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Flickenteppich – Die #LaTdH vom 29. Juli

Einen bunten Flickenteppich legen nicht nur die katholischen Bistümer in Sachen Abendmahl für konfessionsverbindende Ehepaare aus: Er taugt – einmal gewendet – als Idealbild einer friedlichen Gesellschaft.

Debatte

Der eine so, der andere so – Michael Brehme (SPON)

Die umstrittene Orientierungshilfe für den Umgang mit konfessionsverbindendenen Ehepaaren am Tisch des Herrn, die unter bestimmten Umständen die gemeinsame Eucharistie in röm.-kath. Messen ermöglicht, wird in den deutschen Bistümern höchst unterschiedlich umgesetzt. In Köln und bayerischen Bistümern will man gar nichts von den Neuerungen wissen, während 12 Bistümer sich für eine Einführung entschieden haben. Neun Bistümer haben sich noch nicht entschieden.

Wir haben die im Artikel aufgegriffenen Zahlen der dpa für euch visualisiert (auch als PDF zum Download und zum Teilen auf Facebook & Twitter):

Ein Sprecher des Bistums Osnabrück (grün) kommentierte die Einführung laut SPON so:

„Das, was in der Handreichung steht, ist bei uns schon seit vielen Jahren gelebte Praxis.“

Sollte das in Görlitz und Würzburg, ja, auch in Passau und Bamberg anders sein? Hier steht den Katholiken wohl auch innerhalb der Bistümer noch viel Streit bevor, wenn sich Gemeinden gegen die Entscheidung ihres jeweiligen Bischofs stellen. In den noch unentschiedenen Bistümern werden diese Konflikte sicher aufmerksam beobachtet. Bleibt für konfessionsverbindende Paare in ablehnenden Bistümern also nur die Fahrt in benachbarte Diözesen?

Kommunion-Streit: „Wie ein Intrigantenstadl“ – Thomas Schüller im Interview mit Britta Baas (Publik-Forum)

Britta Baas (@brittabaas) interviewt für die alt-ehrwürdige Publik-Forum (@publikforum) den auch ansonsten kleruskritischen katholischen Kirchenrechtler Thomas Schüller (@tschueller61). Der erdet die Debatte gleich gründlich:

[…] es gibt keinen ökumenischen Fortschritt, weil es keinen Konsens unter den Bischöfen gibt. Und das angesichts der Tatsache, dass schon lange eine gemeindliche Praxis existiert, in der evangelische Partner katholischer Christen sich durch ihren Glauben ermächtigt sehen, zur Kommunion zu gehen. Das ist vielerorts längst Realität. Es geschieht allerdings, ohne dass diese Praxis legitimiert und theologisch durchdrungen wurde.

Und zum bunten ökumenischen Flickenteppich (s.o.) meint Schüller:

Wir haben nun eine katholische Kleinstaaterei. Ich gehe zwar davon aus, dass es bei den Pfarrern in Deutschland keine großen Unterschiede gibt, wie sie mit dem Thema umgehen, dass sie also in ihrer großen Mehrheit evangelische Christen zur Kommunion willkommen heißen. Allerdings haben es jene Priester schwerer, deren Bischöfe ausdrücklich sagen: »Nein, in meiner Diözese darf ein evangelischer Partner, eine evangelische Partnerin nicht zugelassen werden, ohne dass er oder sie faktisch katholisch wird!« Man könnte einen Priester beim Bischof anzeigen, wenn er das duldet.

„Die Zerstrittenheit war selbst 1999 nicht so wie diesmal“ – Bischof em. Algermissen im Interview mit Regina Einig (Die Tagespost)

Der emeritierte Bischof Heinz Josef Algermissen aus Fulda (noch grau) sorgt sich im Interview mit der konservativ-katholischen Tagespost: So schlimm wie derzeit hätten sich die Bischöfe nicht einmal beim Streit um die Schwangerschaftskonfliktberatung 1999 gekracht. Überhaupt sorgt sich der ehemalige Bischof vor allem um die Einigkeit der Bischöfe und die Einheit der Kirche, an seiner kritischen Grundhaltung gegenüber der Orientierungshilfe und Abneigung des protestantischen Laissez-faire in Sachen Abendmahl lässt er keinen Zweifel:

Wir Bischöfe wissen genau, was strenge Ausnahme ist (Kanon 844), und was dann im Gewöhnungsverfahren auch des ökumenischen Partners zum Regelfall wird. Immer wieder haben evangelische Christen mir gesagt: Wir kennen nur die allgemeine Einladung zum Abendmahl – sogar an Nichtgetaufte, was ein Widerspruch in sich selbst [ist]. Diese Fehlentwicklung kann natürlich sehr leicht überschwappen. Meine Angst ist, dass wir, wenn wir die Tür einen Spalt weit öffnen, [sie] nicht mehr schließen können.

