Der große Wurf

Nach dem Reformationsjubiläum ist es Zeit für verwegene Ideen. Hier kommt eine: Lasst uns Kirchenvorstände und Synoden im Losverfahren wählen!

Die Evangelische Kirche sucht nach neuen Wegen in die Zukunft. Ihre Mitgliederschaftszahlen sinken. Das liegt zwar hauptsächlich am demographischen Wandel, doch es bleibt dabei: Der Evangelischen Kirche fällt es zunehmend schwer, weite Teile der Gesellschaft zusammenzuführen.

Immer mehr Menschen fühlen sich in den althergebrachten Strukturen nicht zu Hause, besonders junge Menschen – und bei Kirchens sind damit alle unter 40 gemeint – finden sich in den Ortsgemeinden nicht wieder. Das mag an Oberflächlichkeiten wie unterschiedlichen Kaffeevorlieben liegen, am Wunsch nach einer anderen Ästhetik, die zwischen Sonntagsgottesdienst, Seniorenkreis und Kantorei nur selten Platz findet. Doch das Unwohlsein vieler junger Menschen bei der Beheimatung in ihrer Kirchengemeinde hat tiefere Gründe.

Die Evangelische Kirche hat sich verengt. In ihr bestimmen jene den Ton und Inhalt, die schon immer dabei waren, die selbst Kirchenkids waren, deren Glaubensbiographie sie nie aus heimatlichen Gefilden herausgeführt hat. Vor Ort geben häufig Menschen die Linie der Gemeinde vor, die genau wissen: „So war das, so ist das und so wird’s immer sein.“„So war das, so ist das und so wird’s immer sein.“ Neuankömmlinge haben es traditionell schwer und Leute, die über Jahre wenig oder gar nicht Teil der Kerngemeinde waren, wieder neu in das aktive Leben der Gemeinde zu integrieren überfordert viele Gemeinden.

Perspektivwechsel wagen, Macht teilen

Da liegt es nahe, so zu tun, als ob es die Gäste und Neulinge sein müssten, die sich anzupassen haben. Darunter leidet die ganze Kirche, weil sie sich auf eine einzige Sozialform, auf ein einziges Milieu festlegen lässt. Dahinter steckt im Einzelfall keine Absicht, sondern wohl viel öfter Überforderung und mangelnde Phantasie.

Viele Gemeinden werden sterben, wenn Neulinge und Abweichler ihre Kirche nicht als Ort wahrnehmen, der auch für sie da ist, in dem sie sich und ihren Glauben ausdrücken können. Im wörtlichen Sinne: Der demographische Wandel wird Gemeinden den Garaus machen, sie werden zusammengelegt, verdünnt und lösen sich schließlich auf.

Es ist darum Notwendig, diejenigen Kirchenmitglieder die jenseits der Kerngemeinde leben zu integrieren. Jene, die nicht der vorherrschenden Sozialform oder Frömmigkeit entsprechen. Das beginnt mit freundlichen Einladungen, mit der Aufforderung zur Mitarbeit und darf nicht Halt davor machen, konkret Macht zu teilen.

„Habe Mut“, Foto: S Khan (Flickr), CC BY 2.0

Für das Kirchenmilieu heißt das, einen Machtverzicht zu wagen, das Schicksal der eigenen Gemeinde, der Landeskirche, der EKD in die Hände bisher fremder Menschen zu legen. Weil unsere Kirchen nicht uns gehören, sondern auch denjenigen, die bisher einen Bogen um Kirche machen.

Deshalb sollten vom Kirchenvorstand bzw. Gemeindekirchenrat aufwärts die Hälfte aller Mandate zukünftig per Los bestimmt werden.

Tatsächliche Vielfalt

Die Evangelische Kirche rühmt sich ihres synodalen Systems, in dem von der Ebene der Kirchgemeinde an Entscheidungen gemeinschaftlich und demokratisch getroffen werden. Dafür organisieren sich auf allen Ebenen der Evangelischen Kirche tausende Ehrenamtliche in Räten, Kammern und Synoden. Zum großen Teil werden diese Menschen in ihre Ämter gewählt. Sie bilden die Leitung ihrer Kirchen. Neben ihnen gibt es die ordinierten Amtsträger, die ausgebildete Theologen sind, und den Apparat, z.B. eines Landeskirchenamtes.

So ergibt sich „natürlicherweise“ ein Theologenüberhang, der einer Kirche, die sich von einer Amtskirche wegentwickeln will, sichtbar im Weg steht. Nicht nur das: Der Anteil der Studierten wird umso größer, desto höher man die synodalen Ebenen erklimmt. Das trifft sogar auf jene zu, die selbst schon Vielfalt repräsentieren. Alle EKD-Jugenddelegierten z.B. studieren oder haben studiert.

