Die Die Eule Eule

Der Mühlstein am Hals – Die #LaTdH vom 30. September

Gegen die Rodung des Hambacher Forsts leisten auch Christ_innen Widerstand. Außerdem: Der Missbrauchsbericht der Deutschen Bischofskonferenz wurde endlich vorgestellt.

Debatte

Vor der Abgrabung im Zuge des Braunkohletagebaus erstreckte sich der Hambacher Forst, von den Besetzern auch „Hambi“ genannt, zwischen Elsdorf und Niederzier (je zur Hälfte im Kreis Düren und im Rhein-Erft-Kreis) auf mehr als 4.000 Hektar.

Nachdem die für den Bergbau in Nordrhein-Westfalen zuständige Bezirksregierung Arnsberg den Hauptbetriebsplan 2018 bis 2020 genehmigt hat und eine Verbandsklage vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) abgewiesen wurde, will der Energiekonzern RWE weitere Teile des Hambacher Forsts roden. Dagegen erheben sich schon länger friedliche Proteste und es gibt teilweise gewalttätige Auseinandersetzungen – aber auch Widerstand aus Kirchenkreisen.

Stopp der Bagger vor dem Hambacher Wald: Ein Moratorium – Klaus Breyer (kircheundgesellschaft.de)

Tausende von Menschen haben am vergangenen Wochenende gegen die drohende Rodung des Hambacher Waldes demonstriert. Pfarrer Klaus Breyer, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), fordert ein Moratorium:

Der immer breiter werdende Widerstand kommt aus der Mitte unserer Gesellschaft. Darunter sind viele Engagierte aus den Kirchen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass noch in der „Schlusskurve der Braunkohle“ Dörfer aufgegeben und Menschen umgesiedelt werden, dass kostbare Natur sozusagen „auf den letzten Metern“ unwiederbringlich zerstört wird. Hier sollen Fakten geschaffen werden, ohne dass Klarheit herrscht, ob die unter den Flächen liegende Braunkohle überhaupt noch gebraucht wird.

Rodung des Hambacher Waldes für den Kohleabbau ein fatales Zeichen der Infragestellung der Klimaschutzziele – Hans Diefenbacher, Ruth Gütter (ekd.de)

Auch Hans Diefenbacher, Beauftragter des Rates der EKD für Umweltfragen, und Ruth Gütter, Referentin für Nachhaltigkeit im Kirchenamt der EKD, unterstützen die Forderung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) sowie der Umweltbeauftragten der EKvW nach einem sofortigen Stopp weiterer Maßnahmen zur Rodung des Hambacher Waldes und nach einem Moratorium, bis die eingesetzte Kohlekommission ihre Ergebnisse vorgelegt hat:

Wir verstehen gut, dass viele engagierte Bürger und Bürgerinnen sich für den Erhalt des Waldes einsetzen. Hier geht es um mehr als den Streit um die Erweiterung eines Braunkohletagebaus. Hier geht es um die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Vorreiter im Klimaschutz und um die Verantwortung für die Erhaltung der Lebensgrundlagen für kommende Generationen.

Hambach: Kirche fordert Bewegung von RWE und Landesregierung (evangelisch.de, epd)

Der Präses der EKiR, Manfred Rekowski (@Manfred Rekowski), hat den Energiekonzern RWE und die nordrhein-westfälische Landesregierung zu mehr Bewegung aufgefordert: In einer politisch und gesellschaftlich derart umstrittenen Frage wie der Klima- und Kohlepolitik müssten alle Akteure überlegen, wie sie zu tragfähigen Lösungen und einem Konsens beitragen könnten. Für einen intelligenten Strukturwandel sei es darüber hinaus unabdingbar, die Klimaschutzziele von Paris als zentrales politisches Ziel zu verfolgen:

Hier gibt es bislang leider einen erheblichen Dissens zwischen der Haltung der Landesregierung und unserer Position und ich spüre aktuell nicht viel Bewegung. […] Mit dem Status quo wollen und können wir uns deshalb nicht abfinden und bleiben darüber mit der Landesregierung im Gespräch.

