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Go or No-Go? – Die #LaTdH vom 10. April

Haben queere Menschen in der katholischen Kirche eine Zukunft, die kein Gnadenbrot ist? Außerdem: Ein bischöfliches Vergehen, Missbrauchs-Aufarbeitung und People of Color.

Herzlich Willkommen!

Bei uns geht es heute um besonders interessante Menschen: Ich stelle Ihnen Elke Spörkel vor, die nun in Rente geht. Bisher hat sie 26 Jahre als evangelischer Pfarrer gepredigt und sich dann als Trans-Frau geoutet. Rund um das Thema trans, queer, non-binär gab es einige Neuigkeiten diese Woche. Deshalb lesen Sie auch von Theo Schenkel, der weiterhin als Religionslehrer im Erzbistum Freiburg unterrichten darf, obwohl er sich ebenfalls als queer geoutet hat.

Ebenfalls geoutet, aber gegen ihren Willen, wurde eine Frau, die Opfer von sexualisierter Gewalt durch einen Priester wurde, und das ausgerechnet vom Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz Bischof Stephan Ackermann (Trier).

Außerdem haben wir einige Hör- und Guck-Tipps, die sich nicht nur an einem verregneten Sonntag lohnen.

Eine gute Woche wünscht
Jacqueline Depta

PS: Die #LaTdH und das Angebot der Eule werden von den Leser:innen selbst ermöglicht! Die Eule ist ein unabhängiges Magazin und erhält keine Unterstützung von Kirchen oder Religionsgemeinschaften. Werden Sie Eule-Abonnent:in! Ab 3 € im Monat sind Sie dabei.


Debatte

Nicht erst seit der Aktion #OutInChurch im Januar (wir berichteten) und der dazu gehörigen Dokumentation „Wie Gott uns schuf“, bei der sich mehr als 100 Mitarbeiter:innen der katholischen Kirche als queer, trans und homosexuell geoutet haben, ist das Thema bei den Kirchen präsent. Und trotzdem liest und hört man seitdem gefühlt öfter von Menschen, die sich outen und Gremien, die sich mit dem Themenkomplex auseinander setzten. Ein kleiner Einblick in den aktuellen Stand soll hier folgen:

Erzbistum Freiburg: Transmann darf katholische Religion unterrichten – Inès Plume (SWR)

Wir starten gleich mit einer guten Nachricht: Der Transmann Theo Schenkel aus Waldshut darf katholische Theologie unterrichten. Das hat das Bistum Freiburg diese Woche entschieden. Schenkel ist einer der Mitarbeiter:innen, die sich in der ARD-Dokumentation geoutet haben.

Für die Erzdiözese war es eine heikle Entscheidung und vor allem eine Einzelfallentscheidung, wie Generalvikar Christoph Neubrand betont. „Also der wichtige Punkt für uns war, dass einfach durch und durch spürbar ist, dass Theo Schenkel mit Leib und Seele Religionslehrkraft werden will. Er brennt für dieses Thema“. Dass Theo Schenkel im Religionsunterricht Wissen vermitteln will, sei der ausschlaggebende Punkt für die Kirche bei ihrer Entscheidung gewesen. Ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel sei dies aber nicht.

Und genau das bedauert Theo Schenkel an der Entscheidung. Zwar freue er sich darüber, dass er nun Sicherheit habe und in Zukunft Religion unterrichten dürfe, doch der Weg sei noch weit. In dieser Woche hatten sich Teilnehmende der bundesweiten Aktion #OutInChurch und Mitglieder der Initiative „Katholisch ohne Angst“ mit dem Freiburger Erzbischof Stephan Burger und Generalvikar Christoph Neubrand getroffen. Sie haben sich über die Erfahrungen ausgetauscht, die queere Mitarbeitende in der Kirche machen, außerdem ging es um das Engagement in den Initiativen.

