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Nüchtern – Die #LaTdH vom 28. Juni

Kirchenmitgliedschaftszahlen zum Grausen und ernüchtern sowie 2 bis 3 Rezepte dagegen. Außerdem: Leuten auf die Füße treten, Widerspruch gegen Rom und schwarze Madonnen.

Die Rezeption der Kirchenmitgliedschaftszahlen steht andauernd unter dem Vorzeichen des Aktionismus und der Machbarkeit. Da muss man doch was gegen tun! […]

Stattdessen braucht es Stille im Sinne eines vertieften Nachdenkens – und Horchens: Was ist unser Auftrag in unserer Zeit? Eine solche Stille ist notwendig eine demütige Stille. Eine Demut, die zur Selbstentäußerung führt, nicht in Selbstbezüglichkeit verharrt.

Mit diesen Sätzen aus meinem Kommentar der Kirchenmitgliedschaftszahlen vom vergangenen Jahr (!) geht es frisch in die Bewertung der diesjährigen (Hiobs-)Botschaften aus den Statistiken der Kirchen:

Debatte

Zahlen

Alljährlich geben die beiden großen Kirchen ausführlich Auskunft über ihre Statistiken. Das ist nicht selbstverständlich, im Konzert der Religionsgemeinschaften in Deutschland sogar sehr selten. Denn an den Mitgliedschaftszahlen hängt ein nicht geringer Teil der gesellschaftlichen Bedeutung. Andere – vorneweg der „Zentralrat“ der Muslime in Deutschland (ZMD), der max. 1 % der Muslim*innen (ca. 20 000 Menschen) vertritt – geben sich eher selten die Blöße, die eigene Bedeutsamkeit durch Verweise auf die schmale Mitgliederbasis zu relativieren.

Die hiesigen röm.-kath. (Erz-)Bistümer in der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und die Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bringen es gemeinsam auf 43,3 Millionen Mitglieder (20,7 EKD, 22,6 röm.-kath.). Das entspricht 52 % der Gesamtbevölkerung (25 % EKD, 27 % röm.-kath.). Hinzu kommen auf dem Christentums-„Konto“ noch Frei- und Ostkirchen, von denen wir genauso wie für die weiteren Religionsgemeinschaften allerdings vor allem Umfragen als Datenanker zur Verfügung haben.

Die EKD verzeichnet 340 000 Verstorbene, die DBK 234 000 Bestattungen. Beide Kirchen tauften je ca. 160 000 Menschen. 25 000 Aufnahmen bei den Landeskirchen stehen 7 700 in der DBK gegenüber. Soweit ist das Bild bekannt und verändert sich von Jahr zu Jahr nur wenig, wenngleich natürlich teils erhebliche Veränderungen abzeichnen, wenn man größere Zeiträume betrachtet.

Heftig ist der Zuwachs bei den Kirchenaustritten, die in beiden Kirchen um ca. 20 % zugenommen haben. Das kommt nicht unerwartet, wie ich in meiner Kommentierung von diesem Jahr (!) geschrieben habe, ist aber doch ein herber Schlag ins Kontor.

Irrelevante Kirche? – Daniel Deckers (FAZ)

Für die FAZ kommentiert wie üblich Daniel Deckers: Wie er zu der Vermutung kommt, dass 2019 das Jahr der „Wende“ für die katholische Kirche hätte werden können, wo doch jede*r Beobachter*in klar sein konnte, dass die Reaktion auf die MHG-Studie zum Missbrauch sicher durchschlagen würde, bleibt sein Geheimnis.

Nun aber wird 2019 als das Jahr in die Annalen eingehen, in dem die Ahnung zur Gewissheit geworden ist: Die Erosion der Institution Kirche ist auch durch noch so ambitionierte Reformen nicht aufzuhalten, ja vielleicht ist sie nicht einmal mehr zu verlangsamen. Gegen den „Synodalen Weg“ als solchen spricht das nicht. Doch ob er je zum Ziel führt, ist einer wachsenden Zahl von Christen gleichgültig. Kirche ist für sie schon lange vor „Corana“ irrelevant geworden.

Eine kurze Google-Suche enthüllt, dass Deckers seit mindestens einem halben Jahrzehnt für die Kirchen schwarz sieht. Dafür ist dann doch Einiges in Bewegung gekommen. Positiv gewendet könnte man ja auch formulieren: Dem Auftrag des „Synodalen Weges“ wird durch die Statistik Dringlichkeit verliehen. Ihn in irgendeiner Weise für das Ergebnis verantwortlich zu machen, geht jedenfalls nicht. Durch eine Tagung in Frankfurt lässt sich nun wirklich niemand mehr von der Reformwilligkeit der röm.-kath. Kirche überzeugen.