Pfarrer protestieren im Hambacher Wald – Markus Dobstadt (Publik-Forum)

In der Publik-Forum führt Markus Dobstadt (@MarkusDobstadt) ein Interview mit dem evangelischen Pfarrer Martin Gaevert aus Düren über eine Sitzblockade im Hambacher Wald, den Kohleabbau und die Rolle der Kirche in dem Konflikt. Die Alternative zum Kohleabbau sei die Energiewende. Seine Gemeinde engagiere sich konkret dafür:

Wir haben ein „Mitweltmanagement“, ich wurde vor 15 Jahren als Mitweltbeauftragter in der evangelischen Gemeinde Düren dafür eingestellt. Wir beteiligen uns am Zertifizierungssystem Grüner Hahn. Wir haben eine Einkaufskooperative für den Dürener Unverpackt-Laden gegründet, wo man verpackungsfrei einkaufen kann. Es gibt Fortbildungen für Erzieher in der Waldpädagogik, ein Repair-Café, wo man kaputte Gegenstände mit Hilfe reparieren kann. Einen Eine-Welt-Laden. Und aktuell diskutieren wir über eine Fotovoltaikanlage fürs Gemeindedach. Man kann viel machen. Wir brauchen den Kohleabbau in diesem Umfang nicht mehr. Der Hambacher Wald müsste nicht gerodet werden.

„Als hätte der Papst im Hambacher Forst gestanden“: Katholikenrat geht Pilgerweg am Wald im Braunkohle-Gebiet – Matthias Altmann (katholisch.de)

Im Oktober sollen weitere 100 Hektar Wald fallen. Auch römisch-katholische Christen protestieren gegen die Rodung und berufen sich dabei auf Papst Franziskus:

Irene Mörsch hat Vertreter der Aachener und Kölner Bistumsleitung zum Pilgerweg eingeladen – doch diese sagten freundlich ab. Die Vorsitzende des Katholikenrats in der Region Düren gibt zu, davon enttäuscht zu sein. „Sie lassen das Ganze leider das Kirchenvolk machen und setzen selber kein Zeichen.“ Sie hofft, dass die Bischofskonferenz das Thema Umwelt demnächst angeht. „So etwas fehlt vielen Menschen an der Basis von der Kirche.“

Göttlicher Beistand für den Hambacher Forst – Andreas Macho (wiwo.de)

Der vom Katholikenrat aus Düren geplante Pilgerweg durch den Wald kommt aber nicht bei allen Kirchenvertretern der Region gut an. Der Grund: Die Kirche vor Ort ist stark von der Gunst von RWE abhängig. Der Kirchenvorstand der Gemeinde St. Laurentius Merzenich etwa hält die friedliche Prozession laut einem internen Schreiben zwar für „gut gemeint“, aber auch für „höchst bedenklich“. Auch die Gemeinde

war und ist bei der Abwicklung der Entschädigung bezüglich der Kirche und des Pfarrheims in Morschenich-Alt und des Neubaus der Kapelle in Morschenich-Neu auf das Entgegenkommen von RWE-Power angewiesen.

Da sich die geplante Prozession „gegen RWE als Gegner und Zerstörer der Natur“ richten würde, will der Kirchenvorstand der Pfarre es „tunlichst unterlassen, Aktionen zu unterstützen, die unser Verhältnis zu RWE-Power belasten würden“.

Auch das Statement von Bischof Dr. Helmut Dieser zu den Vorgängen im Hambacher Forst auf der Website des Bistums Aachen wirkt eher entpolitisierend:

Der Kampf gegen die Rodung des Hambacher Forsts ist symbolisch hoch aufgeladen: Alle langfristigen politischen und ökonomischen Fragestellungen um eine ökologisch verträgliche und nachhaltige Energiewirtschaft und die Bewahrung der Artenvielfalt, den Klimaschutz und die soziale Verträglichkeit aller Maßnahmen des Umweltschutzes werden von vielen in diesen Kampf hineinprojiziert. Sie sind aber durch symbolische Kämpfe nicht lösbar.

