Der vergessene Apostel

Die „Historische Erzehlung“ von Paul Peter Zahn berichtet von der abenteuerlichen Flucht eines lutherischen Pfarrers, der sich auf den Spuren der Apostel Paulus und Petrus wähnte. Die erste Ausgabe von „mind_the_gap“:

Prominent platziert und doch vor den meisten gewöhnlichen Kirchgängern verborgen, befinden sich drei Grabplatten in der Marienkirche Oederan. Diese erinnern an ehemalige Pfarrer der Kirchengemeinde aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die letzte dieser drei Platten erweist sich nicht auf den ersten, wohl aber den zweiten Blick als eigenartig, denn der Geehrte, ein gewisser Paul Peter Zahn, war nicht einmal ein ganzes Jahr lang Pfarrer in der erzgebirgischen Stadt.

Hinter dieser Grabplatte verbirgt sich jedoch eine abenteuerliche Flucht, einer der kommerziell erfolgreichsten Gefangenschaftsberichte des 17. Jahrhunderts, ein konfessionell kontroverses Erbe, das tief in das Selbstbewusstsein des frühen Protestantismus und des Neokonfessionalismus des 19. Jahrhunderts blicken lässt, und – als wäre das nicht genug – ein Schaufenster in ein zentrales und kontroverses Forschungsparadigma zur Geschichte frühneuzeitlicher Religiosität.

Im Zentrum dieser Einblicke steht das umfangreichste Zeugnis des Lebens von Paul Peter Zahn: Die „Historische Erzehlung“, ein relativ kurzer Text, der von der Gefangenschaft und dem beinahe erlittenen Martyrium eines Pfarrers aus der Steiermark in Österreich erzählt. Sie erzählt von einer ungewöhnlichen Karriere.

Paul Peter Zahn, gebürtig aus Werdau im Kurfürstentum Sachsen, schrieb sich 1595 im Eckenperger Stift ein, einem säkularisierten Kloster, das zu einer Ausbildungsstätte für lutherische Prediger in der Steiermark umfunktioniert wurde. Die Steiermark war, wie andere Territorien in Österreich auch, gemischtkonfessionell. Einem katholischen Landesherrn stand ein protestantischer, selbstbewusster Adel gegenüber, der sein politisches Gewicht in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in konfessionelle Zugeständnisse des Landesherrn umgemünzt hatte.

Da der Adel zur Berufung der nun lutherischen Pfarrstellen im Land keine eigene Universität hatte, behalf er sich mit der Rekrutierung von Theologen aus Süddeutschland, maßgeblich aus Tübingen. Diese Verbindungen sind auch kulturhistorisch bedeutsam: So wurden um 1570 diplomatische Missionen der Habsburger, wie etwa ins Osmanische Reich, auch von lutherischen Theologen begleitet, denen wir nicht nur die erste frühneuzeitliche Koranübersetzung ins Deutsche, sondern auch umfassende Schriftzeugnisse über die vielfältige religiöse und kulturelle Landschaft des Osmanischen Reiches verdanken.

Prozess und Flucht

In diesem Umfeld legte Zahn eine bemerkenswerte Laufbahn hin. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihm, eine Stelle als Schlossprediger und Erzieher in der Nähe von Graz zu erlangen. Derartige Stellen waren aufgrund der guten Bezahlung und des Prestiges wegen begehrt. Mit dieser Berufung hatte Zahn Glück, denn der neue Landesherr Ferdinand II., der später eine zentrale Rolle bei der Eskalation des Dreißigjährigen Krieges spielen sollte, schloss das Stift und begann lutherische Prediger vor die Wahl Konversion oder Ausreise zu stellen. Wie später in Böhmen verlief der Konflikt nicht ausschließlich entlang von konfessionellen Linien, sondern auch danach, wie zentral oder ständisch ein Territorium regiert werden konnte.

An diesem Punkt setzt die Geschichte ein, die Zahn in der „Historischen Erzehlung“ bezeugt. Wie andere Pfarrer, denen die Ausreise drohte, berichtet Zahn von einem Dilemma: Auszureisen würde bedeuten, seine Gemeinde (in diesem Fall die Bewohner des Schlosses Waldstein) ohne seelsorgerischen Beistand zu lassen. Nicht auszureisen hingegen würde ihn in die Illegalität zwingen. Derartige Bedenken waren keineswegs ungewöhnlich, sie ziehen sich quer durch die Berichte, Briefe und Trostschriften von Pfarrern jener Zeit.

Zahn beschloss zu bleiben, behauptete aber später in der „Historischen Erzehlung“, dass er seine Ausweisung nie erhalten habe – wohl auch, um Vorwürfen entgegenzutreten, seine spätere Verurteilung sei rechtens erfolgt. Ganz gleich, ob mit oder ohne Unwissen: Zahn wurde im Rahmen einer Polizeiexpedition festgenommen und verhaftet. In der Gefangenschaft wurde er verhört und nach vier Monaten Haft zum Tode verurteilt. Der Todesstrafe entging der Delinquent gerade noch so, aber wurde als Aufrührer zum Galeerendienst verurteilt, was aufgrund der hygienischen Bedingungen auf diesen Schiffen mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod bedeutete.

Der Konvoi mit dem Verurteilten machte sich wenige Tage später auf den Weg nach Istrien ans Mittelmeer. Doch Zahn entkam der Galeere. Auf dem Transport gelang ihm unter bis heute nicht eindeutig geklärten Umständen die Flucht und er erreichte noch im selben Jahr wieder kursächsisches Gebiet. Dort veröffentlichte er die „Historische Erzehlung“, seine persönliche Sicht der Dinge. Dieser kurze Text avancierte innerhalb kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten Gefangenschaftsberichte des frühen 17. Jahrhunderts. Mindestens zwölf Auflagen lassen sich nachweisen, darunter auch sicher nicht autorisierte Raubdrucke. Alleine der Umfang der Auflagen ist für vergleichbare Texte ungewöhnlich und zeugt vom großen Bedürfnis nach derartigen Geschichten.