Aufbruch tut not – Benjamin Lassiwe (Rheinische Post)

Protestantisch-frohgemut schaut hingegen Benjamin Lassiwe (@lassiwe) in die Zukunft. Die Zahlen zeigten die Notwendigkeit eines Aufbruchs an, zu der die Kirchen prinzipiell auch in der Lage wären:

[…] die Kreativität und den in der Corona-Krise gezeigten Mut zur Veränderung – den brauchen die Kirchen jetzt. Und zwar im Digitalen ebenso wie im Offline-Alltag. Schließlich hatte noch im vergangenen Jahr der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen darauf hingewiesen, dass die Kirchen zwar gegen sterbende Mitglieder nichts machen können. Gegen steigende Austrittszahlen und zurückgehende Taufzahlen allerdings schon.

Wozu es am Ende zwei Dinge braucht: eine neue Glaubwürdigkeit angesichts der diversen Skandale der letzten Jahre. Vor allem aber auch den Willen, Dinge grundlegend neu anzugehen. Und da kann es am Ende überhaupt nicht schaden, von den Erfahrungen aus der Krisenzeit zu lernen.

Es braucht also einen guten Mix aus Demut und mutigem Handeln. Doch was tun? Eine fixe Lösung gibt es nicht, es braucht definitiv mehrere Zugriffe nebeneinander.

Junge Menschen

Untersuchungen zeigen, dass vor allem junge Menschen im Alter von 20 bis 35 Jahren aus den Kirchen austreten. Was die Repräsentanz dieser demographischen Gruppe in den kirchlichen Gremien angeht, ist die EKD gut vorangekommen (wir berichteten), bei den pastoralen Angeboten muss nun aber endlich mal richtig losgelegt werden.

Fragt man bei den Verantwortlichen in den Kirchenleitungen, macht sich nach wie vor Ratlosigkeit breit. Dabei wissen wir inzwischen eine ganze Menge über junge Menschen und ihre Bedürfnisse. Wo bleiben also neue inklusive, zeitlich umgrenzte, diskursive und vor allem spirituelle Angebote, die jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen?

Aufs Radar der Menschen kommen – Emilia Handke (feinschwarz.net)

Ein weiteres Puzzleteil auf dem mühsamen Weg, Menschen wieder nahe zu kommen, die mit der traditionellen Kirchenlandschaft nichts (mehr) anfangen können, stellen „Kasualagenturen“ dar. Kaum ein Reformvorschlag wird in der Fläche so verachtet wie dieser, weil den Pfarrer*innen dräut, dass ihnen nun auch noch die Taufen, Trauungen und Beerdigungen genommen würden.

Doch so wie Emilia Handke (zuletzt mit den „Ostersteinen“ in der Eule) das auf @feinschwarz_net beschreibt, kann es funktionieren:

Das Konzept „Kasualagentur“ – der Name ist ein Reizwort und auch aufgrund seiner Codierung sicher nicht für eine solche Stelle geeignet – steht also für neue Zugangs- und Mitgliederkommunikationsformen. Er steht für die offensive Werbung für Kasualien und die Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen (z.B. Alleinerziehende), die wir über die Gemeinden nicht mehr oder nur sehr schwer erreichen. Er steht für die Vernetzung mit Pastor*innen, Kirchen und Gemeinden in der Region.

Aus Handkes Analyse der Fehler, die Kirche auf dem Feld der Lebenswende-Begleitung leider immer noch zu häufig macht, kann und muss man noch mehr lernen. Vor allem, da „Kasualagenturen“ wohl „nur“ etwas für westdeutsche Großstädte sind. Mehr Serviceorientierung wagen, bleibt ein Auftrag, auch wenn in der Region keine Kasualagentur gegründet wird.

Dass Pfarrer*innen z.B. durch multiprofessionelles Arbeiten in den Gemeinden von Verwaltungsaufgaben entlastet werden und so deutlich mehr Zeit und Kraft für Seelsorge, Kasualien und neue Ideen übrig haben, steht nach wie vor aus. Gabenorientierung hieße hier schlicht, Leute das machen zu lassen, wofür sie ausgebildet wurden.

Ernüchtert – Inke Raabe (inkeraabe.de)

Aus der Perspektive einer langjährigen Pfarrerin und Pfarrersfrau schreibt Inke Raabe (@bible_mcmimimi) über die Ernüchterung angesichts der immer weiter sinkenden Kirchenmitgliedschaftszahlen.

