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Bild: Montage Titelseite dieKirche mit Israel-Flagge, CC BY 2.0

„Es gibt auch bei Karikaturen fake news“

Der Evangelischen Wochenzeitung dieKirche wird wegen des Abdrucks einer Karikatur Antisemitismus vorgeworfen. Philipp Greifenstein hat mit dem Zeichner über seine Karikatur und die Vorwürfe gesprochen.

In der Evangelischen Wochenzeitung dieKirche erschien in der Ausgabe vom letzten Sonntag eine Karikatur des Künstlers Gerhard Mester, die ihm und der Redaktion den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte. Die Redaktion bedauerte in einem Statement die Veröffentlichung und Markus Dröge, der Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz (EKBO), der zugleich Herausgeber der Zeitung ist, zeigte sich in einer eigenen Stellungnahme entsetzt.

Wir haben beim Karikaturisten Gerhard Mester nachgefragt:


Eule: Herr Mester, wurde Ihnen in ihrer langen Schaffenszeit schon jemals der Vorwurf des Antisemitismus gemacht?

Mester: Ja, doch. Das ist eine ganz alte Geschichte, in der es um eine Karikatur von mir ging, die den US-Außenminister James Baker [Anm. d. Red.: Außenminister der USA von 1989-1992] mit dem Außenminister Israels Shimon Peres zeigte. In der Karikatur hatte Baker eine ganz kleine und Peres eine große Nase. Anhand der Nasenlänge wurde mir nachgewiesen, dass ich ein Antisemit sei.

Eule: Sind Sie denn ein Antisemit?

Mester: Glaub ich nicht.

Eule: Weil?

Mester: Antisemitisch ist ein völkischer Begriff und damit keine Kategorie für gut und böse. Ich denke, wir sind alle aus dem gleichen Stoff gemacht. Was die Leute aber daraus machen, wie sie sich verhalten, das ist Gegenstand von Kritik, aber nicht, dass jemand Araber oder Jude ist. Also, ich behaupte: Ich bin keiner.

Bild: Gerhard Mester

Eule: Wenn Sie sich die Karikatur jetzt anschauen, haben Sie da das Gefühl, Ihnen sei da eine antisemitische Karikatur durchgerutscht?

Mester: Nein, überhaupt nicht. Ich sehe nicht, dass ich „die Juden“ mit meiner Karikatur kritisiere, sondern eben die Politik von Netanjahu.

Eule: Die Kritik an der Politik von Netanjahu, besonders am Nationalstaatsgesetz, sollte im Zentrum der Kritik stehen. So habe ich es auch aus der Redaktion gehört. Jetzt habe ich als Betrachter ein Problem: Netanjahu ist der Mann am linken Bildrand, im Zentrum des Bildes steht aber ein großer Fisch mit geöffnetem Maul, auf dem „Juden“ geschrieben steht. Können Sie mit dieser Einschätzung etwas anfangen?

Mester: Das liegt nahe zu sagen, das sei der Kern der Karikatur, weil der Fisch einen großen Raum einnimmt. Ich halte das aber für falsch, denn es ist schon klar Netanjahu der Handelnde. Dem Fisch kann ich doch keinen Vorwurf machen, wenn er das Futter auch frisst, das ihm gegeben wird.

Meine Aussage, die ich treffen wollte – und ich bedaure, wenn das nicht rübergekommen ist -, ist eine Kritik an der konkreten Politik Netanjahus, die jüdische Staatsbürger gegenüber anderen Staatsbürgern bevorzugt. Das wollte ich zeigen und nichts anderes. Und das ist ja auch die Kritik der Araber und vieler linker und moderat-rechter jüdischer Abgeordneter.

Eule: Die Kritik am Nationalstaatsgesetz in Israel ist ja in der Tat sehr breit. Die Sorge einiger Kommentatoren hier in Deutschland bezog sich gar nicht so sehr auf die Kritik am Nationalstaatsgesetz – von der ich den Eindruck habe, dass sie allenthalben geteilt wird -, sondern auf die Verknappung, die ja jeder Karikatur innewohnt.

Mester: Verknappung im Sinne von Fokussierung ist wesentliches Stilelement von Karikatur. Vor allem aber auch die Übertreibung, Karikatur bedeutet im Wortsinne Übertreibung.

Eule: Die Gegenüberstellung von Juden und Arabern ist im deutschen Kontext insofern missverständlich, als dass wir aus den gesellschaftlichen Debatten der letzten Zeit ja wissen, dass viele Menschen unter „Araber“ schlicht „Muslime“ verstehen. Da wird doch nicht daran gedacht, dass in Israel mit Arabern ganz unterschiedliche Gruppen – Christen, Drusen, etc. – mitgemeint sind.

