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Die Pallischwester: Sterben und Glaube

Sterben muss nicht Leiden sein, Sterben kann auch Gnade sein. In der letzten Folge unserer Kolumne „Die Pallischwester“ berichtet unsere Autorin von der Rolle des Glaubens bei der Sterbebegleitung.

Vor einigen Wochen hatte ich ein Erlebnis: Eine Patientin, nennen wir sie Frau Günther, sagte mir morgens auf einmal völlig aus dem Blauen heraus „Ich glaube nicht mehr, dass es bei mir noch zu einem Wunder kommen wird.“

Ein Satz, auf den ich inzwischen nicht mehr antworten kann und will, den ich einfach im Raum stehen lasse. Ich setze mich zu der Patientin, bleibe eine Weile bei ihr, entweder spricht sie weiter oder sie schweigt. Diese schwieg. Frau Günther, die immer lustig war, viel gelacht hat. Die sich gefreut hat, wenn man ins Zimmer kam. An diesem Tag war sie ganz still, in sich gekehrt. An diesem Tag begann sie zu sterben.

Frau Günther war schon lange bei uns gewesen, wir haben sie durch so manche Höhen und Tiefen begleitet. Mit den Antidepressiva wurde die Verzweiflung geringer. Warum muss sie diese Erkrankung ertragen? Warum hat es ausgerechnet sie erwischt? Am einen Tag trauerte und klagte sie, dass das alles doch gar nicht mehr zu ertragen sei. An anderen Tagen klammerte sie sich an die Hoffnung auf Chemo und Bestrahlung und das daraus resultierende Wunder.

Am Ende hatten die Metastasen dann ihr Gehirn soweit beiseitegedrängt, dass sie halbseitig gelähmt war, nicht mehr ohne Schmerzen aufstehen konnte. Erst als sie ihre Getränke nicht mehr selbst zum Mund führen konnte, gab sie die Hoffnung auf ein Wunder auf.

Eine andere Patientin, nennen wir sie Frau Konrad. Ihre Zugehörigen nehmen mich auf dem Flur beiseite und fragen mich, ob ihre Freundin ihren Glauben verloren habe, warum es denn zu keinem Wunder komme. Denn wenn Frau Konrad doch nur ausreichend glauben und beten würde, dann würde Gott sich doch als gnädig erweisen und sie wieder heilen.

Mich hat diese Frage extrem wütend gemacht. Diese Unterstellung auf dem Flur: Du glaubst nicht richtig, also wirst du auch die Gnade Gottes nicht erfahren und wieder gesund werden. In dem Moment war ich einfach nur vor den Kopf gestoßen und konnte nicht antworten. Ich musste erstmal meine Wut wieder in den Griff bekommen. Denn bei allen Fragen und ganz besonders bei Glaubensfragen ist es wichtig, sachlich zu bleiben und nicht emotional zu werden.

Dieser Fall und diese Frage haben mir zu denken gegeben. Meine Antwort an die Freundin von Frau Konrad war schlussendlich, dass es ab einem bestimmten Punkt der Krankheit eine Gnade Gottes ist, den Kranken sterben zu lassen.

Wie der Satz von Frau Günther am Anfang zeigt, kann das Gebet und der Glaube dann tatsächlich auch in die Richtung gehen: „Bitte lieber Gott, befreie mich von meinen Qualen und lass mich gehen. Ich weiß, dass meine An- und Zugehörigen gut aufgehoben sind, und dass sie verstehen werden, dass es für mich nun das Beste ist, sterben zu dürfen.“

Leben und Gesundheit sind ein Geschenk. Sterben muss nicht Leiden sein, Sterben kann auch Gnade sein. „Ich glaube nicht mehr, dass es bei mir noch zu einem Wunder kommen wird.“ Ich antworte auf diesen Satz nicht mehr, sondern lass ihn nur im Raum stehen. Dieser Satz kann der Beginn des Sterbens sein.


Mit dieser Ausgabe endet unsere Kolumne „Die Pallischwester“, in der unsere Autorin Einblicke in ihre Arbeit auf einer Palliativstation gegeben hat. Alle „Pallischwester“-Ausgaben.

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