Wir haben es nicht geschafft, wir werden es nicht schaffen. Selbst wenn wir das Ruder noch mal gerissen bekämen und die Kirche aus ihrer behäbigen Verwaltungsmilde aufwachte, würde es doch nichts ändern. Selbst wenn es uns gelänge, noch fröhlicher zu glauben und noch brennender zu lieben: Ich glaube nicht mehr an die Zukunft der Kirche.

Nach der Lektüre will man sie in den Arm nehmen und dann auf all die jungen, toughen und kreativen Ehren- und Hauptamtlichen zeigen, die weder das Evangelium Jesu Christi noch die Gemeinschaft der Heiligen aufgegeben haben. Und ob die Anspielung an die Stuttgarter Schulderklärung passt, da es ja eigentlich nur um den Fortbestand einer Form von Kirche geht, wage ich zu bezweifeln.

Ja, gesellschaftliche Beteiligung verändert sich, das haben die Kirchen nicht allein für sich gepachtet. Es ist an den heute aktiven Kirchenleuten gelegen, darauf eine Antwort zu finden. Über neue Partizipations- und Mitgliedschaftsmodelle wird immer mal wieder nachgedacht, wo findet das Ausprobieren statt? Radikale Ideen werden wohl auch kaum von der Kirchenleitung finanziert werden. Hier muss man mal kreativ und „ins Offene“ eskalieren, statt sich an der Förderung für ein paar Kalenderjahre zu freuen. Venceremos!

Austherapiert. Plädoyer für eine palliative Ekklesiologie – Holger Pyka (Kirchengeschichten)

Ein Teil der Antwort ist sicher der Abbruch und das Bleibenlassen manches Bestehenden. Pastor Holger Pyka (@PastorPy) schreibt darum seiner Kirche (in anspruchsvoller Sprache) ins Gedächtnis, dass sie ja eigentlich Kompetenz für Sterbe- und Trauerprozesse genug mit sich führt:

Palliative Ekklesiologie kann die öffentliche Relevanz von Theologie, Spiritualität und christlichem Glauben deutlich machen, indem sie Vorbild ist für den würdevollen Abbau anderer verdienter und traditionsreicher Institutionen, die ihr Lebensende erreicht haben.

Dieses Potenzial hat allerdings deutliche Grenzen, denn: Palliative Ekklesiologie zieht ihre Motivation und ihre Begründung ultimativ aus dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Christus ist gestern und heute und auch in Ewigkeit derselbe. Dadurch verliert der Wandel der kirchlichen Organisationsformen trotz aller Trauer seinen Schrecken.

nachgefasst

Eine gute Nachricht: Alle Covid-19-Erkrankten, die sich rund um einen Gottsdienst einer freien baptistischen Spätaussiedler-Gemeinde in Frankfurt (Main) infiziert hatten, sind genesen. Wie der epd berichtet, waren mehr als 200 Personen positiv getestet worden, neun wurden in Krankenhäusern behandelt, davon eine Person auf der Intensivstation.

Diese Kirche brauche ich nicht! – Friederike Weede (BR)

Sehr kritisch und mit spitzer Feder betrachtet Friederike Weede (@FriederikeWeede) die Performance der Kirchen während der Corona-Krise. An einigen ihrer Beschwerden ist was dran: Irgendwann müssen wir mal detailliert über die Gründe reden, warum eben nicht alle Mitarbeiter*innen beherzt und kreativ zu Werke schritten. Verallgemeinerungen und Unterstellungen bringen uns aber nicht weiter und nützen den Kritiker*innen genau wie?

Ich jedenfalls brauche diese Kirche nicht, die schon im Mai diskutiert über wegbrechende Kirchensteuereinnahmen durch Kurzarbeit, wenn noch nicht einmal klar ist, wie wir heuer Weihnachten feiern werden und wer dann noch alles dabei ist. Die sich ernsthaft in theologischen Diskussionen verheddert über den Heilswert oder -unwert von Abendmahlfeiern unter Quarantänebedingungen, […]. Während manche nicht wissen, wie sie arbeiten gehen sollen, wenn keiner die Kinder hütet.

