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„Es geht uns um eine politische Haltung“

Das feministische Andachtskollektiv (fAk) gestaltet seit Beginn der Corona-Krise digitale Andachten auf Instagram. Was hat es damit auf sich?

Maike Schöfer (Twitter, Instagram) hat das feministische Andachtskollektiv (fAk) auf Instagram initiiert. Alle Mitwirkenden arbeiten gleichberechtigt und so ist sie auch nicht einfach „Sprecherin“ des Kollektivs. Ihre Antworten geben also ihre eigene Perspektive auf das fAk wieder.

Eule: Was macht das feministische Andachtskollektiv?

Schöfer: Das fAk ist ein Zusammenschluss von Personen, die sich selbst als feministisch und christlich beschreiben. Wir produzieren jede Woche eine Andacht als Instagram-Story auf einem der Accounts der Beteiligten. Das sind also feministisch-christliche Andachten, die ökumenisch sind und an denen man teilhaben kann.

Eule: Gibt es nicht schon genug Andachten, gerade auch online während der Corona-Krise?

Schöfer: fAk ist genau einen Tag nach dem „Lockdown“ entstanden, als sehr viele christliche Online-Angebote aufploppten – Gottesdienste, Andachten etc.. Ich habe darunter explizit feministischen Content vermisst. Da habe ich mir gedacht, dass muss man selbst machen und habe viele interessante, kreative Feminist*innen angesprochen, die ich über Instagram kennengelernt habe.

Eule: Was hat das mit Feminismus zu tun?

Schöfer: Wir wollen an Überzeugungen und Entwicklungen in der Kirche rütteln, die uns schwer im Magen liegen. Als ökumenisches Projekt geht es uns z.B. um die Priester*innenweihe, die Ehe für alle, einen offenen Umgang mit Sexualität. Wir sprechen geschlechterinklusiv und wollen nicht einfach männlich geprägte Gottesbilder reproduzieren, sondern stellen bewusst auch nicht-männliche Interpretationen vor, damit sich viele Menschen in unseren Texten und Gebeten wiederfinden. Es geht uns um eine politische Haltung. Das fängt schon bei unserem Arbeitsprozess als Kollektiv an. Bei uns geht es nicht bürokratisch und „lang-weilig“ zu.

Eule: „Kollektiv“ meint also zunächst den Arbeitsprozess? Wie läuft der?

Schöfer: Eine Person steuert den Arbeitsprozess eine Woche lang, alle tragen bei. Jede Woche ist eine andere Person dafür zuständig, die Andacht zu hosten. Auf dem Kanal dieser Person wird die Andacht dann am Sonntag präsentiert. Jede*r Host überlegt sich ein Konzept und auch Designvorlagen, und gibt in das Kollektiv Ideen hinein, was wir gemeinsam machen können. Zum Sonntag Jubilate haben wir z.B. Jubel-Fotos von uns gezeigt.

Kollektiv meint aber auch, dass wir aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen der Kirche stammen oder da bisher gar nicht mitgearbeitet haben. Wir haben verschiedene Stellungen innerhalb der Kirchen, z.B. als Pfarrer*innen oder Lehrer*innen, aber wir arbeiten in diesem Format gleichberechtigt zusammen. Das ist leider immer noch nicht selbstverständlich.

Eule: Eure Andachten finden bei Instagram statt. Dort muss man sich anmelden und gibt dabei persönliche Daten preis. Wie steht es um die Datensouveränität?

Schöfer: Teil unseres Projekts ist eine „Start-Up-Mentalität“, auch wenn ich das Wort gar nicht mag. Das heißt, wir haben nicht zuerst stundenlange Meetings abgehalten, um jeden Aspekt zu klären. Wir fangen einfach an und machen erstmal.

Wir sind auf Instagram, weil wir uns von dort her kennen, weil wir einander dort begegnet sind. Außerdem bringen wir dort natürlich unsere Communities mit, denen wir unser gemeinsames Projekt vorstellen. Und ein dritter Punkt ist ein technischer: Über die Instagram-Stories lassen sich ganz einfach Videos schneiden, es gibt Designvorlagen, Gadgets usw. Wir nutzen die Ressourcen, mit denen wir schon vertraut sind.

Eule: Eine Instagram-Story besteht aus Bildtafeln und/oder Videos, die nacheinander abgespielt werden. Wie sind eure Erfahrungen damit für das Andachts-Format?

