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Die Kirchen und Corona: So weit, so gut

Seit zwei Monaten finden in Deutschland wieder öffentliche Gottesdienste statt. Die Schutzkonzepte der Kirchen wirken, aber wie wird es nach dem Sommer weitergehen?

Den Mund-Nasen-Schutz anlegen, sorgsam in die Teilnehmer*innen-Liste eintragen, einen Spritzer Desinfektionsmittel auf die Hand und immer schön Abstand halten. Für hunderttausende Gottesdienstbesucher*innen ist das seit Ende April / Anfang Mai Gottesdienstalltag in Deutschland. Seitdem hat es nur wenige Covid-19-Ausbrüche gegeben, die mit Gottesdiensten in Verbindung gebracht werden konnten. Sind die Schutzkonzepte der Kirchen ein voller Erfolg?

Jeden Sonntag gehen im deutschsprachigen Raum ca. 2,5 Millionen Menschen sonntags in die Kirche. So war es jedenfalls vor Corona. Obwohl nur ca. 3,5 % der Christ*innen in den evangelischen Landeskirchen und 9 % der Katholik*innen regelmäßig am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, ist er kumuliert eine Massenveranstaltung. Entsprechend hoch ist das Risiko, dass sich beim Zusammenkommen von vielen Gruppen überall im Land jemand mit dem Corona-Virus ansteckt.

Singen unter der Maske

Das gilt umso mehr, als wir inzwischen darum wissen, dass SARS-CoV-2 sich vor allem über die Atemluft überträgt und Aerosole eine wichtige Rolle bei der unsichtbaren Verbreitung des Virus‘ spielen. Gottesdienste gelten darum unter Virologen als Hochrisiko-Veranstaltungen während der Pandemie.

Besonders der Gesang steht im Fokus der Sicherheitsvorkehrungen, die Gemeinden ergreifen. Während des Singens verbreitet sich die ausgeatmete Luft besonders weit und hartnäckig im Raum. Das tiefe Luftholen beim Singen erhöht außerdem das Risiko, tatsächlich an Covid-19 zu erkranken. Darum ist es wichtig, dass wenn schon, dann unter der Maske gesungen wird.

Wohl 60 Chorsänger*innen des Berliner Doms steckten sich gleich zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland an. In der vergangenen Woche erlaubte mit der Evangelischen Kirche in Württemberg eine weitere und große evangelische Landeskirche den Gemeindegesang unter diesen Bedingungen. Man wird sehen, welche Konsequenzen die immer weiter fortschreitenden Lockerungen der Schutzmaßnahmen auch in den Kirchen für das Infektionsgeschehen zeitigen.

Kaum Hotspots bei Kirchens

Bisher jedenfalls sind die beiden großen Kirchen mit ihren Gottesdiensten und Gemeindekreisen keine Hotspots. Die Ernsthaftigkeit, mit der die große Mehrheit der Gemeinden die Schutzmaßnahmen umsetzt, zahlt sich aus. Die kleine Gruppe der Unvorsichtigen und „Widerstandskitschler“, die es in allen Landeskirchen und (Erz-)Bistümern gibt, fällt gegenwärtig nicht ins Gewicht. Wohl vor allem, weil sie von der allgemeinen Beruhigung des Pandemie-Geschehens in Deutschland profitiert.

In Deutschland hat es seit Anfang Mai drei größere Covid-19-Ausbrüche gegeben, die klar mit Gottesdiensten in Verbindung stehen. In Frankfurt (Main), Bremerhaven und zuletzt Euskirchen sind evangelische Freikirchen betroffen. Bei den Evangeliums-Christen-Baptisten in Frankfurt hatten sich 200 Menschen infiziert, inzwischen gelten alle Erkrankten als genesen. In Euskirchen befinden sich 500 Mitglieder einer Mennoniten-Gemeinde derzeit in Quarantäne.

Bei Pfingstgottesdiensten in röm.-kath. Kirchen in Vorpommern steckten sich wohl sieben Personen bei einem Priester an. Das Infektionsgeschehen konnte schnell eingegrenzt werden. 350 Personen wurden in häusliche Quarantäne geschickt, ein kath. Kindergarten in Stralsund temporär geschlossen. Ein weiterer kath. Kindergarten in Friedrichshafen (Baden-Württemberg) schloss dieser Tage für kurze Zeit als Vorsichtsmaßnahme seine Türen, nachdem 40 Kinder Fieber bekommen hatten. Das Gesundheitsamt wollte jedoch die Kinder und Familien zunächst nicht auf das Corona-Virus testen lassen.

