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Foto: Ben Wicks (Unsplash)

Einladen oder Hingehen?

Müssen sich Kirchengemeinden nicht auf den Weg zu den Menschen machen? Zwei Eltern diskutieren am Beispiel von Eltern und Kindern in der Kirchgemeinde über „Geh“-Kultur und „Komm“-Strukturen.

Philipp Greifenstein empfahl als eine von fünf praktischen Reformen für die Kirchgemeinde eine „Geh“-Kultur statt „Komm doch!“-Strukturen. Im Anschluss an diese Forderung wurde teils heiß diskutiert. Am Beispiel der Arbeit mit Kindern und Eltern nehmen Daniela Albert und er den Faden noch einmal auf:


Warum Eltern-Kind-Kreise noch immer zeitgemäß sind

Die Arbeit in Eltern-Kind-Kreisen, früher oft Spielkreise genannt, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Viele Jahre haben wir vor allem Angebote für Familien mit Kindern zwischen einem und drei Jahren gemacht. Oft blieben diese dann lange Zeit bei uns.

Heute sind die meisten Kinder jedoch mit zwölf Monaten bereits in einer Betreuungseinrichtung. Klassische Spielkreise werden nicht mehr nachgefragt. Und doch kann die Eltern-Kind-Arbeit noch immer ein Türöffner in die Gemeinde sein. Die Zielgruppe muss sich verschieben, weg von Kleinkindern – hin zu Familien mit Babys.

Daniela Albert

Daniela Albert (@dalbert79) lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Kaufungen bei Kassel. Dort engagiert sie sich seit vielen Jahren in der Eltern-Kind Arbeit ihrer Gemeinde. Sie ist Eltern- und Familienberaterin, Autorin, Referentin, macht gern Kinder, Küche, Kirche und bloggt auf www.eltern-familie.de.

Gerade junge Eltern sind bedürftig nach Austausch und Kontakten. Im ersten Lebensjahr mit Baby sind sie zwar nie allein, aber oft einsam. Besonders das Elternteil, das mit Kind zu Hause bleibt, wünscht sich in dieser Zeit einen Raum, um anderen Eltern zu begegnen. Natürlich ist das Angebot an Kursen und Gruppen heute reichhaltig, besonders in großen Städten. Doch viele Angebote sind zeitlich begrenzt, auf ein bestimmtes Thema ausgelegt und nicht selten teuer.

Eltern-Kind-Kreise können hier eine Alternative bieten. Ein offenes Angebot in den Räumlichkeiten von Kirchengemeinden kann für junge Familien zum Türöffner ins Gemeindeleben werden. Eine Voraussetzung, dass dies gelingt ist, dass der Teilnahme möglichst wenige Barrieren im Weg stehen. So finde ich es wichtig, dass die Gruppen weitestgehend kostenfrei bleiben.

Da gerade junge Eltern oft nicht garantieren können, dass sie jede Woche zur selben Zeit an einem Angebot teilnehmen, ist es zudem gut, wenn Eltern-Kind-Kreise auch zeitlich nicht begrenzt, also zum Beispiel nur acht Mal wie viele andere Babykurse, sondern fortlaufend stattfinden.

In den Eltern-Kind-Kreisen unserer Kirchengemeinde haben wir einen Raum geschaffen, in dem junge Eltern im Mittelpunkt stehen dürfen. Uns geht es darum, dass Mütter und Väter sich mit ihren Kindern bei uns willkommen fühlen, ganz gleich ob sie sonst in unsere Gemeinde gehen, einer anderen angehören oder gar nichts mit Glauben und Kirche am Hut haben.

Gleichzeitig möchten wir als Kirche aber sichtbar bleiben und zeigen, dass wir mit Jesus unterwegs sind. So orientieren sich unsere kurzen Inputs, die wir den Eltern und Kindern in jeder Stunde geben, am Kirchenjahr und wir singen auch christliche Kinderlieder mit unseren Familien. Hauptsächlich möchten wir den Eltern aber Ideen an die Hand geben, die sie mit ihren Kindern zu Hause auch umsetzen können und so stehen klassische Kniereiter, Fingerspiele, Tänze und Gekleckse mit Fingerfarben im Mittelpunkt.

Neben diesem Input legen wir viel Wert auf Austausch. Gesehen und gehört zu werden, mitzubekommen, dass die Themen, die einen gerade umtreiben, auch bei anderen auf der Tagesordnung sind und Antworten auf aktuelle Fragen finden – das sind Erfahrungen, die junge Eltern von Babys am Nötigsten haben.

Durch unser Angebot knüpfen viele junge Familien ihren ersten Kontakt zur Kirchengemeinde. Sie lernen unsere Räumlichkeiten kennen und sehen die Menschen, die dort haupt- oder ehrenamtlich tätig sind. Für diejenigen, die sowieso auf der Suche nach einer Gemeinde sind, öffnen sich so Türen und nicht wenige Familien bleiben uns auch darüber hinaus erhalten.