Eine Landessynode bestimmt z.B. den Haushalt ihrer Landeskirche. Das Budgetrecht haben die Synoden mit den Parlamenten gemein, ihren erwachsenen Geschwistern, wenn sie auch sonst einiges von ihnen unterscheidet. Welche Rolle ein Kirchenvorstand oder eine Synode spielt, hängt nicht nur von der jeweiligen Kirchenverfassung ab, sondern auch vom Charisma ihrer Mitglieder und dem des hauptamtlichen Personals.

Umso negativer macht sich bemerkbar, wenn Erbhöfe gehalten werden. Neues kehrt in viele Kirchen nur durch Neubesetzungen der Pfarrstellen und weiteren hauptamtlichen Positionen ein. Der oft geäußerte Wunsch nach einem neuen Besen steht häufig genug im krassen Gegensatz zum Misstrauen, dem sich hauptamtliche Neulinge von den bisher tonangebenden Ehrenamtlichen ausgesetzt sehen.

Die Kirchgemeinde als Erbhof

Bei den Wahlen wird gerne der Mangel an Bewerbern beklagt, der überhaupt erst dazu führe, dass überdurchschnittlich viele ältere Männer Posten besetzen: „Es stellt sich ja niemand sonst zur Wahl, da musste ich doch …“„Es stellt sich ja niemand sonst zur Wahl, da musste ich doch …“ Die Struktur der Gemeindekirchenräte und Synoden ist darum eben so homogen wie die ihrer Kirchen.

Alle Mandatsträger sind im wörtlichsten Sinne kirchennah. Sie gehen überproportional häufig in den Sonntagsgottesdienst, manchmal nur aus Pflichtbewusstsein, aber sei’s drum: von ihnen geht selten eine Fundamentalkritik am Gottesdienstgeschehen der Gemeinde aus. Sie leben seit Jahrzehnten im Ort und in der Kirchgemeinde, haben ihre Kinder dort groß gezogen, sie wissen eine Menge darüber, wie ihre Kirche funktioniert, aber sei’s drum: sie wissen vor allem, wie sie weiter so funktioniert, wie sie es bisher und häufig immer schlechter tut.

Frisches Blut

Sowohl dem Mangel an freiwilligen Bewerbern als auch der Vorherrschaft der älteren, kirchennahen Mandatsträger ließe sich durch die Bestimmung der Hälfte der Mitglieder per Los abhelfen. Egal ob es um einen Kirchenvorstand, eine Kirchenbezirkssynode, eine Landessynode oder gar die EKD-Synode geht.

Im Lostopf landen automatisch alle Kirchenmitglieder, die formal den Ansprüchen an einen Bewerber genügen. Am Beispiel des Kirchgemeinderats:

Von z.B. 10 Plätzen würden 5 weiterhin per Wahl bestimmt, anschließend werden die übrigen Mandatsträger ausgelost. Nimmt einer der Ausgelosten das Mandat nicht an, rutscht ein anderer Ausgeloster nach. Werden zusätzlich zu den per Wahl bestimmten weitere Kirchenvorstände berufen, weil ihre spezifischen Kompetenzen gebraucht werden, wie es vielenorts üblich ist, werden auch diese durch Losmandate ausgeglichen. Der Kirchenvorstand besteht in jedem Fall zur Hälfte aus ausgelosten Mitgliedern.

Regen auch Sie sich auf, dass ich hier die ganze Zeit im generischen Maskulinum und also nur von Kirchgemeinderäten, Bewerbern usw. rede?Regen auch Sie sich auf, dass ich hier die ganze Zeit im generischen Maskulinum und also nur von Kirchgemeinderäten, Bewerbern usw. rede? Auf dem Weg der Losbestimmung ließe sich auch wunderbar eine Quotierung z.B. nach Geschlecht durchführen: Es wird einfach so lange aus dem entsprechenden Lostopf gezogen, bis geschlechtliche Mandatsgleichheit mit den schon gewählten Gemeindekirchenrät_innen herrscht. Danach geht es im Wechsel weiter, so kann Parität gewährleistet werden.

Man kann natürlich auch gleich einen Topf für Leute unter 35 einrichten, aus dem jeder zweite Losplatz gezogen wird oder die Quotierung so anpassen, dass sie den örtlichen Gegebenheiten möglichst effektiv entgegenwirkt.

Kann das funktionieren?

Ja. Schließlich hat unsere europäische Demokratie so angefangen. Im alten Griechenland wurde gelost und nur selten gewählt. Dieser Spur ist der belgische Historiker und Archäologe David Van Reybrouck nachgegangen. Im Februar hat DIE ZEIT seine Überlegungen in einem langen Artikel als eine Lösung der gegenwärtigen Krise der liberalen Demokratien vorgestellt.

