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Foto: Anna Gru (Unsplash)

Die Kirchen und Corona: O Du lieber Gottesdienst!

Gottesdienste finden in Corona-Zeiten nicht mehr leibhaftig statt, sondern werden virtuell gefeiert. Wie wird sich die Kirche dadurch verändern? Und was bleibt nach der erzwungenen Pause?

Nun sind sie alle abgesagt. Bis auf Bestattungen sollten in den Kirchgemeinden hierzulande keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Keine physischen Gottesdienste bis nach Ostern? Das ist für viele hartes Brot zu kauen. Andere sehen darin die Chance, von der Veranstaltungsorientierung der Kirchen wegzukommen, hin zu einer geistlichen Gemeinschaft für unterwegs.

Für die Corona-Pause stellen sich vor Ort viele Fragen: Wie bleiben wir miteinander in Kontakt? Gerade dort, wo die digitale Infrastruktur der Gemeinden noch nicht ausgebaut ist? Wie feiern wir gemeinsam Gottesdienst? Reichen die Fernseh- und Radiogottesdienste und/oder zentrale Übertragungen je Landeskirche bzw. Bistum aus oder sind lokale Alternativen nötig? Ist das Telefon in diesen Zeiten gar wichtiger als die Handykamera?

Nach dem anfänglichen Aktionismus wird es nun schon nachdenklicher. Ein gutes Zeichen! Nähe zu den Menschen herstellen, das Wort verkündigen, Gemeinschaft bauen, aber eben auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, den Nachweis eigener Arbeit, überhaupt aktive Tätigkeit in einer Zeit, die so wenig Orientierung bietet, – worum es den Hauptamtlichen beim Gottesdienst auch immer geht, im Fokus sollte vor allem die Frage nach der Relevanz des Angebots stehen. Das ist digital nicht anders als analog.

Wie geht es nach Corona weiter?

Kluge Kirchenprofis stellen sich jenseits der nun oben aufliegenden praktischen Fragen deshalb die berechtigte Frage, ob und wie es nach der Corona-Zwangspause mit dem Gottesdienst weitergehen wird. Manche*r sieht die Verzichtbarkeit des sonntäglichen Kirchgangs durch die Pause vor Augen geführt. Andere erhoffen sich in der Notlage größere Aufmerksamkeit für ihre Ersatzangebote und dass der Appetit auf den physischen Gottesdienst gerade des Verzichts wegen steigt. Ist das nicht irgendwie auch die Idee hinter dem Fasten?

Im Wesentlichen sortiert also jede*r ihre Corona-Gedanken zum Gottesdienst dort in das geistige Bücherregal ein, wo schon reichlich Bände Überzeugungen und Überlegungen zum Gottesdienst langsam vor sich hin verstauben.

Die allermeisten Gesprächsteilnehmer*innen lassen sich ohnehin nicht so einfach dem Lager der Gottesdienst-Verächter*innen und Reformer*innen auf der einen oder dem der Liturgie-Fans und treuen Kirchgänger*innen auf der anderen Seite zurechnen. Ich zum Beispiel bin von Kindesbeinen an an diesen vermaledeiten Gottesdienst gebunden. Was mich an seiner realexistierenden Form ärgert, verursacht mir deshalb fast physische Schmerzen, weil ich – wie so viele Christ*innen – nicht von ihm lassen kann.

Wer dieser Tage off- und online über den Gottesdienst diskutiert, die gehört zur Gruppe derjenigen, denen der Gottesdienst eben nicht egal ist. Das sollten wir bei allen Meinungsverschiedenheiten nicht vergessen. Wem der Gottesdienst schnuppe ist, der hat schon längst abgeschaltet – Stream hin oder her.

Gottesdienst-Diskussionen entfachen auch sonst entspannte Gemüter: Kaum andere Kirchennachrichten werden (auch in der Eule) intensiver gelesen, häufiger geteilt und heißer diskutiert. Darum kann es nicht schaden, sich daran zu erinnern, dass für einen überbordenden Teil der Christ*innen hierzulande der gemeinschaftliche, wöchentliche Gottesdienst nicht (mehr) im Zentrum ihres Glaubens steht.

Das kann man schlecht oder gut finden, es ist aber einfach erst einmal so. Gottesdienstdiskussionen sind darum immer ein Binnenphänomen und werden von Leuten geführt, die qua Haupt- oder Ehrenamt eine bestimmte Perspektive einnehmen. Eine Diskussion, die darauf keine Rücksicht nimmt, führt nirgendwohin.

Es ist darum auch bezeichnend für die Entfernung, die Kirchenprofis von den „normalen“ Kirchenmitgliedern trennt, dass zunächst so viel über die Gottesdienste gesprochen wurde, und so wenig über das diakonische und seelsorgliche Handeln der Kirchen. Aber da hat Corona schon für einen Sinneswandel gesorgt!

Realistisch bleiben

Versuchen wir also einen möglichst realistischen Blick: Nur weil man nun für eine Zeit lang nicht mehr in den Gottesdienst gehen darf (denn wer geht schon gern auf Bestattungen?), läuft man nicht anschließend lieber hin. Die süße Frucht des Verbotenen baumelt nur vor einigen Hardcore-Verrückten, die damit hoffentlich nicht viele schwächere Geister oder gar Schutzbefohlene anstecken.

Die Frage nach der Relevanz vieler, kleiner Gottesdienste, die Kraft und Zeit – also begrenzte Ressourcen – der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen gerade in Fläche aufzehren, ist also gestellt. Das war sie schon vor Corona, aber vielleicht reift ja hier und da bei den Gemeindegliedern, die trotzdem nicht von ihren Mini-Gottesdiensten lassen konnten, die Erkenntnis, dass es tatsächlich „ohne“ geht. „Ohne“ meint hier: Seltener und auf alle Fälle zu den kirchenjährlichen Höhepunkten und seelsorglichen Anlässen. Anders als der Gottesdienst feiert die Seelsorge in der Gesellschaft nämlich Hochkonjunktur.

Andersherum ist auch denkbar, dass einige Gemeinden in der Pause tatsächlich neuen Geschmack finden an der physischen Gemeinschaft. Durch manchen Stream könnten jüngere Menschen auf das Angebot vor Ort aufmerksam werden. Und manch Ältere*r reaktiviert durch die Einsamkeit Zuhause motiviert vielleicht die alte Tradition des Plauschs nach dem Ritus? Es kann sein, wer weiß?

Vom Wert der digitalen Kommunikation des Evangeliums sind nach Corona vielleicht noch mehr Kirchenleitungen als bisher überzeugt – das wäre schön. Vor allem, wenn wir die diakonische und seelsorgliche Seite dieser Arbeit ins Zentrum rücken. #digitaleKirche erschöpft sich nicht in Gottesdienst-Streams!

Zum Realitätssinn gehört allerdings auch: Die Beharrungskräfte des christlichen Gottesdienstes sind erheblich – immerhin verändert er sich nur langsam im Vollzug mehrerer Jahrzehnte. Davon legen nicht zuletzt die Gottesdienst-Streams ein beredtes Zeugnis ab. Sie vollziehen den bekannten Ritus nach. Einige filmen ihn sogar einfach nur ab, was wirklich weniger ist als das.

Was Gottesdienstgemeinden in unserer Gesellschaft schrumpfen lässt, wird sich nach Corona nicht erledigt haben. Hier sind Kräfte am Werk, die viel nachhaltiger wirken als ein Virus. Doch nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Sehr wahrscheinlich geht es also nach der zeitweisen Corona-Pause so weiter wie zuvor. Und das ist doch irgendwie auch beruhigend, oder?