Doch wir haben auch beobachtet, dass Familien, die eigentlich nicht in die Kirche gehen, neugierig auf Glaubensfragen werden. In jedem Fall aber lernen sie uns so einmal kennen und dürfen uns als Menschen erleben, die ihnen einen offenen, warmen und geborgenen Ort bereitstellen.

Damit die Erfahrung wirklich positiv verläuft, ist es wichtig, dass motivierte Mitarbeitende verlässlich und kontinuierlich bereitstehen. Viele Gemeinden brauchen die Kapazitäten ihrer Hauptamtlichen jedoch in anderen Bereichen und können solche Angebote nicht zusätzlich abdecken. Bei uns wird der Bereich der Eltern-Kind-Arbeit komplett ehrenamtlich geschultert.

Oft sind es Mütter, die selbst gerade Kinder im entsprechenden Alter haben, die die Leitung eines Kreises für einige Zeit übernehmen. Nachfolgerinnen finden sich meist ebenfalls innerhalb von bestehenden Kreisen. Daneben haben wir einen festen Stamm von Ehrenamtlichen, die sich der Eltern-Kind-Arbeit seit vielen Jahren verschrieben haben und nicht nur eigene Kreise leiten, sondern auch den Überbau managen und weitere Veranstaltungen organisieren, wie Gottesdienste für Familien mit kleinen Kindern.

Der Lohn der ehrenamtlichen Tätigkeit ist natürlich ein gut laufender Eltern-Kind-Kreis, der sichtbar macht, dass sich der eigene Einsatz lohnt. Umso frustrierender ist es, wenn das einmal nicht klappt. Dass Kreise Durststrecken erleben und auf einmal nur noch wenig besucht werden, haben wir immer wieder erlebt. In solchen Situationen kommt es besonders darauf an, dass Ehrenamtliche Wertschätzung für ihre Tätigkeit erhalten. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass ein Kreis, der gerade noch leer war, innerhalb von wenigen Wochen auch wieder sehr gut besucht sein kann und dass es sich lohnt, dabei zu bleiben.

Damit die Arbeit in Eltern-Kind-Kreisen für Gemeinden nachhaltig zum Gewinn wird, sind jedoch auch Strukturen wichtig, die daran anknüpfen. Hier sehe ich vielerorts – auch bei uns – noch eine Baustelle. Oft fehlen Angebote für Familien mit Kleinkindern am Nachmittag. Hier ist es wichtig, sich an guten Ideen die es bereits gibt, wie zum Beispiel Winterspielplätzen, zu orientieren und eigene, gangbare Wege zu finden.

Ich finde, dass Gemeinden auch weiterhin zu sich einladen müssen, um besucht zu werden.

Milieugrenzen sprengen, bitte!

Gleich vorweg: Ich finde Eltern-Kind-Kreise und Krabbelgruppen und alle möglichen Veranstaltungen für Familien, die traditionell in Gemeindehäusern stattfinden, nicht schrecklich. Ich bin selbst zu einem guten Teil im evangelischen Gemeindehaus auf Kinderbibeltagen, in Christenlehre und Konfirmandenunterricht und vor allem in der Jungen Gemeinde aufgewachsen. Es hat mir nicht geschadet! (Glaub‘ ich.)

Ich gebe auch zu, dass Eltern-Kind-Kreise, wie sie Daniela Albert beschreibt, verlockend klingen. Wir hatten so etwas nämlich nicht. In unserer Kirchgemeinde gibt es ein solches Angebot nicht und auch wir konnten als Familie so etwas nicht anstoßen, auch der Unmengen an Seminarfahrten meiner Vikarsgattin wegen. Denn Daniela Albert hat Recht: Solche Angebote leben von der Verlässlichkeit.

Philipp Greifenstein

Philipp Greifenstein (@rockToamna) ist Mitgründer und Redakteur der Eule, außerdem auch Pfarrmann und Vater eines dreijährigen Kindes.

Als Mittel gegen die Einsamkeit haben wir den Austausch mit anderen jungen Menschen und Eltern vermisst. Die Kerngemeinde besteht hier wie anderswo eher aus Menschen im Großeltern-Alter. Unseresgleichen haben wir in der Stadt und in der Gemeinde erst richtig wahrgenommen, als wir unser Kind in die Kindergrippe gegeben haben.

Meine Trauer darum aber hält sich in Grenzen, wenn ich mir anhöre, was anderswo in solchen Gruppen läuft. Das ewige Vergleichen von Entwicklungsstadien, das Kreisen um die eigenen Empfindungen und Elternprobleme – das habe ich mir gerne erspart. Ich habe in dieser Zeit auch gelernt, wie hart gerade Mütter zu sich und anderen sein können. Davon brauche ich keine wöchentliche Dosis. Vielleicht braucht es gerade darum einen zwecklosen, aber nicht sinnlosen Ort neben PEKiP- und Babyschwimmkursen?