Deshalb rufe ich alle Beteiligten auf, auf jegliche Anwendung von Gewalt zu verzichten und die Verbindlichkeit der Rechtsstaatlichkeit, demokratisch herbeigeführter Willensbildung und des Gewaltmonopols des Staates in keiner Weise zu hintergehen!

Kohleausstieg schon 2019 beginnen?  – Pro und Contra von Christoph Bals und Dietmar Woidke (Publik-Forum)

Braunkohle zu verfeuern, um daraus Strom zu gewinnen, ist besonders klimaschädlich. Weil es Arbeitsplätze sichert, wollen manche dennoch möglichst lange daran festhalten. Wäre ein rascher Ausstieg aus der Kohleverstromung besser? Publik-Forum präsentiert ein Pro und Contra von Christoph Bals, Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch, und Dietmar Woidke (SPD), Ministerpräsident des Landes Brandenburg.

nachgefasst

Während der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wurde am vergangenen Dienstag die MHG-Studie zum Missbrauch in der röm.-kath. Kirche vorgestellt. Sie ist benannt nach den Orten der Universitäten des Forschungskonsortiums – M(annheim)-H(eidelberg)-G(ießen) – und trägt den vollständigen Titel: „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“.

Der vollständige Bericht, eine kürzere Zusammenfassung, weitere ausführliche Informationen, sowie Statements von Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der DBK, und Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), Beauftragter der DBK für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich, beteiligten Wissenschaftlern und Mitgliedern des Projektbeirats sind auf der Website der DBK zu finden.

Missbrauch: Das sind die Zahlen aus den Bistümern – Agathe Lukassek, Felix Neumann & Steffen Zimmermann (katholisch.de)

Nach der Veröffentlichung der Studie haben zahlreiche Bistümer Ergebnisse der Untersuchung für die eigene Diözese präsentiert und Konsequenzen angekündigt. Der Beitrag auf katholisch.de gibt einen guten Überblick zum Stand der Dinge.

Sexueller Missbrauch: Eine Studie in der Wahrnehmung von Opfern – Wolfgang Beck im Interview mit Matthias Katsch (feinschwarz.net)

Der Redaktion des Theologischen Feuilletons feinschwarz.net (@feinschwarz_net) erschien es naheliegend, für die Bewertung der Studie und eine Einschätzung der Situation nicht Bischöfe um Statements zu bitten, sondern mit Matthias Katsch (@KaMaZhe) einen der profilierten Vertreter der Opfergruppen: Er ist ehemaliger Schüler des Berliner Canisiuskollegs, Sprecher von Opfergruppen und Mitbegründer der Opfer-Initiative „Eckiger Tisch“ (@eckigertisch) in Berlin.

Im Interview mit Wolfgang Beck (@wolfgang_beck), Juniorprofessor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Hochschule Sankt Georgen, zeigt sich Katsch nicht davon überzeugt, dass wirklich schon so viel aufgearbeitet worden sei:

Wir haben viele Fakten erfahren. Aber noch kein einziger Bischof, Provinzial oder Vorgesetzter ist für sein Versagen belangt worden. Die Verantwortung wird einfach nicht übernommen. Richtig ist, dass sehr viele Laien in der Prävention engagiert sind. Davor habe ich hohen Respekt. Ich glaube aber, dass die Wirksamkeit der Präventionsbemühungen davon abhängen wird, ob es gelingt, den Klerikalismus zu überwinden und so die vom Papst beklagte »Kultur des Missbrauchs und des Vertuschens« in der Kirche zu verändern. Transparenz ist da das zentrale Element, das die Verhältnisse zum Tanzen bringen könnte.