Die wenigen Ausbrüche in den Kirchen hierzulande zeigen, dass die Schutzkonzepte wirken. Zugleich zeigen sich auch die Grenzen der Sicherheitsvorkehrungen: Unter Corona-Bedingungen nehmen kaum Kinder und Familien an den Gottesdiensten teil. Menschen mit Vorerkrankungen und viele vorsichtige und rücksichtsvolle Christ*innen bleiben zuhause. Genauso wie diejenigen, denen Mund-Nasen-Maske, Gesangsverbote und Hygienemaßnahmen beim Abendmahl die Lust am gemeinsamen Feiern verderben. Die Corona-Gottesdienste sind so „exklusiv“ geworden, wie Ende April erwartet.

Kirche ist mehr als Sonntagsgottesdienst. Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien konnten nicht so „leicht“ wieder aufgenommen werden wie der Gottesdienstbetrieb. Nur wenn man konfessionelle Kindergärten, Schulen, diakonische Einrichtungen, Alten- und Pflegeheime, kirchliche Krankenhäuser, Erholungsheime und Tagungshäuser sowie die Fülle an Veranstaltungen wie Kinder- und Jugendfreizeiten, Gemeindekreise, Wallfahrten und Pilgerreisen mit in den Blick nimmt, bekommt man ein Gefühl dafür, welche große Aufgabe den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Kirche beim Schutz vor Ansteckungen mit dem Corona-Virus gestellt ist.

Mit Fanta und mit Butterkeks und Schutzmaske

Wie werden die Kirchen also durch den Sommer kommen? Viele der kirchlichen Ferien-Angebote erreichen Familien mit Kindern und junge Menschen, die dem traditionellen Gemeindebetrieb fernbleiben. Sie fallen diesen Sommer aus oder werden unter verschärften Hygienevorkehrungen durchgeführt. Hunderttausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind sonst gemeinsam unterwegs, Pilgerpfade und Wallfahrtsorte sind beliebte Urlaubsziele. Reisen und überregionale Veranstaltungen bergen jedoch trotz Schutzvorkehrungen und Teilnehmer*innen-Listen ein erhebliches Risiko.

Während des Sommers wird in den Kirchen traditionell durchgeatmet, zwischen Pfingsten und vor Erntedank hält das Kirchenjahr kaum Höhepunkte bereit. Die sonst üblichen Gottesdienste zum Schuljahresende und -Anfang fallen aus oder werden wie nachgeholte Konfirmationen, Firmungen und Erstkommunionen mit eigenen Hygienekonzepten durchgeführt. Die angeschlossenen Familienfeiern jedoch will und kann so recht niemand mehr kontrollieren.

Doch wäre es schade, würden die Kirchen mit dem Hintern einreißen, was sie mit Fleiß und Sorgfalt mühsam aufgebaut haben. Den Kirchen als physischen und virtuellen Versammlungsorten von hunderttausenden Menschen kommt eine besondere Verantwortung zu. Es ist noch kein Impfstoff oder Heilmittel gegen SARS-CoV-2 gefunden. Studien weisen darauf hin, dass selbst milde Krankheitsverläufe Langzeitfolgen für die Gesundheit von Betroffenen mit sich bringen.

Abstand halten und Maske tragen sind ein geringes Opfer für den Schutz der Gesundheit. Die Schutzmaßnahmen sind eingeübt und weitgehend akzeptiert. Nun sollten sich die Verantwortlichen vor Ort und die Kirchenleitungen nicht von ein paar wenigen Nörgler*innen kirre machen lassen.

Ein anderer Advent

Viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen gehen trotzdem mit einem mulmigen Gefühl in die Sommerferien. In ihren Köpfen schwirren schon erste Ideen für die Gestaltung des Kirchenherbstes: Erntedank lässt sich vielleicht auf den Feldern der Umgebung feiern und zu Allerheiligen bzw. zum Ewigkeitssonntag kann man zwischen den Gräbern unter freiem Himmel beten – aber was ist mit Weihnachten?

Die Vorstellung, dass zu den Christvespern die Menschen wie üblich in Massen (ca. 25 Millionen im deutschsprachigen Raum) in die Kirchen strömen, weckt schlimme Befürchtungen. Weihnachten 2020 wird anders gefeiert werden müssen. Vielleicht ja mit einem Krippenspiel auf den Straßen der Dörfer und Städte, mit Outdoor-Weihnachtsmärkten, dezentralen Adventssingen und kreativen Geschenkaktionen vor den Türen von Familien und Alleinstehenden?

Wie schon im Frühjahr wird es auch weiterhin auf die Kreativität der Haupt- und Ehrenamtlichen ankommen. Was an digitalen und analogen Verkündigungsformen erprobt wurde, kann verfeinert und strategisch zum Einsatz kommen. Dann können auch Advent und Weihnachten 2020 zu positiv besetzten Abweichungen von einer häufig in trögen Traditionen festgefahrenen Kirchennormalität werden.

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