Non-binär und trans in der katholischen Kirche – Till Opitz (Deutschlandfunk Nova)

Mara Klein ist Mitte 20 und eine von 230 Menschen, die beim sogenannten Synodalen Weg der katholischen Kirche mitmachen. Mara ist trans und non-binär. In dem Podcast „Eine Stunde Liebe“ von Deutschlandfunk Nova (@dlfnova) spricht sie/er mit Moderator Till Opitz über ihre/seine Arbeit beim Synodalen Weg. Mara beschreibt die Arbeit als Wechselbad der Gefühle, man begebe sich auf einen langen Weg:

„Grundsätzlich ist die katholische Kirche queer- und frauenfeindlich.“

Und trotzdem hilft Mara der Glaube gegen Widerstände zu kämpfen. Im Moment studiert sie/er katholische Theologie und zweifelt dabei auch immer wieder an den Wiedersprüchen der Verkündigung und dem gleichzeitigen Ausschluss von Menschen aufgrund ihrer Sexualität.

Queer in der katholischen Kirche? Gespräch mit der Initiative Out in Church – (Radio Corax)

Apropos #OutInChurch: Das freie Radio im Raum Halle Radio Corax (@radiocorax) hat ein Interview mit Jens Ehebrecht-Zumsande (@ZumsandeJens) veröffentlicht. Er ist Theologe, Gemeindereferent in Hamburg und Mitglied der Initiative #OutInChurch. Er sagt, dass die Initiative durchaus zuversichtlich ist, dass es in Fragen des kirchlichen Arbeitsrechts dieses Jahr große Veränderungen geben kann.

Vom Pfarrer zur Pfarrerin – Manuel Rees (WDR Doku)

Elke Spörkel ist eine außergewöhnliche Frau: Deswegen gibt es auch diese Dokumentation über sie. Jetzt geht die evangelische Pfarrerin in Rente und das wollen wir zum Anlass nehmen noch einmal über sie zu berichten. 26 Jahre lang predigte Spörkel als Pfarrer Hans-Gerd in der Gemeinde am Niederrhein, bis er sich traute, sich so zu zeigen, wie er sich schon seit seiner Kindheit fühlt: Als Frau.

Am 50. Geburtstag träumt – damals noch Hans-Gerd – von seinem Grabstein und sieht den männlichen Vornamen darauf. „Da dachte ich, das ist nicht meine Lebensgeschichte“, sagt Spörkel in diesem Text der WELT gegenüber. Wie viel Kraft sie die Flucht nach vorne kosten würde, hatte sie unterschätzt:

„Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich wusste nicht, bleibt die Ehe aufrecht, wie entwickelt sich die Beziehung zu den Kindern, kann ich beruflich weitermachen. Irgendwann sagt der Körper dann: Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr.“ Selbstmordgedanken. Auszeit. Dann das Outing vor der versammelten Gemeinde.

Nach einer gescheiterten Ehe und sieben Kindern verliebt sich die Pfarrerin neu und heiratet eine Lehrerin. Wie sie diese Brüche in ihrem Leben und die damit verbundenen oft schwierigen Situationen gemeistert hat, das zeigt die WDR-Doku „Vom Pfarrer zur Pfarrerin“. Ein Videotipp der neben dem privaten Umbruch auch das Gemeindeleben beleuchtet. Und zu guter Letzt hat die Rheinische Post einen Artikel zum Start in die Rente über Elke Spörkel geschrieben (€), in dem sie über ihr Leben und ihre Entscheidungen resümiert.

nachgefasst

Laien-Beteiligung an Bischofswahl: Warten statt schneller Reform – Roland Müller und Christoph Brüwer (katholisch.de)

Es dauert mal wieder bei der katholischen Kirche: Im Februar hat der Synodale Weg sein erstes Handlungspapier verabschiedet. In „Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs“ wurden Weichen gestellt, wie Laien bei der Wahl eines neuen Bischofs mehr beteiligt werden können, doch seitdem ist (fast) nichts passiert.

Roland Müller (@roland_molitor) und Christoph Brüwer (@chrisbruew) haben für katholisch.de bei den Bistümern nachgehakt. Das Ergebnis: Kaum ein Bistum kann sagen, wann mit der Umsetzung des Handlungspapiers begonnen wird. Nur das Erzbistum Paderborn hat angekündigt, dass eine Arbeitsgruppe im Sommer einen Vorschlag für eine Regelung erstellen soll. Im Handlungstext wird eine Musterordnung gefordert, bei der zunächst unklar war, wer diese erstellen soll. Nun solle sich die Rechtsabteilung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) darum kümmern.

