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Die Pallischwester: Macht hoch die Tür!

Unsere Kolumnistin begleitet Menschen beim Sterben. Auf der Palliativstation werden Freude und Leid geteilt, so dass man fast denken könnte, jeden Tag sei Advent.

Seit ein paar Monaten nun arbeite ich als Krankenschwester auf einer Palliativstation. Wenn ich davon erzähle, bekomme ich von vielen Seiten die Rückmeldung, wie toll und mutig das doch sei. Dass alle glücklich sein könnten, dass es Menschen wie mich gebe, die es schaffen Menschen auf ihrem letzten Weg, kranke Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Wer heute Palliativstation hört, denkt sofort an Tod, an Leid, an Schmerz, an Trauer. Dabei ist es auf Palliativstation gar nicht so traurig. Wir lachen viel und wir weinen auch, wir schätzen die Freuden und tragen die Leiden. Auf Palliativstation steht meinen Kolleg:innen und mir stets neu unsere eigene Endlichkeit vor Augen. Wir stützen uns gegenseitig darin, und wenn es Angehörigen auf einmal auch bewusst wird, dann fangen wir diese auf, tragen sie durch ihre Trauer, begleiten auch sie.

Macht hoch die Tür

Warum kommt mir ein Adventslied in den Sinn, auch noch „Macht hoch die Tür“? Dazu eine kleine Begebenheit: Zwei Wochen vor dem ersten Advent, am Montag nach dem Volkstrauertag betrat ich am Morgen früh die Station. Wie jedes Mal wanderten meine Augen nach rechts in Richtung des kleinen Tischleins auf dem immer Blumen stehen, eine Madonnenstatue und mindestens eine Kerze.

An diesem Morgen standen dort drei Kerzen, und alle drei brannten. An diesem Morgen waren drei Verstorbene auf Station. Zwei von ihnen waren im Laufe des Sonntags schon gestorben: Eine 47-jährige Frau, die 10 Tage vorher gekommen war mit der Absicht, bei uns auf Station zu sterben. An einem behüteten Ort, an dem sie selbst und besonders ihre Familie aufgehoben und entlastet sind.

Die zweite Kerze brannte für einen 70 Jahre alten Mann, der sein Leben lang geraucht hatte. Bis 10 Stunden vor seinem Tod. Am Sonntagnachmittag durfte er in den Armen seiner Tochter und meiner Kollegin sterben.

Die dritte Kerze überraschte mich. Als ich am Abend zuvor nach Hause gegangen war, beschäftigten mich noch die zwei Verstorbenen des Tages und ich ging nicht davon aus, dass noch ein weiterer Patient sterben dürfte. Doch in den frühen Morgenstunden starb tatsächlich noch eine 83-jährige Frau, die am Vormittag des vorhergegangenen Tages den Wunsch geäußert hatte, sterben zu dürfen. Ihr Sohn war am Samstag noch da und ihre Tochter besuchte sie am Sonntag noch vormittags und noch einmal abends. Ich konnte Gott dafür danken, dass sie so schnell und ohne großes Leiden hatte gehen dürfen.

Jeden Tag Advent

Drei Verstorbene, drei Lichter, drei Kerzen. Jemand Unbedarftes kommt dann auch schon mal auf Station und fragt dann so ne Frage wie: „Ja, ist denn schon Advent?“ – wohl um die Stimmung etwas zu lockern.

An diesem Montag nach dem Volkstrauertag hörte ich diese Frage zum ersten Mal – und ich war ziemlich vor den Kopf gestoßen. Wie kommt diejenige dazu, so etwas zu sagen, hier auf Station? Diese Kerzen sind doch nicht einfach drei Kerzen im Adventskranz, die man halt anmacht, weil Advent ist. Diese drei Kerzen stehen für jeweils einen Menschen, um den getrauert wird, der gestorben ist. Ein Licht für die junge Mutter. Ein Licht für den geliebten Vater. Ein Licht für die nicht ganz wunschlose Mutter und Großmutter.

Gerade der Wunsch der 83-jährigen ließ mich nachdenken: Natürlich ist Advent! Hier auf Station ist jeden Tag Advent. Besonders an jenen Tagen, an denen jemand aufs Sterben wartet und darauf, ihrem Heiland gegenübertreten zu dürfen.

Neue Kolumne – Die Pallischwester

Unsere Kolumnistin arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Palliativstation. In unserer neuen Kolumne „Die Pallischwester“ berichtet sie von ihren Erfahrungen, ihren Erlebnissen und Begegnungen – denn auf Palliativstation ist viel Leben! Wir schützen die Privatssphäre von Patient:innen, Mitarbeiter:innen und Angehörigen durch eine weitgehende Anonymisierung der Personen und Orte.