Mester: Das ist ein Schwachpunkt meiner Zeichnung, das muss ich so hinnehmen. Wenn sie dahingehend komplett korrekt sein hätte sollen, hätte ich alle Minderheiten einzeln mit dazu zeichnen müssen. Ich habe das zugespitzt, weil die Kritik am Nationalstaatsgesetz ja überwiegend aus dem arabischen Lager kam, weil ja das Arabische als Sprache vom Gesetz angegriffen wird. Aber ja, das habe ich zugespitzt auf das Gegenüber von Juden und Arabern. Das war mir auch bewusst, dass das Begriffe sind, die nicht auf einer Ebene liegen, weil Araber eine ethnische Zuschreibung ist und Jude auch ein religiöses Bekenntnis meint.

Eule: Aus der Redaktion habe ich gehört, dass sie im Arbeitsprozess versucht haben, antisemitische Stereotype zu vermeiden, die in anderen Fällen aufgefallen sind. Die langen Nasen z.B. …

Mester: Meine Nasen sind immer zu lang, das ist aber mein Zeichenstil, bei mir haben die Figuren immer lange Nasen. Außer die Personen haben tatsächlich sehr kleine Nasen, dann mach ich die beim Zeichnen noch kleiner. Aber im Schnitt sind die Nasen bei mir viel zu groß.

Eule: Mir ging es gar nicht um die Nasenlänge, sondern um antisemitische Codes, die ja z.B. in einer Karikatur von Dieter Hanitzsch in der Süddeutschen Zeitung zu finden waren. Da gab es ja vor nicht allzu langer Zeit einen Skandal und der Karikaturist arbeitet inzwischen auch nicht mehr für die SZ.

Mester: Ich fand den Skandal vollkommen übertrieben. Was man kritisieren kann: Es war eine wirklich schlechte Zeichnung, die hatte keine vernünftige Aussage, die war schwach. Ich hätte sie nicht gedruckt, nicht weil ich sie für antisemitisch halte, sondern für eine schwache Zeichnung. Die Ohren von Netanjahu z.B., für die Hanitzsch kritisiert wurde, sind doch eine Anspielung auf die Micky-Maus-Ohren-Frisur der Siegerin gewesen. Na ja, es war einfach eine grottenschlechte Zeichnung. Sagt ja auch der Hanitzsch.

Eule: Die Ohren sind ja ein gutes Beispiel: Jede Karikatur arbeitet ja mit dem, was die Betrachter vorher schon wissen oder zu wissen glauben.

Mester: Damit muss ich als Karikaturist arbeiten, sonst werde ich nicht verstanden.

Eule: Insofern läuft man dann schon Gefahr unverstanden zu bleiben, wenn man sich auf etwas bezieht, was gar nicht allgemein bekannt ist. Ihre Karikatur rechnet damit, dass es schon ein gewisses Vorwissen zum Nationalstaatsgesetz gibt.

Mester: Ja, klar. Ich kann natürlich nicht vorher eruieren, wie viel Prozent der potentiellen Leserschaft etwas damit anzufangen weiß. Für einen politisch interessierten Leser – die Zeichnungen sind ja meistens für Tageszeitungen gemacht – müsste es meiner Meinung nach verständlich sein.

Eule: Kann man denn israelische Politik mit einer Karikatur kritisieren oder ist das unmöglich?

Mester: Nein, muss man doch machen, oder? Ich meine, es wäre doch keinem Israeli damit gedient, wenn man sie außen vor ließe – das wäre auch eine Diskriminierung.

Eule: Es gibt schon Stimmen, die sagen: Kritik aus Deutschland an Israel braucht es nicht. Aus historischen Gründen, aber auch im Blick auf andere Länder oder Weltregionen. Israelische Politik spielt in deutschen Medien schon eine überproportional große Rolle, auch in Kirchenzeitungen.

Mester: Ich finde schon, dass uns das zusteht. Ich sage nicht, den Deutschen steht es zu Israel zu kritisieren. Aber wenn ich Karikaturist bin und mich zu politischen Themen äußere, dann werde ich doch nicht bestimmte Themen davon ausklammern. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es ist schon die Pflicht jedes Deutschen, egal ob ein, zwei oder drei Generationen nach dem Holocaust geboren, sich der Geschichte bewusst zu sein, und anzuerkennen, dass die Geschichte die Beziehungen heute und wahrscheinlich noch länger belastet. Und das muss ich mitdenken.