„In den nächsten Monaten wird daran gearbeitet. Eine Zeitperspektive können wir im Moment nicht nennen“, sagte eine DBK-Sprecherin auf Anfrage. Viele Bistümer wollen diese Mustervorlage nun zunächst abwarten, bevor sie weitere Schritte gehen.

Ein weiterer Knackpunkt bleibt die Umsetzung an sich: Kritiker wie der Tübinger Kirchenrechtler Bernhard Sven Anuth (@AnuthBernhard) bezweifeln, dass der Vatikan eine größere Mitsprache von Laien bei der Bischofswahl überhaupt zulasse:

Eine Lösung dieses Dilemmas von der noch zu erstellenden Musterordnung mit den Mindestkriterien des Handlungstextes zu erwarten, ist aus Anuths Sicht „kirchenrechtlich naiv“.

Die Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel sieht das nicht so negativ und meint, dass das päpstliche Geheimnis nicht verletzt werden würde und auch für Laien gelten könnte. Im Großen und Ganzen, so resümieren die Autoren, gäbe es noch viele Unklarheiten bei der größeren Einbeziehung von Laien in die Wahl eines neuen Bischofs. Und wieder heißt es auch an diesem Punkt für Katholiken: warten.

Bischof outet Betroffene – Annette Zoch (Süddeutsche Zeitung)

Das nennt man wohl einen richtigen Fehltritt: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann nennt den Klarnamen eines Opfers von sexualisierter Gewalt durch einen Priester vor den Mitarbeiter:innen seines Bistums. Besonders heikel daran ist, dass die Betroffene auch für das Bistum arbeitet. Viele Anwesende kennen die Frau also, die gegen ihren Willen geoutet wird. Und das vom Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz. Man müsste meinen, dass gerade ihm so etwas durch seine Arbeit als Missbrauchsbeauftragten nicht passieren dürfe.

Seine Begründung soll viele Zuhörer [bei einer digitalen Anhörung, Anm. der Autorin] entsetzt haben: Wenn jetzt schon offen über Namen gesprochen werde, dann nenne er auch den Namen der beteiligten Person, soll Ackermann gesagt haben. Zudem sei Weißenfels‘ bürgerlicher Name vielen Menschen im Bistum bekannt.

Die Frau, von der Bischof Ackermann spricht, ist unter dem Pseudonym Karin Weißenfels bekannt und kämpft seit Jahrzehnten dafür, dass das ihr angetane Unrecht aufgearbeitet werde, so ihr Anwalt. Der Bischof hat nun eine Unterlassungserklärung unterschrieben. Wenn er noch einmal den Klarnamen der Frau nennt, droht ihm eine Geldstrafe.

Dlf-Religionsexpertin Florin: „No-Go für einen Missbrauchsbeauftragten“

Den ganzen Vorfall analysiert auch Christiane Florin (@christianeflori) im Deutschlandfunk, inkl. der ausführlichen Vorgeschichte, die für alle interessant ist, die mit dem Fall bisher nicht vertraut sind. In der Sendung (15 Minuten) kommt auch die neue UBSKM Kerstin Claus (s. #LaTdH von letzter Woche) zu Wort.

Florin berichtet von dem langjährigen (Rechts-)Streit der Betroffenen mit dem Bistum Trier und auch von den Ergebnissen langfristiger Recherchen, die sich selbst schon wieder über Jahre hinziehen. Die Klarnamen-Nennung durch Bischof Ackermann ist nur das letzte Kapitel einer bedenklichen Geschichte.

Skandal um früheren Dompastor: „Täter wie Abramzik gibt es überall“ – Benjamin Lassiwe (Bremer Nachrichten)

In Bremen war Günter Abramzik Anfang der 1970er Jahre angesehener Domprediger, war per Du mit dem Bürgermeister und hat den Jugendlichen, der in diesem Artikel Peter B. genannt wird, sexuell missbraucht. B. berichtet von seinen Erfahrungen, seiner schlechten Schullaufbahn und wie er sich bei Abramzik akzeptiert und gut aufgehoben gefühlt hat.

