wird im kommenden Jahr trotz erfolgreicher und zügiger Selig- und Heiligsprechungsverfahren sicher nicht ohne einen kritischen Blick auf die Versäumnisse dieses „Jahrhundertpapstes“ gefeiert werden können.

Seinen Leistungen auf dem Parkett der Weltpolitik und interreligiösen Dialogs stehen die Verdrängung der Missbrauchskrise und Verengung katholischer Verkündigung auf Moralfragen gegenüber. Noch vor wenigen Monaten wurde seine Leibestheologie von konservativen Theologen als ein heilsamer Weg aus der Missbrauchskrise angepriesen.

Nicht zuletzt die eindrückliche Dokumention über seinen treuen Diener und Nachfolger Joseph Ratzinger, lässt daran erhebliche Zweifel aufkommen. In der Tat sind die Fans des Papstes aus Polen ruhiger geworden, seitdem deutlich vor Augen steht, wie lange und verbrecherisch die Missbrauchsfälle in der Kirche vertuscht und Täter gestützt wurden – auch und besonders während des langen Pontifikats Wojtyłas.

Hegel, Weber, Beethoven

2020 wird ein Jahr, in der die verbliebenen Reste des deutschen Kulturbürgertums sich fast ganz ungeniert ihrer Ahnherren freuen dürfen, statt sich in den Zeitenkämpfen unserer Tage aufzureiben. Der 250. Geburtstag Georg Wilhelm Friedrich Hegels im August wird sicher zum Anlass genommen, auf die deutschen Sonderwege in Philosophie und Politik einzugehen. Und war Hegel nicht auch Antisemit?

Da halten es manche lieber mit Max Weber, dessen 100. Todestag im Juni begangen wird. Darf er noch als Urvater der Soziologie gelten? Und stammt der Kapitalismus wirklich vom Protestantismus ab? In unserer Zeit, da Christ*innen ihr Verhältnis zum (eigenen) Reichtum neu klären müssen und die Frage danach, wie wir auf dieser Erde auskömmlich gemeinsam leben können aktuell ist, darf man wohl zu mehr religionssoziologischer Lektüre raten.

Wem das alles zu kopflastig wird, kann sich 2020 dank seines 250. Todestages Geburtstages in die Musik Ludwig van Beethovens versenken (immerhin nicht Wagner!). Am Ende dieses Jahres deshalb Beethovens musikalische Vision einer neuen Welt (feat. Friedrich Schiller) in der Version des West-Eastern Divan-Orchestras unter Daniel Barenboim. Mehr Idealismus geht kaum!

Vor 30 Jahren soll Barenboim bei der Aufführung des Werkes in Berlin den Ruf nach „Freude“ passend zu den Ereignissen in Stadt und Land durch den nach „Freiheit“ ersetzt haben. „Freiheit und Verantwortung“ sprengt nicht nur das Metrum, sondern scheinbar auch unsere Vorstellungswelt. Aber auch wenn’s schwer fällt: Über solidarischen Liberalismus nachdenken und Freiheit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe ganz praktisch leben – das wäre doch ein lohnender Vorsatz für 2020. (Darüber freut sich im Januar sicher auch der ehemalige Bundespastor Joachim Gauck zu seinem 80. Geburtstag.)

Ein guter Satz

„Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen! Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln und die Verbundenheit mit allem, was lebt, die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben und nicht später, sondern jetzt und hier. Bei uns, in uns.“

– Dorothee Sölle