Bild: Gerhard Mester

Eule: Ich habe vor mir eine andere Ausgabe der Zeitung dieKirche auf dem Schreibtisch liegen, weil in ihr auch ein Text von mir erschienen ist [Anm. d. Red: „Neue rechte Geistlichkeit“, über die Recherche „Die Pfarrer der Neuen Rechten“]. In der ist eine Karikatur von Ihnen drin, mit der Sie Alexander Gauland von der AfD scharf für seinen „Vogelschiss“-Vergleich kritisieren. Entspricht das dem, was Ihnen zurzeit wichtig ist?

Mester: Sonst hätte ich es ja nicht gezeichnet. Klar, das ist für mich ein wichtiges Thema. Der Gauland weiß genau, was er macht. Das war schon eine sehr berechnende Grenzüberschreitung. Ich zeichne, was ich auch unterschreiben kann. Na, vielleicht ist mir das auch schon passiert, das ich mal eine Zeichnung gemacht habe und dann nachher gedacht habe: Das hätte ich nicht so zeichnen sollen, da war ich zu schlecht informiert.

Eule: Und als eine solche Grenzüberschreitung war ihre Karikatur nicht gedacht?

Mester: Nein. Und ich sehe die auch nicht.

Eule: Manchmal ist es ja so, dass im kulturellen Gedächtnis so Dinge drin liegen. Gibt es antisemitische Stereotype, auf die man unbewusst zurückkommt? Wie ist das in der Arbeit des Karikaturisten, denkt man da unterbewusst dran? Ist die Arbeit an einer Karikatur anders, die sich mit dem Judentum oder Israel beschäftigt?

Mester: Ja, ich hab ja inzwischen solche Erfahrungen gemacht und da bin ich natürlich vorsichtiger geworden. Das ging mir auch bei dieser Zeichnung durch den Kopf. Steckt da unbewusstes Ressentiment drin? Ich empfinde es nicht so. Vielleicht habe ich es schon, ich will die Möglichkeit gar nicht leugnen. Aber ich versuche, es aktiv zu vermeiden.

Ich habe mein Credo: Wir Menschen sind aus dem gleichen Stoff gemacht. Darum ärger ich mich auch darüber, wie die Flüchtlingsdebatte geführt wird. Es gibt Ressentiments gegen Juden oder gegenüber Zuwanderern, die da ständig bedient werden.

Eule: Eignet sich die Karikatur überhaupt in Zeiten, die so durch starke Polarisierung geprägt sind wie derzeit? Oder steckt da in der Karikatur schon Gefahr?

Mester: Wieso Gefahr? Das irgendwas veralbert wird, was eigentlich zu ernst ist? Karikatur ist ein Stilmittel, inhaltlich ist die Stoßrichtung ja die gleiche wie bei einem geschriebenen Kommentar. Ich arbeite mit Ironie, mit Verfremdung, mit Übertreibung. Aber ich halte mich für einen sehr moralischen Zeichner. Meine Zeichnungen sind oft nicht so lustig, sondern geprägt von meiner starken katholischen Moral. Ich finde, das hat natürlich seine Berechtigung auch auf diesem Wege Anteil zu nehmen am Zeitgeschehen.

Eule: Die Karikatur hat nicht ausgedient?

Mester: Wenn ich das sagen würde, wäre das ja absurd. Der große Vorteil von Karikaturen ist ja, dass schwerer Stoff auf eine relativ leichte Art rübergebracht wird. Wer will denn immer die Szenarien vom Klimawandel inklusiver aller Daten und Fakten sehen? Es ist auch für mich eine Therapie, wenn ich beim Zeichnen Dampf rauslasse und es ist vielleicht auch in der Rezeption etwas einfacher.

Es gibt auch bei Karikaturen „fake news“. Der Inhalt muss stimmen. Nicht in dem Sinne, dass es bis aufs letzte Iota genau nachweisbar ist, aber die Zusammenhänge müssen stimmen. Ich finde bei diesem Beispiel stimmen sie. Natürlich stimmt es nicht, dass Netanjahu Fischfutter verteilt. Aber, dass er jüdische gegenüber arabischen Israelis bevorzugt, das stimmt.

Gerhard Mester ist Karikaturist und lebt mit seiner Familie in Wiesbaden. Seine Zeichnungen werden in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht (u.a. Publik-Forum, Westfälische Rundschau & Neue Osnabrücker Zeitung). Mesters Karikaturen erscheinen auch als Bücher, zuletzt "Bruder Franz", St. Benno-Verlag, 2015.

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