Auch der Nachrücker-Apostel Matthias wurde ausgelost. Bild: Wolfgang Sauber (Wikipedia), CC BY-SA 3.0

Doch man muss nicht bis in antike Zeiten zurückgehen, um positive Anwendungsbeispiele des Prinzips Los zu finden. Irland hat die Abschaffung des Abtreibungsverbots durch eine per Los bestimmte Bürgerversammlung vorbereitet. Daraus ist zu lernen, dass losbestimmte Gremien in der Lage sind, selbst große Differenzen in Lebenswelt und Weltanschauung friedlich zu moderieren.

Schlüssel für große Veränderungen

Die Einführung des Losverfahrens ist kein Gimmick, sie würde zu weiteren, lange überfälligen Reformen der Evangelischen Kirche führen. Die Einführung des Losverfahrens wäre der Einstieg in einen grundlegenden Kulturwandel.

Ein Kirchenvorstand, der auch junge Eltern umfasst, wird nicht bis in die Puppen tagen können. Die Arbeit der Kirche würde zwangsläufig digitaler werden, weil der Nutzen der Digitalisierung für die komplexe Organisation eines vielfältigen Personenkreises noch deutlicher als bisher hervortreten würde.

Debatten kämen nicht mehr so verkopft daher, wenn Menschen aus vielerlei Lebens- und Arbeitshintergrund mitsprächen. Den Theolog_innen wäre ein wirkliches Gegengewicht geschaffen, das nicht nur aus weiteren Akademiker_innen bestünde. Frauen, Jugendliche, Erwerbslose, Behinderte und Rentner_innen wären gleichermaßen repräsentiert (dem Rat der EKD gehört gegenwärtig außer der Synodenpräses Irmgard Schwaetzer kein Mitglied im Ruhestandsalter an).

Vor allem aber würde die Kirche sich wegbewegen vom Selbstempfinden einer Amtskirche, die sich nun endlich auch den Leuten zuwenden will, die bisher nicht gemeint und erreicht wurden. Wir müssen nicht krampfhaft versuchen, etwas für sie zu tun, sondern würden mit ihnen arbeiten.

Wir würden neu erklären müssen, wie wir Dinge regeln. Was wir tun, würde in Frage gestellt; manch Fragwürdiges diskutiert und durch entsprechende Mehrheiten reformiert.

Mehr als Kuchen backen

Die Einführung des Losverfahrens wäre für sich genommen ein gewaltiges Reformprojekt, würdig einer Kirche, die ihre reformatorischen Wurzeln in diesem Jubiläumsjahr ausgiebig gefeiert hat.

Würden die Ausgelosten ihre Aufgabe überhaupt annehmen? Ich glaube, wir wären alle überrascht, wieviele der Ausgewählten tatsächlich gerne und mit hoher Motivation bereit wären, Verantwortung für ihre Kirche zu übernehmen!

Es geht hier nicht darum, mal einen Kuchen für das Kirchenkaffee beizusteuern oder andere Kärrnerarbeiten durchzuführen, um die eigene Würdigkeit in den Augen der Kerngemeinde nachzuweisen oder überhaupt einen Platz in der Gemeinde zu finden. Die bisher Kirchenfernen sind zur Leitung ihrer Kirche genauso berufen, wie diejenigen, die sich an dieses Recht lange gewöhnt haben und es als Privileg behandeln.

Was wäre von den Neuen denn zu erwarten? Teil der Erotik des Losverfahrens ist natürlich, dass man das vorher nicht weiß. Doch es sind ja keine wirklich Fremden, die da kommen werden. Warum auch immer, sie fühlen sich ihrer Kirche zugehörig. Ja, sie sind zum Teil schon Jahrzehnte mit dabei, meist passiv. Was wir zu erwarten haben sind Geschwister, denen sich die Kirche entfremdet hat.

Zum Schluss: Der Geist

In den Briefen des Neuen Testaments finden sich viele Mahnungen, den Ältesten der Gemeinde zu gehorchen. Das funktioniert dann, wenn sie wie damals die ganze Gemeinde repräsentieren, nicht nur ihren Kern. Wenn wir wirklich dazu stehen, dass auch diejenigen zur Gemeinde Christi gehören, die wir nur vom Papier her kennnen, dann ist es höchste Not, ihre Stimme wieder hörbar zu machen, auf dass wir auch ihrem Rat Gehör schenken können.

Und aus christlicher Perspektive ist beim Los ja nicht der Zufall im Spiel. Ich für meinen Teil bin gespannt, wen der Heilige Geist damit beauftragt, seiner Kirche neuen Schwung zu geben.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!


Über Losentscheidungen im Alten und Neuen Testament hat Prof. Dr. Ingo Althöfer vom Lehrstuhl für Mathematische Optimierung 2005 einen Vortrag gehalten. Zur Zusammenfassung.

Kommentar schreiben