Verschweigen und Vertuschen geht nicht mehr – Rainer Bucher im Interview mit Joachim Frank (Frankfurter Rundschau)

Verkrustete Strukturen, ein verschämter Umgang mit Sexualität, überforderte Priester – im Interview mit Joachim Frank spricht Prof. Rainer Bucher, Vorstand des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz, über das Versagen der Kirche. Lässt sich das Konzept eines „geweihten Amtes“ oder einer kirchlichen Hierarchie als „heilige Macht“ überhaupt noch retten?

Das „geweihte Amt“ hat eine Zukunft, wenn es den Klerikalismus, also seine Herrschaftsgeschichte, hinter sich lassen kann. Entscheidend ist dabei nicht, was Priester von sich selber sagen, sondern welche Erfahrungen man mit ihnen macht. Früher war der Priester als „heiliger Mann“ in jeder Hinsicht sakrosankt, also unkritisierbar. Das ist er heute nicht mehr. […]

Kirche gibt es, um „Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes“ zu sein. Priester gibt es, um das in eigenständiger und amtlicher Weise zu garantieren. Deswegen ist sexualisierte Gewalt mit ihren oft schrecklichen Folgen eine Niederlage Gottes in seiner Kirche.

Entsetzen, aber keine Veränderung – Joachim Frank (Frankfurter Rundschau)

Ebenfalls in der Frankfurter Rundschau steht für Joachim Frank fest: Die römisch-katholische Kirche verarbeitet den Skandal um die tausenden Fälle sexueller Gewalt nur halbherzig:

Jetzt wissen es alle und haben es eigentlich schon lange gewusst: Der Klerikalismus ist schuld am Missbrauch in der katholischen Kirche. […] Irgendwie wirken alle erleichtert, ja beinahe froh, dass sie jetzt so einen schönen Begriff für eine so furchtbare Realität parat haben. Es ist unbestreitbar ein Fortschritt, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nicht mehr einzig den Tätern als ein individuelles moralisches Versagen angelastet wird, mit dem die Institution Kirche nichts zu tun hätte.

Plan gegen Missbrauch: Kein Befreiungsschlag! – Gabriele Höfling (katholisch.de)

Auf der Vollversammlung haben die deutschen Bischöfe ein Maßnahmen-Paket („Sieben-Punkte-Plan“) vorgestellt, das Missbrauch effektiver verhindern soll. katholisch.de-Redakteurin Gabriele Höfling (@EleHoefling) ist nicht überzeugt.

Die Unfähigkeit zu praktischen Konsequenzen – Franz-Xaver Kaufmann  (FAZ)

Das gegenwärtige mediale Debakel der katholischen Kirche drohe in ein moralisches zu münden, meint Franz-Xaver Kaufmann, 1969-1997 Professor für Sozialpolitik und Soziologie in Bielefeld, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dabei sei nicht der Missbrauch als solcher das moralische Problem der Kirche:

Es ist ihre Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen und die Folgen ihrer klerikalen Vertuschungen zu erkennen, zu erörtern und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen. Vieles dürfte an veralteten kirchlichen Selbstverständnissen und Strukturen liegen, deren Grundlagen bis ins Hochmittelalter zurückreichen und die den Geist des Absolutismus noch nicht überwunden haben. Die unkontrollierbare päpstliche und bischöfliche Allzuständigkeit hat ihre organisatorische Zweckmäßigkeit längst verloren, und mit wachsender Vernetzung der Weltkirche wird das Fehlen eines geordneten Regierungssystems im Vatikan immer irritierender.