Schöfer: Ein Lernprozess war sicher, mehr Beteiligung der Teilnehmer*innen zu ermöglichen. Unsere erste Andacht lud eigentlich nur zum Zuschauen ein. Da haben wir konstruktive Rückmeldungen bekommen und das dann gleich geändert. Jetzt rufen wir vor und während der Andachten zum Mitmachen auf, man kann Gebete, Fürbitten und Inspirationen beitragen. Dafür eignet sich die Story-Funktion sehr gut. Unsere Community weiß, dass Sonntag 10 Uhr die Andacht hochgeladen wird, und dass die meisten von uns dann auch live dabei sind.

Eule: Viele Leute werden bei Andacht irgendwie an einen Stuhlkreis um eine Kerze oder gestaltete Mitte denken. Und daran, dass man sich bewusst Zeit nimmt. Die einzelnen Bildtafeln und/oder Videos in den Stories fahren demgegenüber sehr zügig ab.

Schöfer: Jede Teilnehmer*in kann selbst entscheiden, wieviel Zeit sie sich für die Andacht nimmt, denn man kann die Andacht ja mit einem Daumenzeig anhalten. Man kann rausgehen und später wieder einsteigen. Generell schätzen wir aber die „Unverfügbarkeit“ des Story-Formats. Die Andacht findet eben zu einem bestimmten Zeitpunkt statt, auch wenn man sich die einzelnen Andachten auch nachher noch auf unseren Accounts anschauen kann.

„Wir nutzen ein neues Medium, um unsere Gedanken zu äußern.“ – das feministische Andachtskollektiv

Eule: Welche Rückmeldungen habt ihr in den vergangenen Wochen bekommen?

Schöfer: Es gibt Leute, die ganz positiv überrascht sind, dass feministische Themen bei Kirche offen diskutiert werden. Leute, die sich wieder überlegen in den Sonntagsgottesdienst zu gehen. Also alles in allem sehr positives Feedback. Wir freuen uns aber auch über Verbesserungsvorschläge und Wünsche aus der Community.

Eule: Mein Eindruck ist: Es gibt eine Kluft zwischen den feministischen Vorgänger*innen-Generationen, die nicht so digitalaffin sind, und Menschen, die feministische Themen gerne besprechen wollen, aber den Eindruck gewinnen, dass es das „bisher“ in der Kirche gar nicht gibt – eben weil es digital nicht dargestellt wird. Seht ihr euch als fAk da auch in einer Vermittler*innen-Rolle?

Schöfer: Klar, unsere feministischen Gedanken sind überhaupt nicht neu. Wir haben feministische Theologie auch nicht erfunden und sind natürlich inspiriert von der Arbeit, die schon geleistet wurde, und geben diese auch wieder. Wir sehen uns auch nicht als „neue Generation“, die alles besser macht, sondern ganz in der Tradition feministischer Theolog*innen. Wir nutzen halt ein neues Medium, um unsere Gedanken zu äußern.

Wo komme ich denn in Kontakt mit feministischer Theologie? Es gibt ab und zu mal eine Tagung, es gibt Verbände feministischer Theolog*innen in Deutschland und in Europa. Der Diskurs ist aber häufig sehr akademisch. Social Media hat einen anarchistischen Touch. Hier kann man sehr schnell Inhalte weitergeben und eine Community aufbauen. In meinem Studium bin ich erst zum Ende hin mit feministischer Theologie in Berührung gekommen, im Netz kann man auch sehr junge Personen erreichen.

Eule: Da hat die feministische Theologie ja das gleiche Problem wie die restliche akademische Theologie. Jenseits der Frage nach Wissenschaftskommunikation gibt es aber noch einen anderen Flügel feministischer Theologie in den Gemeinden und Kirchen. Ich denke an Frauenmahle, Weltgebetstags-Gruppen, überhaupt die kirchliche Frauenarbeit. Da gelingt die Zusammenarbeit über Generationen hinweg nur selten.

Schöfer: Ich weiß nicht, ob das ein kirchliches Phänomen ist oder ob wir das nicht auch bei anderen Vereinen und Gruppierungen sehen. Nachwuchssorgen gibt es überall. Einen Unterschied sehe ich darin, dass wir nicht in der binären Kategorisierung von Männern und Frauen denken. Wir haben auch nicht nicht-binäre Personen bei uns im Kollektiv. Wir vertreten also keinen frauenbezogenen Feminismus, sondern einen intersektionalen Ansatz.

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