Buntes

Roma locuta, causa finita? Warum der Trierer Bischof jetzt Widerstand leisten muss – Thomas Schüller (feinschwarz.net)

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller (@tschueller61) ist bei den katholischen Bischöfen besonders beliebt. Sein Aufruf zum Widerstand gegen Rom auf feinschwarz.net sollte allerdings Balsam auf die Seele des ansonsten arg zerrupften Trierer Bischofs Stephan Ackermann sein. Schüller erinnert an die Verdienste des Bischofs um die Synodalität bei der anstehenden Strukturreform:

Aber im Unterschied zu den anderen deutschen Diözesen, in denen solche Beratungen und Entscheidungen zumeist in kurialer Selbstbeschränkung auf den Schreibtischen der bischöflichen Mitarbeiter sicher kompetent, aber doch letztlich ohne rechtlich wirksame und verbriefte Beteiligung der betroffenen Pfarreien getroffen werden, war es ein mutiger und zugleich wohltuender Schritt Bischof Ackermanns, in der kirchenrechtlich verbindlichsten Form einer Diözesansynode den sensus fidelium zu erfragen und in seine eigenen Entscheidungen einfließen zu lassen. Dafür gebühren ihm Respekt und Unterstützung.

Ackermann hat ja nicht allein in seinem Bistum aufgrund eines gegen die römischen Wände gedonnerten Reformplanes Stress (s. #LaTdH vom 1. Dezember 2019). Wobei man nach wie vor nicht sagen kann, ob ihn die Kritik an der radikalen Strukturreform aus dem Bistum oder das vatikanische Verdikt gegen diese Frucht (immerhin) einer Diözesansynode mehr zusetzt. Jedenfalls gelobte das Bistum Trier nun (Nach-)Besserung.

Ackermann steht als Missbrauchsbeauftragter der DBK auch sonst mitten drin im Sturm, der durch die röm.-kath. Kirche fegt. Z.B, weil er die vollmundigen Entschädigungs-Ankündigungen aus dem Herbst 2018 später relativierend einschränken musste (s. #LaTdH vom 12. Januar). Zuletzt hatte er jedoch mit einer neuen Vereinbarung zur Aufarbeitung zwischen der DBK und dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) auch einen Erfolg zu verbuchen, der allerdings ebenfalls noch von anderen Bischöfen vereitelt werden kann (s. #LaTdH vom 3. Mai).

Schwarz bin ich und schön – Volksfrömmigkeit als Impfstoff gegen Rassismus? – Nikodemus Schnabel (Deutsche Welle)

Pater Nikodemus Schnabel (@PaterNikodemus) ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem und schreibt für die Deutsche Welle über die Chancen der guten alten Volksfrömmigkeit bei der Bekämpfung von Rassismus in den Kirchen. Auch wenn man kritisch wird einwenden müssen, dass diese Frömmigkeit unter Christ*innen eben nicht mehr volxtümlich ist.

Es ist bemerkenswert, dass die wichtigsten Wallfahrtsorte Zentraleuropas eine Schwarze Madonna als Wallfahrtsziel beherbergen: [..] die von Altötting in Deutschland, […] sei es die Schwarze Madonna von Tschenstochau in Polen oder die auf dem Montserrat in Spanien, um nur einige wenige zu nennen. Diese hoch verehrten berühmten Wallfahrtsbilder und -statuen zeigen Maria und den Jesusknaben auf ihrem Arm als PoC, als People of Color.

Was ein Pfarrer erlebt, der sich mit der Fleischindustrie anlegt – Maria Fiedler (Tagesspiegel)

Maria Fiedler (@maria_fiedler) schreibt im Berliner Tagesspiegel über Pfarrer Peter Kossen, der gegen die entsetzlichen Umstände mobil macht, unter denen Arbeitsmigranten in der Fleischindustrie leben und arbeiten müssen.

Auch wenn die Arbeitsumstände kein Geheimnis sind, ist Kossens Öffentlichkeitsarbeit manchen ein Dorn im Auge. Früher, als er noch auf einer „repräsentativeren Stelle“ in der Kirchenhierarchie angestellt war, da hätte auch die Wirtschaft versucht, über seine Vorgesetzten Druck auf ihn auszuüben, sagt er.

Der Bischof war wenig begeistert. Seitdem er nicht mehr so wichtig ist, lässt man ihn laufen. Aber aus Kossens Sicht müssten sich die Kirchen viel deutlicher zugunsten der Arbeitsmigranten politisch positionieren. „Auch auf die Gefahr hin, dass man Kirchensteuerzahlern auf die Füße tritt.“

Ein guter Satz

„Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eine*r Prediger*in des Evangeliums, erfülle redlich deinen Dienst.

– 2. Timotheus 4, 5