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Bild: Lucetta Scaraffia (Medol, Wikipedia, CC BY-SA 4.0), Hintergrund: Kévin Langlais (Unsplash)

Der Fall Scaraffia: Widersprüche eines Presseskandals

Der Rücktritt von Lucetta Scaraffia und weiteren Mitarbeiterinnen aus der Redaktion der Donne Chiesa Mondo schlägt hohe Wellen. Hat das vatikanische Patriarchat gegen eine mutige Frau zurückgeschlagen?

Gerade eben noch haben wir diskutiert, wie sehr wir uns von Reportagen und Nachrichtenmeldungen aus dem Ausland in unseren eigenen Vorurteilen über diese fremden Länder und Kulturen bestätigen lassen. Auslöser der Diskussion waren gleich mehrere gefälschte Reportagen von Claas Relotius, die vor allem im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschienen.

Besonders eine Reportage, vermeintlich aus einer US-amerikanischen Kleinstadt, hatte es den deutschen Leser*innen angetan. Sie beschrieb die Bewohner*innen als dumme Landtölpel mit obskuren Hobbies und politischen Einstellungen. Klar, dass dort Trump gewählt wurde!

Die Reportage gab dem deutschen Publikum damit das gute Gefühl, Bescheid zu wissen. Nein, es eigentlich immer schon besser gewusst zu haben. Mit der Reportage gab es nur ein Problem: Die darin beschriebenen Charakteristika von Personen und Orten stimmten nicht. Anhand der Relotius-Reportagen wurde darum nicht nur über journalistische Standards diskutiert, sondern auch, in wie weit die deutsche Öffentlichkeit gerade auf Reportagen und Nachrichten aus anderen Ländern abfährt, die weitverbreiteten Vorurteilen entsprechen.

Zur Bestätigung eigener Vorurteile

Dass die US-Amerikaner nicht besonders helle sind und sich gefährlicher Hobbies erfreuen, ist als Vorurteil genauso verbreitet, wie dass der Vatikan ein Hort der Frauenfeindschaft und Ränkespiele sei. Deshalb passte die Nachricht von letzter Woche, die vollständig weibliche Redaktion der Frauenbeilage des L’Osservatore Romano sei aus Protest geschlossen zurückgetreten, gut ins Bild.

Der Vatikan ist natürlich ein Ort voller Männer, die wenig von Frauen halten. Der Vatikan ist kein Hort des Feminismus. Und dort wird tatsächlich viel intrigiert. Mit der Nachricht gibt es nur ein Problem: Sie stimmt so nicht. Jedenfalls zeigen die Informationen, die es in deutschsprachige Medien geschafft haben, nicht das ganze Bild.

Eine Schwierigkeit der Vatikanberichterstattung ist es, dass man sich verlassen muss: Auf offizielle Kanäle und auf Informant*innen, die fast immer eine eigene Agenda haben. Im Vorfeld der Missbrauchs-Konferenz habe ich das Dilemma der Vatikanberichterstattung schon einmal thematisiert („Mit gebotener Vorsicht“, 21. Februar 2019). Es fällt leicht, sich auf Agenturmeldungen und Durchstechereien zu verlassen. Sie werden frei Haus geliefert und sie entsprechen häufig den geübten Mechanismen der Berichterstattung über den Vatikan und die römisch-katholische Kirche.

Scaraffia setzt den Ton der Berichterstattung

Bereits am vergangenen Dienstag, dem Tag, an dem Lucetta Scaraffia und weitere Mitarbeiterinnen der Donne Chiesa Mondo („Frau Kirche Welt“) zurücktraten, wurden leise Zweifel an ihrer Version angemeldet. Scaraffia erklärte die Beweggründe ihres Weggangs von der Frauenbeilage des L’Osservatore Romano in einem offenen Brief an Papst Franziskus, der zahlreichen Redaktionen zuging. Einigen italienische Journalist*innen schwante da schon nichts Gutes.

Lucetta Scaraffia, Foto: Medol, Wikipedia, CC BY-SA 4.0

Flankiert wurden die Veröffentlichungen mit weiteren Einlassungen Scaraffias z.B. in der Corriere della Sera. In dieser italienischen Tageszeitung schreibt ihr Mann regelmäßig eine Kolumne. Vielleicht auch weil die Journalistin in Italiens Presse gut vernetzt ist, wurde ihre Version der Geschichte jedoch unhinterfragt weitergereicht. Über Agenturmeldungen fand ihre Geschichte den Weg auch in deutschsprachige Medien, bis hin zu ZEITonline, tagesschau.de und BILD.de. Ihr Rücktritt sei unvermeidlich, weil die Redaktion unter männliche Kontrolle gestellt werden solle und damit freie Berichterstattung, wie zuletzt über den Missbrauch an Nonnen, verhindert würde.

Lucetta Scaraffia inszenierte sich als Kämpferin für die von der Kirche unterdrückten Frauen, als Symbol für den Aufstand der Frauen, den viele erhoffen. Dass die theologisch konservative Publizistin dafür denkbar ungeeignet ist, blieb den meisten Journalist*innen verborgen, wurde willentlich ignoriert oder in der Kürze der Zeit nicht recherchiert – zu gut passt der Rücktritt in den gängigen Narrativ über den frauenfeindlichen Apparat der Kirche.