Doch selbst dort, wo mit großem Kraftaufwand von Haupt- und Ehrenamtlichen ein solches Programm für kleine Kinder und ihre Eltern realisiert werden kann, funktioniert eines nicht: Die Kirchenleute bleiben unter sich, Milieugrenzen werden nicht überwunden.

Der Erfolg des Engagements hängt, weitet man einmal den Blick, gar nicht so sehr am Einsatz der Mitarbeiter*innen vor Ort, sondern daran, dass die Zielgruppe heute eben nicht mehr automatisch kommt bzw. die Kirchgemeinde als Ort empfindet, nach ihren Interessen nachzufragen. Wo das (noch) der Fall ist, da funktionieren auch Kreise im Gemeindehaus. Und wo nicht, da laufen solche traditionellen Angebote ins Leere.

Die Ganztagesbetreuung von Kindern als Folge der Berufstätigkeit beider Eltern ist dabei ganz sicher ein Faktor, der vor allem in den alten Bundesländern immer noch neu ist. Im Osten, wo das alles seit Generationen selbstverständlich ist, spielt wohl die Entfremdung vom kirchlichen Setting eine größere Rolle.

In Städten gibt es viele Konkurrenzangebote, die mit cleverem Marketing auf sich aufmerksam machen. Häufig, indem sie an die Schuldgefühle junger Eltern appellieren („Nur nicht zurück bleiben!“). Im ländlichen Raum gibt es mit Großeltern und in der Nachbarschaft noch andere Unterstützungssysteme, so dass die Not der Kinderbeschäftigung als weniger groß empfunden wird. Die der Einsamkeit vielleicht umso größer.

Aus meiner Perspektive wäre es darum gut, sich Rechenschaft darüber abzulegen, wen man mit Eltern-Kind-Kreisen wirklich erreichen will: Sind es die Kinder oder die Eltern? Ich meine: Auch in Kinderkreisen verwirklicht sich christliche Gemeinde. Da braucht es keine Eltern zu. Deshalb finde ich es ermutigend, wenn Haupt- und Ehrenamtliche sogar in kommunale Kindergärten gehen und dort dezidiert christliche Angebote initiieren. Da sind dann zumeist auch Kinder dabei, deren Familien überhaupt keinen Kontakt zur Kirche pflegen, weil sie ins Sozialgefüge der Kirche schon lange nicht mehr hineinpassen.

Am neuen Wirkungsort meiner Frau lädt die Kantorin die Kinder eines städtischen Kindergartens zum gemeinsamen Schmücken des Weihnachtsbaumes und Liedersingen in die Kirche ein. Begonnen hat diese Tradition, als ihre Kinder die Einrichtung besuchten. Auch die „Geh“-Kultur lebt von persönlichen Kontakten im Lebensumfeld und einer Art Schicksalsgemeinschaft mit der Zielgruppe.

Die kommunalen Kindergärten stehen solchen Extraangeboten von anderen Akteur*innen, auch kirchlichen, in der Regel offen gegenüber. Es wird etwas geboten und für die Zeit des Kinderkreises sind die Erzieher*innen entlastet. Kindergärten bieten darüber hinaus wirklich geeignete Räumlichkeiten, das kann man leider von vielen Gemeindehäusern nicht (mehr) behaupten. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich aus einem monatlichen Angebot ja mehr? Gerade geht es in die Krippenspielsaison ..

Zugegeben, außen vor bleiben dabei die Eltern und ihre spezifischen Anliegen und Bedürfnisse, jenseits des guten Gefühls, das Kind / die Kinder gut aufgehoben zu wissen. Ich habe dafür keine perfekte Antwort, vermute aber, dass man mit Angeboten, die sich ganz ehrlich an Eltern, nicht an Familien oder eben Eltern und Kinder richten, besser läge. Ich habe auch als Vater mehr mitzuteilen als den aktuellen Entwicklungsstand meines Kindes.

Meine Bedürfnisse erschöpfen sich nicht in der Kinderpflege und im Familienleben. Mütter und Väter sind eben auch anderes als Eltern: Frauen und Männer mit Wünschen und (geistlichen) Nöten, die über das direkte Zusammenleben mit Kindern hinausgehen. Die haben wir als Kirche viel zu wenig im Blick. Wenn man Vater oder Mutter wird, dann gerät man ja nicht in einen neuen Stand der Heiligkeit – vielleicht hindern uns gerade die traditionellen christlichen Bilder der „heiligen Familie“ daran, das wahrzunehmen.

Einen Kreis für junge Väter im Gemeindehaus oder in der Kneipe könnt‘ ich jedenfalls besser gebrauchen, als eine Krabbelrunde.

Ein Kommentar zum Artikel

Thomas Berger-Holzknecht

Meiner Meinung nach ist die Kirche bzw. eine Gemeinde gut beraten, sowohl in der „Komm her“- als auch in der „Geh hin“-Dynamik zu leben. Dann kann ich mich fragen, welcher dieser Bereiche schon stark ist und welcher Entwicklungsbedarf hat.

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