Benjamin Lassiwe (@lassiwe) beschreibt eindringlich was der damals jugendliche erlebt hat:

„Wenn ich die Schule geschwänzt habe, ging ich zum Haus am Markt, stieg in sein Dachzimmer hinauf, konnte lesen oder schlafen, konnte mich auch in seine große pornografische Sammlung vertiefen, bis er nach Hause kam. Nach dem Geschlechtsverkehr aß ich mit ihm und seiner Frau am Tisch.“

Lassiwe schreibt auch, dass diese Geschichte zu Studienergebnissen passe, wonach die Gründe für sexuellen Missbrauch in der evangelischen Kirche andere seien als in der katholischen Kirche. Bei den Evangelischen sei es nicht der Zölibat und ein verklemmter Umgang der Kirche mit Sexualität, die den Missbrauch begünstigten. Vielmehr sei es die sexuelle Befreiung der 60er- und 70er-Jahre, die eine falsch verstandene Modernität und organisierte Verantwortungslosigkeit förderte, die den sexuellen Missbrauch begünstigte.

Buntes

Der weiße Jesus der Herrschenden – Kirsten Dietrich (Deutschlandfunk Kultur)

Sarah Vecera spricht in diesem Interview über ihr Buch „Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus“. Gleich im Vorwort ihres Buchs wird klar, für wen sie es geschrieben hat: Nämlich „für all die, die in der Kirche Schmerz erfahren mussten, obwohl ihnen das Gegenteil versprochen wurde“.

Vecera erklärt, wie Jesus auf so gut wie allen Darstellungen, die wir kennen, weiß ist, obwohl er das nach heutigem Wissen nicht war. Man wollte symbolisieren, dass Jesus ein Herrscher war und hat ihn so ähnlich wie Zeus dargestellt. Und auch in der Kolonial- und NS-Zeit kam das Bild eines weißen Jesus gelegen, so Vecera. Trotzdem seien People of Color (PoC) in der Kirche und in ihren Darstellungen präsent:

Wir helfen so gerne, deswegen sind Menschen of Color schon auch sichtbar in unserer Kirche, auf Fair-trade-Produkten, auf Spendenplakaten, in unseren Fürbittengebeten, in der Diakonie – sie sind eben als Hilfsbedürftige willkommen. Ich sehe aber kaum Menschen of Color, die wirklich auch Kirche mitgestalten, die repräsentiert werden in bildlichen Darstellungen, als Mitgestalter in Leitungsgremien, im Pfarramt selbst, da kommen sie eben weniger vor.

Sarah Vecera spricht vom wohlmeinenden Rassismus, der in der Kirche herrsche. Den vergleicht sie mit einem Autounfall, bei dem man sich erst einmal um die Verursacher kümmere, statt um die Opfer. So sei es auch in der Kirche. Am Ende zieht die Autorin ein hoffnungsvolles Fazit:

Wenn ich in die Bibel blicke und mir anschaue, mit wem Gott Geschichte schreibt, dann waren es immer Menschen, die am Rande standen, es war nie die Dominanzkultur. Das glaube ich wirklich zutiefst, das hat mich schon mein ganzes Leben lang auch an Gott und an dem christlichen Glauben fasziniert. Dafür will ich einfach laut werden, dass sich die gesamte Kirche daran erinnert und dafür eintritt.

Church, Technology and Lockdown. Between Regulatation and Creativity – Pete Phillips (YouTube, EKD)

Wie kann die Kirche von morgen aussehen und was genau kann sie auch online machen? Darum dreht sich der Vortrag von Pete Phillips (@pmphillips), dem Direktor des CODEC Research Centre for Digital Theology an der Universität Durham.

Christian Sterzik (@C_Sterzik), Leiter der Stabsstelle Digitalisierung der EKD (@EKD), hat den Vortrag nun als Video bereit gestellt. Darin spricht Phillips über die Erfahrungen der letzten Monate im Onlinebereich der Church of England und gibt einen Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen. Ein spannender Blick über den üblichen Tellerrand, der sich an einem verregneten Sonntag mehr als lohnt.

Ein guter Satz

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