Der Hilfeschrei des Opfers: Eine Perspektive im Missbrauchsskandal – Till Magnus Steiner (Dei Verbum)

Zu einem Perspektivwechsel – die Opfer im Blick, statt Sorge um die Kirche – fordert der Theologe und Exeget Till Magnus Steiner (@TillMSteiner) auf. Die Erzählung über Susanna im Anhang des Buches Daniel könnte der Kirche wichtige Impulse geben:

Es reicht nicht, sich für seine Kirche zu schämen. Man muss ihr nicht nur die Messe, sondern die Leviten lesen. […] Die gehörten und ungehörten Hilferufe sind eine direkte Anklage nicht nur gegen die Täter, sondern auch gegen diejenigen, die ihren Blick auf das Amt statt auf die Opfer und auf den Himmel gerichtet haben. Wer wird wie Daniel nun gegen die Täter und gegen die Kirche seine Stimme erheben und durch ein gerechtes Gericht Gottes Willen auf Erden durchsetzen?

Kontrollverlust: Wider die kirchlichen Behäbigkeiten im Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Priester und Ordensleute – Werner Kleine (Dei Verbum)

Auch Werner Kleine (@WernerKleine), Pastoralreferent und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal, fordert radikale Konsequenzen statt der üblichen „kirchlichen Behäbigkeiten“:

Wie oft haben die farbentragenden Geweihten ihren Schäfchen gepredigt, dass Gott alles sieht. Offenkundig haben sie das aber selbst vergessen. Oder meinen sie ihr Predigen gar nicht ernst? Nähmen sie wenigstens den ernst, in dessen Auftrag zu handeln sie vorgeben, sie hätten den Weg für den Umgang mit Missbrauch nicht erst in langen kirchen- und personalrechtlichen Konsultationen erarbeiten müssen. Die Botschaft Jesu in diesem Zusammenhang ist klar: Wer sich an den Kleinen vergreift, muss ausgesondert werden.

Bibel

Im heutigen Tagesevangelium (Markus 9,38-43.45.47-48) sind eine Reihe drohender „Gerichtsworte“ Jesu überliefert, u.a auch dieses:

„Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“

Vom Mühlstein um den Hals: Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche – Hermann Häring (hjhaering.de)

Für Hermann Häring, 1980-2005 Professor für Systematische Theologie in Nijmegen, zeigt das Wort vom Mühlstein:

Hier ist mehr als eine rigorose Moral im Spiel. Reine Moral nützt ja auch in der gegenwärtigen Krise nichts, denn das Gesetz der Nachahmung wirkt auch in der Kirche mit ihrem geschlossenen Corpsgeist. Warum schauten die Verantwortlichen weg und ließen die Opfer im Regen stehen? Warum werden Demütigungen defensiv und erst nach langem Schweigens anerkannt? Verharmlosungen lassen sich finden und wer den Kern nicht versteht, wird auch weiterhin von der Vielfalt der Motive und Konstellationen verwirrt.

Kindesmissbrauch und seine Folgen im Spiegel des Neuen Testaments – Thomas Söding (Ruhr-Uni Bochum)

Thomas Söding, Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum, erinnert daran, dass man diese harten Worte Jesu lange Zeit kaum noch hören mochte:

Große Teile der historisch-kritischen Exegese haben sie Jesus abgesprochen und auf das Konto kirchlicher Redakteure gesetzt, die ihrem Ressentiment gefolgt seien, als sie Jesus solch brutale Worte in den Mund gelegt hätten. Aber das ist Ideologie. Jesus ist nicht sprachlos angesichts des sexuellen Missbrauchs von Kindern, der körperlichen und seelischen Gewalt, die ihnen angetan wird. Er war ein Prophet, der kritisiert, ermahnt, verurteilt hat. […]

Die Warnung der Täter dient dem Schutz der Opfer. Ohne eine klare Gerichtsbotschaft wird das Böse verharmlost. Auch das ist eine Lektion, die in der Kirche neu gelernt werden muss. Die alten Höllenpredigten wünscht niemand zurück; aber die harmlose Unverbindlichkeit der süßen Jesusbilder ist abgeschmackt.