Eine Mitschuld am Streit der Bischöfe gibt Algermissen auch dem Vatikan, der es in den letzten 20 Jahren nicht vermocht habe, sich deutlich zu positionieren. So sei den Bischöfen nichts anderes übrig geblieben, als in der kurzen Frist des vergangenen Jahres zu einem Kompromiss zu kommen. Zeit ist relativ, besonders in der katholischen Kirche.

nachgefasst

#MeTwo – Migranten berichten über Diskriminierung

Im Anschluss an den bedauerlichen Rücktritt Mesut Özils aus der Fußballnationalmannschaft der Männer teilen auf Twitter unter dem Hashtag #MeTwo (auch ohne Anmeldung lesbar) Menschen mit vor allem türkischem Migrationshintergrund diskriminierende Erlebnisse aus ihrer Biographie. Ihre Geschichten beweisen: Rassismus war nie weg und wurde nicht erst von der AfD erfunden, wohl aber in erheblichem Ausmaß wieder salonfähig gemacht. Hier haben Deutsche ohne (sichtbaren) Migrationshintergrund viel zu lernen!

Israeltheologie auf Abwegen. Irritierte Anmerkungen zu Joseph Ratzinger – Benjamin Bartsch (y-nachten)

Auf dem jung-hippen katholischen Theologie-Blog y-nachten (sprich: why-nachten, @ynachten) setzt sich Benjamin Bartsch kritisch mit den neuesten Einlassungen des emeritierten Papstes Joseph Ratzinger zum christlich-jüdischen Verhältnis auseinander. Reißt der Emeritus hier (möglicherweise unabsichtlich) ein, was Jahrzehnte jüdisch-christlichen Dialogs an erfreulicher Geschwisterlichkeit gebracht haben? Und welche Rolle spielt der für die Veröffentlichung verantwortliche Kardinal Kurt Koch, der auch in einen anderen Fall röm.-kath. Antisemitismus‘ verwickelt ist (s. #LaTdH vom 15. Juli)?

Es lässt mich erstaunt und ratlos zurück, dass der Präsident der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum diesen Aufsatz Ratzingers für einen potentiell positiven und weiterführenden Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog hält. Sollte das so sein, stünden wir nicht weniger als einer kompletten Kehrwende der katholischen Kirche im jüdisch-katholischen Gespräch gegenüber, die ein verheerender Rückschlag wäre.

Buntes

Wer denkt anders? Rechte Christen in Bautzen – Nils Husmann (Chrismon)

Ein weiterer Text der beliebten Gattung „Reisereportage (eines Wessis) in das braune Sachsenland“. Immerhin tappst Autor Nils Husmann (@husmannismus) nicht in die gängige Falle, allein die Rechten beklommen zu Wort kommen zu lassen, die man tief im Osten ohnehin anzutreffen erwartet hat. Vielmehr bietet sich in und um Bautzen ein widersprüchliches Bild, das der Autor in seiner Reportage abzubilden versucht.

Dabei ist vielleicht weniger von Bedeutung, wer nun tatsächlich für die Mehrheit der Bevölkerung spricht, sondern wer sich auf die Seite des Evangeliums™ stellt und nicht nur meint es auf der seinen zu haben. In der Ev.-luth. Landeskirche Sachsen (EVLKS) braucht es endlich weniger Herumlavieren, wie das des zuständigen OKR in Sachen Evangelischer Schulstiftung, und mehr reflektierte Pfarrer_innen wie Christian Tiede von der Bautzener Kirchgemeinde St. Petri:

Bevor er nach Bautzen kam, lebte Tiede mit seiner ­Familie zehn Jahre in Manchester, in einer Straße, in der Menschen aus mehr als zehn Nationen wohnten. „Ich ­kenne die Probleme und Herausforderungen, die Multi­kulti mit sich bringt. Ich weiß, was für Mühen es kostet, sich zu verständigen.“ Der Pfarrer macht eine Pause, sagt dann: „Man kann in der Bibel alles Mögliche deuten, aber ich ­finde, es gibt eine Grenze: Nächstenliebe gilt eben nicht nur für den un­mittelbaren Nachbarn, sondern auch für die, die zu lieben eine Herausforderung ist.“

„Wir sind nicht angetreten, um Kirchen zu füllen“ – Christian Rost (Süddeutsche Zeitung)

Ein weiteres Beispiel für die „Kirchenuntergangsstimmung-plastisch-erfahrbar-machen“-Artikel, die sich besonders rund um die jährliche Veröffentlichung der Kirchenmitgliedschaftszahlen mehren (über die aktuellen Zahlen berichteten wir kurz auf Twitter, auch ohne Anmeldung lesbar). Allerdings finden sich in diesem bemerkenswerten Bericht aus dem Bistum Augsburg (rot, s. oben) geradezu radikale Sätze des zuständigen Bischofs Konrad Zdarsa, der sich seinen Mut offensichtlich gut einteilen muss:

„Wir sind nicht angetreten, um Kirchen zu füllen“, sagte er mit Blick auf die hohen Austrittszahlen und das damit verbundene Wehklagen. Sein Eifer bestehe darin, „Menschen in eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus“ zu bringen. Ob für die Glaubenspraxis eine Kirche zwingend notwendig ist? „Wenn unsere Kirchen nicht mehr dazu dienen, wenn wir sie dazu nicht mehr oder nur ganz sporadisch aufsuchen, dann sollten wir uns davon trennen und sie irgendeiner Treuhand übergeben“, sagte Zdarsa. Es sei für ihn nicht zu verantworten, „mit großem finanziellen und materiellen Aufwand allein steinerne Gebäude zu erhalten, wenn sie nur noch einer regionalen, kunsthistorischen, rein menschlichen Tradition zur Verfügung stehen“.

Bibel

Women of the Bible say #MeToo – Ruth Everhart (The Christian Century, englisch)

Ruth Everhart (@rutheverhart) ist eine der vernehmlichsten Stimmen hinter #ChurchToo, dem Kirchenableger der Bewegung gegen Sexismus #MeToo. (In der Eule haben wir im Januar einen Text Ruth Everharts in deutscher Übersetzung veröffentlicht.) Für das Magazin Christian Century hat sich Everhart mit den #MeToo-Geschichten biblischer Frauengestalten auseinandergesetzt:

Christians know the importance of story because our sacred texts communicate through story, and some of those are about the suppression and abuse of women. […] To hear the women’s cries and learn their stories is to honor each one as a beloved child of God. Their stories can be mined for glimmers of hope, as precious as gold ore, or read as cautionary tales, warnings about what happens when the powerful become corrupt and the vulnerable are silenced.

Predigt

Statt Predigten gibt es Musik auf die Ohren:

I’ll Follow Your Trail – Sean Rowe (Youtube)

Ein tiefer Song über Elternschaft für laue Sommerabende auf dem Balkon:

I didn’t know I was lookin‘ for you / I didn’t know there was something to find / Tomorrow you won’t fit in yesterday’s shoes / And I’m tryin‘ so hard to rewind

Fazıl Say interpretiert seine Komposition Black Earth am Klavier in der Alten Oper Frankfurt (Main), Foto: Screenshot Youtube

Black Earth – Fazıl Say (hr-Sinfonieorchester, Youtube)

Musik, die zu schade ist, um nebenher gehört zu werden und ein Beispiel dafür, was europäisch-orientalische Befruchtung hervorbringen kann.

Halaila – Adar (Youtube)

Einen richtigen Sommerhit hat die jüdische Kombo Adar vorgelegt: Jedenfalls ist das recht irrer Ethnopop, zu dem getanzt werden kann, bis jemand das Licht ausmacht.

Ein guter Satz

Philipp Greifenstein

Philipp stammt aus Dresden, wohnt in Lutherstadt Eisleben und ist bei uns für die Artikelplanung zuständig. Außerdem schreibt er die Kolumne Unter Heiden. Philipp führt seinen eigenen Blog und ist als @rockToamna auf Twitter.

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