Die Apostelgeschichte am eigenen Leib erfahren

Bereits eine oberflächliche Lektüre von Zahns Text offenbart eine starke Identifikation des Protagonisten mit biblischen Geschichten: Diese Bildlichkeit, in der sich die Heilsgeschichte am eigenen Leib vollzieht und erfahrbar gemacht wird, mag in ihrem Pathos geradezu „amerikanisch“ wirken – ist jedoch eine Konstante konfessionalisierenden Erzählens seiner Zeit.

Entsprechend der zeitgenössischen Polemik durchzieht eine frühchristliche Metaphorik Zahns Schilderungen. Durch Parallelisierung seines Erlebens mit Episoden aus der Apostelgeschichte geriert er sich als würdiger Nachfolger der biblischen Apostel in Innerösterreich. Mit diesen Zitaten und dem Genre der Historie verortet sich Zahn in einem spezifisch lutherischen Verständnis von erzählter Heiligkeit. In Abgrenzung zu älteren Konzepten erzählter Heiligkeit, vorrangig den Heiligenlegenden, steht darin das Exempel als nahbares und nacherlebbares Beispiel im Zentrum.

Demzufolge erlebt der Protagonist der „Historischen Erzehlung“ die Geschichte des Frühchristentums, vorrangig Teile der Apostelgeschichte, erneut an seinem eigenen Leib. Drei zentrale Begebenheiten strukturieren diese Erfahrung: Nach seiner Gefangennahme wird Zahn von seinen Vernehmern spöttisch gefragt, ob Gott ihm denn wie Paulus die Ketten sprengen werde, eine Anspielung auf Apostelgeschichte 16. Das Wunder bleibt zunächst aus und Zahn wird der Prozess gemacht. Dort angekommen, hält Zahn eine längere Rede, die an die Gerichtsrede des Stephanus aus Apostelgeschichte 7 erinnert. Wie Stephanus erwartet ihn der Tod, doch Zahn geschieht das letzte Wunder der „Historischen Erzehlung“: Ein Engel erscheint ihm und öffnet ihm eine Stalltür. Zahn gelingt die Flucht und wenige Sätze später ist er schon wieder in Sachsen.

Paul Peter Zahn wurde demnach zwar nicht wie Paulus, dafür aber wie Petrus aus dem Gefängnis errettet (Apostelgeschichte 5). Dieser spielerische Zugriff auf die Geschichte dürfte nicht nur aus der heutigen Sicht durchaus komisch erscheinen. Er rückt aber Zahns Erleben in eine narrative Struktur, die das Wunder und den Erfolg von Zahns Mission implizit vorwegnimmt. Die Autoritäten in der Steiermark beurteilten die Flucht nüchterner: Zwei Wächter wurden wegen Bestechung verurteilt.

Ein wahrer und guter Lutheraner

Neben dem exemplarischen Erleben drückt Zahn über seine Auswahl an biblischer Metaphorik auch eine konfessionelle Selbstverortung aus: Er und stellvertretend für ihn das kursächsische Konkordienluthertum stehen in der wahren Nachfolge Christi und der Jerusalemer Urgemeinde. Der Katholizismus, präsent in der Karikatur jesuitischer Geistlicher, wird mit kirchlichen Stereotypen über Juden verunglimpft. Damit greift Zahn, nicht ganz untypisch für diese Zeit und ihre Polemik, auf antisemitische Bilder zurück und folgt damit einer Strategie des otherings des konfessionellen „Gegners“, die sich durch die lutherische exempla-Literatur zieht.

Der frühe Tod nach der erfolgreichen Flucht und Publikation ließ Zahn und seine Selbstinszenierung posthum zum Glaubenszeugen des innerösterreichischen Protestantismus werden. Ein Bild, dass im Zuge des 19. Jahrhunderts noch einmal verstärkt wurde. Zahn galt als Kronzeuge des steirischen Protestantismus und als Migrationsschriftsteller, obwohl es damals wie heute keinen Beleg dafür gab, dass Zahn mit der Publikation ein steirisches Publikum im Blick hatte. Es hätte auch verwundert, schließlich war es für lutherische Prediger nicht unüblich, nach ein paar Jahren im „Ausland“ wieder zurückzukehren und eine der begehrten Pfarrstellen zu erhalten.

Die Rückkehr nach Österreich, sollte Zahn sie je angestrebt haben, blieb ihm verwehrt. Doch konnte er von sich behaupten, im Gegensatz zu seinen Namensvettern Paulus und Petrus, immerhin die Verfolgung durch einen (späteren) Kaiser überlebt zu haben.


mind_the_gap – Vergessene Kapitel der Kirchengeschichte

Flora Hochschild stöbert für uns in den Untiefen der frühneuzeitlichen Kirchengeschichte und kramt aus dem Schatz der Historie erstaunliche Episoden hervor: In der Serie „mind_the_gap“ geht es um vergessene Kirchengeschichte(n), gottesfürchtige Abenteurer:innen und verborgene Wahrheiten. Im Frühjahr / Sommer 2024 schauen wir in der Eule mit „mind_the_gap“ dorthin, wo selten noch jemand hinschaut: In die bunte und verrückte Geschichte unserer Kirche(n). Wir freuen uns auf Feedback, Fragen und Hinweise auf dieser Schatzsuche in die Vergangenheit!

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