Apropos abgeschmackt: Seit 1989 „schmückte“ eine Gedenktafel die Kirchenwand von Hohenzell in Österreich. Sie sollte – neben einem Bibelzitat („Wer aber eines von diesen Kleinen …“) – ursprünglich daran erinnern, dass der verstorbene erzkonservative Kardinal Hans Hermann Groër hier am „Mahnmal für Ungeborene“ gebetet hatte. Im November 2014 wurde dem Denkmal ein Mühlstein aus Papier zur Erinnerung an den sexuellen Missbrauch an Schülern des Knabenseminars Hollabrunn umgehängt. Dieser verschwand nach einigen Tagen. Ein paar Tage später lag dann ein echter Mühlstein dort.

Zur Erinnerung: Die Affäre Groër führte im März 1995 zu einem „Kirchen-Volksbegehren“, zunächst in Österreich. Die Initiative Wir sind Kirche sammelte mehr als 500.000 Unterschriften für eine „grundlegende Erneuerung der Kirche Jesu“. Groërs Rücktritt wurde vom Vatikan diplomatisch „aus Altersgründen“ angenommen, er lebte danach zurückgezogen in verschiedenen Ordensniederlassungen. Seine Beisetzung im Kloster Marienfeld 2003 wurde von den Medien wenig beachtet.

Joachim Kardinal Meisner, der damalige Erzbischof von Köln, hielt eine unsägliche Predigt – und machte den Täter Groër zum Opfer „ganz eingetaucht in das bittere Leiden Jesu“, der „als Gezeichneter, als Verwundeter, ja als Stigmatisierter seinen Lebensweg weiterging“.

Predigt

Zum politischen Gebet vor dem Immerather Dom – Philipp Geitzhaus (ITP)

Philipp Geitzhaus, Mitarbeiter des Instituts für Theologie und Politik (@volvil1) in Münster, hielt am 7. Januar 2018 eine Predigt beim politischen Gebet vor dem „Immerather Dom“, der röm.-kath. Pfarrkirche, die trotz Protesten am folgenden Tag zugunsten des Braunkohle-Tagebaues Garzweiler abgerissen wurde:

Wenn die Steine dieser abgerissenen Kirche nur noch ein Trümmerhaufen sind, sind sie Steine des Anstoßes. Dann können sie Ecksteine dafür sein, dass sie den Blick dafür öffnen, nicht auf die Fürsten – das heißt auf die Laschets und RWE-Vorstände – zu vertrauen. […] Der Trümmerhaufen dieses Domes wird in ein paar Tagen ein Mahnmahl dafür sein, dass der Einsatz für Klimagerechtigkeit weitergehen muss. Sie können Ecksteine dafür sein, zu verstehen, dass es in diesem globalen kapitalistischen System nicht ohne Ausbeutungsverhältnisse auf Kosten von Mensch und Klima geht.

Buntes

Synode: Frieden, Finanzethik, Prävention gegen sexuelle Gewalt und Katechismus (alt-katholisch.de)

Abschließend sei noch ein Hinweis „in eigener Sache“ erlaubt: Vom 3. bis 7. Oktober 2018 wird die 61. Ordentliche Synode des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland (@altkatholisch) in Mainz zusammenkommen. Auf der Tagesordnung stehen u.a. Fragen von Ethik und Kirchenfinanzen sowie die Debatte, ob ein eigener alt-katholischer Katechismus sinnvoll wäre.

Außerdem sollen die von einer Expertenkommission erarbeiteten Leitlinien gegen sexuelle Gewalt verabschiedet werden. Ein ganzer Tag ist darüber hinaus dem Frieden als Schwerpunktthema der Synode gewidmet. Angesprochen werden auch Fragen rund um die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und das Sakrament der Ehe.

Für alle, welche die Synode online verfolgen wollen, ist unter der Webadresse www.aksynode.de eine Twitter-Wall (Hashtag: #aksynode18) eingerichtet, auf der Interessierte aktuelle Eindrücke von den Diskussionen und Verhandlungsergebnissen der Synode erhalten können.

Ein guter Satz

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