Einsprüche aus der liberalen Publizistik

Der für gewöhnlich gut informierte Redakteur von La Croix International Robert Mickens, beschrieb am Freitag dort ein ganz anderes Bild der Vorgänge, indem er auf die Probleme mit Scaraffias Geschichte hinwies. Auch Mickens‘ Ausführungen sind mit Vorsicht zu genießen, nimmt man die mit der Vatikanberichterstattung einhergehenden Schwierigkeiten ernst. Als Ergänzung zur auch in deutschsprachigen Medien allein verbreiteten Scaraffia-Version der Geschichte aber sind sie durchaus geeignet:

Demnach haben nicht einfach „alle Mitarbeiterinnen“ ihren Dienst quittiert: Dies träfe wohl auf Autorinnen zu, die bisher regelmäßig im Blatt schrieben, aber nicht auf die neben Scaraffia einzigen beiden festangestellten Journalistinnen, die laut Mickens weiterhin Angestellte der Zeitung sind. Die beiden wären wütend („livid“) darüber, in welche Situation sie Scaraffia mit ihrem Vorgehen gebracht habe.

Hintergrund des Rücktritts sei nicht die kritische Berichterstattung von Donne Chiesa Mondo, sondern ein tobender Machtkampf zwischen Scaraffia und dem neuen Chefredakteur des L’Osservatore Romano Andrea Monda, der schon seit dessen Berufung andauere. Unter seinem Vorgänger Giovanni Maria Vian, einem engen persönlichen Freund Scaraffias, hatte sie weitgehenden Einfluss auf das Mutterblatt. Sie bestimmte über die Berichterstattung zu Frauenthemen und wer diese Artikel schreiben durfte. Der neue Chef verzichtete auf Scaraffias Beratung.

Der neue Chefredakteur habe sich auch für die Arbeit der Frauenmagazin-Redaktion interessiert und an Redaktionssitzungen teilgenommen. Dieses Interesse wurde von Scaraffia als Einmischung interpretiert. Und unter Monda schrieben im L’Osservatore Romano auf einmal andere Journalistinnen, nicht weniger gut als Scaraffias Team der Donne Chiesa Mondo, wie Rita Ferrone im Commonweal Magazine betont.

Auch dort erschien nach dem Rücktritt Scaraffias ein kritischer Beitrag, der den Narrativ vom zurückschlagenden Patriarchat in Frage stellt. Rita Ferrone fragt (Übersetzung von mir):

„Was sollen wir nun aus den dramatischen Rücktritten machen? […] Die Ansicht, Frauen würden in der Zeitung nun marginalisiert, scheint mir fehl am Platz. Mehr Frauen als je zuvor schreiben für die Zeitung und mehr Frauenthemen als jemals zuvor finden ihren Platz im Blatt. Die Finanzierung für Donne Chiesa Mondo wurde nicht beschnitten, sogar als das Budget der täglich erscheinenden Zeitung zusammengekürzt wurde.“

Sowohl La Croix als auch das Commonweal Magazine sind als vergleichsweise liberale katholische Medien bekannt. Robert Mickens ist als Vertreter einer weitgehenden Öffnung der Kirche fast schon verschrien, er ist selbst homosexuell und zieht schon allein dadurch die Verachtung reaktionärer Kreise auf sich. Beide Magazine gelten als Unterstützer der Reformpolitik des amtierenden Papstes, während Lucetta Scaraffia einen weitaus besseren Draht zu seinem Vorgänger haben soll.

Was wissen wir wirklich?

Lucetta Scaraffia ist eine schillernde Persönlichkeit. Als Frau in einer Männerwelt hat sie sich in den Jahren, die sie im Vatikan tätig war, nicht nur Freunde gemacht. Man braucht ihr keine schlechten Absichten oder Paranoia zu unterstellen, um anzuerkennen, dass sie augenscheinlich eine außergewöhnlich starke und eigenwillige Person ist.

Scaraffia als Vorkämpferin für die Sache der Frauen in der römisch-katholischen Kirche zu zeichnen, scheint angesichts ihrer Ablehnung der Weihe von Frauen und ihren widersprüchlichen moralischen Überzeugungen übertrieben. Sie als Feministin zu beschreiben, ist gerade aus Perspektive deutscher feministischer Diskurse missverständlich, auch wenn sie sich selbst als solche versteht. Als führende Journalistin, Gründerin von Donne Chiesa Mondo und einflussreiche Blattmacherin war sie aber sicher eine Pionierin in der Männerwelt des Vatikans.

Mit den personellen Veränderungen in der vatikanischen Kommunikationsabteilung und an der Spitze der Zeitung war und ist sie ganz und gar nicht einverstanden. Seinen Ursprung hat der Streit mit der Blattleitung allerdings nicht in der kritischen Berichterstattung über den Missbrauch von Nonnen durch Priester. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass Reaktionen auf diese Berichterstattung zur schlussendlichen Entscheidung Scaraffias beigetragen haben.

Dass Frauen nun in der Zeitung und im Magazin Donne Chiesa Mondo generell nur noch unter Anleitung von Männern und/oder Priestern arbeiten dürfen, kann vorerst nicht bestätigt werden. Ob Andrea Monda, selbst kein Priester, eine geeignete Journalistin als Nachfolgerin Scaraffias auftreiben wird können, werden die kommenden Wochen zeigen. Das Magazin jedenfalls soll fortbestehen. Im Mutterblatt selbst erscheinen weiter Beiträge von Journalistinnen, die vom Vorwurf entlastet gehören, sie würden sich zu Bütteln des Patriarchats machen.

Der Fall Scaraffia hält jedenfalls mehr Widersprüche bereit, als es eine süffige Skandalgeschichte aus dem Vatikan verträgt. Wir wissen auch, dass die sich gut verkaufen, gerade in diesen für die Kirche schwierigen Zeiten. Und irgendjemand wird schon davon profitieren. Nur, ob es tatsächlich die Frauen sind, auf deren Seite sich die Berichterstattung mit Verve geworfen hat, das steht dahin.

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