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Bild: Hernán Pinera (Flickr), CC BY-SA 2.0

Haltung zeigen, geschmeidig bleiben

Ein Spaziergang durch das Zentrum eines glücklichen Landes, an Stätten des Muts und der Demut entlang. Nebenbei: Als christlicher Demokrat leben.

Am letzten Samstagnachmittag sind wir durch die Berliner Innenstadt gebummelt. Im Berliner Dom findet zur Zeit eine Ausstellung zur Parlamentsgeschichte statt, Unter den Linden war bei durchwachsenem Wetter gutes Durchkommen, dann durch das Brandenburger Tor, kurzer Abstecher zwecks Erstbegehung durch die Begleitung zum Holocaust-Mahnmal, dann erster Besuch des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti & Roma, schließlich im Sonnenschein vor den Reichstag.

Noch etwas entfernt, mit seiner Spitze gerade am Kanzleramt angekommen, der Demonstrationszug der Hanfparade. Ein Blick aufwärts des Reichstagsgebäudes. Dem deutschen Volke.

Glückliches Deutschland

Es ist ein glückliches Land, durch dessen Zentrum wir kinderwagenschiebend bummelten. Ein Land, durch dessen Bannmeile unter dem Schutz der Polizei vornehmlich junge Menschen zogen, die nicht nur Gesetzesänderungen forderten, sondern aller Wahrscheinlichkeit tausendfach den Bruch geltender Gesetze zelebrierten. Es ist ein glückliches Land, das sich mit solchen Fragen befassen kann.

Wir dürfen glücklich sein, in einem weitgehend friedlichen Land leben zu dürfen, in dem fast alles funktioniert: Die Post und Züge fast immer pünktlich, Plätze und Straßen gepflegt, Vollzugsbeamte anklagbar, Bürger laut und bunt und Politiker abwählbar sind.

Es ist nicht nötig, durch das Zentrum der Hauptstadt zu spazieren, um sich zu vergegenwärtigen, wie weit wir, wie weit die Deutschen gekommen sind. Aber man kann es tun, und sich erinnern lassen. In Navid Kermanis Worten: Das ist das beste Deutschland, das es je gab. Es zu genießen und zu erhalten ist Verantwortung aller Staatsbürger. Es muss sich dafür etwas tun, es geht um Vorwärts-Erhaltung.

Mut und Demut

Für Christen allzumal ist die wieder aktuell gewordene Demokratie-Frage eine Frage des status confessiones: Keine andere Form der Obrigkeitsorganisation verbindet Frieden und individuelle Freiheit. Die Demokratie zu verteidigen ist Pflicht aller Christen, weil sie die Regierungsform ist, in der unsere gottgegebene Würde am besten verteidigt werden kann. Christen sind im Würdeverteidigungsbusiness.

Unser deutscher Gründungsmythos aus Demut und Mut steht uns gut zu Gesicht. Man kann ihn im Zentrum des Landes durchwandern und auch in der Provinz durchhalten. Noch können wir auch fröhlich streiten.

Haltung zeigen, geschmeidig bleiben

Dazu gehört die Gabe, sich überzeugen zu lassen, gerade in vermeintlich post-faktischen Zeiten. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Wolfgang Huber kam darauf in seiner Berliner Stiftungsrede im Frühjahr zu sprechen. Im wogenden Streit ist es eine Tugend, sich vom Argument des anderen bewegen zu lassen, die eigene Position in Frage zu stellen. Die Frage der Stunde ist darum: Wann habe ich mich zuletzt einmal umstimmen lassen?

Positionskorrekturen werden möglich, wenn die eigene Haltung klar ist. Auf die Haltung der Deutschen, auch die der deutschen Christen, kommt es jetzt an. Geprägt ist diese Haltung durch unsere Geschichte, durch die Erfahrung von Demut und Mut.


Deutschland im Sommer 2017 macht Urlaub und trödelt sich in Richtung Bundestagswahl. In einer neuen Kolumne beleuchten wir Wahl und Wahlkampf für euch: Wahl ’17. In einem ersten Artikel ging es um die stets aktuellen Erinnerungen Sebastian Haffners an das Deutschland im Frühjahr 1933.

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